Gespräch einer erleuchteten und unerleuchteten Seele

(Text von Jakob Böhme aus „Der Weg zu Christo“ um 1624, deutsche Überarbeitung 2020)

Wie eine erleuchtete Seele die andere suchen, trösten und in ihrer Erkenntnis auf die Pilgerstraße Christi führen sollte, und wie sie der abgewandten Seele ihren dornigen Weg in dieser Welt, der in den Abgrund führt, treulich zum Spiegel vor Augen stellt.

Ein Sendbrief an eine hungrige und durstige Seele nach dem Brünnlein der süßen Liebe Jesu Christi.

Geschrieben von einer liebhabenden Seele der Kinder Jesu Christi unter dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi im Jahr 1624.

1. Eine arme Seele war aus dem Paradies gewandelt und in das Reich dieser Welt gekommen. Hier begegnete ihr der Teufel und sprach zu ihr: Wo willst du hin, du halbblinde Seele?

2. Die Seele sprach: Ich will die Kreaturen der Welt beschauen, die der Schöpfer gemacht hat.

3. Der Teufel sprach: Wie willst du sie beschauen, wenn du doch nicht erkennen kannst, aus welcher Essenz und Eigenschaft sie sind? Du siehst sie nur wie ein gemaltes Bild und kannst sie nicht erkennen.

4. Die Seele sprach: Wie kann ich sie wohl in Essenz und Wesen erkennen?

5. Der Teufel sprach: Wenn du von dem Baum ißt, von dem die Kreaturen in Gut und Böse gemacht sind. Dann werden deine Augen aufgetan, und du wirst wie Gott selbst sein und erkennen, was der Schöpfer sei.

6. Die Seele sprach: Ich bin edel und heilig und könnte davon sterben, wie der Schöpfer gesprochen hat. (1. Moses 2.17)

7. Der Teufel sprach: Du wirst mitnichten sterben, sondern deine Augen werden aufgetan, und du wirst Gott gleich sein, und du wirst Böses und Gutes erkennen. Davon wirst du mächtig, gewaltig und groß, wie ich bin, und alles Wissen der Kreaturen wird dir offenbar.

8. Die Seele sprach: Hätte ich die Erkenntnis der Natur und Kreaturen, dann könnte ich die Welt beherrschen.

9. Der Teufel sprach: Der Grund zu solcher Erkenntnis liegt in dir: Wende nur deinen Willen von Gott in die Natur und Kreaturen, dann entsteht in dir die Lust zu solchem Geschmack, und so kannst du vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen essen, um alles zu erkennen.

10. Die Seele sprach: Ja, ich will essen von der Erkenntnis des Guten und Bösen, auf daß ich herrsche in eigener Macht über alle Dinge und ein eigener Herr auf Erden sei. Dann tue ich, was ich will, wie Gott selber.

11. Der Teufel sprach: „Ich“ bin ein Fürst der Welt. Wenn du auf Erden herrschen willst, so mußt du deine Lust in mein Bild führen, auf daß du das Wissen meines Bildes bekommst. - Und er stellte der Seele den „Vulkan des Mercurius“ (den „feurigen Ausbruch des eigenen Lebens“) als das Feuerrad des eigenen Wesens in einer Schlangengestalt vor.

(Der Uroboros oder auch „Selbstverzehrer“ wurde in der mittelalterlichen Alchemie als Sinnbild für einen geschlossenen und wiederholt ablaufenden Wandlungsprozeß benutzt, wie zum Beispiel der Kreislauf des Lebens, aber auch des Todes. Jakob Böhme verwendet dieses uralte Symbol offenbar im Sinne der ichhaften Seele, die von sich selbst lebt und sich selbst erhalten will, aber auch sich selbst verzehrt und sich selbst vergiftet und tötet.)

12. Als die Seele dieses sah, sprach sie: Wahrlich, das ist die Macht aller Dinge! Wie kann ich auch so werden?

13. Der Teufel sprach: Du wirst auch so ein feuriger Mercurius, sobald du deinen Willen von Gott abtrennst und deine Begierde in diese Kunst hineinführst. Dann wird dein verborgener Grund in dir offenbar, und so kannst du auch entsprechend wirken. Aber du mußt von der Frucht essen, in der die vier Elemente (Erde, Wasser, Luft und Feuer) jeweils übereinander regieren, darin sie im Streit sind, wie die Hitze wider der Kälte und die Kälte wider der Hitze, weil dort alle Eigenschaften der Natur in Empfindlichkeit (im sinnlichen Bewußtsein) wirken. Dann wirst du sogleich wie das Feuerrad sein und alle Dinge in eigene Gewalt bringen und zum Eigentum besitzen.

14. Als nun die Seele ihren Willen von Gott abtrennte und ihre Begierde in den Vulkan des Mercurius (in das Feuerrad, in das eigene Vermögen des Gemüts) hineinführte, entstand in ihr sogleich die Lust von der Erkenntnis des Bösen und Guten zu essen, und sie griff nach der Frucht der Erkenntnis des Guten und Bösen und aß davon.

(Mercurius, das giftige Quecksilber als ein Sinnbild für das sich gegenseitig abtrennende Wesen des Ichbewußtseins, das scheinbar eigenständige Persönlichkeiten bildet.)

15. Als dies geschah, zündete der Vulkan das Feuerrad des eigenen Wesens an, und sogleich wachten alle Eigenschaften der Natur in der Seele auf und führten sich in eigene Lust und Begierde hinein. Da entstand zum Ersten eine Lust zur stolzen Überheblichkeit, um groß, mächtig und gewaltig zu sein, um alles unter sich zu bändigen und mit Gewalt zu beherrschen, um sein eigener Herr sein zu wollen und unabhängig zu leben, um die Demut und Gleichheit zu verachten, um sich allein als klug und wissend zu betrachten und alles für töricht zu halten, was diesem Wissen widerspricht.

16. Zum anderen entstand eine Lust zur Begierde nach Annehmlichkeit, und damit auch der Geiz, der alles an sich ziehen und besitzen wollte. Denn als die verkehrte Lust des überheblichen Stolzes ihren Willen von Gott abwandte, da wollte das Leben nicht mehr auf Gott vertrauen, sondern wollte sich selber versorgen und neigte seine Begierde und Annehmlichkeit den Kreaturen zu, wie der Erde, den Metallen und Bäumen.

17. Also hungrig und geizig wurde der entzündete feurige Mercurius zum feurigen (leidenschaftlichen) Leben, nachdem es sich von Gottes Einheit, Liebe und Güte abgetrennt hatte, und es zog die vier Elemente und deren Wesen an sich und fiel in eine tierische Art, davon das Leben dunkel, rauh und grimmig wurde und die himmlischen Kräfte und Farben verloschen.

18. Zum Dritten wachte in dem feurigen Leben eine stachlige und feindliche Lust auf, das war der Neid als ein höllisches Gift, eine Qual aller Teufel, und davon wurde das Leben zum Feind Gottes und aller Kreaturen. Dieser Neid wütete und tobte in der Geiz-Begierde wie ein Gift im Fleisch. Was der Geiz nicht an sich zu ziehen vermochte, das wollte der Neid ermorden, und dadurch ging die edle Liebe dieser Seele ganz zugrunde.

19. Zum Vierten wachte in diesem feurigen Leben eine Qual gleich einem Feuer auf, und das war der Zorn, der alles umzubringen und zu töten versuchte, was dem eigenwilligen Stolz nicht unterworfen sein wollte.

20. Auf diese Weise wurde das Fundament der Hölle, das der Zorn Gottes das „Fundament (der Hölle)“ nennt, in dieser Seele ganz offenbar, und sie verlor dadurch Gott, Paradies und Himmelreich und wurde ein Wurm gleich der feurigen Schlange, die ihr der Teufel in seiner Bildnis (bzw. Einbildung) vorstellte, und sie fing an, auf tierische Art auf Erden zu regieren und tat alles nach des Teufels Willen, lebte in eitlem Stolz, Geiz, Neid und Zorn und hatte keine rechte Liebe mehr zu Gott. An ihrer Stelle entstand eine falsche und tierische Liebe nach Unzucht und Eitelkeit, und es war keine Reinheit mehr im Herzen, denn sie hatte das Paradies verlassen und die Erde in Besitz genommen. Ihr Sinn stand ihr nun nach Kunst, Wissen, Hoheit und Vielfalt natürlicher Dinge, und weder Gerechtigkeit noch göttliche Tugend blieben in ihr. Was auch immer sie Falsches trieb, das decke sie mit List und Trug unter solcher Gewalt zu und nannte es das Richtige.

21. Als nun solches geschah, da nahte sich ihr der Teufel und führte sie aus einem Laster ins andere. Denn er hatte sie in ihrem Wesen gefangen (denn sie hatte sich in seinem Wesen gefangen) und stellte ihr darin Freude und Wollust vor, und sprach zu ihr: Siehe, du bist jetzt gewaltig, mächtig, hoch und edel! Siehe, daß du noch größer, reicher und gewaltiger werdest! Gebrauche deine Kunst und Klugheit, daß dich jedermann fürchte. So hast du ein Ansehen und einen großen Namen in der Welt.

22. Die Seele tat wie ihr der Teufel riet und erkannte ihn doch nicht, daß er der Teufel war, sondern dachte, es wäre ihre Klugheit und ihr Verstand, und sie täte damit wohl und recht.

23. Als sie nun in solchem Wandel lief, da begegnete ihr irgendwann auch unser lieber Herr Jesus Christus mit Gottes Liebe und Zorn, der in diese Welt gekommen war, dem Teufel seine Werke zunichte zu machen und über alle gottlosen Werke Gericht zu halten. Und er sprach wie mit gewaltiger Kraft durch sein Leiden, Sterben und Tod in sie ein und zerbrach des Teufels Werke in ihr. Er öffnete ihr den Weg zu seiner Gnade, blickte sie mit seiner Barmherzigkeit an und rief sie wieder zurück, sie solle umkehren und Buße tun, dann wolle er sie von solchem Larven-Bildnis (persönlicher Einbildung) wieder erlösen und ins Paradies führen.

24. Als nun dies geschah, daß in ihr der Funke göttlichen Lichts offenbar wurde, sah sie sich samt ihren Werken und Willen an und erkannte, daß sie in der Hölle in Gottes Zorn stand und daß sie eine Larve (Masken-Bildnis bzw. lateinisch „Persona“) und ein Monstrum („Gespenst“) vor Gott und Himmelreich war. Davor erschrak sie so sehr, daß in ihr die größte Angst erwachte, denn das Gericht Gottes wurde in ihr offenbar.

(Der lateinische Begriff „Persona“ bedeutet die Larve oder Maske eines Schauspielers, mit der die Seele ihre Persönlichkeit formt und bildet, ähnlich einem Gespenst bzw. Gespinst.)

25. Als dies geschah, da sprach der Herr Christus mit seiner Gnadenstimme in sie: »Tue Buße und verlaß die Eitelkeit, so kommst du zu meiner Gnade.«

26. Die Seele trat in ihrem Larven-Bildnis (persönlicher Einbildung) mit dem besudelten Kleid der Eitelkeit vor Gott und bat um Gnade, Gott wolle ihr die Sünde verzeihen. Und sie bildete sich die Genugtuung und Versöhnung unseres Herrn Jesu Christi fest ein.

27. Aber die bösartigen Eigenschaften der gebildeten Schlange im weltlichen Geist wollten den Willen der Seele nicht vor Gott lassen, sondern führten ihre eigene Lust und Begierde hinein, denn sie wollte nicht ihrer eigenen Lust ersterben und die Welt verlassen. Denn sie war von der Welt und fürchtete den Spott der Welt, wenn sie ihre weltliche Ehre und Herrlichkeit verlieren würde. Und doch wandte die arme Seele ihr Angesicht zu Gott und begehrte Gnade von Gott, daß ihr Gott wolle seine Liebe geben.

28. Als solches der Teufel sah, daß die Seele zu Gott betete und Buße üben wollte, trat er zur Seele und führte die Neigung der irdischen Eigenschaften ins Gebet. So verwirrte er die guten Sinne, die zu Gott drangen, daß sie nicht zu Gott kommen sollten, und zog sie zurück in irdische Dinge. Der Seele Wille sehnte sich nach Gott, aber die ausgehenden Sinne, die in Gott eingehen sollten, wurden zerstreut und konnten die Kraft Gottes nicht erreichen.

29. Darüber erschrak die arme Seele noch viel mehr, daß sie ihre Begierde nicht in Gott bringen konnte, und fing noch heftiger an zu beten. Aber der Teufet griff mit seiner Begierde in das mercurialisch (eigenwillig) entzündete Feuerrad des Lebens und erweckte die bösartigen (unheilsamen) Eigenschaften, so daß die falschen Neigungen aufstiegen und in dasselbe eingingen, darin sie sich zuvor belustigt hatten.

30. Die arme Seele wollte mit ihrem Willen zu Gott und ängstigte sich sehr. Aber die Gedanken flohen alle von Gott weg in irdische Dinge und wollten nicht zu Gott gehen. Die Seele ächzte und flehte vor Gott, aber ihr war, als wäre sie ganz von Gottes Angesicht verstoßen, und sie konnte nicht einen Blick der Gnade erreichen und stand in eitlen Ängsten sowie in großer Furcht und Schrecken, und sie meinte immerdar, Gottes Zorn und strenges Gericht würde in ihr offenbar werden, und der Teufel würde sie ergreifen. Damit fiel sie in große Traurigkeit und Elend, so daß sie aller Freude und Wollust zeitlicher, bisher gepflogener Dinge überdrüssig und mühsam wurde.

31. Der irdische und natürliche Wille begehrte derselben wohl, aber die Seele wollte dieselben gern verlassen und aller zeitlichen Lust und Freude absterben. Sie sehnte sich nur nach ihrem ersten Vaterland, daraus sie ursprünglich gekommen war, sah sich aber weit davon entfernt und dazu in großer Verlassenheit und Elend, und sie wußte nicht, was sie tun sollte. Gedachte sie in sich zu gehen und sich noch mehr zu erwecken und heftiger zu beten, so widerstand ihr der Teufel und hielt sie, daß sie nicht in größere Bewegung (bzw. Entwicklung) und Buße eingehen konnte.

32. Der Teufel erweckte die irdische Lust im Herzen, so daß die Neigungen ihr falsches Naturrecht behielten und sich gegen der Seele Willen und Begehren wehrten, denn sie wollten nicht ihres eigenen Willens und der Lust ersterben, sondern ihre zeitliche Wollust behalten. So hielten sie (die natürlichen Neigungen) die arme Seele in ihrer falschen Begierde gefangen, so daß sie sich nicht erwecken konnte, wie heftig sie auch immer nach Gottes Gnade ächzte und seufzte.

33. Wenn die Seele zu Gott betete und drang, so faßte die Fleischeslust die ausgehenden Strahlen der Seele in sich und führte sie in irdische Gedanken hinein und von Gott ab, so daß die Seele keine göttliche Kraft erlangen konnte. Bald sah sich die Seele an, als wäre sie von Gott verstoßen, und sie wußte nicht, daß Gott sie auf diese Weise zu sich hinzog und ihr auf diese Weise nahe war.

34. Auch trat der Teufel in den feurigen Mercurium (Eigensinn) im Feuerrad des Lebens zu ihr und mischte seine Begierde in des Fleisches irdische Lust. Er spottete der armen Seele und sprach in irdischen Gedanken zu ihr: »Warum betest du? Meinst du, daß dich Gott höre und deiner erbarme? Siehe dich nur an, was du für Gedanken vor ihm hast! Hast du doch nur bösartige Gedanken und keinen Glauben an Gott. Wie sollte dich Gott dann hören? Er hört dich nicht, laß nur ab, es ist jetzt nicht gut, oder du wirst verrückt werden.

35. Was plagst du dich? Siehe doch die Welt an, wie sie in Freuden lebt: Sie wird gleichwohl selig werden. Hat doch Christus für alle Menschen bezahlt und genug getan. Du brauchst dich dessen nur trösten, daß es geschehen sei, dann wirst du selig. Du kannst hier in dieser Welt nicht zu göttlicher Empfindlichkeit (bzw. göttlichem Bewußtsein) kommen. Laß nur ab und pflege des Leibes und zeitlicher Herrlichkeit.

36. Was meinst du denn, was aus dir werden wird, wenn du weiter so melancholisch und närrisch bleibst? Dann wärst du jedermanns Narr und lebtest in eitler Traurigkeit, und daran hat weder Gott noch die Natur Gefallen. Siehe doch die schöne Welt an, darein dich Gott geschaffen und zum Herrn über alle Kreaturen gemacht hat, dieselben zu beherrschen. Sammle dir nur genug zeitliches Gut, so daß du der Welt nicht mehr bedarfst. Und wenn dann dein Alter und Ende kommt, dann wende dich zur Buße, und Gott wird dich gleichwohl selig machen und in den Himmel aufnehmen. Es bedarf keines solchen Plagens, Erweckens und Grämens, wie du jetzt tust.«

37. In solche und dergleichen Gedanken wurde die Seele vom Teufel in Fleischeslust und irdischen Willen eingefaßt und wie mit starken Ketten angebunden, und sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie dachte einerseits an die Welt und ihre Wollust, fand aber anderseits auch großen Hunger nach göttlicher Gnade in sich, und so wollte sie immer auch gern in die Buße eingehen und zur Gnade Gottes kommen, denn die Hand Gottes hatte sie berührt und gerüttelt. Darum konnte sie nirgends ruhen, sondern ächzte immerdar in sich selber nach Reue über begangene Sünden, und sie wollte derselben gern loswerden, konnte aber zu keiner rechten und wahren Reue kommen, vielweniger zur Erkenntnis der Sünde. Und so stand (und brannte) sie in solchem Hunger und Begehren nach Reue und Buße.

38. Als sie nun in solcher Traurigkeit stand und nirgends Rat noch Ruhe fand, überlegte sie, wo sie eine Stätte finden könnte, um rechte Buße zu üben und von den Hinderungen der Welt und ihren Geschäften frei zu sein, und auch durch welche Mittel sie bei Gott Gnade erlangen könne. Daraufhin nahm sie sich vor, an einen einsamen Ort zu gehen und sich von Geschäften abzuwenden. Auch dachte sie, sie könne sich mit Wohltätigkeit für die Armen die Gnade Gottes erwerben. So suchte sie allerlei Wege zu ihrer Ruhe und wie sie zu Schutz und Gnade kommen könne.

39. Aber es wollte alles noch nicht greifen und sie zur Gnade kommen lassen, denn ihr folgten alle ihre irdischen Geschäfte in der Fleischeslust nach, und sie war ein wie das andere Mal in des Teufels Netz gefangen und konnte nicht zur Ruhe kommen. Wenn sie sich auch nur eine Stunde mit irdischen Dingen belustigte, so kamen doch in nächster Stunde schon Trauer und Elend zurück, denn sie fühlte den erweckten Grimm Gottes in ihr und wußte nicht, wie das zuging oder wie ihr geschehen wäre. So fiel oft große Angst und Anfechtung auf sie, daß sie sich mit keinem Trost mehr erholen konnte und vor Ängsten krank wurde.

40. So sehr rührte sie der Strahl der Zerrüttung des ersten Angriffs der Gnade, und sie wußte es nicht, daß Christus in ihrer Hölle in Gottes Zorn und strenger Gerechtigkeit stand, und Er selbst mit dem einverleibten Satan und Irrgeist in Seele und Leib stritt. Sie verstand nicht, daß solcher Hunger und Begierde zur Buße und Bekehrung von Christus selber herkämen, damit sie also gezogen würde. Auch wußte sie nicht, was ihr noch mangelte, so daß sie nicht zu göttlicher Empfindlichkeit (bzw. göttlichem Bewußtsein) kommen konnte. Sie wußte auch nicht, daß sie ein Monstrum („Gespenst“) war und ein Schlangenbild (der Ichhaftigkeit) in sich trug, mit dem der Teufel solche Gewalt und Zutritt zu ihr hatte und in ihrem Inneren alle ihre guten Sinne verwirrt und von Gott abgeführt hatte, davon Christus sprach: »Der Teufel reißt das Wort von ihrem Herzen, daß sie nicht glauben und selig werden. (Luk. 8.12)«

41. Durch Fügung Gottes begegnete dieser armen und betrübten Seele einmal eine von Gott erleuchtete und neugeborene Seele und sprach zu ihr: Was ist dir, du betrübte Seele, daß du so unruhig bist und in solchem Kummer stehst?

42. Die betrübte Seele antwortete: Mir hat der Schöpfer sein Antlitz verborgen, so daß ich nicht zu seiner Ruhe kommen kann. Darum bin ich so leidend und weiß nicht, was ich tun soll, um seine Gnade zu erlangen. Denn mir liegen ganze Berge und große Abgründe vor seiner Gnade, so daß ich nicht zu Ihm kommen kann, wie sehr ich mich auch nach Ihm sehne. Auf diese Weise werde ich festgehalten und kann seine Kraft nicht erreichen, auch wenn ich mich immer wieder darum ängstige und mit sehnlichem Verlangen darauf warte.

43. Die erleuchtete Seele sprach zu ihr: Du trägst an dir ein Larven-Bildnis (persönlicher Einbildung) des Teufels, das der (feurig-ichhaften) Schlange gleicht, und davon bist du umgeben, und darin hat der Teufel Zutritt zu dir wie zu deiner Eigenschaft, und darin hält er deinen Willen auf, so daß er nicht in Gott eingehen kann. Wenn das geschähe, daß dein Wille in Gott eingehen könnte, dann würde er mit der höchsten Kraft Gottes in der Auferstehung unseres Herrn Jesu Christi gesalbt, und dann würde diese Salbung das Monstrum an dir zersprengen und in dir dein ursprüngliches Paradies-Bildnis wieder offenbaren. So verlöre der Teufel seine Macht an dir, und du würdest wieder ein Engel. Doch weil er dir solches nicht gönnt, so hält er dich in seiner Begierde und in deiner Fleischeslust gefangen. Und solange du davon nicht loskommst, solange bist du von Gott geschieden und kommst nimmermehr in unsere Gesellschaft.

44. Von dieser Rede erschrak die arme und betrübte Seele so sehr, daß sie kein Wort mehr sprechen konnte, als sie hörte, daß sie der Schlange Bildnis an sich trüge, das sie von Gott abtrennte, und daß ihr der Teufel darin so nahe wäre, und er ihren Willen in falsche Gedanken einmischte, und daß er solche Gewalt an ihr hatte, und sie der Verdammnis so nahe wäre und im Abgrund der Hölle stände. Da fühlte sie sich in Gottes Zorn gefangen und wollte an der Gnade Gottes verzweifeln.

45. Aber die (göttliche) Kraft ihrer Zerrüttung hielt sie, daß sie nicht verzweifelte. Und so rang sie in sich selber in Hoffnung und Zweifel. Was die Hoffnung aufbaute, das riß der Zweifel nieder. Sie stand in stetiger Unruhe, so daß ihr letztlich die Welt mit all ihrer Schönheit ein Eitel (Ekel) wurde und sie keine Freude dieser Welt mehr pflegen wollte, aber zur Ruhe kommen konnte sie auch nicht.

46. Irgendwann kam die erleuchtete Seele wieder zu ihr und fand sie in solchen Ängsten, und sie sprach zu ihr: Was ist es, das du tust? Willst du dich zerbersten in deinen Ängsten? Warum quälst du dich in eigenem Vermögen und Willen, so du doch ein Wurm bist und deine Qual dadurch nur immer größer wird? Ja, wenn du dich in die Tiefe des Meeres versenken oder bis zur Morgenröte fliegen würdest und dich über die Sterne schwingen könntest, so würdest du doch nicht frei davon. Denn je mehr du dich ängstigst, desto größer und leidvoller wird deine Natur. Und so kommst du nicht zur Ruhe, denn all dein Vermögen geht immer wieder verloren. Gleichwie ein verdorrter Kohl aus eigenem Vermögen nicht wieder grünt und Saft bekommt, so daß er sich wieder mit den Bäumen freuen kann, so kannst auch du nicht in eigenem Vermögen die Stätte Gottes erreichen und dich wieder in deine ursprüngliche Engelsgestalt verwandeln. Denn du bist an Gott verdorrt und erstorben, wie der Kohl an Kraft und Saft. Du bist nur ein ängstlicher und dürrer (saftloser) Hunger, denn deine Eigenschaften sind (so gegensätzlich) wie Hitze und Kälte, die stets im Streit stehen und nimmer Eins werden.

47. Da fragte die arme Seele: Was soll ich denn tun, daß ich wieder grüne und mein ursprüngliches Leben bekomme, darin ich in Ruhe stand, ehe ich ein Bildnis wurde?

48. Die erleuchtete Seele sprach: Du sollst nichts tun, sondern deinen eigenen Willen eigener Annehmlichkeit verlassen. Dann werden deine bösartigen Eigenschaften alle schwach und beginnen zu sterben. Und so versinkst du mit deinem Willen wieder in das Eine, daraus du im Anfang gekommen bist. Denn du liegst jetzt in den Kreaturen gefangen, und nur wenn dein Wille dieselben verläßt, können in dir die Kreaturen mit ihren bösartigen (bzw. unheilsamen) Neigungen sterben, die dich jetzt aufhalten, so daß du nicht zu Gott kommen kannst.

49. Wenn du das tust, dann sendet dir Gott seine höchste Liebe entgegen, welche er in Jesu Christus in der Menschheit offenbart hat. Dieselbe wird dir wieder Saft und Leben geben, daß du wieder grünst und dich im Leben Gottes erfreust. So wirst du wieder das (überbildliche) Bild Gottes bekommen und dieses Schlangenbildnis loswerden. Und so kommst du zu unserer englischen Schaar und wirst mein Bruder.

50. Doch die arme Seele fragte: Wie soll ich meinen eigenen Willen verlassen, auf daß die Kreaturen darin sterben, wenn ich in der Welt lebe und die Welt haben muß?

51. Die erleuchtete Seele sprach: Jetzt hältst du zeitliche Ehre und Gut sowie die Wollust des Fleisches für dein Eigentum und achtest leichtfertig, was du darin tust oder wie du dasselbe an dich ziehst. Auch wenn du den Elenden in großer Not leiden siehst, der doch dein Bruder ist, so rettest du ihn nicht, sondern ziehst ihn in deinen Bann und quälst ihn, indem du ihm Wert und Lebensunterhalt raubst und dich daran belustigst. Dazu erhebst du dich stur und hochmütig über und gegen ihn und achtest ihn gering im Vergleich zu dir.

52. Also steht der Elende und seufzt vor Gott, daß ihm sein Lebensunterhalt geraubt wird und daß er neben dir im Elend leben muß. Auf diese Weise erweckt er mit seinem Seufzen Gottes Zorn in dir, welcher dir deine Flamme und Unruhe immer größer macht.

53. Und das sind deine Kreaturen, die du liebst, und um deren willen du dich von Gott abgeschieden und deine Liebe in sie hineingeführt hast. Also leben sie in deiner Liebe und du nährst sie mit deiner Begierde und steter Annehmlichkeit. Denn in deiner Annehmlichkeit leben sie, indem du deines Lebens Lust in sie hineinführst. Doch sie sind nur ein unreines und bösartiges Tierwesen, das sich mit deiner Annehmlichkeit in deiner Lust mit dir gebildet hat.

54. Und dieses Bildnis (bzw. diese Einbildung) ist ein Tier mit vier bösartigen Neigungen: Die erste ist überheblicher Stolz, die zweite Geiz, die dritte Neid und die vierte Zorn. In diesen vier Eigenschaften steht der Hölle Fundament, und das trägst du in und an dir eingeprägt und bist ganz darin gefangen. Denn diese Eigenschaften leben in deinem eigenen Leben, und damit bist du von Gott geschieden und kannst nicht zu Gott kommen, es sei denn, du verläßt diese bösartigen (unheilsamen) Kreaturen, so daß sie in dir sterben.

55. Falls du nun fragst, wie du deinen eigenen, kreatürlichen und bösartigen Willen verlassen kannst, damit solche Kreaturen in dir stürben und du doch gleichwohl in der Welt bei ihnen leben könntest? Darauf sage ich dir, daß dazu nicht mehr als ein einziger Weg sei, der eng und schmal ist (Matth. 7.13). Im Anfang wird es dir gar leidvoll erscheinen, darauf zu wandeln, aber danach wirst du ihn mit Freude gehen.

56. Du mußt recht betrachten und erkennen, wie du in diesem Treiben der Welt in Gottes Zorn und im Fundament der Hölle wandelst, und daß es nicht dein rechtes Vaterland sei, und daß ein Christ solle und müsse in Christus leben und wandeln und Christus recht nachfolgen, und daß er anders kein Christ sein könne, es lebe denn Christi Geist und Kraft in ihm, so daß er derselben ganz ergeben sei.

57. Nun ist Christi Reich nicht von dieser Welt, sondern im Himmel (Joh. 18.36). Deswegen mußt du in einer stets währenden Himmelfahrt stehen, wenn du Christus nachfolgen willst, auch wenn du gleichsam nach dem Leibe bei den Kreaturen wandeln mußt und sie pflegen.

58. Der schmale Weg zu solcher stets währenden Himmelfahrt und Nachfolge Christi ist dieser: Du mußt an all deinem eigenen Können und Vermögen verzweifeln, denn in eigener Kraft erreichst du niemals die Pforte Gottes. Und du mußt dir fest vornehmen, dich gänzlich der Barmherzigkeit Gottes zu ergeben und dir das Leiden und den Tod unseres Herrn Jesu Christi fest einbilden. Du mußt dich mit allen Gedanken und Sinnen darin versenken und beständig darin beharren wollen, um darin deinen eigenen Kreaturen abzusterben.

59. Dazu sollst du ganz fest entschlossen sein, deine Lust und dein Gemüt von allen falschen Annehmlichkeiten abzuwenden und weder vergängliche Ehren noch Güter besitzen zu wollen. Dafür mußt du auch alles aufgeben, was unrecht ist und dich daran hindern mag. Dein Wille muß ganz lauter und rein sein und auf einen so ernsten Vorsatz gerichtet, daß du nimmermehr in deine falschen Kreaturen eingehen, sondern sie jederzeit verlassen und dein Gemüt von ihnen scheiden willst. So willst du auch jederzeit den lauteren Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit gehen und der Lehre Christi nachfolgen.

60. Und wie du nun die Feinde deiner eigenen Natur zu verlassen gedenkst, so mußt du auch selber all deinen äußeren Feinden vergeben und gedenken, ihnen deine Liebe entgegenzuführen, auf daß es keine Kreatur mehr gebe, die deinen Willen erfassen und dich gefangenhalten kann, sondern daß er lauter und rein von aller Kreatur werde.

61. Auch deine zeitlichen Ehren und Güter um Christi willen, so das sein kann, sollst du gern verlassen wollen und dich keiner Dinge mehr annehmen, die irdisch sind, um sie zu lieben. Im Gegenteil, du solltest dich in deinem Stande und deinen zeitlichen Ehren und Gütern nur für einen Diener Gottes und deiner Nebenchristen achten wollen, wie ein Haushalter Gottes in deinem Amt. Die hochmütigen Augen eigener Liebe müssen gebrochen und gedemütigt werden, damit keinerlei Kreaturen darin bleiben, welche die Sinne in Bilder hineinführen.

62. Damit kannst du fest überzeugt sein, die verheißene Gnade im Verdienst Jesu Christi als seine überfließende Liebe zu erreichen, die dich von deinen Kreaturen erlösen, deinen Willen erleuchten und dich mit der Liebeflamme entzünden wird, so daß du den Teufel besiegen kannst.

63. Nicht daß du selbst etwas tun könntest oder wolltest, sondern das Leiden und Auferstehen Christi sollst du dir verinnerlichen und zum Eigentum in dich fassen, um damit das Reich des Teufels in dir stürmen und zerbrechen und deine eigenen Kreaturen töten zu wollen. Diesen Vorsatz sollst du dir machen und noch diese Stunde den Weg betreten und ewig nicht mehr davon weichen wollen, sondern deinen Willen in allen Wünschen und Taten Gott ergeben, so daß Er mit dir wirke und tue, was Er wolle.

64. Wenn nun dein Wille mit Vorsatz so bereitet ist, dann hat er deine eigenen Kreaturen durchbrochen und steht lauter und rein vor Gott mit dem Verdienst Jesu Christi umgeben. Jetzt kann er mit dem verlorenen Sohn zum Vater kommen und vor seinem Angesicht vor Ihm niederfallen, kann seine Beichte vor Ihm ausschütten und alle seine Kräfte in dieses Wirken setzen. Dann kann er seine Sünde und sein Ungehorsam samt seiner Abwendung vor Gott beichten, nicht mit bloßen Worten, sondern mit ganzer Kraft, auch wenn es nur ein solcher Vorsatz ist, denn die Seele vermag selber nichts.

65. Wenn du nun so bereitet sein wirst, daß der ewige Vater deine Ankunft sehen kann, wie du in solcher Buße und Demut wieder zu Ihm kommst, dann wird Er in dich einsprechen und sagen: »Siehe, das ist mein Sohn, den ich verloren hatte. Er war tot und ist wieder lebendig geworden. (Luk. 15.24)« Dann wird Er dir mit der Gnade und Liebe Jesu Christi entgegenkommen, dich mit dem Strahl der Liebe umfangen und mit seinem Geist der Kraft küssen. Allda wirst du Kraft bekommen, deine Beichte vor Ihm auszuschütten und kraftvoll zu beten.

66. Und hier ist nun die rechte Stätte, um in solchem göttlichen Anblick zu ringen. Wenn du hier feststehen und nicht davon weichen kannst, dann wirst du große Wunder sehen und empfinden. Denn du wirst in dir empfinden, wie Christus die Hölle in dir stürmen und dein Tierwesen zerbrechen wird, wie Aufruhr und Jammer in dir entstehen und deine bisher unerkannte Sünde in dir erwachen wird, die dich wieder von Gott scheiden und zurückhalten will. Dann wirst du recht empfinden, wie Tod und Leben miteinander streiten, und wirst empfinden, was Himmel und Hölle sei.

67. Davon sollst du dich nicht abschrecken lassen, sondern feststehen und nicht abweichen. Dann wird schließlich dein bösartiges Tierwesen matt und schwach werden und zu sterben beginnen. Entsprechend wird dein Wille kräftiger und kann die bösen Neigungen bezähmen. Und so werden dein Wille und Gemüt täglich zum Himmel fahren und deine Kreaturen täglich sterben. Du wirst gar ein neues Gemüt bekommen und beginnen, eine neue Kreatur zu werden, denn du wirst wieder in das (überbildliche) Bild Gottes gewandelt und das Masken-Bildnis (der „Persona“) tierischer Art loswerden. Also kommst du wieder zur Ruhe und wirst von dieser Angst erlöst.

68. Als nun die arme Seele solchen Prozeß und Übung begann und solche Entschlossenheit annahm, vermeinte sie alsbald zu siegen. Aber die Pforte des Himmels und der Gnade blieb ihr in ihrer eigenen Kraft und Vermögen verschlossen, als wäre sie von Gott verstoßen, und sie erlangte keinen Anblick der Gnade. Da dachte sie in sich: „Du bist nicht lauter und rein Gott ergeben. Deshalb willst du nichts von Gott erbitten noch begehren, sondern dich in sein Gericht ergeben, so daß Er deine bösartige (unheilsame) Annehmlichkeit töte. Du willst dich allein zum Grund außer aller Natur und Kreatur in Ihn versenken und dich Ihm ganz ergeben. Er tue mit dir, wie er wolle, denn du bist nicht wert, daß du ihn ansprichst.“ So entschloß sie sich zu versinken und ihren eigenen Willen ganz zu verlassen.

69. Als sie das tat, so kam sie in die allergrößte Reue über ihre begangenen Sünden und beweinte bitterlich ihre Ungestalt und daß die Kreaturen in ihr wohnten. In dieser Reue konnte sie kein Wort vor Gott sprechen, ohne in solcher Reue das bittere Leiden und Sterben unseres Herrn Jesu Christi zu erkennen und welche große Angst und Marter er um ihretwillen gelitten hatte, um sie aus solcher Angst und Not zu erlösen und wieder ins Bild Gottes zu verwandeln. Darin versenkte sie sich ganz und gar, und begann nun, über ihren Unverstand und ihre Nachlässigkeit zu klagen, daß sie Ihm nicht dafür gedankt und solche große Liebe niemals erkannt hatte, und daß sie ihre Zeit so übel zugebracht und nicht wahrgenommen hatte, wie sie solcher Gnade hätte teilhaftig werden können, sondern sich indessen mit der eitlen Lust dieser Welt in irdische Dinge gebildet, davon sie solche tierische Neigung empfangen hatte und nun im Elend gefangen lag, und daß sie nun ihre Augen vor Schande nicht zu Gott erheben dürfe, der sein Antlitz der Kraft vor ihr verberge und sie nicht ansehen wolle.

70. Und als sie in solchem Ächzten und Weinen stand, da wurde sie in den Abgrund der Grausamkeit gezogen, als stünde sie vor der Hölle Pforte und sollte jetzt verderben. Es war ihr, als käme sie von allen Sinnen und wäre nun ganz verlassen, weil sie dabei auch all ihres Tuns und Wesens vergaß, als sollte sie sich dem Tode ganz übergeben und keine Kreatur mehr sein. Also übergab sie sich dem Tode und wollte doch nichts anderes, als nur im Tode ihres Erlösers Jesu Christi gleichfalls sterben und vergehen, der solche große Marter für sie erlitten und für sie gestorben war. Aber in solchem Vergehen begann sie, ganz innig zur Barmherzigkeit Gottes zu seufzen und zu flehen und sich in die allerlauterste und reinste Barmherzigkeit Gottes zu versenken.

71. Als dieses nun geschah, da erschien ihr das freundliche Angesicht der Liebe Gottes und durchdrang sie, wie ein großes Licht. Davon wurde sie zitternd und freudenreich, und sie begann, auf rechte Weise zu beten und dem Allerhöchsten für solche Gnade zu danken und sich ganz innig darüber zu freuen, daß sie von dem Tode und der Angst der Hölle erlöst war.

72. Da schmeckte sie Gottes Süßigkeit und seine verheißene Wahrheit. Und so mußten zugleich alle bösartigen Geister, die sie bis dahin geplagt hatten, von Gottes Gnade aufgehalten von ihr weichen. Daraufhin wurde die Hochzeit des Lammes gehalten und die Vermählung der edlen Weisheit (lat. „Sophia“) mit der Seele, und es wurde ihr der Siegelring des Sieges Christi in ihr Wesen eingedruckt, und sie wurde wieder als Kind und Erbe Gottes angenommen.

73. Als nun solches geschah, wurde die Seele ganz freudenreich und begann, in solcher Kraft zu wirken und die Wunder Gottes zu preisen. Sie vermeinte nun, in solcher Kraft und Freude stets darin zu wandeln. Aber es befiel sie äußerlich von der Welt Spott und Schmach und innerlich große Anfechtung, daß sie zu zweifeln begann, ob ihr Grund aus Gott sei und ob sie gewißlich die Gnade Gottes erlangt hätte.

74. Denn der Lästerer trat zu ihr und wollte ihr diesen Weg vernichten und in Zweifel führen. Und er sprach in sie ein: Es ist nicht von Gott, sondern nur deine Einbildung gewesen.

75. Auch wich ihr das göttliche Licht zurück und glimmte nur noch im inneren Grunde, wie eine Glut unter Asche. So kam es, daß sich die Seele mit ihrem Verstand ganz närrisch und verlassen betrachtete und nicht wußte wie ihr geschah, ob es wirklich wahr wäre, daß sie das göttliche Gnadenlicht geschmeckt hätte. Doch konnte sie auch nicht davon ablassen.

76. Denn die feuerbrennende Liebe Gottes war in sie eingesät, daraus in ihr ein großer Hunger und Durst nach göttlicher Süßigkeit entstand. So fing sie nun erst recht zu beten an und sich vor Gott zu demütigen und ihre bösartige (unheilsame) Neigung der Gedanken zu prüfen und dieselbe zu verwerfen.

77. Dadurch wurde dem (gedanklichen) Verstand sein Wille gebrochen und die bösartig angeborene Neigung mehr und mehr getötet. Das geschah der Natur des Leibes äußerst leidvoll, und er fiel in eine Ohnmacht gleich einer Krankheit, obwohl es doch keine natürliche Krankheit war, sondern nur eine Melancholie der irdischen Natur des Leibes, weil ihm seine falsche Lust zerbrochen wurde.

78. Als sich nun der irdische Verstand so verlassen fand, und die arme Seele sah, daß sie äußerlich vom Spott der Welt verhöhnt wurde, weil sie nicht mehr auf dem gottlosen Weg wandeln wollte, und auch innerlich vom Lästerer angegriffen wurde, der ihrer spottete und ihr immerdar der Welt Reichtum, Schönheit und Herrlichkeit vorbildete (bzw. vorgaukelte), und ihre Entsagung närrisch schätzte, da dachte sie: Oh ewiger Gott, was soll ich nun noch tun, damit ich zur Ruhe komme?!

79. In solcher Betrachtung begegnete ihr wieder die erleuchtete Seele, und sie sprach zu ihr: Was ist dir, mein Bruder, daß du so traurig bist?

80. Darauf antwortete die Seele: Ich bin deinem Rat gefolgt und habe dadurch den Anblick göttlicher Süßigkeit erlangt, aber sie ist wieder von mir gewichen, und jetzt stehe ich verlassen und in großer Anfechtung: Von außen vor der Welt, denn alle meine guten Freunde verlassen mich und spotten meiner. Und von innen werde ich mit Angst und Zweifel angefochten und weiß nicht mehr, was ich nun tun soll.

81. Die erleuchtete Seele sprach: Du gefällst mir jetzt wohl, denn jetzt wandert unser lieber Herr Christus mit und in dir seine Pilgerstraße auf Erden, wie er es hier in dieser Welt getan hat, als Ihm auch überall widersprochen wurde und er hier nichts Eigenes hatte. Jetzt trägst du sein Malzeichen. Wundere dich nicht darüber, denn so soll es sein, auf daß du erprobt und geläutert werdest.

82. Denn in solcher Trübsal wirst du Ursache haben, oft zu beten und nach der Erlösung zu hungern, und in solchem Hunger und Durst ziehst du die Gnade von innen und außen in dich.

83. Denn du mußt von oben und unten wieder ins Bild Gottes wachsen, gleichwie ein junger Baum vom Wind bewegt wird und in Hitze und Kälte stehen muß, und in solcher Bewegung von oben und unten Kraft in sich zieht und manchen Sturmwind ausstehen muß, so daß er in großer Gefährlichkeit steht, bis er ein starker Baum wird und Frucht trägt. Denn in solcher Bewegung wird der Sonne Kraft in ihm wirksam, so daß die wilden (wesentlichen) Eigenschaften des Baumes von der Sonne Kraft durchdrungen und hervorgebracht werden, damit sie wachsen.

84. Erst jetzt sollst du deinen ritterlichen Kampf im Geiste Christi bestehen und selber mitwirken, denn jetzt gebiert in dir der ewige Vater seinen Sohn durch seine Feuersmacht, der sein Feuer in eine Liebesflamme wandelt, so daß aus Feuer und Licht nur ein Einiges Wesen wird, welches ein wahrer Tempel Gottes ist.

85. Jetzt sollst du im Weinberg Christi an seinem Weinstock grünen und mit Lehre und Leben Früchte tragen und deine Liebe wie ein guter Baum fruchtbar beweisen. Denn so muß das Paradies in dir selber wieder durch Gottes Zorn ausgrünen und die Hölle in dir in Himmel verwandeln.

86. Darum laß dich von der Anfechtung des Teufels nicht beirren, denn er kämpft um sein besessenes Reich in dir. Wenn er nun verliert, dann steht er in Schande und muß ganz von dir weichen. Darum bedeckt er dich von außen mit dem Spott der Welt, damit seine Schande nicht erkannt werde und du der Welt verborgen bleibst.

87. Denn du stehst mit deiner neuen Geburt im Himmel in göttlicher Harmonie. Darum sei geduldig und warte auf den Herrn! Was dir dann immer geschieht, da denke nur, daß es vom Herrn um deiner Besserung willen geschehe. Und also schied die erleuchtete Seele von ihr.

88. So fing nun die bekümmerte Seele ihren Lauf unter der Geduld Christi an, trat voller Hoffnung in göttliches Vertrauen und wurde von Tag zu Tag mächtiger und kräftiger. Damit erstarben ihre bösartigen Neigungen mehr und mehr in ihr, bis sie in eine große und reiche Gnade gesetzt wurde, ihr die Pforten göttlicher Offenbarung aufgetan wurden und sich das Himmelreich in ihr offenbarte.

89. So kam sie wieder in die rechte Ruhe und wurde wieder ein Kind Gottes. Dazu helfe uns allen Gott! Amen.

Verwendete Quellen zur deutschen Überarbeitung

Jacob Böhme's sämmtliche Werke, Band 6, Johann Umbrosius Barth, 1846
Theosophia Revelata, Band 5, Jacob Böhme, 1730


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