Das Mysterium Magnum

(Text von Jacob Böhme 1623, deutsche Überarbeitung 2022)

53. Kapitel - Wie Esau seine Erstgeburt verkaufte

Wie Esau seine Erstgeburt verachtete und um ein Linsengericht verkaufte, und was darunter zu verstehen sei. (1.Mose 25.29-34)

53.1. Nachdem der Geist Moses die Geburt von Esau und Jakob beschrieben hat, fährt er bald fort und zeigt, wie der natürliche adamische Mensch dieses hohe Geschenk im Bund wenig und nicht achten werde, und nur nach der Bauchfülle des irdischen Lebens trachtet, wie Esau, der seine Erstgeburt um ein Linsengericht gab, das seinem Bauch diente. Diese Geschichte beschreibt Moses so:

53.2. »Und Jakob kochte ein Gericht. Da kam Esau vom Feld und war müde, und sprach zu Jakob: „Laß mich das rote Gericht kosten, denn ich bin müde.“ Daher heißt er Edom („Rötlich“). Aber Jakob sprach: „Verkaufe mir heute deine Erstgeburt.“ Esau antwortete: „Siehe, ich muß doch sterben, was soll mir denn die Erstgeburt?“ Jakob sprach: „So schwöre mir heute.“ Und er schwor ihm und verkaufte so Jakob seine Erstgeburt. Da gab ihm Jakob Brot und das Linsengericht, und er aß und trank und stand auf und ging davon. So verachtete Esau seine Erstgeburt.« Diese Geschichte erscheint äußerlich kindisch und ist doch eine Darstellung der größten Geheimnisse. Denn Esau deutet die erste Kraft des natürlichen geschaffenen Adams an, und Jakob deutet die Kraft des zweiten Adams an, also Christus. Und so spielt der Geist hier mit den Bildern.

53.3. Denn Adams Natur kam vom Feld und war müde und lüsterte nach dem Gericht, das Jakob hatte. Adam war ein Stoff der Erde und ein Stoff des Himmels. Als er aber dem Stoff des Himmels abgestorben war, hatte ihn die irdische Natur in ihrem Streit müde gemacht. Und in dieser Bildung stand hier Esau.

53.4. Das rote Linsengericht, das Jakob hatte und nach welchem der müde Adam in Esau lüsterte, war das Sein des Glaubens, nämlich das Sein Christi. Die adamische Natur in Esau lüsterte durch die Verdorbenheit in ihrer Angst und Mühseligkeit nach diesem Gericht, das in Jakob war. Aber die irdische Natur Esaus verstand das nicht, sondern die seelische Natur, welche auch in der Lust nach Christi Sein stand, das dem Verstand fremd war.

53.5. So sprach Esaus seelische Natur in ihrer Lust zu Jakob: „Laß mich das rote Gericht kosten, denn ich bin müde vom Treiber der ängstlichen Geburt!“ Und von dieser Lust heißt er „Edom“, das heißt in der Verdichtung des Wortes und in der Formung der sinnlichen Zunge so viel wie ein Eintauchen der gefangenen englischen Eigenschaft in dieses Gericht, als nämlich die seelische Lust, in welcher noch der Engelscharakter stand, wenn auch gefangen, mit der Begierde in das heilige Sein eintauchte und das heilige Sein im göttlichen Gericht, als die himmlische Wesenheit, in die Lust der Ichheit fassen wollte. So heißt diese Bildung in der hohen Zunge „Edom“.

53.6. Denn die Begierde der Seele Esaus sprach zum göttlichen Wesen in Jakob: „Gib mir deinen (göttlichen) Geschmack in die Essenz meiner kreatürlichen Ichheit!“ Aber Jakob, das heißt, der Geist Christi im Wesen des Glaubens, sprach: „Verkaufe mir deine Erstgeburt für das Gericht.“ Das heißt: „Gib mir der Seele Lebensgestaltung als das Zentrum der seelischen Natur dafür, daß deine Erstgeburt als das seelische Zentrum mein eigen sei. Dann will ich dir das Sein Gottes geben.“

53.7. Denn Esau hatte die erste seelische Kraft von seinem Vater geerbt, und hatte das seelische Zentrum im Natur-Recht. Nach diesem kam das Sein Christi als ein göttliches Geschenk, ohne ein seelisches Zentrum, denn das heilige Sein sollte das seelische Zentrum von der adamischen Natur nehmen. So buhlte nun hier die adamische seelische Natur um das Sein Christi, und der Geist im Wesen Christi buhlte um die seelische Natur. Und so wollte der Geist Christi in Jakob der seelischen Natur in Esau nicht den Geschmack des göttlichen Wesens geben, es sei denn, sie gebe ihm das feurige Zentrum zum Anfang der seelischen Kreatur zum Eigentum. Das heißt, sie ergebe sich ganz aus der natürlichen Ichheit in den Willen Gottes und verlasse die Erstgeburt der Kreatur und achte sich in ihrer Ichheit wie tot, und übergebe des Lebens Regiment und Willen dem Geist Christi in diesem himmlischen Gericht.

53.8. Weil aber der Verstand in Esau dieses nicht erkannte, so sprach er zu Jakob: „Siehe, ich muß doch sterben, was soll mir dann die Erstgeburt?“ Und so leichtfertig ging der Verstand dahin und erkannte nicht, was die arme Seele verliert. Denn der Geist Moses spielt hier mit der inneren Bildung und deutet darunter heimlich an, was das Äußerliche zu bedeuten habe.

53.9. »Und Jakob sprach: „So schwöre mir heute.“« Das heißt, das Leben Adams in Esau sollte sich frei aus der feurigen Macht ausgeben und dem göttlichen Wesen ganz hineinergeben, und das feurige Recht der Eigenheit verlassen, und das sollte es heute, als von nun an in Ewigkeit tun. Das heißt, in Gott schwören, nämlich ganz vertiefen und in göttliche Gewalt hineinergeben und nicht zu widerstehen, bei Vermeidung göttlicher Ausstoßung.

53.10. »Und er schwor ihm.« Und hier, als er schwor, da hieß er „Edom“. Denn die feurige Seelennatur vertiefte sich in die Lust des göttlichen Wesens, und daher heißt dieses Linsengericht „Rötlich“ (ähnlich einer Morgenröte). Denn hier in diesem Schwur ging die feurige Essenz in die Lust des göttlichen Wesens ein, und so empfing des Lichtes Sein des Feuers Sein. Und damit spielt der Geist Moses hier in der Darstellung, wie sich die seelische Eigenschaft in der Essenz des Feuers in Christi Menschwerdung in das göttliche Licht- und Liebe-Sein im Bund, als in die göttliche Lust, ganz hineinergeben müsse und ewiglich vertiefen, wie das Sein des Lichtes die verdorbene seelische Feuer-Natur annehmen und ihre Lust büßen werde, und auch wie die Seele ihr Natur-Recht für dieses rote Gericht übergeben werde.

53.11. Denn dies ist eben die Darstellung, wie Gott der Vater seine Natur, als die Seele, seinem Sohn Christus ganz in das Liebe-Sein hinein und zum Eigentum gibt, damit das feurige Recht der Liebe im Licht untertan wird. Denn ebenso geht es auch in unserer neuen Geburt zu: Die Seele lüstert nach diesem Gericht, aber will sie dies schmecken, dann muß sie ihre Erstgeburt dafür geben, und muß dazu heute, das heißt, in Ewigkeit, in Gott schwören, ihr Natur-Recht zu verlassen, was der äußere Verstand mit Spott betrachtet, nämlich die Kinder der irdischen Lust. Denn wenn ein Mensch Ehre und Gut, wie auch das zeitliche Leben für dieses Gericht hingibt, den nennen sie eben einen Narren, wie hier den Esau.

53.12. In dieser Darstellung ist also zweierlei Verständnis, nämlich innerlich die Bildung Christi und Adams, wie oben beschrieben wurde, und äußerlich die Bildung des irdischen Menschen, wie er so leichtfertig dahingeht und das Himmlische um eine Bauchfülle und Lust willen verkauft und übergibt. Die arme Seele lüstert wohl in ihrer Essenz nach diesem roten Gericht, aber der irdische Verstand begehrt nur ein Linsengericht für den lüsternen Bauch, wie dann auch an Esau zu verstehen ist.

53.13. Die Seele Esaus lüsterte nach Jakobs himmlischem Sein, aber der irdische Esau nach der äußeren Seele meinte nur die irdische Kraft. Denn das Reich der Natur war in ihm so hart und irdisch geworden, daß es das Ewige nicht mehr erkannte, noch achtete, sondern sagte: „Was soll mir die Erstgeburt, wenn ich doch sterben muß.“ Und es setzte sich nieder und aß und trank die irdische Speise für die himmlische.

53.14. Und Moses sagt: »Als er gegessen und getrunken hatte, ging er davon.« Das heißt, er füllte den Bauch mit dem Linsengericht, verkaufte Jakob das Natur-Recht und ging mit dem irdischen Menschen von der göttlichen Nutznießung hinweg. Die innere göttliche Bedeutung versteht so:

53.15. Abraham empfing das göttliche Sein in seiner Glaubensbegierde, und das war die Wurzel und der Stamm Israels. Er war aber nicht „Israel“, denn das Reich der verdorbenen Natur und das Reich der Gnade, als das empfangene Glaubens-Sein, waren in ihm noch nicht Eins. Gleich als wenn ein Samenkorn in die Erde gesät wird, dann hat das Korn noch keine Wurzel, darauf der Stengel und die Frucht wachsen soll. Des Kornes Kraft aber zieht der Erde Essenz in sich, und aus diesen beiden, als aus dem Korn und aus der Kraft der Erde wächst die Wurzel des Halms, und oben wieder die vielfältige Frucht.

53.16. So ist es auch hier zu verstehen: Das göttliche heilige Sein gehört nicht der Natur, aber die Seele gehört der Natur. Soll nun das göttliche Sein offenbar werden, dann muß es durch ein natürliches Wesen geschehen, darin das Unsichtbare in ein sichtbares Wesen komme.

53.17. Das göttliche Glaubens-Sein, das Abraham empfing, gehörte der unsichtbaren geistigen Eigenschaft. Das begehrte, sich durch die menschliche Natur in ein sichtbares, wesentliches, kreatürliches und natürliches Wesen zu einem wirkenden Leben hineinzuführen, damit das natürliche Sein des heiligen Lichtes und das Sein der seelischen Feuersnatur in ein Wesen wirken und Frucht gebären. Denn die adamische Natur war vom heiligen Wesen abgegangen, das in ihr verblichen war, und hier war wieder der Grund der Vereinigung. Und wie es mit dem Korn im Acker ist, wenn sich die Kraft im Korn mit der Erde Sein vermengt und danach seine Hülse verläßt, weil der Erde Sein und des Korns Sein in ein Sein gewandelt werden, so ist es auch hier zu verstehen.

53.18. Abraham empfing das göttlichen Glaubens-Sein, darin seine Rechtfertigung stand, aber seine Lebensnatur hatte dieses noch nicht zur eigenen Gewalt ergriffen, denn das göttliche Wesen ergibt sich nicht in die eigene Gewalt der Natur. Wohl gibt es sich in die Essenz der Natur, aber die göttliche Begierde übereignet sich nicht der Natur in ihren eigenen Willen, so daß die Natur das Oberregiment habe, wie wir dessen ein Gleichnis am Korn finden, das gesät wurde.

53.19. Die irdische Natur kann in ihrer Gewalt nicht ein anderes Korn machen, und wenn sie auch das Sein des Korns in sich zieht, so gebiert sie doch nur einen Halm, an dem das Sein des Korns ausgrünt und sich in eine Blüte und wieder in ein solches Korn hineinführt, dazu die irdische Natur mit ihrem Wesen nur ein Knecht sein muß.

53.20. Und wie die irdische Natur der Erde ihr Kind allezeit zuerst sichtbar im Wachsen zeigt und sich das Sein des Korns darin verbirgt, so ist es auch hier bei Abraham zu verstehen. Die adamische Natur aus Abraham zeigte sich zuerst mit seiner Frucht, mit dem Ismael, aber das göttliche Sein war noch in ihm in seiner Natur verborgen und grünte mit Isaak aus, und bei Isaak grünten wieder die irdische Natur und die himmlische nebeneinander aus, wiewohl aus einem Samen.

53.21. Aber gleichwie der Erde Sein im Halm und des Korns Sein im inwendigen Grund in- und miteinander aufwachsen, und doch ein jedes seine Frucht darstellt, nämlich die Erde den Halm und des Korns Gehäuse, und das Korn die Blüte und die Früchte, und doch eines ohne das andere auch nicht zum Wesen kommen könnte, so ist es auch hier zu verstehen.

53.22. Abraham war der Acker, in dem Gott sein Korn sät. Ismael war die Wurzel, als die Erstgeburt. Isaak war die Frucht, die aus Gottes Samen wuchs, das heißt, aus dem Wesen der Gnade. Und Ismael war aus dem Wesen der Natur, aus des Vaters Eigenschaft. Denn das Sein der Gnade hatte sich in das Sein der Natur hineingegeben, und so stellte jetzt ein jedes seine Bildung dar, mit Ismael das Reich der Natur, und mit Isaak das Reich der Gnade. Isaak war nun der Zweig, der aus dem Glaubensacker wuchs, nämlich in der Linie Christi, und aus ihm kam Jakob, als der ausbreitende Zweig in Einem Baum mit vielen Zweigen und Ästen.

53.23. Das heißt nicht, daß Jakob einzig aus dem Reich der Gnade entsprossen sei, denn das Reich der Natur, in dem Ismael und Esau standen, war auch sein Grund bezüglich der Kreatur. Aber das Sein des Glaubens hatte sich dahinein gegeben und die Natur tingiert (geheilt), und es führte seine Kraft als die Linie des göttlichen Bundes in der Natur empor.

53.24. Gleichwie eine Blüte aus dem Halm eine sehr viel subtilere Eigenschaft als der Halm und die Wurzel hat, und wie aus der Blüte erst die Frucht und ein neuer Samen kommen, als aus dem subtilen Wesen, so kam auch in Jakob erst die Blüte des Reichs Israel hervor, und zwar nicht mehr in der Teilung, wie mit Ismael und Isaak zu verstehen ist, sondern beide Reiche zugleich, als das Reich der Natur und das Reich der Gnade. Nicht mehr in der Bildung von jedem Reich besonders, sondern im Bild der neuen Wiedergeburt, wie sich Gott in seiner Liebe wieder in den Menschen als in das Reich der Natur hineingegeben hätte, und wie durch seine Kraft das falsche, vom Teufel in das Reich der Natur eingesäte Sein der Schlange gebrochen und getötet werden sollte.

53.25. Und darum nannte Gott den Jakob „Israel“, als einen grünenden Baum vieler Zweige und Äste, oder wie es in der Fassung des Wortes in der hohen Zunge verstanden wird, ein Grünen des Paradieses, weil sich das „I“ in die Wurzel zu einem neuen Zentrum hineingegeben hat und durch die Wurzel ausdringt, darin man das Wort des Bundes im Namen „Jesu“ („IESU“) versteht. Denn dieses „I“ ist das Zeichen des ewigen Einen in der göttlichen Lust, das Adam verlor, als er aus dem „I“, als aus dem einigen Willen Gottes, in die Ichheit und Vielfalt der Eigenschaften und damit in die Unausgeglichenheit einging, um das Gute und Böse mit den fünf Sinnen zu probieren und zu schmecken.

53.26. Dieses „I“ führte sich dann aus Gnade wieder in die zerteilten und getrennten Eigenschaften des adamischen Menschenbaums hinein und grünte durch und mit dem adamischen Baum aus. Und daher entstand ihm der Name „Israel“, als eine große Menge solcher Zweige, die alle in der neuen Tinktur grünten und auswuchsen. Darin doch auch das Sein der verdorbenen Natur zugleich mit wuchs, gleichwie die Kraft von Erde und Sonne in der Frucht des Baumes miteinander wirken und wachsen und stets miteinander im Streit stehen, so lange, bis die Zeit der Frucht kommt und ein neuer Kern zu einer neuen Frucht geboren und reif ist. Dann läßt der Baum die Frucht fallen und sät den neuen Kern zu einem anderen Bäumlein.

53.27. In solcher Art und Weise kam auch der Streit zwischen Esau und Jakob im Mutterleib hervor, um anzudeuten, daß die verdorbene Natur mit dem Sein der Schlange verstoßen werden sollte, gleichwie der Baum die reife Frucht fallenläßt und nur das Samenkorn begehrt. So auch, als sich das Sein Christi in Jakob erregte, da entstand der Streit und Widerwille, denn das Sein Christi sollte regieren, doch so wollte auch der Grimm im Wesen der Schlange regieren, und damit begann der Streit um das Regiment und Reich. Das Sein Christi führte sich in Jakob empor und trat dem Schlangenwesen in Esau auf den Kopf der Essenz, und so stach die Schlange auch Christus in die Ferse. Und daher kam es, daß die beiden Kinder sich miteinander im Mutterleib stießen.

53.28. Das heißt nicht, daß Esau ganz das Sein der Schlange gewesen war. Nein, er war von der wahren adamischen Natur aus seinem Vater Isaak und Abraham. Allein Gott stellte die Bildung hier mit dem Reich der Natur dar, die im Menschen vergiftet war, und dann mit dem Reich der Gnade, so daß der natürliche Mensch den eigenen bösartigen Willen verlassen soll und sich damit in das Reich der Gnade versenken und ganz hineinergeben. So wurde die Bildung in Esau dargestellt, daß der böse adamische Mensch vor Gott nicht taugte, denn er war von Gott ausgestoßen, und so solle er sein Naturrecht der Eigenheit ganz verlassen und sich in Gottes Willen ganz einlassen.


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