Das Mysterium Magnum

(Text von Jacob Böhme 1623, deutsche Überarbeitung 2022)

Das Mysterium Magnum („das große ganzheitliche Geheimnis“) und eine Erklärung über das erste Buch von Moses.

Von der Offenbarung des göttlichen Wortes durch die drei Prinzipien göttlichen Wesens, auch vom Ursprung der Welt und der Schöpfung, darin das Reich der Natur und das Reich der Gnade erklärt wird.

Zum besseren Verständnis des Alten und Neuen Testaments, was Adam und Christus sei, und wie sich der Mensch im Licht der Natur selbst erkennen und betrachten soll, was er ist, und worin sein zeitliches und ewiges Leben, wie auch seine Seligkeit oder die Verdammnis bestehen. Eine Erklärung des Wesens aller Wesen, dem Liebhaber in göttlicher Gabe weiter nachzusinnen.

Geschrieben im Jahr 1623.

Vorrede des Autors an die Leser

1. Wenn wir diese sichtbare Welt mit ihrem Wesen und das Leben der Kreaturen betrachten, dann finden wir daran das Gleichnis der unsichtbaren geistigen Welt, welche in der sichtbaren Welt verborgen ist, wie die Seele im Leib, und sehen daran, daß der verborgene Gott allem nahe und durch alles ist, doch dem sichtbaren Wesen ganz verborgen.

2. Ein Beispiel haben wir am Gemüt des Menschen, das ein unsichtbares Feuer ist, das zu Licht und Finsternis, wie zu Freude und Leid neigt, und doch an sich selbst keines derselben ist, sondern nur eine Ursache dazu, ein unsichtbares unbegreifliches Qual-Feuer, und doch nach seinem eigenen Wesen in nichts anderes eingeschlossen, als nur allein in den Willen des Lebens.

3. Der Leib kann das Gemüt nicht begreifen, aber das Gemüt begreift den Leib und führt ihn zu Lieb und Leid. So ist auch die Kraft von Gottes Wort zu verstehen, das den sichtbaren empfindlichen Elementen verborgen ist und doch durch und in den Elementen wohnt, und durch das empfindliche Leben und Wesen wirkt, wie das Gemüt im Leib.

4. Denn die sichtbaren und empfindbaren Dinge sind ein (begreifbares) Wesen des Unsichtbaren. Denn vom Unsichtbaren und Unbegreifbaren ist das Sichtbare und Begreifbare gekommen. Vom Aussprechen oder Aushauchen der unsichtbaren Kraft ist das sichtbare Wesen geworden. Und das unsichtbare geistige Wort der göttlichen Kraft wirkt mit und durch das sichtbare Wesen, wie die Seele mit und durch den Leib.

5. Der innere geistige Seelenmensch ist durch das Einsprechen oder Einblasen vom unsichtbaren Wort der göttlichen Kräfte in das sichtbare Bild eingesprochen worden, und vom geschaffenen Bild zur Vernunft, in der des Menschen Wissenschaft und Erkenntnis des unsichtbaren und sichtbaren Wesens steht.

6. So hat nun der Mensch vom unsichtbaren Wort Gottes die Macht zum Wiederaussprechen empfangen, damit er das verborgene Wort der göttlichen Wahrnehmung (Scienz) wieder in Formen und Unterschiedlichkeit ausspricht, nämlich auf Art der zeitlichen Kreaturen. Und dieses geistige Wort bildet entsprechend die lebhaften und wachsenden Dinge, dadurch die unsichtbare Weisheit Gottes mit dieser Bildung in unterschiedliche Formen modelliert wird. Wie solches vor Augen steht, so daß die menschliche Vernunft alle Kräfte in ihrer Eigenschaft ausspricht und allen Dingen Namen gibt, entsprechend der Eigenschaft eines jeden Dinges. Dadurch wird die verborgene Weisheit in ihrer Kraft erkannt und verstanden und der verborgene Gott mit den sichtbaren Dingen offenbar, nämlich zum Spiel der göttlichen Kraft, damit das Unsichtbare mit dem Sichtbaren spiele und sich darin in die Empfindlichkeit und Findlichkeit seiner selbst hineinführe.

7. In gleicher Weise, wie sich das Gemüt mit dem Leib und durch den Leib in die Sinne und Gedanken hineinführt, dadurch es wirkt und sich empfindlich macht, so wirkt auch die unsichtbare Welt durch die sichtbare und mit der sichtbaren. Doch nun sollten wir nicht denken, daß man die verborgene göttliche Welt nicht ergründen könnte, was sie sei und was ihre Wirkung und Wesen ist. Denn am sichtbaren Wesen der Kreation sehen wir eine Gestaltung der inneren geistigen Wirkung aus der Kraftwelt.

8. Und wir sollen nicht anders von Gott denken, als daß er der inwendigste Grund aller Wesen sei, und doch so, daß er von keinem Ding ergriffen werden kann, aus des Dinges eigener Gewalt. Sondern wie sich die Sonne mit ihrem Licht und ihrer Kraft in die empfindlichen lebhaften Dinge hineinführt und mit allen Dingen wirkt und sich darin mit in ein Wesen hineinführt, so ist es auch vom göttlichen Wort bezüglich des Lebens der Kreaturen zu verstehen.

9. Weil nun diese sichtbare Welt das ausgesprochene geformte Wort nach Gottes Liebe und Zorn ist, nämlich nach dem Mysterium Magnum (dem „großen Geheimnis“) der ewigen geistigen Natur, deren geistige Welt in der sichtbaren verborgen ist, und die menschliche Seele ein Funke aus dem ewigsprechenden Wort der göttlichen Wahrnehmung und Kraft ist, und der Leib ein Sein (Ens) der Sterne und Elemente, sowie nach dem inneren Grund ein Sein des Himmels als der verborgenen Welt, deshalb hat er (der Mensch) die Macht, vom Mysterium Magnum zu reden, aus dem alle Wesen entstanden sind.

10. Weil uns nun die großen Mysterien, aller Dinge Anfang und Ursprung, durch göttliche Gnade begegnen, so daß wir diese in wahrer Erkenntnis mit dem eingesprochenen Wort der göttlichen Wahrnehmung verstehen können, nämlich durch den Grund der Seele, so wollen wir dessen Grund, soweit es uns zugelassen wird, in diesem Buch aufschreiben, uns selber zu einer Erinnerung und dem Leser zur Übung göttlicher Erkenntnis.

11. Und wollen andeuten, 1) was das Zentrum und der Grund aller Wesen sei, 2) was die göttliche Offenbarung durch das Sprechen des göttlichen Wortes sei, 3) wie Gutes und Böses aus einem einigen Grund entstehen, wie zum Beispiel Licht und Finsternis, Leben und Tod oder Freude und Leid, und wie das in seinem Grund sei, auch wozu jedes Wesen und die Qual nützlich und unvermeidlich sind, 4) und wie alle Dinge ihren Grund vom Mysterium Magnum haben (dem „ganzheitlichen Geheimnis“), nämlich vom Aushauchen des ewigen Einen, 5) wie sich das ewige Eine in Empfindlichkeit, Findlichkeit und Unterschiedlichkeit zu seiner Selbstwahrnehmung und zum Spiel der ewigen Kraft hineinführt, 6) wie man zu wahrer Erkenntnis Gottes und zum Erkennen der ewigen und zeitlichen Natur kommen kann, 7) auch wie man in wahre Beschaulichkeit des Wesens aller Wesen kommen kann, 8) auch von der Schöpfung, der Welt und aller Kreaturen, 9) und dann von des Menschen Ursprung, Fall und Wiederbringung, was er nach dem ersten adamischen Menschen im Reich der Natur ist, und was er in der neuen Wiedergeburt im Reich der Gnade ist, und wie die neue Wiedergeburt geschehe, 10) und auch, was das Alte und Neue Testament ein jedes in seinem Verständnis sei.

12. Und solche Erklärungen wollen wir durch alle Kapitel des ersten Buchs von Moses ausführen und andeuten, wie das Alte Testament eine Vorbildung des Neuen sei, was bei den Geschichten der heiligen Erzväter zu verstehen ist, warum sie der Geist Gottes in Moses aufschreiben ließ, worauf die Figuren dieser aufgeschriebenen Historien absehen, und wie der Geist Gottes in seinen Kindern vor Christi Zeiten in der Vorbildung des Reiches Christi mit ihnen gespielt habe, darin sich Gott diesen Gnadenthron Christus, durch den er seinen Zorn tilgen und die Gnade offenbaren wollte, allezeit vorgestellt hat.

13. Und wir erklären, wie die ganze Zeit dieser Welt wie in einem Uhrwerk vorgebildet worden war, wie es danach in der Zeit weitergehen werde, und was die innere geistliche Welt und dann die äußere materialistische Welt sei, sowie der innere geistige Mensch, und dann der äußere vom Wesen dieser Welt, wie Zeit und Ewigkeit ineinander sind, und wie man das alles verstehen könne.

14. Wenn es nun geschieht, daß unsere Schriften wirklich gelesen würden, aber vom Leser dies nicht gleich begriffen und verstanden werden kann, weil solcher Grund (der doch durch das Licht der Natur sowie mit der Schrift ganz übereinstimmt und begründet ist) bisher eine lange Zeit fast dunkel gewesen war, aber nun durch göttliche Gnade der einfältigen Einfalt gegeben wird, dann möge der Leser solches nicht nach dem Brauch der bösartigen Welt verwerfen, sondern auf den Grund der Practica (bzw. Realität) sehen, die darin angedeutet wird, und sich dazu bemühen, und Gott um Licht und Verstand bitten. Dann wird er schließlich unseren Grund wohl verstehen, und das wird ihm sehr lieb und angenehm sein und werden.

15. Aber den Stolzen und Vorherklugen, und doch Unwissenden, deren Bauch ihr Gott ist, welche allein am Tier der babylonischen Hure hängen und sich von ihrem Gift tränken, und mutwillig in Blindheit und in des Teufels Fischernetz sein wollen, haben wir nichts geschrieben, sondern ein festes Schloß vor den Verstand der Torheit mit dem Geist unserer Erkenntnis gelegt, um unseren Sinn nicht zu ergreifen. Denn sie sind dessen auch nicht wert, weil sie mutwillig dem Satan dienen wollen und nicht Gottes Kinder sind.

16. Aber den Kindern Gottes wollen wir klar und gründlich verstanden sein und herzlich gern unsere, von Gott gegebene Erkenntnis mitteilen, weil die Zeit solcher Offenbarung geboren ist. So mag ein jeder sehen, was er richtet, denn ein jeder wird seinen Lohn davon haben. Und so empfehlen wir ihn in die Gnade der sanften Liebe Jesu Christi. Amen.


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