Die drei Prinzipien Göttlichen Wesens

(Text von Jacob Böhme von 1619, deutsche Überarbeitung 2021)

27. Kapitel - Das Jüngste Gericht und ewige Leben

Vom Jüngsten Gericht, der Auferstehung der Toten und dem ewigen Leben. - Die sehr schreckliche Pforte der Gottlosen, aber auch die freudenreiche Pforte der Heiligen.

27.1. Wir wissen (1.), daß uns Christus gelehrt hat, daß ein Gericht abgehalten werden soll, nicht allein wegen der Bestrafung der Verächter Gottes und der Belohnung der Guten, sondern auch wegen der Kreatur und Natur, damit sie irgendwann die Eitelkeit loswürde. Und wir wissen (2.), daß das Wesen dieser Welt mit seiner Qual-Qualität vergehen muß. Es müssen also Sonne, Mond und Sterne, wie auch die vier Elemente in solcher Qual vergehen, und alles wiederhergebracht werden, weil dann das Leben durch den Tod hindurch grünen und die Bildung aller Wesen vor Gott ewig stehen wird, zu welchem Ziel es ja geschaffen war. So wissen wir auch (3.), daß unsere Seelen unsterblich sind, geboren aus dem ewigen Band (von Ursache und Wirkung). Denn wenn diese Welt vergeht, dann vergeht zwar ihr (gestaltetes) Wesen, was aus ihr geboren wurde, aber es bleibt doch die Tinktur im Geist.

27.2. Darum, oh Mensch, bedenke dich hier in dieser Welt, wo du in der Geburt stehst! Du wirst wie ein kleines Körnlein gesät, und aus dir wächst ein Baum. So schaue doch nun, in welchem Acker du stehst, und ob du wie ein Holz zum großen Gebäude Gottes in seiner Liebe befunden werden kannst und nicht wie ein Holz zu einem Steg, den man mit Füßen betritt, oder was noch übler ist, das man zum Feuer gebraucht, so daß nur seine Asche bleibt und zu Erde wird.

27.3. Dann wird dir gesagt, daß dein Holz von deiner Seele im letzten Feuer brennen, deine Seele wie eine Asche im Feuer bleiben und dein Leib wie schwarzer Ruß erscheinen wird. Warum willst du denn in einer Wüste oder auf einem Felsen stehen, wo kein Wasser (des Lebens) ist? Wie soll dann dein Baum wieder grünen?

27.4. Ach, was für ein großes Elend, daß wir nicht wissen, in welchem Acker wir wachsen und was für Essenzen wir an uns ziehen, wenn doch (schließlich) unsere Frucht gesehen und gekostet wird! Wird sie so lieblich sein, um auf Gottes Tisch zu stehen, oder wird sie vor des Teufels Säue geworfen werden? Darum laß es dich erwägen und siehe zu, daß du im Acker Christi wächst und Frucht bringst, die man auf Gottes Tisch braucht, welche nimmer verwest, sondern immer quillt (und lebt), und je mehr man davon ißt, desto lieblicher sie sei. Wie wirst du dich dann freuen im Herrn!

27.5. Entsprechend wird das Jüngste Gericht betrachtet, weil wir wissen, wie alles Dingliche seinen Anfang genommen und also auch sein Ende hat. Denn es war vor den Zeiten der Welt nichts als das ewige Band (von Ursache und Wirkung), das sich selber machte, und im Band der Geist, und der Geist in Gott, der das höchste Gut ist, das seit Ewigkeit immer war und niemals einen Anfang genommen hat. Aber diese Welt hatte einen Anfang aus dem ewigen Band, nämlich in der Zeit.

27.6. Denn diese Welt macht eine Zeit, und darum muß sie vergehen. Und wie sie ein Nichts war, so wird sie wieder ein Nichts, denn der Geist schwebte im Äther (bzw. Raum), und darin wurde der Limbus (Samen) geboren, welcher vergänglich ist und aus welchem alle Dinge kommen. Und weil doch kein anderer Schnitzer war, als der Geist in den Essenzen oder der Vulcanus (römischer Gott des Feuers und der Schmiedekunst), so waren (bzw. existierten) auch keine Essenzen, sondern sie wurden im Willen des Geistes geboren. Darin besteht der Schnitzer, der alle Dinge aus dem Nichts, nur allein aus dem Willen geschnitzt hat. Wenn es also aus dem ewigen Willen geschnitzt wurde, dann ist es im (gestalteten) Wesen nicht ewig, sondern nur im Willen. Und so steht diese Welt nach dem Zerbrechen (bzw. Vergehen) des Wesens gänzlich im Willen, als eine Bildung zu Gottes Wundertat.

27.7. So wissen wir, daß wo ein Wille ist, dieser sich fassen muß, weil es ein Wille ist, und das Fassen bewirkt ein Anziehen, und das Angezogene steht im Willen und ist dicker (bzw. substantieller) als der Wille. Und das bewirkt des Willens Finsternis und eine Qual in der Finsternis. Denn der Wille will frei sein, aber kann doch nicht frei sein, es sei denn, er geht in sich aus der Finsternis wieder aus. Also bleibt die Finsternis im ersten Willen, und der wiedergefaßte (ausgegangene) Wille bleibt in sich selbst im Licht.

27.8. So geben wir euch zu verstehen, daß diese Welt aus dem finsteren Willen (durch die Bewegung des Willens) erschaffen wurde, und der Ausgang aus dem Willen in sich selbst ist Gott, und der Ausgang aus Gott ist der Geist, der sich im finsteren Willen erblickt hat, und der Blick waren die Essenzen, und der Vulcanus war das Rad des Gemüts, das sich in sieben Gestaltungen teilte, wie vorn erklärt wurde. Und eine jede dieser sieben Gestaltungen teilte sich unendlich in sich selber wieder, entsprechend dem Erblicken des Geistes.

27.9. Und darin stehen die (gestalteten) Wesen aller Wesen, und das geschieht alles in großen Wundern. So ist unsere ganze Lehre (bzw. unser ganzes Lernen) nur darauf gerichtet, daß wir Menschen in die lichtvollen heiligen Wunder eingehen sollen. Denn am Ende dieser Zeit wird alles offenbart werden und ein jedes stehen, worin es gewachsen ist. Und wenn dann das Wesen vergeht, das es jetzt hält und gebiert, dann ist eine Ewigkeit.

27.10. So sehe nun ein jeder, wie er seinen Verstand gebrauche, damit er in den Wundern Gottes in großen Ehren stehe. Wir wissen ja, daß diese Welt im Feuer vergehen soll, aber kein Feuer von Holz oder Kraut, denn das würde keinen Stein zu Asche und Nichts machen. So wird sich auch kein Feuer aufhäufen, wo diese Welt hineingeworfen werden sollte. Sondern das Feuer der Natur entzündet sich in allen Dingen und wird jedem Ding seinen Leib, oder das, was begreiflich war, zerschmelzen und zu Nichts machen.

27.11. Denn so, wie alles im Schöpfungswort nach dem (bzw. durch den) Schnitzer gehalten und geschaffen wurde - welcher ein ganzheitlicher Schnitzer in allen Dingen mit den sieben Geistern der Natur war, der nichts zerbrach, als er das schnitzte, auch nicht eines vom andern abtrennte, als er es gemacht hatte, sondern ein jedes schied sich selber und stand im Qual-Quell seiner Essenzen - so wird es auch nicht viel Polterns, Donnerns, Blitzens und Zerbrechens bedürfen, wie die Welt zu Babel lehrt, sondern ein Jedes vergeht in sich selber. Die Qual-Quellung der Elemente hört auf, wie ein Mensch im Tod, und alles vergeht in den Äther (bzw. Raum).

27.12. Und zu jener Zeit, bevor solch ein Gebäude vergeht und in den Äther tritt, kommt der Richter der Lebendigen und Toten. Da müssen ihn alle Menschen in seinem und ihrem Fleisch sehen, und alle Toten müssen durch seine Stimme auferstehen und vor ihm stehen. Dann wird die englische Welt offenbar, und alle Geschlechter der Erde werden heulen, welche nicht im Leib Christi ergriffen wurden. Und dann werden sie entsprechend in zwei Herden geschieden, und das Urteil Christi geht über alle, Böse und Gute. Und da beginnt ein Jammern, Zittern, Schreien und sich selber Verfluchen, die Kinder die Eltern, und die Eltern die Kinder, und sie wünschten, daß sie nie von ihnen geboren wurden.

27.13. So verflucht ein Gottloser den anderen, der ihn zur Gottlosigkeit verursacht hat: der Untere den Obern, der ihm Ärgernis gab, und der Laie den Pfaffen, der ihn mit unheilsamen Beispielen ärgerte und mit falscher Lehre verführte. Der falsche Flucher und Lästerer zerbeißt seine Zunge, die ihm solchen Mord angetan hat, das Gemüt zerstößt den Kopf gegen einen Felsen, und der Gottlose verkriecht sich in die Klippen vor dem Schrecken des Herrn. Denn es ist ein großes Schrecken und Beben in den Essenzen vom Zorn und Grimm des Herrn. Die Angst zerbricht das Herz, aber es gibt kein Sterben, denn der Zorn ist lebendig und das Leben des Gottlosen quillt im Zorn. Da verflucht der Gottlose Himmel und Erde, die ihn getragen haben, und das Gestirn, das ihn geleitet hat, und die Stunde seiner Geburt, denn nun steht ihm all seine Unreinheit vor Augen und er sieht die Ursachen seines Schreckens. So verdammt er sich selber und kann den Gerechten vor Schande nicht anschauen, denn alle seine Werke stehen ihm in seinem Gemüt und schreien „Oh Weh!“ in den Essenzen über seinen Macher. Alle klagen ihn an, und die Tränen aller Beleidigten werden feurig wie beißende Würmer. Er begehrt Abstinenz (Erleichterung bzw. Flucht), aber es gibt keinen Tröster. Und so kommt ewige Verzweiflung in ihm auf, denn die Hölle erschreckt ihn.

27.14. So erzittern auch die Teufel vor der Entzündung des Zorns, deren Vorstellung den Gottlosen unter den Augen steht, denn sie sehen die englische Welt vor sich, aber das höllische Feuer in sich. Und sie sehen, wie alles Leben brennt, ein jedes in seiner Qual-Qualität, in seinem eigenen Feuer. Und die englische Welt brennt im Triumph in der Freude, im Licht der Klarheit, und erscheint wie die helle Sonne, die kein Teufel noch Gottloser vor Schande anblicken darf, denn sie steht im Lob, daß der Treiber gefangen ist.

27.15. Hier wird das Gericht besetzt, und alle Menschen, lebendige und tote, müssen vor diesem stehen, ein jeder in seinem Leib. Dazu wird auch der englische Chor der heiligen Menschen zum Gericht gesetzt, die wegen des Zeugnisses von Jesus Christus ermordet wurden. Da stehen die heiligen Väter der Stämme Israels und die heiligen Propheten mit ihrer Lehre, und alles ist offenbar: Was sie gelehrt haben, das steht den Gottlosen vor Augen, und davon sollen sie Rechenschaft geben, von allen Mordtaten an den Heiligen. Denn der Ermordete, der wegen der Wahrheit getötet wurde, steht nun seinem Mörder vor Augen, und dem soll der Mörder um sein Leben antworten, aber er hat nichts, sondern verstummt. All seine Lästerung, die er auf den Gerechten geschüttet hat, steht hier vor ihm im Wesen und wird eine Substanz, aus der ihm das Gesetz gelesen wird.

27.16. Wo sind nun deine Gewalt, deine Ehre, dein großer Reichtum, deine Pracht und Schönheit? Wo ist deine Kraft, mit der du den Armen erschreckt und das Recht nach deinem Mutwillen gebeugt hast? Siehe, es ist alles im Wesen und steht vor dir! Der Beleidigte liest dir dein Latein (die Anklageschrift), und da wird alles angeklagt, was in dieser Welt falsch gesprochen wurde, und du bleibst in deinem Unrecht ein Lügner und mußt von dem verurteilt werden, den du hier in Falschheit verurteilt hast. Alles Lügen und Betrügen steht im Wesen offenbar, denn alle deine Worte stehen in der Tinktur im Wesen der Ewigkeit vor dir und sind dein Spiegel (in dem du dich erkennst). Sie werden dein ewiges Nage-Hündlein und (nicht) das Buch deines Trostes sein. Darum bedenke dich, was du tun wirst! Wirst du dich nicht selber verfluchen und verurteilen?!

27.17. Dagegen stehen die Gerechten mit unaussprechlich großer Freude, und ihre Freude steigt im Quellbrunnen des Heiligen Geistes auf. Denn all ihre gehabte Traurigkeit steht vor ihnen im Wesen und erscheint, wie sie im Unrecht erlitten wurde. Entsprechend steigt ihr Trost im Leib von Jesus Christus auf, der sie aus so großem Trübsal erlöst hat. Alle ihre Sünden sind abgewaschen und erscheinen schneeweiß. Da danken sie ihrem Bräutigam, der sie aus solcher Not und Elend, darin sie hier gefangen lagen, erlöst hat, und es ist eine reine herzliche Freude, daß der Treiber zerbrochen wird. Und alle ihre guten Werke, Lehren und Taten erscheinen vor ihnen, und auch alle Worte ihrer Lehre und Strafe, mit denen sie dem Gottlosen den Weg gewiesen haben, stehen in der Bildung.

27.18. Da wird der Fürst und Erzhirte Jesus Christus sein Urteil ergehen lassen, und »zu den Frommen sagen: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch von Anbeginn bereitet gewesen ist! Ich war hungrig, durstig, nackt, krank, gefangen und elend gewesen, und ihr habt mich gespeist, getränkt, bekleidet, getröstet und seid in meinem Elend zu mir gekommen. Darum geht zur ewigen Freude ein!“ Und sie werden antworten: „Herr, wann haben wir dich hungrig, durstig, nackt und gefangen oder im Elend gesehen und haben dir gedient?“ Und er wird sagen: „Was ihr dem Geringsten unter diesen meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan!“ Und zu den Gottlosen wird er sprechen: „Geht weg von mir, ihr Vermaledeiten (bzw. Verfluchten), in das ewige Feuer! Denn ich bin hungrig, durstig, nackt, gefangen und elend gewesen, aber ihr habt mir nicht gedient.“ Und sie werden antworten: „Herr, wann haben wir dich jemals so gesehen, und dir nicht gedient?“ Und er wird sprechen: „Was ihr den Armen und Geringsten unter diesen meinen Brüdern nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan!“ Und sie müssen sich von ihm scheiden. (Matth. 25.35

27.19. Und im Augenblick der Scheidung vergehen Himmel und Erde, Sonne und Mond, Sterne und Elemente, und dann gibt es auch keine Zeit mehr.

27.20. Da zieht bei den Heiligen das Unverwesliche das Verwesliche in sich, und so wird der Tod und dieses irdische Fleisch verschlungen, und wir alle leben im großen und heiligen Element des Leibes von Jesus Christus in Gott dem Vater, und der Heilige Geist ist unser Trost. Und mit dieser Welt und unserem irdischen Leib vergehen auch alle Erkenntnisse und Wissenschaften von dieser Welt, und wir leben wie die Engel und essen paradiesische Frucht. Hier gibt es keine Schrecken, keine Angst und keinen Tod mehr, denn das Prinzip der Hölle mit den Teufeln wird in dieser letzten Stunde zugeschlossen, und so kann eines das andere ewig nicht mehr sehen, noch einen Gedanken vom anderen fassen. Die Eltern werden nicht an ihre gottlosen Kinder in der Hölle denken, wie auch die Kinder nicht an ihre Eltern, denn alles wird vollkommen sein und das Stückwerk hört auf.

27.21. Dann wird im Paradies diese Welt mit ihrer Bildung im Schatten stehenbleiben, denn das Wesen der Gottlosen vergeht darin und bleibt in der Hölle, weil einem jeden seine Werke nachfolgen. Dann wird ewige Freude über die Bildungen aller Dinge und die schöne Frucht des Paradieses sein, die wir ewig genießen werden. Dazu helfe uns die Heilige Dreifaltigkeit, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.

Was hier noch fehlt, das suche in einem anderen Teil dieser Schrift, besonders von Moses und allen Propheten sowie vom Reich Christi.

Wahrhafter Unterricht für das verwirrte Babel

Den Suchenden zum Trost, zur Entgegnung gegen die Spötter und zum Zeugnis.

27.22. Wenn sich jetzt so mancherlei Lehren und Meinungen eröffnen, soll der Spötter, der nur von dieser Welt geboren ist, nicht gleich auffahren und alles auf einen Haufen werfen, was er nicht begreift, denn es ist nicht alles falsch. Vieles ist durch den Himmel geboren, der jetzt ein anderes Zeitalter (Säculum) bewirken will. Dieser zeigt sich mit seiner Kraft aufs höchste und sucht die Perlen. Er wollte gern die Tinktur in seinem Wesen eröffnen, damit die Kraft der Gottheit in ihm erscheine und er die Eitelkeit loswürde. Das war in allen Zeitaltern geschehen, wie es die Historien geben, dem Erleuchteten wohl erkenntlich.

27.23. Denn viele suchen jetzt, die da auch finden: einer Gold, der andere Silber, einer Kupfer und der andere Zinn. Und das sollte nicht von den Metallen verstanden sein, sondern vom Geist in der Kraft, im großen Wunder Gottes und im Geist der ewigen Kraft.

27.24. Wenn nun so in den Mysterien gesucht wird, durch den Trieb und die Anregung des Geistes Gottes, dann sucht ein jeder mit seiner Gestalt in seinem Acker, in welchem er steht, und darin findet er auch und bringt das Gefundene entsprechend ans Licht, damit es erscheine. Und das ist des großen Gottes Vorsatz, damit er in seinen Wundern offenbar werde. So ist also nicht alles vom Teufel, wie die Welt zu Babel in ihrer großen Narrheit plärrt, wo man alles auf einen Haufen hinwirft und Feierabend machen will, um den Epikureismus an die Stelle zu setzen (die Lehre des griechischen Philosophen Epikur von einer Seelenruhe, die später von seinen Schülern auf sinnlichen Genuß gerichtet wurde).

27.25. Siehe, ich gebe dir ein passendes Gleichnis vom rechten Sämann: Ein Sämann bereitet seinen Acker nach seinem besten Vermögen vor und sät guten Weizen aus. Nun sind aber auch andere Körner unter dem Weizen, und wenn er auch ganz rein wäre, so zieht ihm doch die Erde andere Kräuter und auch Dornen und Disteln unter dem Weizen auf. Was soll aber der Sämann tun? Soll er dann wegen der Disteln und des Unkrauts die Samenkörner der Gewächse ganz verwerfen oder verbrennen? Nein, sondern er drischt sie aus, siebt das Unreine weg und gebraucht die guten Samenkörner zu seiner Kost. Die Spreu gibt er seinem Tier, und mit dem Halm düngt er seinen Acker. So kann ihm alles nützlich sein.

27.26. Damit sei dem Spötter gesagt, daß er wie ein Unkraut ist und vor die Tiere geworfen werden wird. Und wenn nun anderer Samen unter dem Weizen gefunden wird, den er trotz Worfeln und Sieben nicht herausbringen kann, soll er denn darum den Weizen nicht zu seiner Kost gebrauchen? Hat doch ein jedes Korn seine Kraft: Eines stärkt das Herz, das andere den Magen, und das dritte die Glieder. Denn eine Essenz allein macht noch keine Tinktur, sondern alle Essenzen zugleich machen die Sinne und den Verstand.

27.27. Gehe auf eine Wiese und siehe die Blumen und Kräuter an, die alle aus der Erde wachsen. Da ist manches Kraut schöner und wohlriechender als das andere, aber oft hat doch das allerverächtlichste die größere Tugend. Nun kommt der Arzt und sucht, aber wendet sein Gemüt allgemein zu den größten und schönsten Kräutern. Denn weil sie so im Gewächs treiben und im Geruch stark sind, glaubt er, sie sind die besten, obwohl ihm doch oft ein kleines unansehnliches Kraut zur Arznei seines Patienten, den er in der Kur hat, besser dienen würde.

27.28. So gebe ich euch dies zu erkennen: Der Himmel ist wie ein Sämann, Gott gibt ihm Samen, und die Elemente sind der Acker, in dem der Samen gesät wird. Nun hat der Himmel das Gestirn, das auch Gottes Samen empfängt und alles untereinander hinsät. So empfangen die Essenzen der Sterne den Samen im Acker (wie der weibliche Mutterleib den männlichen Samen), inqualieren (wechselwirken) mit ihm und ziehen sich im Kraut mit auf, bis im Kraut wieder ein Samen entsteht.

27.29. Wenn nun die Gewächse vielfältig nach den Essenzen der Sterne geworden sind und gleichwohl der Samen Gottes, der ursprünglich in den Acker gesät wurde, so miteinander wuchs, soll denn nun Gott das ganze Gewächs verwerfen, weil es nicht einerlei Essenz hat? Steht das (vielfältige Leben in der Natur) nicht alles in seinen Wundern und ist eine Freude seines Lebens, um ihm seine Tinktur zu erquicken? So ist das Gleichnis gemeint.

27.30. Darum, mein liebes Gemüt, siehe, was du tust, und richte nicht so geschwind. Werde wegen der vielfältigen Meinungen kein Tier, dem nur die Spreu vom edlen Samen gehört. Denn der Geist Gottes zeigt sich in jedem, der ihn sucht, aber in der jeweiligen Art seiner Essenzen. So ist doch der Samen Gottes mit in die Essenz gesät, und wenn der Sucher in göttlicher Begierde sucht, dann findet er die Perle nach seinen Essenzen, und so werden hiermit die großen Wunder Gottes offenbart.

27.31. Wenn du nun den Unterschied wissen willst, was ein falscher Samen oder Kraut ist, das heißt, ein falscher Geist, in dem nicht die Perle oder der Geist Gottes ist, dann erkenne ihn an seinem Gewächs, Geruch und Geschmack. Ist er ein Aufgeblasener, Eigennütziger, Geiziger, Lästerer oder Verachter der Kinder Gottes, der alles andere unterwirft und Herr darüber sein will, dann wisse, daß es ein verdorbener Samen einer Distel ist, und er wird von Gottes Sämann ausgesiebt werden. Von dem gehe weg, denn er ist ein verwirrendes Rad und hat zu seinem Gewächs weder Grund noch Saft oder Kraft von Gott, sondern wächst wie eine Distel, die nur sticht und sonst keinen guten Samen trägt.

27.32. Der gute Geruch im Kraut, auf den du jetzt in den vielfältigen Meinungen sehen sollst, ist allein die neue Wiedergeburt aus dem alten verdorbenen, adamischen und vermischten Menschen im Leib von Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes, nämlich ein neues Gemüt vor Gott in der Liebe und Demut, welches nicht auf überheblichen Stolz, Geiz und Eigennutz gerichtet ist, auch nicht auf Krieg und vielerlei Empörung der Unteren gegen den Oberen, sondern wie ein Weizenkorn in Geduld und Sanftmut unter den Dornen wächst und seine Frucht zu seiner Zeit gibt.

27.33. So siehe, wo ein solches Gewächs ist, das von Gott geboren wird und die edle Kraft in sich hat. Von den anderen, die Empörung des Unteren gegen den Oberen lehren, entferne dich, denn es sind Disteln, die stechen wollen. Gott wird seinen Weizen selber reinigen.

27.34. Die Lilie wird nicht durch Krieg oder Streit gewonnen werden, sondern in einem freundlichen demütigen Liebe-Geist mit guter (heilsamer) Vernunft, die den Rauch des Teufels durchbrechen und vertreiben und zu seiner Zeit grünen wird. Darum denke niemand, er werde siegen, wenn der Streit beginnt, und dann wird alles gut werden. Und wer unten steht, denke nicht: „Ich bin so ungerecht behandelt worden. Deshalb muß ich die Meinung jener zertreten und helfen, diesen Haufen zu verfolgen.“ Nein, das ist nicht der Weg, denn das ist nur in Babel.

27.35. Ein jeder gehe in sich selbst und mache einen gerechten Menschen aus sich selbst, fürchte Gott und handle wahrhaftig. Er sei sich bewußt, daß sein Werk im Himmel vor Gott erscheine und daß er in jeder Stunde vor Gottes Angesicht steht, und daß ihm alle seine Werke nachfolgen werden. So grünt die Lilie Gottes, und so steht die Welt in Seinem Zeitalter. Amen!


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