Der Schlüssel zur Erkenntnis göttlicher Geheimnisse

(Text von Jakob Böhme aus „Der Weg zu Christo“ um 1623, deutsche Überarbeitung 2021)

Das ist eine kurze Andeutung vom Schlüssel zur Erkenntnis göttlicher Geheimnisse, wie der Mensch in sich zu göttlicher (bzw. ganzheitlicher) Beschaulichkeit gelangen kann.

St. Paulus sagt: »Alles, was ihr tut, das tut im Namen des Herrn, und danket Gott dem Vater in Jesus Christus. (Kol. 3.17)«

Liebhabender Leser, wenn du dieses Büchlein recht gebrauchen und ernstnehmen wirst, dann wirst du den Nutzen wohl erfahren. Ich will dich aber noch in einem gewarnt haben: Ist es dir nicht Ernst, so laß die teuren Namen Gottes beiseite, mit denen die höchste Heiligkeit genannt, belebt und mächtig begehrt wird. Denn man soll die heiligen Namen Gottes nicht mißbrauchen. Dieses Büchlein gehört allein denen, die da gern Buße üben wollen und in Begierde zum Ursprung sind. Sie werden beiderseits erfahren, was darin für Worte sind und woraus sie geboren wurden.

Ein Mensch, der zu göttlicher Beschaulichkeit in sich selbst gelangen und in Christus mit Gott sprechen will, der folge diesem Prozeß, und so erreicht er das Ziel.

1. Er soll alle seine Sinne und Gedanken samt aller Einbildung zusammen in einen (ganzheitlichen) Sinn vereinen, und so eine beständige innere Sicht erreichen, um sich selbst zu betrachten, was er sei und warum ihn die Heilige Schrift ein Bild Gottes und sogar einen Tempel des Heiligen Geistes nennt, der in ihm wohnt, und auch warum sie ihn Christi Gliedmaß (einen Teil seines göttlichen Körpers) nennt und ihm Christi Fleisch und Blut zur Speise und zum Trank anbietet.

2. So soll er sich in seinem Leben beschauen, ob er auch dieser großen Gnade würdig und dieses hohen Titels Christi fähig sei? Er soll beginnen, sein ganzes Leben zu betrachten, was er getan und wie er seine ganze Zeit zugebracht habe? Ob er sich auch in Christus befinde? Ob er auch in göttlichem Willen stehe, oder wozu er geneigt sei? Ob er auch einen einigen Willen in sich finde, der sich herzlich nach Gott sehne und gern selig sein wollte?

3. Und wenn er nun einen tiefverborgenen Willen in sich findet, der sich da gern zu Gottes Gnade wenden wollte, wenn er nur könnte, dann erkenne er, daß dieser Wille das einverleibte und im Paradies nach begangener Sünde eingesprochene Wort Gottes sei, und daß ihn Gott Jehova, als der Vater, dennoch zu Christus zieht, obwohl wir in unserer (ichhaften) Eigenheit keinen Willen mehr zum Gehorsam haben.

4. Denn dieser Zug des Vaters, nämlich die einverleibte und eingesprochene Gnade, zieht alle Menschen, auch den allergottlosesten von seiner falschen Wirkung ab, auch wenn er einer dornigen Distel gleicht und dem Zug im Augenblick widerstehen will.

5. So hat also kein Mensch eine Ursache, an Gottes Gnade zu zweifeln, wenn er in sich eine Begierde findet, sich alsbald zu bekehren.

6. Derselbe spare es keinen Augenblick mehr, wie geschrieben steht: »Heute, wenn ihr die Stimme des Herrn hört, dann verstockt eure Ohren und Herzen nicht. (Hebr. 3.15)«

7. Denn die Begierde zur baldigen Bekehrung ist Gottes Stimme im Menschen, die der Teufel mit seinen eingeführten Bildern verdecken und aufhalten will, so daß es von einem Tag und Jahr zum anderen aufgeschoben wird, bis endlich die Seele zur Distel wird und die Gnade nicht mehr erreichen kann.

8. Dies allein tue der Mensch in seiner (innerlichen) Betrachtung, und sehe seinen ganzen Lebenslauf an, und halte ihn gegen die Zehn Gebote Gottes und gegen die Liebe des Evangeliums, das ihm gebietet, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, und daß er nur in Christi Liebe ein Gnaden-Kind sei. Und so sehe er, wie weit er davon abgegangen ist, und was seine tägliche Übung und Begierde sei. Dann wird ihn dieser Zug des Vaters in Gottes Gerechtigkeit hineinführen und die eingeformten Bilder in seinem Herzen aufzeigen, die er anstatt Gott geliebt und für seinen besten Schatz gehalten hat und noch hält.

9. Diese Bilder werden sein: (1) Hoffart (überheblicher Stolz), sich selber zu lieben und von anderen geehrt sein zu wollen. Oder auch ein Bild zur Macht und Gewalt in seiner Hoffart, in Ehre über andere aufsteigen zu wollen. (2) Das Bild einer (gefräßigen) Sau, nämlich der Geiz, der alles allein haben will. Hätte er auch die Welt und den Himmel, dann wöllte er noch die Hölle beherrschen. So begehrt er stets mehr, als er gegenwärtig zum Leben braucht. Er hat keinen Glauben zu Gott in sich, sondern lebt wie eine besudelte Sau, die alles in sich hineinzufressen begehrt. (3) So wird auch ein Bild des Neides in ihm sein, der im Herzen sticht und anderen nicht gönnt, daß sie mehr zeitliches Gut und Ehre haben als er. (4) Dann wird auch der Zorn sein, der sich aus dem Neid wie ein Gift erhebt und sich wegen Kleinigkeiten streiten, schlagen, erzürnen und rechtfertigen will. (5) Und dann wird noch ein Haufen von vielhundert irdischen Tieren in ihm sein, die er liebt. Denn alles, was in der Welt ist, das liebt er, und hat es an Christi Stelle gesetzt, und ehrt es mehr als Gott. Er sehe nur seine Worte an, wie sein Mund andere Menschen heimlich verleumdet und bei den Seinigen übel darstellt, oft ohne gewissen Grund übel nachredet, des Nächsten Unglück sich erfreut und ihm dasselbe gönnt. All dies sind Klauen und Krallen des Teufels und das Bild der Schlange, das er in sich trägt.

10. Nun betrachte er diese im Vergleich zu Gottes Wort in den Geboten und Evangelien. Dann wird er sehen, daß er mehr ein Tier und Teufel ist, als ein wahrer Mensch. Und er wird klar erkennen, wie ihn diese eingebildeten und angeerbten Bilder von Gottes Reich abhalten und abführen, so daß oft, wenn er auch gern Buße tun und sich zu Gott wenden und kehren wollte, diese Teufelsklauen ihn aufhalten und davon abführen und der armen Seele diese Larven für Heiligkeit einbilden, so daß sie in die Lust derselben wieder eingeht und in Gottes Zorn sitzenbleibt, um schließlich in den (dunklen) Abgrund zu fallen, wenn ihr die Gnade und der Zug des Vaters verlischt.

11. Dem verkünden wir unseren inneren Prozeß, daß, sobald er dieser Tiere gewahr wird, er noch dieselbe Stunde und Minute sich in der Seele also fasse und in einen Willen hineinführe, auf daß er von dem tierischen Willen abgehen und sich durch wahre Buße zu Gott wenden wolle. Wenn er das mit eigenen Kräften nicht vermag noch kann, dann nehme er Christi Verheißung in sich, da Christus sprach: »Suchet, dann werdet ihr finden, klopfet an, dann wird euch aufgetan. Kein Sohn bittet einen Vater um Brot, der ihm einen Stein dafür bietet, oder um ein Ei, der ihm einen Skorpion gibt. Könnt ihr, die ihr arm seid, euren Kindern gute Gaben geben, wie vielmehr wird mein Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die Ihn darum bitten! (Luk. 11.9)«

12. Diese Verheißung verinnerliche er sich im Herzen, denn sie ist Gift und Tod für den Teufel und alle angeerbten und eingeformten Tierwesen. Und er komme noch dieselbe Stunde mit diesen verinnerlichten verheißenen Worten mit seinem Gebet vor Gott. Doch er werde sich zuvor all der greulichen Tierwesen bewußt, die er selbst verkörpert, und denke in sich nichts anderes, als daß er der besudelte Sauhirte sei, der all seines Vaters Gut und sein kindliches Recht mit diesen Säuen der Welt, nämlich mit den bösartigen Tierwesen vertan habe, so daß er jetzt vor Gottes Angesicht nicht anders stehe, als ein elender nackter und zerlumpter Sauhirte, der kein Recht auf Gottes Gnade habe, derer auch nicht wert sei, vielweniger daß er ein Christ oder Gottes Kind genannt werde. Und so zweifle er auch an all seinen guten Werken, die er jemals getan hat, denn sie sind nur aus dem gleisnerischen Schein einer (vermeintlichen) Gottseligkeit gekommen, mit dem der Menschenteufel ein Engel genannt sein will. Denn ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen, sagt die Schrift. (Hebr. 11.6)

13. Aber er zweifle niemals an der göttlichen Gnade, nur an sich selber und an seinem eigenen Können und Vermögen, und verneige sich in seiner Seele aus allen Kräften vor Gott. Wenngleich auch sein Herz lauter „Nein“ spricht oder „harre noch, heute ist es nicht gut“ oder „deine Sünden sind zu groß, es kann nicht sein, daß du zur Gnade Gottes kommst“, oder daß ihm innerlich so sehr Angst wird, daß er nicht zu Gott beten kann, auch weder Trost noch Kraft in sein Herz bekommt und wähnt, seine Seele wäre an Gott ganz blind und tot, dann soll er doch standhaft bleiben und Gottes Verheißung für eine gewisse und unfehlbare Wahrheit halten, und mit demütigem Herzen zu Gottes Gnade seufzen und in seiner großen Unwürdigkeit derselben sich ergeben.

14. Und wenn er sich zu unwürdig erachtet, wie ein Fremdling, dem das Erbe Christi nicht mehr gebühre, und er sein Recht verloren habe, dafür soll er sich fest verinnerlichen, daß Christus sagte: »Er wäre gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, nämlich den armen und an Gott toten und blinden Sünder.« Diese Verheißung verinnerliche er sich und fasse in sich einen solcherart strengen Vorsatz, daß er von der verheißenen Gnade Gottes in Christus nicht abgehen wolle, sollte ihm auch Leib und Seele zerspringen. Und selbst wenn er in all seinen Lebenstagen keinerlei Trost im Herzen zur Vergebung erlangen sollte, dann sei doch Gottes Zusage beständiger als aller Trost, der ihm begegnen könnte.

15. Auch nehme er sich vor und fasse seinen Willen so fest in seinem Vorsatz, daß er nicht mehr in die alten tierhaften Bilder und Laster zurückfallen wolle. Sollten auch alle seine Säue und anderen Tiere um ihren Hirten trauern, und sollte er darum auch vor aller Welt wie ein Narr erscheinen, so wolle er doch beständig in seinem Vorsatz und an Gottes Gnadenverheißung bleiben. Sei er aber ein Kind des Todes, dann wolle er in Christi Verheißung in Christi Tod sein, und in Ihm sterben und leben, wie Er wolle. Er richte nur seinen Vorsatz in stetes Gebet und Seufzen zu Gott, gebe Ihm alles eigene Beginnen und Tun ins Werk seiner Hände, und sei von der Einbildung des Geizes, Neides und des überheblichen Stolzes stille. Er übergebe vor allem diese drei Tierwesen, dann werden die anderen bald auch beginnen, schwach und krank zu werden und sich dem Sterben nahen. Denn Christus wird bald in seinen verheißenen Worten, die er sich verinnerlicht und sich darin entwickelt, eine Gestalt zum Leben bekommen, und so wird Er in ihm zu wirken beginnen, damit sein Gebet kräftiger werden kann, und je beständiger es wird, er desto mehr im Geiste der Gnade gestärkt werde.

16. Gleichwie der Samen im Mutterleib unter vielen Anstößen der Natur und äußeren Bedingungen zum Kind wirkt und wächst, bis das Kind sein Leben im Mutterleib bekommt, so geht es auch hier zu. Je mehr der Mensch aus seinen Bildern ausgeht, desto mehr geht er in Gott ein, solange bis Christus in der einverleibten Gnade lebendig wird, was im großen Ernst des Vorsatzes geschieht. So beginnt bald die Vermählung mit der Jungfrau Sophia (der „Weisheit“), wenn die beiden ihre gegenseitige Liebe in Freude empfangen und mit gar inniglicher Begierde in die allersüßeste Liebe Gottes miteinander vereint eingehen. Allda ist in kurzer Frist die Hochzeit des Lammes bereitet, in der die Jungfrau Sophia (als die würdige Menschheit Christi) mit der Seele vermählt wird. Und was allda geschehe und was für Freuden allda erreicht werden, das deutet Christus mit der großen Freude über den bekehrten Sünder an, die in einem Menschen im Himmel vor Gottes Augen und allen heiligen Engeln erreicht werde, welche größer sei als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht mehr bedürfen. (Luk. 15.7)

17. Dazu haben wir weder Feder noch Worte, um zu schreiben oder zu reden, was die süße Gnade Gottes in Christi Menschheit sei und was denen widerfahre, die würdig zu des Lammes Hochzeit kommen, die wir in unserem eigenen Prozeß (im Leben) selber erfahren haben und deshalb wissen, daß wir in unserem Schreiben einen wahren Grund haben, den wir unseren Brüdern in der Liebe Christi herzlich gern mitteilen wollen. Wenn es möglich wäre, daß sie unserem treuen kindlichen Rat glauben wollten, dann könnten sie es in sich selbst erfahren, wovon diese einfältige Hand die großen Geheimnisse verstehe und wisse (und aufschreibe).

18. Weil wir bereits ein ganz ausführliches Traktat von der Buße und der neuen Wiedergeburt geschrieben haben, so lassen wir es hier nur bei einer Andeutung bleiben und verweisen den Leser dorthin, wie auch zum großen Werk über die Genesis. Dort wird er allen Grund dessen, was er fragen möchte, ausführlich genug erklärt finden. Und wir bitten ihn christlich, uns in diesem Prozeß (der geistigen Entwicklung) nachzufolgen. Dann wird er in sich selbst zu göttlicher Beschaulichkeit kommen und hören, was der Herr durch Christus in ihm spricht. Und damit empfehlen wir ihn der Liebe Christi.

Gegeben am 9. Februar im Jahre 1623.

Verwendete Quellen zur deutschen Überarbeitung

Jacob Böhme's sämmtliche Werke, Bände 1-2, J. A. Barth, 1860
Der Weg zu Christo, verfasset in neun Büchlein, Jacob Böhme, 1715


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