=> Die Odyssee der Böhme-Handschriften

Jacob Böhme - 400 Jahre - Zitate zum Jubiläum

Gerhard Wehr (1931-2015)

Warum ist so viel Ungerechtigkeit in der Welt? Woher kommt das Böse? - So und ähnlich lauteten die elementaren Fragen, die den jungen Jakob Böhme umtrieben, ehe ihm das Licht aufging, das nicht nur sein Leben erhellte. Es handelte sich vielmehr um eine Erleuchtung, die ihn, den schlichten Handwerker, zu dem bedeutenden nachreformatorischen Mystiker und Theosophen werden ließ. Als Autor umfangreicher religiös-spiritueller Schriften übt er seit mehr als vier Jahrhunderten auf spirituell suchende Menschen eine inspirierende Wirkung aus, und zwar unabhängig von Bildungsstand oder religiös-weltanschaulicher Orientierung. Unter ihnen befinden sich Philosophen wie Leibniz und Hegel, Schelling und Ernst Bloch, Dichter wie Ludwig Tieck und Friedrich von Hardenberg (Novalis), ferner Theologen und Psychologen, denen die innere Erfahrung unverzichtbar geworden ist.

Angelus Silesius (1624-1677)

Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanze in der Erden,
Der Vogel in der Luft, die Sonn im Firmament,
Der Salamander muß im Feuer erhalten werden,
Und Gottes Herz ist Jakob Böhmes Element.

Quirinus Kuhlmann (1651-1689)

In Böhme ist uns der Aufschluß für die kommenden Ereignisse gegeben... Oh ihr lutherisch-theologischen Hochschulfakultäten! Warum schlafet ihr? … Ich bringe den hocherleuchteten Böhme mit dem Ewigen Evangelium vor euch. Oh ihr Hochschulen Deutschlands, als die hochbedrängteste Zeit nach seiner Weissagung vorhanden. Bespiegelt euch darinnen und erspiegelt euren Untergang, wo ihr jetzt aus Babel, das heißt, aus euren gotteslästerlichen Hochschulen, Religionsverwirrungen und Glaubensverwirrungen in die sanftmütige Jesusliebe auszugehen versäumet. Wachet auf, hoch verführte Schrift-Doktoren, wachet auf! (Quirin Kuhlmann's Neubegeisterter Böhme)

Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782)

Sagt man, Jakob Böhme sei so undeutlich und schwer zu verstehen, so antworte ich: Man habe nur Geduld, seinen Verstand gegen andere Philosophen zu halten, so wird man leicht urteilen, was mit dem Gewissen des Menschen am besten zutreffe. Es ist auch nicht alles auf diese Jahre geschrieben, sondern von jetzt geht der Aufschluß der Wahrheiten fort bis in die Tausend Jahre, und von da in die Ewigkeit. (Swedenborgs und anderer Irrdische und Himmlische Philosophie)

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Jakob Böhme, der Mann, dessen Schriften alles das gediegen und in einer festen Masse enthalten, was uns seine albernen Nachfolger mit einer bloß scheinbaren Verständlichkeit verdünnt und verdorben übergeben, ist und bleibt einer der ersten Schriftsteller unserer Nation.

Louis-Claude de Saint-Martin (1743-1803)

Jakob Böhme hat die außerordentlichsten und staunenswertesten Mitteilungen niedergelegt... Ich glaube, dem Leser einen Dienst zu erweisen, wenn ich ihm rate, sich mit diesem Schriftsteller bekanntzumachen, ihn aber besonders einlade, sich vor allem mit Geduld und Mut zu rüsten, um durch die wenig geordnete Form seiner Werke, durch die äußerste Abstraktheit der Materie, die er behandelt, sowie die Schwierigkeiten, seine Idee wiederzugeben, die er selbst eingesteht, nicht zurückgestoßen zu werden, da die meisten in Frage stehenden Gegenstände in den uns bekannten Sprachen keine entsprechenden Namen haben... Leser, wenn du dich entschließt, mutig aus den Werken dieses Schriftstellers zu schöpfen, der von den Gelehrten der Welt für einen Wahnwitzigen gehalten wird, sicherlich wirst du der meinigen nicht bedürfen.

G.W.F. Hegel (1770-1831)

Wir haben uns seiner nicht zu schämen. Dieser Jakob Böhme, lange vergessen und als ein pietistischer Schwärmer verschrien, ist erst in neueren Zeiten wieder zu Ehren gekommen. Leibniz ehrte ihn. Durch die Aufklärung ist sein Publikum sehr beschränkt worden, aber in neueren Zeiten ist seine Tiefe wieder anerkannt worden. Es ist gewiß, daß er jene Verachtung nicht verdient, aber auch andererseits nicht die hohen Ehren, in die er erhoben werden sollte... Ein Mann, der bei seiner rohen Darstellung ein konkretes, tiefes Herz besitzt. Weil er keine Methode und Ordnung besitzt, so ist es schwer, eine Vorstellung von seiner Philosophie zu geben....

Friedrich Schlegel (1772-1829)

Der bedeutendste von diesen allen ist offenbar der spätere Jacob Böhme, dem man unter den Philosophen dieser Periode überhaupt wohl die erste Stelle einräumen könnte. Seine Quelle war die Heilige Schrift, doch wurde er durch Paracelsus mit einigen Ideen des Emanationssystems bekannt, wie sie in den kabbalistischen Systemen vorgetragen wurden. Es kann sogar sein, daß er die Schriften des Picus selbst gelesen hat. Überhaupt scheint er nicht so unwissend gewesen zu sein, als man gewöhnlich glaubt, das meiste hat er jedoch ganz aus sich selbst geschöpft durch innere Anschauungen und Eingebung des Genius.

Er ist ohne Zweifel der umfassendste, reichhaltigste und mannigfaltigste von allen Mystikern. Er verbreitet sich über alle Teile, die von andern nur einzeln bearbeitet oder ganz unberührt gelassen wurden. Er erklärt nicht allein, wie Picus von Mirandula, die Schrift allegorisch, um den religiösen Begriffen und Vorstellungen eine höhere Bedeutung zu geben, sondern er drang auch so tief in das Wesen der Physik, wie Fludd und Paracelsus nur konnten, und brachte ein System, oder, wenn man so nicht sagen will, eine vollständige Darstellung der Prinzipien der gesamten spekulativen Philosophie zustande (soweit dies auf der exzentrischen Bahn des Philosophierens außerhalb der Kirche möglich ist). Sein System ist eine wesentliche und zwar harmonische Vereinigung und Verschmelzung der drei intellektuellen philosophischen Ansichten. (Philosophische Vorlesungen aus den Jahren 1804-1806)

Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772-1801)


Die Zeit ist da, und nicht verborgen
Soll das Mysterium mehr sein.
In diesem Buche bricht der Morgen
Gewaltig in die Zeit hinein.

Verkündiger der Morgenröte,
Des Friedens Bote sollst du sein.
Sanft wie die Luft in Harf und Flöte
Hauch ich dir meinen Atem ein.

Gott sei mit dir, geh hin und wasche
Die Augen dir mit Morgentau.
Sei treu dem Buch und meiner Asche,
Und bade dich im ewigen Blau.

Du wirst das letzte Reich verkünden,
Was tausend Jahre soll bestehn;
Wirst überschwenglich Wesen finden,
Und Jakob Böhmen wiedersehn.

F.W.J. Schelling (1775-1854)

Man kann nicht umhin, von Jakob Böhme zu sagen, er sei eine Wundererscheinung in der Geschichte des deutschen Geistes. Könnte man je vergessen, welcher Schatz von natürlicher Geistes- und Herzenstiefe in der deutschen Nation liegt, so dürfte man sich nur an ihn erinnern, der über die psychologische Erklärung, die man von ihm versucht, in seiner Art ebenso erhaben ist, wie es zum Beispiel unmöglich wäre, die Mythologie aus gemeiner Psychologie zu erklären ... Jakob Böhme ist wirklich eine theogonische Natur.

Ludwig Feuerbach (1804-1872)

Jakob Böhme ist der lehrreichste und zugleich interessanteste Beweis, daß die Mysterien der Theologie und Metaphysik in der Psychologie ihre Erklärung finden... denn alle seine metaphysischen und theosophischen Bestimmungen und Ausdrücke haben patho- und psychologischen Sinn und Ursprung.

Karl Marx (1818-1883)

Der Schuster Jakob Böhme war ein großer Philosoph! Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster.

Friedrich Engels (1820-1895)

Ein neues Studium für mich ist Jacob Böhme. Es ist eine dunkle, aber eine tiefe Seele. Das meiste aber muß entsetzlich studiert werden, wenn man etwas davon kapieren will. Er ist reich an poetischen Gedanken und ein ganz allegorischer Mensch. Seine Sprache ist ganz eigentümlich, alle Wörter haben eine andere Bedeutung als gewöhnlich: Statt Wesen, Wesenheit sagt er Qual, und Gott nennt er einen Ungrund und Grund, da er keinen Grund noch Anfang seiner Existenz hat, sondern selbst der Grund seines und alles anderen Lebens ist. Bis jetzt habe ich erst drei Schriften von ihm auftreiben können, fürs erste freilich genug. (Friedrich Engels an Friedrich und Wilhelm Graeber, 1838)

Paul Deussen (1845-1919)

Und hundert Jahre nach Luther erhob sich, kaum weniger herrschsüchtig und unduldsam als das Papsttum, die im Buchstabenglauben erstarrte lutherische Orthodoxie. In diese Zeit fällt das Leben Jakob Böhmes, welcher als philosophischer und religiöser Genius in der Weltgeschichte nicht oft seinesgleichen hat und ganz der Mann gewesen wäre, die von Luther halb vollbrachte Reformation der Kirche zu vollenden und eine Versöhnung der Wissenschaft und des Glaubens herbeizuführen, wie sie uns bis auf den heutigen Tag noch fehlt… Die philosophische Grundanschauung Jakob Böhmes läßt sich mit einem Wort charakterisieren als eine pantheistisch-dualistische, d.h. als ein Versuch, die unabweisbaren Forderungen des Pantheismus, welcher Gott nicht außer der Welt, sondern in ihr sieht, in Einklang zu bringen mit der unleugbaren Tatsache des Dualismus, d.h. des in dieser göttlichen Welt vorliegenden Gegensatzes des Guten und des Bösen. (Jakob Böhme: Über sein Leben und seine Philosophie, 1897)

Rudolf Steiner (1861-1925)

Es wird wieder eine Zeit kommen, in der man ihn - Jakob Böhme - nicht nur verstehen wird, sondern in der man von ihm wird lernen wollen. Es wird eine Zeit kommen, wo man solche tiefe Geistestaten wie die Schriften Jakob Böhmes ... wieder verstehen wird.

Hermann Hesse (1877-1962)

Die Schriften des Mystikers Jakob Boehme (1574-1624) sind für Hesse ein »Höhepunkt deutscher Meditation«, vergleichbar den Reden Buddhas. Denn ihre Lektüre »erfordert ein vorhergehendes Leerwerden, eine völlig freie Aufmerksamkeit und Seelenstille, die es ermöglicht, das Selbst zu finden und es vom individuellen (egoistischen) Ich zu unterscheiden«, ein zur Lebenspraxis gewordenes Bewußtsein, welches den »Inbegriff aller indischen Lehre« und auch die Botschaft Buddhas ausmache...
Mag Boehme noch so unbequem zu lesen sein, er stellt doch einen Extrakt deutschen Geistes, einen Höhepunkt deutscher Meditation dar, dessen Auswirkung noch nicht beendet ist. Es steckt dort ein Stück echtester deutscher Philosophie. (Die Welt im Buch, Hermann Hesse, Volker Michels, 2002)

Paul Tillich (1886-1965)

Wenn die protestantische Theologie die ontologischen Implikationen der christlichen Glaubensaussagen bestimmen will, würde sie gut daran tun, eher den Ideen Böhmes als denen des Aristoteles zu folgen.

Emanuel Hirsch (1888-1972)

Bei jedem Versuch, eine im radikalen Pietismus wirksame Idee in ihrem geschichtlichen Werdegang zu erfassen, stößt man mit erstaunlicher Regelmäßigkeit auf Jakob Böhme... Durch die Gewalt und Tiefe seines Geistes ist er von unübersehbarem Einfluß auf alle religiös Unruhigen, über die Kirche und auch über den kirchlichen Pietismus Hinausstrebenden unserer Epoche geworden.

Werner Eiert (1953)

Jakob Böhmes Schrifttum wendet zum ersten Mal das Bibeldeutsch als Ausdruck der Philosophie an - mit einer Vollkommenheit, wie es nachmals nur noch Goethe und Nietzsche vermocht haben.

Ernst Benz (1907-1978)

Die große Wiederentdeckung Jakob Böhmes in dieser Epoche ging nicht von der kirchlichen Theologie, sondern von den von den Häuptern der Philosophie des deutschen Idealismus, von Schelling, Franz von Baader und Hegel aus, in deren Religionsphilosophie wie auch Anthropologie und Geschichtsphilosophie sowohl die Ideen wie auch zahlreiche von ihm neu geprägte philosophische Begriffe in einer schöpferischen Weiterentwicklung wiederkehren.

Ernst Bloch (1885-1977)

Wenn man methodisch erst einmal herausheben will, was das Eigentümliche dieser erzdialektischen Philosophie ist, so wiederhole ich: Hier ist trotz Nikolaus von Cusa die erste objektive Dialektik seit Heraklit. Dergleichen haben wir schon bei Paracelsus gesehen, aber bei Böhme geht es ins Ungeheure und auch Ungeheuerliche weiter. Er hatte ein völlig qualitatives Naturbild, das den äußersten Gegenpol darstellt zu der mathematischen Naturwissenschaft seit Galilei und Newton, freilich nicht so ganz zu Kepler, bei dem qualitative Züge noch nachwirken.

Ernst-Heinz Lemper (1924-2007)

Im „Faust“-Drama werden zentrale Ideen und Vorstellungen Böhmes aufgegriffen und dichterisch verarbeitet: Gott und Teufel, Schöpfungsmythos, Alchymie, Paracelsismus, Humanismus, Luther-Kritik, Christentum und antiker Olymp, weltlicher und geistiger Triumph des Menschen, menschliches Elend, Verführung, Sünde, Sündenbekenntnis, Besinnung, Umkehr und Einswerden mit der Gottheit. Mit dem „Faust“ fand Böhme auch Eingang in die Dichtung der deutschen Klassik.

Eberhard E. Pältz (1929-2007)

Niemand hat es ahnen können, daß der lutherische Laienchrist Jakob Böhme für die Geschichte des christlichen Denkens in der Neuzeit eine Bedeutung haben sollte, die nur der Luthers, Hamanns, Herders und Schleiermachers vergleichbar ist... Die Gedankenwelt Böhmes war reicher als die seiner späteren Verehrer, die seine universelle Schau individualistisch auf die Erneuerung und Wiedergeburt des Menschseins verengten. Seine Meditationsschriften und seine theologisch-philosophischen Schriften bilden ein Ganzes.

Sibylle Rusterholz (1989)

Die großen Probleme des Denkens Jakob Böhmes beziehen sich auf den Zusammenhang von Gott, Natur und Mensch, und dies, im Gegensatz zur spiritualistischen Tradition, nicht im Zeichen eines Dualismus, einer Trennung von spirituellen und materiellen Kräften, sondern im Zeichen ihrer wechselseitigen Bedingtheit und Wirkung.

Jose Sanchez de Murillo (2000)

Die Gestalt Jakob Böhmes bedeutet absoluten Beginn, Anfang überhaupt, der schon ist, bevor die Gegensätze erscheinen... Wie war es möglich, fragte ich mich tieferschüttert, daß eine Menschheit hervorzubringen vermag, sich in die gegenwärtige geistige und wirtschaftliche Notsituation hat begeben können? ... Das Wichtigste, was ich aus der Begegnung mit Jakob Böhme gewonnen hatte, waren Lebenslust, Glauben an das Tiefenphänomen Mensch.

Quellen: „Jakob Böhme: Textauswahl und Kommentar von Gerhard Wehr“ (2012) und verschiedene historische Quellen.

Die Odyssee der Böhme-Handschriften

Wie Böhme selbst ein gar wunderlicher Mann war, so merkwürdig und seltsam war auch das Schicksal seiner Handschriften. Und je länger man über ihn und seine Schriften nachdenkt, desto weniger begreift man etwas davon. Es beginnt schon mit seiner Erstlingschrift, der „Aurora“ oder „Morgenröte im Aufgang“ von 1612, die er als ein „Memorial“, also nur für sich selbst geschrieben hat und die er „wann ihm die Sonne nicht geschienen“ selbst nicht verstanden hat (vgl. 12. Sendbrief an Caspar Lindner, 11).

Sobald Jacob Böhme etwas geschrieben hatte, begann man auch schon, seine Werke fleißig abzuschreiben und in Schlesien zu verbreiten. Bekannte Kopisten waren: Dr. Tobias Kober, Johann Rothe, Michael Kurtz in Görlitz; Karl und Michael Ender von Sercha in Leopoldshain; Caspar von Fürstenau in Döbschütz; Christian Bernhard in Sagan und Siegismund von Schweinichen in Schweinhaus. Es ist deshalb schwierig, in Archiven oder im Privatbesitz befindliche Handschriften als die „aus Jacob Böhmes eigener Hand“ zweifelsfrei nachzuweisen.

Von der „Aurora“, die der Magistrat der Stadt Görlitz schon 1614 beschlagnahmte, sind Jacob Böhme selbst bis 1620 vier Abschriften zu Gesicht gekommen, die man ihm zur Durchsicht mit der Frage, ob sie auch wortgetreu seien, vorlegte (vgl. 10. Sendbrief an Abraham von Sommerfeld, 35 und 41).

Die „Aurora“ lag bis zum 26. November 1641 auf dem Rathaus in Görlitz. An diesem Tag schenkte sie der Görlitzer Bürgermeister Paul Scipio dem kursächsischen Hausmarschall Georg von Pflug, von dem sie ein Jahr später der Arzt und Böhmekopist Heinrich Prunius erwarb. In demselben Jahr muß diese Handschrift in die Autographensammlung des holländischen Kaufmanns Abraham Wilhelmszoon van Beyerland gelangt sein. Das geht aus der in Amsterdam 1682 durch Johann Georg Gichtel herausgegebenen Werkausgabe hervor, wo geschrieben steht: „…kurtz nach des seel. Authoris Tode, da eines von denselben (Manuskripten), durch Schickung Gottes nach Amsterdam und zu eines frommen und einfältigen Kaufmanns Abraham Willemsz. van Beyerlandt Händen kommen, ist er alsobald davon entzündet worden und hat von dem an nicht unterlassen, nach den übrigen allen zu trachten, massen er die damahls noch lebende seel. Jacob Böhmens vertraute Freunde, so theils vornehme Edelleute als Doctores, erforschet und gar kein Gelt gesparet (da irgends etwas bekommen gewesen) an sich zu kaufen, wie es ihm dann auch Gott gedeyen lasse.“

Johann Georg Gichtel (1638-1710), ein Jurist aus Regensburg und von ähnlichem Gemüte wie unser Jacob Böhme, erwarb von Beyerland den Böhmeschen Handschriftenschatz, der nach Gichtels Tod von dessen Freund Johann Wilhelm Ueberfeld (1659-1731) für die sehr gute Jacob-Böhme-Ausgabe von 1730 herangezogen wurde. Eine Übersicht über dessen Bestand ist im Anhang dieser Ausgabe zu finden (vgl. dort: „Catalogus der originalen Hand-Schriften und ersten Copeyen der sämdichen Schriften des sel. Jacob Böhmens“).

Die Böhme-Handschriften gelangten danach an enthusiastische Böhmeverehrer in Deutschland und wurden von Werner Buddecke 1933 in Linz am Rhein im Privatarchiv einer Böhme-Gemeinde aufgefunden. 1941 wurde die Geheime Staatspolizei auf das Linzer Schrifttum aufmerksam und beschlagnahmte das gesamte Archiv, weil man offenbar vermutete, daß dort okkultistisches Gedankengut aufbewahrt würde, was damals streng verboten war. Das Archiv, das außer den Böhme-Handschriften noch Vorräte der drei Gesamtausgaben sowie Manuskripte und Druckschriften von Gichtel und Ueberfeld enthielt, wurde zuerst nach Koblenz und dann nach Berlin in das Reichssicherheitshauptamt überführt. Auf Buddeckes Veranlassung wurde das gesamte Linzer Material 1943 ins Ratsarchiv nach Görlitz gebracht, wo es jedoch kurz darauf an verschiedene Orte außerhalb der Stadt „zum Schutz wertvollen Kulturgutes“ ausgelagert wurde. Viele Bergungsorte lagen östlich der Neiße, wo man die Schriften für besonders gut gesichert hielt. Als im Frühjahr 1945 die Russen nach Görlitz kamen, war keine Zeit mehr, die Schriften ins Ratsarchiv zurückzuholen. Das schlesische Gebiet östlich der Neiße fiel unter polnische Verwaltung und die Böhme-Schriften schienen verloren. Aber durch Gottes Fügung gingen Jacob Böhmes Handschriften noch einen anderen Weg.

Werner Buddecke beschreibt diesen Weg im Nachwort zu den von ihm herausgegebenen Urschriften Jacob Böhmes: „Dr. Wilhelm Gustav Goeters, Professor der Theologie in Bonn, war vor langen Jahren durch seine Studien nach Linz geführt worden. Er hatte Kenntnis von den Böhme-Handschriften gehabt, ohne jedoch Gebrauch von ihnen oder auch nur Mitteilung über sie zu machen. Als er von meinem Besuch in Linz erfuhr, schien sein Interesse an den Handschriften wieder zu erwachen. Er fuhr öfter von seinem Wohnort hinüber und arbeitete im Archivm, aus dem er auch Material mit nach Hause nahm. Eine Liste von Autographen, die er zur Durcharbeitung mitgenommen hatte, fand ich bei meinem zweiten Besuch in Linz im Frühjahr 1939 vor. Nach der Beschlagnahme des Archivs nun war den Vertretern der Stadt Görlitz und mir im Sommer 1942 erlaubt worden, die nach Koblenz verbrachten Handschriften zu besichtigen. Bei einer gründlichen Durchsicht stellten wir zu unserer großen Enttäuschung fest, daß fast alle Originale fehlten: vorhanden war nur noch die Schrift von der wahren Gelassenheit und eine Mappe mit vierundzwanzig Briefen Böhmes. Bald jedoch erinnerte ich mich, daß die fehlenden Stücke eben jene waren, die auf der von Goeters hinterlegten Liste standen. Sie mußten sich noch bei ihm befinden, und so stand fest: die Linzer Originale waren bis auf die von uns vorgefundenen der Beschlagnahme entgangen. Erst lange nach der Beendigung des Krieges erfuhr ich, daß Professor Goeters die in Koblenz vermißten Autographen tatsächlich besaß, und daß er sie sicher verwahrte und aus dem Zusammenbruch gerettet hatte. Im Jahre 1951 besuchte er mich überraschend und versprach, mir die in seinem Besitz befindlichen Handschriften zur Herausgabe zu überlassen. Erst nach seinem Tode übergab mir im Sommer 1953 sein Sohn, Dr. Gerhard Goeters, der sich dem Willen seines Vaters verpflichtet wußte und mir volles Verständnis entgegenbrachte, die Autographen.“

Wenn Jacob Böhmes Lehre von der Wiedergeburt eines Beweises bedarf, hier in Buddeckes Bericht ist er zu finden: Nämlich, das schlechte Gewissen von Böhmes größtem Widersacher, des Pastors Gregor Richter, ist in dem Theologen Gustav Goeters wiedergeboren und geläutert worden. Diesem wie jenem verdanken wir Nachgeborenen den Erhalt von Jacob Böhmes Handschriften. Werner Buddecke hat sie im Auftrag der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1963 (Bd. 1) und 1966 (Bd. 2) herausgegeben. Ohne tiefes Studium dieser Urschriften Jacob Böhmes, in denen gerade die Urwüchsigkeit und unverfälschte mundartlich gefärbte Sprache Böhmes zum Ausdruck kommt, ist kein wahres Verständnis der Lehren unseres Philosophus Teutonicus möglich.

Quelle: Frank Ferstl, Jacob Boehme - der erste deutsche Philosoph, S139