Das Mysterium Magnum

(Text von Jacob Böhme 1623, deutsche Überarbeitung 2022)

28. Kapitel - Kains Brudermord und die antichristliche Scheinkirche

Von Kains Brudermord, als von der überheblich stolzen und antichristlichen Scheinkirche auf Erden, und dann von der unter dieser antichristlichen Kirche verborgenen wahren Christenheit. (1.Mose 4.8-16)

28.1. Als der Teufel in Gottes Zorn, im Grimm der ewigen Natur, seinen Thron und Sitz in die menschliche Eigenschaft hineingeführt und das Zentrum der grimmigen Natur in sich erweckt hatte, ging auch zugleich eine solche Begierde aus der erweckten Zorneseigenschaft im menschlichen Wesen oder Samen in der Fortpflanzung mit auf, aus welcher Eigenschaft Babel als die antichristliche Kirche geboren und entstanden ist.

28.2. Und wie nun Gott den Schlangentreter (der dem Schlangenwesen und Willen oder Begierde den Kopf zertreten sollte) für diese falsche Eigenschaft in das himmlische Wesen des Menschen, das am Paradies verblichen war, einverleibt und verheißen hatte, welches Wort der Verheißung dem irdischen Menschen ein Mysterium und ganz heimlich war, so schwebte auch die falsche scheinheilige Kain-Kirche, deren Herz und Begierde nur die äußere Welt ist, diese ganze Zeit empor und hat das äußere Regiment und den Namen, als würde sie Gott opfern. Aber die richtige und wahre christliche Kirche ist darunter verborgen, wie ein ganz heimliches Mysterium, und wird von der Kain-Kirche nicht erkannt.

28.3. Die Kain-Kirche prangt einher und glänzt auf allen Seiten mit prächtigen Zeremonien und läßt von sich ausrufen, sie sei heilig, gerecht und gut. Sie opfert auch im Bund Christi, aber ihr Herz ist nur eine glitzernde wohlgeschmückte Hure, voll kainischen Mordes, Lästerung und eigener Beschaulichkeit in überheblichem Stolz, Geiz und Hochmut. Die Abel-Kirche ist darunter in großer Einfalt verborgen, hat kein Ansehen und wird nur als närrisch geachtet gegenüber der Pracht von Kain, und wird in ihrer Einfalt immerfort von Kain ermordet.

28.4. Nun fragt der Verstand: „Was hatte denn Gott für einen Gefallen daran, daß er zuließ, daß Kain den Abel ermordete, und daß noch heutzutage die Kinder Gottes von Kains Nachkommen ermordet, verspottet, verhöhnt, verlästert und für falsch verschrien werden?“ Dies ist die Ursache:

28.5. Fürst Luzifer war ein Hierarch im Reich dieser Welt gewesen, wie ihn auch Christus einen Fürsten dieser Welt nennt (Joh. 12.31), nämlich im Reich der Finsternis im Zorn Gottes, denn er wurde wegen seines überheblichen Stolzes aus dem Licht in die Finsternis verstoßen.

28.6. Und weil dann Gott einen anderen Fürsten, nämlich Adam, in diesem Reich erschuf, mit dem er sich vor der Welt Grundlegung im teuren Namen Jesu mit seiner tiefsten Liebe verband, um den Thron und das Reich des stolzen Fürsten Luzifers in menschlicher Eigenschaft zu zerbrechen und ihn mit Liebe zu überwältigen, daraus entstand sogleich sein Neid und Grimm gegen den Menschen.

28.7. Zum anderen ist auch dies eine Ursache, daß der Grimm der ewigen und auch zeitlich anfänglichen Natur im Fall des Menschen das Oberregiment in menschlicher Eigenschaft bekommen hat. Denn das Himmelreich verlosch in Adam und Eva, als sie irdisch wurden, und an dessen Statt wachte das Reich des Teufels in der Schlange Klugheit und Stolz auf. Denn der menschliche Wille hatte sich von Gott abgebrochen, war in die Ichheit eingegangen und verstand nichts mehr vom Geheimnis des göttlichen Reiches.

28.8. Weil dann in Abel und den Kindern Gottes das göttliche Reich im Ziel des Bundes wieder grünte und hervorbrach, so konnte das des Teufels Reich und Willen im Schlangenmonstrum nicht leiden. So ist auch das Liebe-Reich eine große Feindschaft für den Grimm der ewigen Natur nach der finsteren Eigenschaft, denn die menschliche Essenz war entsprechend der Eigenschaft der finsteren Welt bezüglich der Seele ein halber Teufel geworden, und bezüglich der Eitelkeit der äußeren Welt ein halbes Tier, in welchem Tier der falschlistige, bösartige, begierige, überheblich stolze, geizige, neidige und zornige Schlangenwurm saß, der vom Willen des Teufels infiziert war.

28.9. Dieses grimmige, boshafte und monströse Tier wollte in seiner Ich-Eigenschaft leben, und so erschien ihm gegenüber in Abel das englische Jungfrauenkind, das diesem bösen Tier sein Reich zerstören und beherrschen sollte, was eine große Feindschaft war. Denn der Zorn Gottes hatte den Menschen gefangen und wollte in ihm wirken und regieren, und so brach Gottes Liebe aus dem Zorn hervor, wie ein Licht aus dem Feuer, und wollte den Zorn töten und in Liebe verwandeln, um dem armen Menschenbild wieder zu helfen und es vom ewigen Zorn und Tod zu erlösen.

28.10. Weil aber der Zorn das Regiment im Menschen bekommen hatte, und das Jungfrauenkind vom Wesen der englischen Welt im Bund Gottes aus dem verblichenen Wesen durch den Zorn hindurchgrünen sollte, wie ein helles Licht aus einer Kerze durch das grimmige Feuer hindurchscheint und der Finsternis ihre Gewalt nimmt, so mußte sich auch der äußere Leib in den Kindern Gottes vom Grimm töten und verfolgen lassen, denn er war eine fremde Bildung am Kind der Jungfrau.

28.11. Denn Abel hatte in seinem äußerlichen Fleisch die aufgewachte Eitelkeit ebenso inneliegen wie Kain, und er war nach dem äußerlichen Menschen auch sündig, aber im inneren grünte die englische Welt und das Paradiesbild wieder im Bund, und das war nun eine große Feindschaft zueinander. Denn der innere Mensch trat dem Schlangenmonstrum auf den Kopf seiner falschen Begierde, und so stach ihn das Schlangenmonstrum in die Ferse seines englischen Willens und verspottete das englische Bild, wie es noch heute geschieht: Sobald das Jungfrauenkind im Geist Christi geboren ist, wird der äußerliche irdische Leib samt dem Jungfrauenkind von den Kain-Kindern verfolgt, verachtet, verspottet und für ein fremdartiges Kind der Welt gehalten.

28.12. Doch das Schlangenmonstrum ist vor Gott nur wie ein Narr. Weil aber das edle Jungfrauenkind im äußerlichen Fleisch trotzdem noch ein solches Monstrum an sich tragen muß, zu welchem der Teufel stetig Zutritt hat, so wird dieser Leib vom Teufel im Zorn Gottes und dessen Kindern gewaltig angefochten. Sie wollen es immerdar ermorden, denn das Jungfrauenkind wirkt durch den äußeren Menschen, wie ein Licht durch das Feuer, und offenbart sich, lehrt und straft den gottlosen Haufen, was der Teufel nicht dulden kann, denn es ist gegen sein Reich, gleichwie das Opfer Abels gegen das Opfer von Kain stand.

28.13. Denn Kain opferte in der überheblich stolzen Schlangenbegierde als ein Scheinheiliger und wollte in seiner Schlangenbegierde ein frommes gottgefälliges Kind sein. Aber Abel demütigte sich vor Gott und ging mit seiner Begierde in Gottes Barmherzigkeit: Gottes Liebefeuer nahm sein Opfer an und drang durch das irdische Opfer und Feuer hindurch. So war es auch im Leib Abels zu verstehen: Wie das Unvergängliche das Vergängliche verschlingen soll, so nahm auch das Himmlische das Irdische in sich gefangen.

28.14. Daß aber Kain den äußeren Leib Abels ermordete, das ist ein Bild dafür, daß der äußere Leib im Zorn Gottes abgetötet werden soll. Denn der Zorn muß das äußere Bildnis, welches im Zorn gewachsen ist, in sich verschlingen und töten, und aus dem Tod grünt das große ewige Leben aus.

28.15. So war Abel eine Bildung Christi. Und die Kinder von Gottes Zorn müssen das Recht des göttlichen Zorns an den Kindern der Heiligen an ihrem äußeren, auch irdischen und tierischen Bildnis vollstrecken. Gleichwie die Pharisäer (die vor Gott nur falsche Schlangenkinder waren, wie sie Christus nannte) die Menschheit Christi verfolgen und töten mußten. So war auch Kain ein Bild dieser schlangenhaften wölfischen Pharisäer und der falschen Mund-Christenheit.

28.16. Gleichwie das falsche Schlangenkind ein Monstrum und Narr vor der englischen Welt ist, so halten auch die Kinder der Finsternis die Kinder des Lichtes für Narren. Denn es muß ein Gegensatz sein, auf daß eines im anderen offenbart werde. Wenn der Zorn nicht die Menschheit eingenommen und in sich verschlungen hätte, dann wäre die tiefste Liebe Gottes im Menschen nicht offenbar geworden.

28.17. So findet die Liebe ihre Ursache am Zorn, um diesen mit ihrer Bewegung und Offenbarung zu bewältigen. Wie auch in Christus zu erkennen ist, denn er war Gottes Sohn, aber begab sich in unser im Zorn aufgewachtes Bild hinein, auf daß er mit seiner Liebe im Zorn offenbar würde und diesen in Freude verwandle.

28.18. Christus gab im Tod unser Menschenbild dem Zorn seines Vaters zu verschlingen und führte sein Leben in den Tod, aber offenbarte seine Liebe im Leben, welches der Tod verschlungen hatte, und führte das Leben in der Liebe durch den Tod heraus. Gleichwie ein Korn, das in die Erde gesät wird, in der Erde (als ein Korn) sterben muß, aber aus dem Sterben ein neuer Leib auswächst. So sollte und mußte auch der verdorbene Leib Adams dem Tod und Zorn geopfert werden, und aus dem Tod und Zorn sollte der Leib der Liebe Gottes offenbar werden.

28.19. So wurde bei Kain und Abel das Bild sichtbar, wie es künftig gehen würde. Weil Abel im äußeren das irdische Bild trug, aber im Geist ein Bild des Himmels war, so war sein äußerer Leib in der Verdorbenheit nur eine Larve (bzw. Maske) vor der äußeren Welt. Denn ein anderer Geist war darin verborgen, welcher nicht aus der äußeren Welt Essenz und Eigenschaft bestand. Und darum, weil er nicht gänzlich ein wirkliches Kind der irdischen Welt war, wollte sie ihn wie ein fremdes Kind nicht in sich dulden, denn der Teufel war in der grimmigen Essenz Fürst in dieser Welt, und der wollte nicht, daß ihm ein Kind des Lichtes durch die grimmige Essenz grünte.

28.20. So ist das Bild von Kain und Abel eine wahre Abbildung der falschen und auch der heiligen Kinder Gottes, des äußeren sündhaften, verdorbenen und sterblichen Menschen und des inneren neuen, wiedergeborenen und heiligen Menschen. Wenn Christus mit seinem Liebe-Reich aus dem verblichenen Wesen aus dem Tod aufersteht, dann muß Adams irdisches Bildnis in Christi Tod sterben. Und wenn es dann so ist, daß der äußere Leib noch leben muß, dann ist er nur ein Spott und Narr vor dem Himmelsbild sowie auch vor dem natürlichen Leben dieser Welt.

28.21. Denn sobald Christus geboren ist, ist das sündhafte Leben zum Tod verurteilt und steht im Spott vor allen falschen Kindern im Zorn Gottes, wie eine Hure am Pranger, die auch andere Huren verspotten helfen und sich doch nur selber damit verurteilen. Denn wenn Christus geboren wird, dann geht das Gericht über das falsche tierische Leben, und so muß dieser Mensch im Gericht Gottes stehen und sich wie ein Übeltäter vernarren, verketzern, verspotten, verlachen, verhöhnen und auch töten lassen, damit das Monstrum vor Gottes Zorn gerichtet werde. Diejenigen aber, die es tun, sind die Kinder des fetten und wohlgemästeten Zorns Gottes, die der Grimm Gottes als seine Werkzeuge gebraucht. Denn Gott ist ein Geist, und darum führt er sein Gericht durch ein wesentliches Bild aus.

28.22. Denn sobald Abel in seinem Opfer die Liebe Gottes im Bund aufs neue in seine menschliche Begierde anzog und in seine Essenz einfaßte, erging sogleich das Gericht über den äußerlichen sterblichen Menschen. Und so faßte ihn Gottes Zornschwert, welches in Kain richtete, und tötete den äußeren Leib Abels. Und zu dieser Stunde ging auch das Gericht über das falsche Zornbildnis in Kain, denn da stand er und klagte: »Meine Sünden sind größer, als daß sie mir vergeben werden könnten.«

28.23. Dieses deutet nun die Bildung Christi an, wie der Zorn des Vaters das Leben Christi im Tod verschlingen mußte. Und als der Zorn das Leben im Tod verschlungen hatte, bewegte sich das heilige Leben der tiefsten Liebe Gottes im Tod und Zorn und verschlang Tod und Zorn in sich, davon die Erde erzitterte, die Felsen zerbrachen und sich die Gräber der Heiligen auftaten.

28.24. Denn so soll das Liebe-Feuer und das Zorn-Feuer am Ort dieser Welt (der mit der Schöpfung entzündet wurde, als der Abtrünnige fiel) am Jüngsten Tag wieder in das göttliche Freudenreich verwandelt und in der Liebe verschlungen werden, das heißt, im dritten Prinzip, darin Liebe und Zorn während dieser Zeit miteinander streiten. Aber in der Finsternis im ersten Prinzip bleibt der Zorn.

28.25. Und die wirkliche Ursache, warum Kain den Abel ermordete, war der beiden Opfer und Gottesdienst, als die Religion, wie dann dieser Streit auch heute noch währt, denn die Kain-Kirche ist noch nicht mit der von Abel einig.

28.26. Da spricht der Verstand: „Ich sehe es wohl, daß aller Zank und Streit durch die Religion entstehen. Was ist aber der Grund und die gewisse Ursache dafür?“ Siehe, das ist die Ursache: Stelle dir das falsche Schlangenkind vor, das böse und gut ist, und stelle dir zum anderen das Jungfrauenkind aus Christus geboren vor, dann hast du die Ursache vor deine Augen gemalt.

28.27. Die Kain-Kirche geht mit äußerlichen Zeremonien um und will Gott mit etwas Äußerlichem versöhnen. So will sie ein von außen angenommenes Kind sein, will schlechthin fromm und heilig heißen, und dazu schmückt und ziert sie sich und beruft sich auf ihr Amt, das sie sich selber zugeordnet hat. Sie glänzt in weißen Schafskleidern, aber hat den Hohepriester der Ichheit ohne den Geist Christi darunter zur Herberge, der das Werk der äußeren Buchstaben regiert. Und wer diese stattlich zu verdrehen und zu benutzen lernt, der ist Hohepriester in ihrem Amt und trägt Christi Kleid der Unschuld als Deckmantel über sich.

28.28. Der zweite Teil der verwirrten Kain-Kirche schreit dann (wie Marktschreier) und bietet das glänzende Kind für Geld feil, und hat so das Himmelreich in seine Zeremonien gebunden und will dieses für Geld verkaufen, damit sich der Mann unter dem weißen Kleid in dieser Welt fettmästen könne.

28.29. Der dritte Teil gibt vor, er habe einen so heiligen Orden, daß sie derselbe selig mache, und will vor allen anderen heilig geachtet sein.

28.30. Der vierte Teil will das Reich Gottes durch ihr Mundgeschrei mit vielen Worten, Lesen, Singen, Predigen und Hören erlangen, und diese schimpfen und lästern über jene, welche ihr Mundgeschrei nicht allseits billigen, loben und hören wollen.

28.31. Dieser Teil hat sich mit dem weißen Kleid in die Buchstaben der Kinder Gottes (bzw. der Schriften der Heiligen) gesetzt und wirft damit um sich, wie der Bettler mit Steinen nach den Hunden, und trifft mal einen Bösen, mal einen Guten. Und wer getroffen wird und sich wehrt, über den fallen auch die anderen her und beißen ihn. Und so ist ein stetiges Beißen, Verwirren, Lästern, Buchstaben-Zanken und ein eitles äußerliches Werk, damit man meint, Gott zu dienen und Gnade zu erlangen, und doch ist es nur ein Kain-Opfer.

28.32. Die Kain-Kirche ist nur in der äußeren Welt von Gut und Böse. Sie baut auf und zerbricht, und ist nur eine Bildung nach Gottes Liebe und Zorn: Was der eine Teil aufbaut und heilig nennt, das zerbricht und lästert der andere. Mit einem Mund baut sie auf, und mit dem anderen reißt sie ein. Was ein Scheinheiliger lobt, das schändet der andere, und alles ist nur ein verwirrendes Babel von Gut und Böse, ein Wunder der Natur und Zeit.

28.33. Sie alle laufen dahin in ihrem selbsterdichteten Orden und verlassen sich auf ihren angenommenen Orden, opfern so die Buchstaben vor Gott und das Werk ihrer eigenen Hände, und wollen so vor Gott von außen angenommene Kinder sein. Gott soll ihr Opfer ansehen und ihnen ihre Sünde durch Wort-Versprechen vergeben, wie ein Herr einem Übeltäter das Leben aus Gnade schenkt. So einen unmäßigen Haufen Gnade haben sie in ihrem Opfer der Buchstaben und in das Werk ihrer Hände gebracht, so daß ihr Lehren und Hören als allerheiligster Weg geachtet wird, dadurch man selig werde. Und wer diesen ihren Weg nicht mit höchstem Fleiß ehrt und sich ihm unterordnet, den verlästert, verfolgt und tötet man und hält ihn für einen Ketzer.

28.34. Doch Abels Kinder in Christus haben einen viel anderen Gottesdienst: Sie wohnen wohl unter Kains Kindern, erscheinen auch in ihren Orden und Opfern, aber sie opfern Gott ein geängstigtes Herz und zerschlagenes Gemüt in wahrer Reue und Umkehr über ihre begangene Sünde, und gehen aus ihrer Ichheit und Eigenheit von aller Kreatur mit ihrem geistigen Willen-Opfer ganz aus und ersterben der Ichheit im Tod Christi. So werden sie wie die Kinder, die nichts wissen noch wollen, als nur allein ihre Mutter, die sie geboren hat. In deren Schoß werfen sie sich hinein, und was sie auch immer mit ihnen tut, das ertragen sie in Geduld.

28.35. Denn ihr innerlicher Wille ist der äußeren Welt mit all ihrem Glanz abgestorben. Sie achten sich selber für unwürdig für die große Gnade Gottes, sehen auch vor sich nichts als ihre Eitelkeit, welche das Fleisch begehrt. Und diesem ist der innere geistige Wille gram und feind, denn es kann in dieser Zeit nicht ganz abgeschieden werden. Ihr ganzer Lauf durch diese Welt ist nur ein Buße-Wirken, denn die Sünde und Unreinheit tritt ihnen immer unter die Augen.

28.36. So ist ein stetiges Streiten in ihnen: Das Fleisch in der irdischen Begierde gegen die göttliche Begierde, und die göttliche Begierde gegen die Lust des irdischen Fleisches. Denn die göttliche Begierde faßt sich in Gottes Gnade und Barmherzigkeit, setzt sich in ein Zentrum eines wirkenden Lebens, dringt durch das irdische falschlüstige Leben hindurch und schlägt die falsche Lust zu Boden. So gerät dann die falsche Lust in große Traurigkeit, wenn sie den wollüstigen, prächtigen und glänzenden Lauf dieser Welt ansieht und sich so närrisch findet, weil sie gerade das lassen muß, darin sie ihre höchste Freude und Lust haben könnte.

28.37. Auch kommt sogleich der Teufel mit seinen Anfechtungen, führt seine Begierde in die falsche Lust des Menschen, zeigt ihm das schöne Reich der Welt und beschimpft sein Vorhaben als einen falschen Wahn. Dann hetzt er den Haufen der Gottlosen mit Spotten, Höhnen und Verachten über ihn, und daraufhin verliert sich oft der Glanz der göttlichen Begierde: Denn Christus wird in die Wüste geführt, als das Jungfrauenkind im Geist Christi, und wird vom Teufel und Zorn Gottes, wie auch vom fleischlichen Weltgeist versucht. Und so verbirgt sich oft der Geist Christi, als wäre es um das Jungfrauenkind geschehen. Dann tritt der Teufel hinzu und flüstert ihm Zweifel an seinem Jungfrauenkind ein, als wäre es gar nicht geboren.

28.38. Denn das Jungfrauenkind wird in der Wüste verborgen. So steht dann die arme gefangene Seele in großer Trauer, ächzt und ruft zu Gott, kann aber auch das tierische Bild nicht lieben, sondern erhebt sich wie ein großer Sturm im Leib und sucht die Pforte der Tiefe in ihrem Ursprung. Dort dringt sie mit Macht in das Wort ein, das sie zur Kreatur geformt hat, und entsinkt darin, wie ein ohnmächtiges und in sich willenloses Kind. Und dieses Kind begehrt seine erste Mutter, daraus die erste Seele geboren wurde, zu seiner Pflege, und macht sich in dieser Mutter ganz willenlos, liegt nur an ihrer Brust und saugt ihre Liebe und Gnade in sich, die Mutter mag mit ihm tun was sie will. Das heißt also der Ichheit und Eigenlust in sich absterben und nach der Seele Willen in sich wie ein Kind werden, wie Christus sagt: »Es sei denn, daß ihr umkehrt und wie die Kinder werdet, sonst könnt ihr das Reich Gottes nicht sehen. (Matth. 18.3)« Denn die Ichheit und der Eigenverstand in der Fleisches-Lust kann es weder schmecken noch sehen.

28.39. Aus solchem ernsten Hineinergeben und Absterben des ichhaften Willens in Gottes Barmherzigkeit grünt das Jungfrauenkind aus der Wüste wieder hervor, mit seinem schönen Perlenbäumlein und gar schöner und neuer Frucht. Denn so muß es im Feuer von Gottes Zorn bewährt werden, damit das Übel des eingeführten irdischen Willens an ihm absterbe.

28.40. Denn die Feuerseele als das erste Prinzip hängt am Band der äußeren Welt und führt immerfort gern etwas von der Eitelkeit in sich hinein, davon das Jungfrauenkind vom Wesen der englischen Welt, als von Christi Wesenheit, besudelt, verdeckt und verdunkelt wird. So muß es also wieder gereinigt und gefegt werden, und so geht manch rauher Wind in Trübsal und großen Ängsten über dieses Kind. Es muß immerfort wie ein Fegeopfer der Welt sein, denn sein Reich ist nicht von dieser Welt, wie auch Christus sagt: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.«

28.41. Doch dies geschieht, wenn der schöne Morgenstern im Jungfrauenkind anbricht und aufgeht. Dann wird in dieser Zeit das äußere Leben durchleuchtet und ergibt sich in den Gehorsam des Inneren als ein Werkzeug und eine Dienerin des Inneren.

28.42. So erscheint dann der Heilige Geist Gottes durch das Jungfrauenkind und predigt Christus, den Gekreuzigten, und straft die Welt wegen ihrer Sünden und Laster, und zeigt ihnen ihren falschen scheinheiligen Irrweg. Denn sie wollen im äußeren Reich auf ihren selbsterdichteten Wegen Gottes Kinder sein und eine äußerliche Sündenvergebung auf ihren eigenen erdichteten Wegen suchen, aber in der Wollust und Eitelkeit ihres Fleisches stehenbleiben. So wollen sie nur vor Gott heucheln und gute Worte in einem glänzenden Schein geben, als dienten sie Gott in ihrer erdichteten Meinung, aber wollen in der Ichheit im äußeren Glanz bleiben.

28.43. Diese straft der Heilige Geist durch das Jungfrauenkind in Christi Geist und nennt sie Heuchler und Wölfe in Schafskleidern, auch listige Füchse aus der Schlange Wesen geboren, in denen nur die Eigenschaften von Kröten, Hunden und anderen wilden Tiere sind. Er zeigt ihnen, daß sie sich mit ihren Lippen zu Gott nahen, aber ihr Herz ist voll Mord, Galle und Schlangenbegierde und hat keine wahre Liebebegierde in sich. Auch wie sie nur Scheinheilige in ihrem Amt sind, welche damit nur Wollust und zeitliche Ehre suchen, um über Leib, Seele, Ehre und Gut der Menschen zu herrschen. So dienen sie Gott nur von außen mit heuchlerischem Mund, aber ihr Herz hängt an der Hurerei zu Babylon, voll Teufelsmord und Gift über den, der ihnen ihr Gewissen berührt.

28.44. Solche Kinder in der Schlangenlist, die nur diese List meisterlich drehen (und anwenden) können, machen sich die Kinder der Welt zu Lehrern und wollen von ihnen den Weg Gottes lernen.

28.45. Diese Lehrer setzen sich in die Buchstaben der Kinder der Heiligen (benutzen die überlieferten Schriften der Heiligen) und behaupten, sie lehren Gottes Wort und aus ihren Lehren und Predigten werde der Heilige Geist ausgegossen. Und wenn sie auch ihr Gewissen überzeugt, daß sie zu diesem Amt unfähig sind und mitnichten im Tempel des Heiligen Geistes sind, der durch sie lehren sollte, so fragen sie doch nicht danach, denn es bringt ihnen Geld und Ehre. Für sie ist Christus zum Himmel gefahren und hat sie auf Erden zu Statthaltern in sein Amt gesetzt. Nun müssen sie ihre Lehre aus den Kindern der Heiligen und ihrem Verstand der Buchstaben zusammentragen, und ihre Zusammensetzung der Worte muß die Stimme des Heiligen Geistes sein, und sie behaupten, dadurch werde der Heilige Geist in den Herzen der Menschen ausgegossen.

28.46. Und wenn sie selber auch nur Kain sind und mit ihren zusammengesetzten Buchstaben in ihren Predigten einen ganzen Haufen leichtfertigen kainischen Spott und Brudermord ausschütten, und oft Lügen und Wahrheit untereinander vermischen, dennoch soll es der Heilige Geist gelehrt haben, und die Gemeinde soll für solche heilige Lehre, wie sie diese nennen, Gott danken und in ihrem Brudermorden auch tapfer mithelfen, um Abel und das Kindlein Jesus in seinen Gliedern mit Worten und Taten zu morden und zu töten.

28.47. Solche Lehrer setzt ihr in die Welt, um von ihnen das Reich Gottes zu erlernen, die nur tapfer lästern und andere in ihren Gaben verdammen können, indem sie es fein spitzfindig darbringen und sich mit dem Mantel des Verstandes umgeben, um den Wolf (der dadurch Christi Herde mordet und frißt) unter Christi Purpurmantel zu verdecken. Denen hört ihr gern zu, denn das fleischliche Schlangenherz kitzelt sich damit in seiner bösen Eigenschaft, denn so ist es eben auch geartet.

28.48. Solchen Samen sähen diese von Menschen erkorenen Lehrer, die nur für zeitliche Ehren und Wollust das Amt begehren, aber von Gott nicht berufen sind, und auch ohne göttliche Erkenntnis. Sie gehen nicht durch Christi Tür ein, sondern durch Menschenwahl aus Gunst, durch ihr Selberwollen, Selberrennen und Selberlaufen. Diese können keineswegs als Hirten Christi erkannt werden, denn sie sind nicht aus Christus geboren und zu seinem Amt erkoren.

28.49. Sie sind nur Baumeister des großen Babel-Turms, der die Sprachen verwirrt, dadurch die Menschen uneinig gemacht werden. Sie richten auf Erden Krieg und Streit an, denn sie zanken um leere Hülsen, nämlich um die geschriebenen Buchstaben und Worte, weil in ihnen das lebendige Wort Gottes nicht wohnt, daraus sie lehren sollten. Denn der Geist Christi muß selbst mit lebendigem Aussprechen im Wort der Lehre sein. Der menschliche Geist muß Christus in sich erkennen und empfinden, sonst lehrt keiner Christi Wort, sondern nur stumme Worte ohne Kraft und Geist.

28.50. Dieses nun straft der Geist Christi in seinen Kindern und zeigt ihnen den wahren Weg, wie wir in Christi Tod der Ichheit und falschen Eigenbegierde nach zeitlicher Wollust und Ehren absterben müssen und aus Christi Geist durch anderen neuen Willen und Begehren aus Christi Liebe in eigener wahrer Erkenntnis geboren werden und Christus aus uns predigen und lehren.

28.51. Doch das kann Babel in Kain nicht leiden, wenn man lehrt: „Christus muß selbst der Lehrer im menschlichen Geist sein.“ Sie berufen sich auf das vorgeschriebene apostolische Wort und behaupten, wenn sie dieses lehren, dann werde der Geist Gottes ausgegossen. Ja, wohl recht, so sage ich auch: Wenn dieses Wort in Christi Geist und Kraft gelehrt wird, dann ist es richtig so.

28.52. Der Geist Christi ist aber in seinen Kindern an keine gewisse Form gebunden, so daß er nichts anderes reden dürfte, als in den apostolischen Buchstaben stünde. Wie auch der Geist in den Aposteln frei war und deshalb nicht alle einerlei Worte redeten. Aber sie redeten alle aus Einem Geist und Grund, ein jeder wie es ihm der Geist auszusprechen eingab. So redet der Geist Christi immer noch aus seinen Kindern und bedarf keiner zuvor zusammengesetzten Formel aus Buchstabenworten. Er erinnerte den Geist des Menschen nur selbst daran, was im Buchstaben begriffen ist. (Es ist also mehr ein Erinnern als ein Lernen von Wissen.) Denn Christus sprach: »Der Heilige Geist wird von dem Meinigen nehmen und euch verkündigen. (Joh. 16.14)«

28.53. Christus allein ist das Wort Gottes, das den Weg der Wahrheit durch seine Kinder und Glieder lehrt. Das Buchstabenwort ist nur eine Leiterin und Offenbarung von Christus, damit der Mensch dasselbe vor sich stehen sieht, als ein Zeugnis von Christus, was er sei und was er für uns getan habe, so daß wir unseren Glauben darin schöpfen und fassen sollen, aber mit der Begierde in das lebendige Wort Christi eingehen und darin selbst zum Leben geboren werden.

28.54. Keiner ist Christi Hirte, der nicht Christi Geist hat und aus ihm lehrt. Keine Kunst noch hohe Schule macht ihn zum Hirten Christi, er sei denn des Amtes in Christi Geist fähig. Hat er den nicht in sich lebendig und wirkend, dann haben sich die Menschen hiermit nur einen Schnitzer und Bauer am großen Babel-Turm erwählt, einen Buchstabendreher ohne göttliche Vernunft und Erkenntnis, denn die Schrift sagt: »Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes.« Wie will denn jemand den Weg Gottes lehren, der selber nichts davon versteht?

28.55. Und Christus spricht: »Wer nicht in den Schafstall durch ihn, als durch die Tür seines Geistes eingeht, sondern anderswo hineinsteigt, durch Kunst, Verstand oder Menschengunst (der sich zum Hirten Christi unberufen von Gottes Geist und Trieb aufspielt, um der Menschentage willen), der ist ein Dieb und Mörder, und die Schafe hören seine Stimme nicht, denn er hat nicht Christi Stimme und kommt nur, weil er rauben und stehlen will. (Joh. 10.1)«

28.56. Sie aber sagen, das aufgeschriebene Wort sei Christi Stimme. Ja, es ist wohl ein Gehäuse in Form von Worten, aber die Stimme muß lebendig sein, welche das Gehäuse wie ein Uhrwerk antreibt. Der Buchstabe ist ein Instrument dazu, wie eine Posaune, aber es gehört ein richtiger Hall hinein, der mit dem Hall im Buchstaben zusammenstimmt (bzw. harmoniert).

28.57. Das Wort des Buchstabens ist ein zugerichtetes Werk, und was für ein Posaunenblaser dazukommt, entsprechend klingt es. Ist doch das große Babel ganz aus diesem Werk erbaut worden. Ein jeder hat in diese Posaune des Buchstabens geblasen, wie sein eigener Hall in ihm gewesen war. Und so ist auch der Hall von jedem Posaunenbläser angenommen und in eine Substanz geführt worden, und diese Substanz ist der große Babel-Turm, wo Gutes und Böses in einem Gebäude aufgebaut wurde.

28.58. Wenn man damit keine Erklärungen über das apostolische Wort eingeführt und dasselbe in andere Formen gefaßt hätte, dann wäre das Instrument reingeblieben. Aber das unerleuchtete Gemüt hat sich zum Meister hineingelegt und es nach seiner Lust gebogen. Denn die menschliche Wollust hat sich hineingesetzt und dasselbe nach dem fetten Bauch und weltlichen Wollüsten geformt und erklärt. Damit ist der (reine) Geist erloschen, und ist nur zu einem antichristlichen Orden und Gebrauch geworden. Man hat das Wort geformt und gefaßt, wie ein Orgelwerk, und so hat man es in Bräuche gefaßt, auf denen man spielt, und die anderen hören dem Klang zu. So gebraucht man auch heutzutage meistenteils nur solche Orgelspieler, die das Orgelwerk äußerlich spielen und sich so ein hübsches Stück machen, das sie gern hören. Denn das Orgelwerk klingt nur so, wie es der Meister spielt.

28.59. Zu diesem aber sagt Christus: »Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, sollen ausgerottet werden. (Matth. 15.13)« Oder: »Wer von Gott ist, der hört Gottes Wort. (Joh. 8.47)« Und Christus sagt auch: »Des Menschen Sohn redet nichts, außer was er vom Vater in sich reden hört. (Joh. 14.10)« So muß auch ein Lehrer Christi des Vaters Geist in Christus in sich reden hören. Er muß Gottes Wort im Geist Christi in sich hören, wie David sagt: »Ich will hören, was der Herr in mir redet.« Er muß ein Tempel Gottes sein, in dem Gott selbst wohnt und aus ihm redet, weil er nur das Instrument ist. Denn Christus sagt: »Wir wollen zu euch kommen und Wohnung in euch machen. (Joh. 14.23)« Oder wie der Prophet sagt: »Ich will mein Wort in euren Mund legen. (Jer. 1.9)« Oder: »Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Mund und Herzen. (Röm. 10.8)« Überall hier spricht der Geist Gottes vom lebendigen Wort, und nicht von einer Glocke ohne Klöppel.

28.60. Dies alles lehrt der Geist Christi in seinen Kindern und straft den hölzernen Klöppel in der rechten Glocke, der sich zum Klöppel in die Glocke des göttlichen Wortes gehängt hat, und doch keine Macht hat, die Glocke zu läuten. Das verdrießt auch Kain in seinem Opfer, daß man ihm sagt, sein Opfer gefalle Gott nicht.

28.61. Er glänzt so schön von außen und hat sich eine so prächtige Form gemacht, und dazu ist er von den hohen Schulen und weltlichen Mächten auserkoren. Da hinauf darf kein unansehnlicher Mensch ohne menschlichen Ruf treten, wie ein Christus, der nur für den Sohn eines Zimmermanns gehalten wurde, aber einen solchen Hohepriester in solchen Ehren und Ansehen strafen muß. Denn das glaubt die Welt nicht, daß es von Gott sei und er von ihm gesandt wurde.

28.62. Der große Bär denkt bald: „Das ist nur ein Schaf, und das will ich in meinen Mund verschlingen. Was soll mich ein Schaf strafen, der ich ein Bär bin? Will mir ein unansehnliches Schaf meinen Ruhm bei den Menschen zunichte machen und mich anblöken? Ich will es schnell beiseiteräumen und so besudeln, daß man es nicht erkennt, daß es ein einfältiges Schäflein Christi ist und aus Christi Geist redet. Ich will es in den Schlamm und Spott ziehen, und so hält man es für ein unflätiges Tier oder sogar für eine besudelte Sau.

28.63. Indessen lebe ich in meinen fetten Tagen und bleibe Herr über Leib und Seele. Will sich aber das Schäflein waschen und als ein Schäflein Christi zeigen, dann will ich dem Metzger helfen, es zur Schlachtbank zu treiben.“

28.64. So geht es den einfältigen Kindern Christi, die der Geist Christi treibt und aus ihnen hier in dieser Welt lehrt. Sie sind nur wie die Schafe unter den Wölfen, wie Christus sagt: »Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe.« Denn der irdische Mensch ist ein Schlangenwolf, unter dem das Jungfrauenkind (als Christi Schäflein) wohnen soll, und da geht es dann an ein Morden, Rauben und Töten.

28.65. Aber dem Jungfrauenkind schadet es nichts, denn so wird ihm auch nur sein äußerlicher Wolf von einem anderen abgebissen. Denn der äußere Wolf aller Menschen ist aus dem Zorn Gottes gewachsen und in Adam durch die Sünde entstanden. Darum muß er dem Zorn Gottes zur Speise gegeben werden, damit das Jungfrauenkind aus des Weibes Samen offenbar werde.

28.66. So scheiden sie sich wie zwei Feinde, und sind auch während der Zeit des äußeren Lebens immerfort Feinde gegeneinander, denn dem Jungfrauenkind ist das Gericht über das hineingeführte Schlangenkind der Sünde gegeben. In der Auferstehung soll das Jungfrauenkind das Schlangenkind in das Feuer Gottes verurteilen, und dort soll der Stoff der Erde erprobt, vom Wesen der Schlange gefegt (bzw. gereinigt) und vom Jungfrauenkind wieder abgezogen werden.

28.67. Da fragt der Verstand: „Was hat denn Gott für einen Gefallen an solchem Morden der Kinder Gottes? Kann er sie nicht vor dem Feind beschützen?“ So muß es sein, damit das Licht in der Finsternis offenbar werde, sonst würde das Licht in der Finsternis stillstehen und keine Frucht gebären. Weil aber das Licht die Essenz und Findlichkeit, wie auch die Empfindlichkeit von der Finsternis an sich nimmt, nämlich von der Qual-Qualität des Feuers, so wird eins gegen das andere gesetzt, auf daß eins im anderen offenbar werde, die Freude gegenüber dem Leid, und das Leid gegenüber der Freude, damit erkannt werde, was gut oder böse sei.

28.68. Denn wenn kein Leid wäre, dann wäre sich die Freude nicht offenbar. So aber steht alles im freien Willen: Wie sich ein jedes in Gutes oder Böses hineinführt, so geht es in seinem Lauf, und doch ist eines nur des anderen Offenbarung. Denn wenn keine Nacht oder Finsternis wäre, dann wüßte man nichts vom Licht oder Tag. So hat sich der große Gott zu seiner Beschaulichkeit und seinem Freudenspiel in Unterschiedlichkeit hineingeführt.

28.69. Und so ist es auch in der Unterschiedlichkeit der Menschen bezüglich Gut und Böse zu verstehen. Das Böse muß eine Ursache sein, damit das Gute sich selbst offenbar werde, und das Gute muß eine Ursache sein, damit sich das Böse in seiner Arglistigkeit und Bosheit offenbar werde, auf daß alle Dinge in ihre Beschaulichkeit kommen können und ein jedes sein Gericht in sich selbst zum großen Scheidetag des Herrn aller Wesen offenbaren kann. Darin soll sich ein jedes in seine Ernte zu seiner Nutzbarkeit ergeben, damit der große Gott nach Licht und Finsternis in der Ewigkeit kreatürlich und förmlich sei.

28.70. Denn alle Dinge sind durch das Wort geschöpft und in eine Form eingegangen. Weil aber Gott ein zornig eifriger Gott und ein verzehrendes Feuer ist und auch ein lieber barmherziger und besänftigender Gott des Lichtes und Gebens, in dem nichts Böses sein kann, so hat er Feuer und Licht, Böses und Gutes miteinander in das Schöpfungswort geführt und in einen freien Willen, mit dem sich der Wille im Bösen oder Guten formen kann. Aber er selbst hat alle Dinge gut (bzw. vollkommen) und zum Licht geschaffen und in freien Willen gesetzt, um sich im freien Willen zu vervielfältigen und im Guten oder Bösen zu schöpfen. Dazu hat er einem jeden Ding die Gleichheit zugesellt, nämlich einem Männlein sein Weiblein, so daß kein Ding eine Ursache hat, sich zu verrücken, und auch dem Menschen das Gebot gegeben, was er tun und lassen soll.

28.71. So steht nun jedes Ding zum Gericht des großen Gottes und muß entsprechend während dieser Zeit im Streit stehen, damit eines im anderen offenbar werde. Danach wird in der Einernte, wenn der Streit aufgehoben sein wird, ein jedes Ding seinen eigenen Sitz in sich selber haben. Und so müssen alle Dinge zur Ehre und zur Wundertat des großen Gottes bestehen, welcher allein weiß, wozu ein jedes Ding da ist und wozu er es gebrauchen will.


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