Die drei Prinzipien

(Text von Jacob Böhme von 1619, deutsche Überarbeitung 2021)

16. Kapitel - Das Gemüt und die Sinne

Vom edlen Gemüt, von der Vernunft, den Sinnen und Gedanken. Vom dreifachen Geist und Willen, und von der Tinktur der Neigung, was einem Kind im Mutterleib mit angeboren wird. Also (1.) vom Bild Gottes, (2.) vom tierhaften Bild, und (3.) vom Bild des Abgrunds der Hölle und dem Gleichnis des Teufels, die im Einigen Menschen zu erkunden und zu finden sind. - Die edle Pforte der teuren Jungfrau, und auch die Pforte der Weiblichkeit dieser Welt, gar hoch zu betrachten.

16.1. Wenn wir uns nun in der Erkenntnis entsinnen, die uns durch die Liebe Gottes in der edlen Jungfrau der Weisheit Gottes eröffnet wird, nicht nach unserem Verdienst, Frömmigkeit oder Würdigkeit, sondern aus seinem Willen und ursprünglichem ewigen Vorsatz dieser Dinge, die uns in seiner Liebe erscheinen, dann erkennen wir uns freilich viel zu unwürdig zu solcher Offenbarung, zumal wir Sünder sind und alle des Ruhms mangeln, den wir vor ihm haben sollten.

16.2. Dieweil es aber sein ewiger Wille und Vorsatz ist, uns wohlzutun und seine Geheimnisse nach seinem Rat zu eröffnen, so sollten wir nicht widerstreben und das gegebene Pfund in die Erde verscharren, denn wir müssen über dessen zukünftige Entwicklung Rechenschaft geben (Luk. 19.11). So wollen wir also in unserem Weinberg arbeiten und ihm ferner die Frucht anbefehlen, und uns solches zur Erinnerung aufschreiben und es ihm anbefehlen, denn wir können nicht weiter forschen oder mehr ersinnen, als nur das, was wir im Licht der Natur ergreifen können. Denn hier steht unsere offene Pforte, nicht nach dem Maß unseres Vorsatzes, wann und wie wir wollen, sondern nach seinen Gaben, wann und wie er will. Wir können auch nicht den kleinsten Funken von ihm ergreifen, es sei denn, daß uns die Tore der Tiefe in unserem Gemüt aufgetan werden, aus denen der eifrige und hochbegierige entzündete Geist wie ein (heiliges) Feuer kommt, dem der irdische Leib natürlich untertänig ist und keine Mühe scheuen soll, dem begierigen feurigen Gemüt zu dienen. Wenn er auch von der Welt nichts als Schmach und Spott für seine Arbeit zu erwarten hat, soll er seinem Herrn doch gehorsam sein, zumal sein Herr mächtig ist und er selber machtlos, und sein Herr ihn führt und ernährt, er aber in seinem Unverstand nicht weiß, was er tut, sondern wie alle Tiere lebt. Wenn es also sein Wille ist, so zu leben, dann soll er dem teuren Gemüt folgen, das nach der Weisheit Gottes forscht, und das Gemüt soll dem Licht der Natur folgen, denn Gott offenbart sich in diesem Licht, sonst wüßten wir nichts von ihm.

16.3. Wenn wir uns nun im Licht der Natur unseres Gemüts entsinnen, was es sei, das uns so eifrig macht, das da wie ein Licht brennt und gierig wie ein Feuer ist, das da begehrt, an dem Ort zu empfangen, wo es nicht gesät hat, und in dem Land zu ernten, wo der Leib nicht daheim ist, dann begegnet uns die teure Jungfrau der Weisheit Gottes im mittleren Sitz im Zentrum des Lebenslichtes und spricht: „Mein ist das Licht, die Kraft und die Herrlichkeit, und mein ist die Pforte der Erkenntnis. Ich lebe im Licht der Natur, und ohne mich kannst du von meiner Kraft nichts sehen oder erkennen. Ich bin im Licht dein Bräutigam, und deine Begierde nach meiner Kraft ist mein Anziehen zu mir selbst. Ich sitze auf meinem Thron, aber du kennst mich nicht. Ich bin in dir, aber dein Leib ist nicht in mir. Ich unterscheide, aber du siehst es nicht. Ich bin das Licht der Sinne, aber die Wurzel der Sinne ist nicht in mir, sondern neben mir. Ich bin der Bräutigam der Wurzel, aber sie hat ein rauhes Kleid angezogen. So lege ich mich nicht in ihre Arme, bis sie dieses auszieht, und dann will ich in ihren Armen ewig ruhen und die Wurzel mit meiner Kraft zieren, und ich will ihr meine schöne Gestalt geben und mich mit meiner Perle mit ihr vermählen.“

16.4. Es sind drei Wesen, die das Gemüt innehaben und regieren, aber das Gemüt in sich selbst ist der begehrende Wille. Und die drei Wesen sind drei Reiche oder drei Prinzipien: Eines ist ewig, das zweite ist auch ewig, und das dritte ist zerbrechlich. Das Erste hat keinen Anfang, das Zweite wird in dem ewigen und anfangslosen (Wesen) geboren, und das Dritte hat einen Anfang und ein Ende, und so zerbricht (und vergeht) es wieder.

16.5. So ist auch das ewige Gemüt in der großen unerforschlichen Tiefe seit Ewigkeit das unauflösliche Band, der Geist in der Quelle, der sich selbst immer gebiert und nie vergeht. Darin ist im Zentrum der Tiefe der wiedergefaßte Wille zum Licht, und der Wille ist das Begehren, und das Begehren zieht an sich, und das Angezogene macht die Finsternis im Willen, so daß sich im ersten Willen wieder ein zweiter Wille gebiert, um aus der Finsternis zu entfliehen. Dieser zweite Wille ist das Gemüt, das sich in der Finsternis erblickt. Dieser Blick zersprengt nun die Finsternis, so daß sie im Schall und Schreck steht. Daraufhin schärft sich der Blick und steht damit ewig in der zersprengten Finsternis, und die Finsternis steht damit ewig im strengen Schall. Und in der Zersprengung der Finsternis wird der wiedergefaßte Wille frei und wohnt ohne Finsternis in sich selbst. Und der Blick (des Bewußtseins), der die Zertrennung und Schärfe ist, und der Schall sind die Wohnung des Willens oder immerfort gefaßten Gemüts. Und der Schall und die Schärfe des Blicks werden in der Wohnung des Willens von der Finsternis frei, so daß der Blick den Willen erhebt. Dann triumphiert der Wille in der Schärfe des Blicks, und der Wille erblickt sich in der Schärfe des Schalls im Blick des Lichtes ohne Finsternis unendlich in der Zersprengung, und in dieser Unendlichkeit des Blicks ist in jedem Anblick vom Ganzen in die Teile in jedem Gegenblick wieder das Zentrum einer solchen Geburt wie im Ganzen. Und diese Teile sind die Sinne, und das Ganze ist das Gemüt, von dem die Sinne ausgehen. Darum sind die Sinne veränderlich und nicht im (wahren) Wesen, aber das Gemüt ist ganz und im (wahren) Wesen.

16.6. Also, mein lieber Leser, ist auch unser Gemüt das unauflösliche Band, das Gott durch das Schöpfungswort im wallenden Geist aus dem ewigen Gemüt in Adam einblies. Und unsere ewigen Essenzen sind nur ein Teil oder ein Funke aus dem ewigen Gemüt, welches das Zentrum der Zersprengung in sich hat und in der Zersprengung die Schärfe. Und dieser Wille führt den Blick in die Zersprengung, und im Blick des Willens ist die Schärfe der Verzehrung der Finsternis, und der Wille ist unser Gemüt, und der Blick sind die Augen im Feuerblitz, der sich in unseren Essenzen in uns und auch außerhalb von uns erblickt, denn er ist frei und hat beide Pforten offen, zur Finsternis und auch zum Licht. Und wenn er auch in die Finsternis blickt, so zersprengt er doch die Finsternis und macht sich alles licht in sich. Und wo er ist, da sieht er wie unsere Gedanken, die ein Ding über viele Meilen sehen können, obwohl der eigene Leib weit entfernt ist und auch manchmal nie dort gewesen war.

16.7. Dieser Blick geht durch Holz und Steine, durch Mark und Gebeine, und nichts kann ihn aufhalten, denn er zersprengt (ohne den Körper der vielerlei Dinge zu zerbrechen) überall die Finsternis, und der Wille ist sein Reitpferd, auf dem er reitet. (Hier muß man aber wegen der teuflischen Verschwörung viel schweigen. Sonst könnten wir hier noch viel eröffnen, denn hier wird der magische Zauberer geboren.)

16.8. Nun ist aber der erste Wille im Gemüt aus der strengen Ängstlichkeit, und sein Blick im Ursprung ist der bittere, strenge Feuerblitz in der Schärfe, der das Regen und Schallen sowie das Sehen im Schein der Schärfe des Blitzes macht, so daß die wiedergefaßten Blicke in Form von Gedanken ein inneres Licht haben, mit dem sie sehen, wenn sie wie ein Blitz kommen und gehen.

16.9. Diesem ersten Willen im Gemüt gebührt nun nicht, hinter sich in den Abgrund des Grimms zu blicken, in dem die strenge Bosheit ist, sondern vor sich ins Zentrum der Zersprengung aus der Finsternis ins Licht. Denn im Licht ist reine Sanftmut und Demut sowie Wohlwollen und freundliches Begehren, um mit dem wiedergefaßten Willen aus sich herauszugehen und sich mit seiner teuren Schatzkammer zu öffnen. Denn im wiedergefaßten Willen zur Geburt im Licht ist keine Quelle der Ängstlichkeit, sondern nur ein Begehren der reinen Liebe. Denn ohne Finsternis geht der Blick in sich selbst auf und begehrt das (reine bzw. göttliche) Licht, und das Begehren zieht das Licht in sich. Da wird aus der Angst eine erhebliche Freude in sich selbst, ein demütiges Lachen einer sanften Wonne, denn der wiedergefaßte Wille im Licht ist schwanger und seine Frucht im Leib ist die Kraft. Diese begehrt der Wille zu gebären und darin zu leben, und das Begehren bringt die Frucht aus dem schwangeren Willen für den Willen, und der Wille erblickt sich in der Frucht in einer unendlichen Zahl der Liebe. Und aus dieser Liebe-Zahl kommen im erblickten Willen hoher Segen, Wohlgönnen, Freundlichkeit, Liebezuneigung, Geschmack der Freude, Wohltun der Sanftmut und vieles mehr, was meine Feder nicht schreiben kann. Viel lieber wäre das Gemüt frei von der Eitelkeit und lebte ohne Wanken darin.

16.10. Diese sind nun zwei Pforten ineinander: Die untere geht in den Abgrund, und die obere ins Paradies. Zu diesen kommt nun die dritte aus dem Element mit seinen vier Ausgängen und drängt sich mit Feuer, Luft, Wasser und Erde herein, und ihr Reich sind Sonne und Sterne. Diese inqualieren mit dem ersten Willen, und ihr Begehren ist, sich zu füllen, um geschwollen und groß zu werden. So ziehen sie an sich und füllen die Kammer der Tiefe, den freien und reinen Willen im Gemüt. Sie bringen die Blicke der Sterne in die Pforte des Gemüts und inqualieren mit der Schärfe des Blicks. Die zersprengten Tore der Finsternis füllen sie mit Fleisch und ringen stets mit dem ersten Willen, von dem sie ausgegangen sind, um die Region. Sie ergeben sich dem ersten Willen als ihrem Vater, der ihre Region gern annimmt, denn er ist dunkel und finster, und so sind auch sie rauh und herb, dazu bitter und kalt, aber ihr Leben ist ein siedendes Feuerquellen. Damit regieren sie im Gemüt sowie in Galle, Herz, Lunge und Leber und allen Gliedern des ganzen Leibes, und der Mensch wird ihr Eigentum. Der Geist, der so im Blitz steht, bringt das Gestirn in die Tinktur seines Eigentums und gestaltet die Gedanken nach der Regierung der Sterne, die den Leib nehmen und zähmen und ihre bittere Rauhigkeit hineinbringen.

16.11. Zwischen diesen beiden Regionen steht nun die Pforte des Lichts, nämlich in einem Zentrum, das mit Fleisch umschlossen ist, und leuchtet in der Finsternis in sich selber, webt gegen die Macht des Grimms und der Finsternis und schießt ihre Strahlen in den Schall der Zersprengung hinaus, daraus die Pforten des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens und Fühlens aufgehen. Und wenn diese Pforten die süßen, freundlichen und lieblichen Strahlen des Lichtes ergreifen, dann werden sie überaus freudenreich und gehen in ihre höchste Region ins Herz, nämlich in ihr wahres Wohnhaus, in die Essenzen des Seelengeistes, und der nimmt es mit Freuden an und erquickt sich darin.

16.12. Hier geht nun seine Sonne auf, als die liebliche Tinktur im Wasser-Element, das durch die süße Freude zum Blut wird. Denn darin erfreuen sich alle Regionen und vermeinen, sie haben die edle Jungfrau wiederbekommen, obwohl es doch nur ihre Strahlen sind, gleichwie die Sonne die Erde anleuchtet, dadurch sich alle Essenzen der Erde erfreuen, begrünen und wachsen, so daß die Tinktur in allen Kräutern und Blumen aufgeht.

16.13. Und hier ist scharf zu ersinnen, worin sich eine jede Region erfreut. Denn die Sonne und Sterne ergreifen nicht das göttliche Licht, wie die Essenzen der Seele, und das auch nur, wenn sie in der (göttlichen) Wiedergeburt steht. Sondern sie schmecken die Süßigkeit, die sich in die Tinktur eingebildet hat. Denn das Herzblut, in dem die Seele schwebt, ist so süß, daß es sich mit nichts anderem vergleichen läßt.

16.14. Darum hat Gott dem Menschen im Buch Moses verboten, das Fleisch in seinem Blut zu essen, weil darin das Leben steckt. Denn das tierische Leben gehört nicht in den Menschen, damit sein Geist nicht davon infiziert werde.

16.15. So empfangen die drei Regionen zum Aufgang der Tinktur im Geblüt ihr jeweiliges Licht, und eine jede behält ihre Tinktur. Die Region der Sterne empfängt das Licht der Sonne, das erste Prinzip den Feuerblitz, und die Essenzen der heiligen Seele empfangen das teure und wertvolle Licht der Jungfrau, doch in diesem Leib nur ihre Strahlen, mit denen sie im Gemüt gegen die listigen Anschläge des Bösewichts kämpft, wie auch St. Paulus bezeugt (in Eph. 6.16).

16.16. Und wenn auch in manchem das teure Licht weitestgehend in der Wiedergeburt beharrt, so ist es doch im Haus der Sterne und Elemente in der äußeren Geburt nicht beharrlich, sondern wohnt nur in seinem Zentrum im Gemüt.

Die Pforte der Sprache

16.17. Wenn nun das Gemüt im freien Willen steht, dann erblickt sich der Wille je nachdem, was die Regionen in die Essenzen eingeführt haben, sei es Böses oder Gutes, sei es zum Reich des Himmels oder der Hölle wirksam. Was der Blick ergreift, das führt er in den Willen des Gemüts, und im Gemüt steht der König (des Ichbewußtseins), und der König ist das Licht des ganzen Leibes, der fünf Räte hat, die alle im Schall der Tinktur sitzen. Und ein jeder probiert dasjenige, was der Blick mit seiner Infizierung in den Willen geführt hat, ob es Gut oder Böse sei, und die Räte sind die fünf Sinne.

16.18. Zuerst gibt es der König den Augen zu sehen, ob es böse oder gut ist. Die Augen geben es (2.) den Ohren, um zu hören, von wo es herkommt, ob es aus einer wahren oder falschen Region kommt, ob es erlogen oder wahr sei. Die Ohren geben es (3.) der Nase mit dem Geruch, die das Eingeführte beriecht, das vor dem König steht, ob es aus guten oder schlechten Essenzen komme. Und die Nase gibt es (4.) dem Geschmack, der soll es auch probieren, ob es rein oder falsch ist. Und dazu hat der Geschmack die Zunge, damit er das Schlechte ausspeien kann. Oder wenn es ein (schlechter) Gedanke zu einem Wort ist (das ausgesprochen werden will), dann sind die Lippen die Torhüter, die zusperren sollten und es nicht mit der Zunge herauslassen. Sondern es soll in die Region der Luft, in die Blase und nicht ins Herz führen, und (dort) ersticken, dann ist es tot.

16.19. Und wenn es der Geschmack probiert hat, daß es den Essenzen der Seele wohltut, dann gibt er es (5.) dem Gefühl, das probieren soll, aus welcher Qualität es ist, ob es heiß oder kalt, hart oder weich, dick oder dünn sei. Und wenn es leidlich ist, dann bringt es das Gefühl ins Herz vor den Blick des Lebens und den König des Lebenslichtes, und dann blickt der Wille des Gemüts in die große Tiefe des Dings und sieht, was darin ist und wieviel er von dem Ding annehmen und hereinlassen will. Wenn es genügt, dann gibt es der Wille dem Geist der Seele, als dem ewigen Obersten, und der führt es aus dem Herzen mit seiner starken und strengen Macht im Schall auf die Zunge unter den Gaumen, wo es der Geist nach den Sinnen unterscheidet, wie sich der Wille darin erblickt hat, und die Zunge unterscheidet es im Schall.

16.20. Denn die Region der Luft muß hier das Werk durch den Hals führen, wo alle Adern im ganzen Leib hingehen und auch zusammenkommen, um die Kraft der edlen Tinktur dahinzubringen. Hier vermischen sie sich mit dem Wort, dazu alle drei Regionen des Gemüts kommen, und sie vermischen sich mit der Unterscheidung des Wortes. Da entsteht eine gar wunderliche Gestalt, denn eine jede Region will das Wort nach ihren Essenzen unterscheiden, denn der Schall kommt durch alle drei Prinzipien aus dem Herzen.

16.21. Das erste Prinzip will es nach seiner strengen Macht und Pracht zieren und mischt stachligen Grimm, Zorn und Bosheit hinein. Das zweite Prinzip mit der Jungfrau steht in der Mitte und schießt seine Strahlen der lieben Sanftmut hinein, um dem ersten zu wehren. Und wenn der Geist darin entzündet ist, dann ist das Wort gar sanft, freundlich und demütig, neigt sich zur Nächstenliebe und begehrt, niemanden mit dem hochmütigen Stachel des ersten Prinzips anzugreifen, sondern verdeckt den Zornstachel, gestaltet das Wort aus der Lauterkeit, wappnet die Zunge mit Gerechtigkeit und Wahrheit und schießt ihre Strahlen im Willen des Herzens fort. Und wenn der Wille die lieblichen, holdseligen Strahlen der Liebe empfängt, dann entzündet er das ganze Gemüt mit Liebe, Gerechtigkeit, Keuschheit der Jungfrau und Wahrheit der Dinge, die auf der Zunge von allen Regionen geprüft und anerkannt sind. Also macht es die Zunge mit den fünf Sinnen lautbar, und so erscheint das teure Bild Gottes von innen und außen, so daß man es im ganzen Abgrund hören und sehen kann, wie es eine Gestalt hat.

16.22. Oh Mensch, siehe, was dir das Licht der Natur zeigt! Zum dritten kommt das dritte Regiment zu Bildung des Wortes, der Geist der Sterne und Elemente, und vermischt sich im Gehäuse und den Sinnen des Gemüts und will das Wort aus eigener Macht bilden, denn es hat die größte Macht. Denn es hält den ganzen Menschen gefangen, hat ihn mit Fleisch und Blut bekleidet und infiziert den Willen des Gemüts. Und der Wille erblickt sich im Reich dieser Welt in Lust und Schönheit, in Macht und Gewalt, in Reichtum und Herrlichkeit, in Wollust und Freuden, aber auch in Trauer und Elend, in Kummer und Armut, in Krankheit und Schmerzen sowie in Kunst und Weisheit, aber auch in Narrheit und Torheit.

16.23. Dies alles bringt der Blick der Sinne im Willen des Gemüts vor den König, vor das Licht des Lebens, wo es probiert wird. Und der König gibt es zuerst den Augen, die sehen sollen, was unter all diesen gut ist und ihnen gefällt. Hier beginnt nun die wunderliche Gestaltung der Menschen aus den Komplexionen (zu wirken), weil das Gestirn das Kind im Mutterleib so vielfältig in seinen Regionen gestaltet hat. Denn je nachdem, wie sich das Gestirn während der Menschwerdung des Kindes in seinem instehenden Rad gegenseitig ansieht, wenn die Gehäuse der vier Elemente und das Sternenhaus im Gehirn des Kopfes vom Schöpfungswort erbaut werden, dementsprechend ist auch die Kraft im Gehirn sowie im Herzen, in der Galle, Lunge und Leber. Entsprechend eignet sich dann die Region der Luft an, und dementsprechend geht auch eine Tinktur zur Wohnung des Lebens auf. Wie man dann auch die (vielfältigen) wunderlichen Sinne und Gestalten der Menschen sieht.

16.24. Obwohl wir im Grund der Wahrheit sagen können, daß das Gestirn keinen Menschen bildet, der da ein Gleichnis Gottes und im Bild Gottes gestaltet ist, sondern ein Tier im Willen, in Sitten und in Sinnen. Das Gestirn hat auch keine Macht oder Vernunft dazu, daß es ein Gleichnis Gottes gestalten könnte. Auch wenn es sich im Willen auf das Höchste nach dem Gleichnis Gottes erhebt, so gebiert es doch im Menschen nur ein freundliches und listiges Tier wie auch in anderen Kreaturen. Allein die ewigen Essenzen, die von Adam auf alle Menschen vererbt werden, bleiben mit dem verborgenen Element im Menschen bestehen, darin die Bildung steht, aber ohne die Wiedergeburt im Wasser und Heiligen Geist Gottes sind sie ganz verborgen.

16.25. Entsprechend ist jeder Mensch in seinem Gehäuse des Gehirns und Herzens wie auch in allen fünf Sinnen und in der Region der Sterne gesinnt, mal nach einem Wolf, höhnisch, listig, stark und gefräßig, mal nach einem Löwen, stark, grimmig und prächtig, mal nach einem Hund, hündisch, spitzfindig, neidisch und boshaft, mal nach einer Natter und Schlange, listig, beißend und giftig in Worten und Werken sowie verleumderisch, lügenhaft und teuflisch wie die Schlange am Baum der Versuchung, mal nach einem Hasen in Mühe, Lust und immer fliehend, mal nach einer Kröte, deren Gemüt so giftig ist, daß es mit seiner Imagination ein zartes Gemüt zum zeitlichen Tod vergiften kann, welche manchmal gute Hexen und Zauberhuren ergeben, denn der erste Grund dient wohl dazu, mal nach einem zahmen, gerechten und einfältigen Tier, mal nach einem freudenreichen Tier und so fort. Alles geschieht, je nachdem, wie das Gestirn während seiner Menschwerdung im ringenden Rad mit seiner Kraft der fünften Essenz stand. So wird das Sternen-Gemüt in seiner Region gestaltet, obwohl die Geburtsstunde des Menschen noch viel verändert und dem Ersten Einhalt tut, davon ich später noch im Kapitel zur Geburt des Menschen schreiben will.

16.26. Wenn sich nun der Blick (des Bewußtseins) von diesem Gemüt aus dieser oder einer anderen hier nicht genannten Gestalt durch die Augen erblickt, dann schaut es auf jedes Ding durch seine eigene Gestaltung, wie seine Sternenregion des Himmels gerade am mächtigsten ist, nämlich im Guten oder Bösen, in Falschheit oder Wahrheit. Dieses wird vor den König gebracht, und dort sollen es die fünf Räte probieren, welche doch selber ungerechte Schälke sind, von den Sternen und Elementen infiziert und in ihre Region so eingesetzt. So begehren sie nichts mehr, als das Reich dieser Welt. Und zu welcher Art das Sternenhaus des Gehirns und Herzens am meisten geneigt ist, zu dieser geben die fünf Räte ihren Rat und wollen es haben, sei es zu Pracht und Stolz, zu Reichtum, Schönheit oder Wohlleben oder zu Kunst und Tugend irdischer Dinge, aber nach dem armen Lazarus begehrt kein Sinn. Hier sind sich die Räte geschwind der Sache einig, denn sie sind in ihrer eigenen Gestalt alle fünf ungerecht vor Gott, aber streben beständig nach der Region dieser Welt. Also raten sie dem König, und der König gibt es dem Seelengeist, der die Essenzen aufrafft und mit Händen und Mund zugreift. Sind es aber Worte, so bringt er es dem Gaumen, dort unterscheiden es die fünf Räte nach dem Willen des Gemüts, und auf der Zunge unterscheiden es die Sinne im Blick (des Bewußtseins).

16.27. Hier stehen die drei Prinzipien im Streit. Das erste Prinzip spricht als Reich der Grimmigkeit: „Heraus damit in starker Feuersmacht! Es muß sein!“ Darauf spricht das zweite Prinzip im Gemüt: „Halte ein und schaue es! Gott ist mit der Jungfrau hier, fürchte der Hölle Abgrund!“ Und das dritte Prinzip spricht als Reich dieser Welt: „Hier sind wir daheim! Das müssen wir haben, damit wir den Leib zieren und ernähren. Es muß sein!“ Dann erfaßt es die Region der Luft als seinen Geist (der Gestaltung), fährt zum Mund hinaus und enthält die Unterscheidung nach dem Reich dieser Welt.

16.28. So kommen aus dem Gemüt und den irdischen Sinnen Lügen und Wahrheit, Betrug, Falschheit und eitle List, um sich zu erheben, mancher in Feuersmacht durch Stärke und Zorn, mancher durch Kunst und Tugend dieser Welt, welche doch vor Gott Heuchler und Narren sind und halten, bis sie das Heft (oder die Haft??) bekommen, mancher in der einfältigen und zahmen Gestalt eines Tieres, unter gutem Schein ganz listig an sich ziehend, mancher in überheblichem Stolz auf die Wohlgestalt des Leibes und seiner Gebärden, der dann eine wirklich teuflische Bestie wird, denn alles, was ihm nicht gleicht, verachtet er und erhebt sich selber über alle Sanftmut und Demut, über das Bild Gottes. Von dieser falschen Unlust gibt es so viel, daß ich es nicht aufzählen kann, denn ein jeder folgt der Streit-Region und was ihm zur Wollust des irdischen Lebens dient.

16.29. Zusammengefaßt: Das Sternenregiment macht keinen heiligen Menschen. Auch wenn er unter einem heiligen Schein geht, so ist er doch nur ein Heuchler und will damit geehrt sein. Sein Gemüt steckt weiterhin im Geiz der stolzen Überheblichkeit, wie auch in Wollust des Fleisches und böser Brunst und Lust. Sie sind vor Gott nach dem Trieb dieser Welt nichts als nur Narren, Stolze, Eigensinnige, Diebe, Räuber und Mörder. Es ist nicht einer, der nach dem Geist dieser Welt gerecht ist, denn wir sind allzumal Kinder des Trugs und der Falschheit und gehören dieser Bildung nach, die wir vom Geist dieser Welt empfangen haben, in den ewigen Tod und nicht ins Paradies. Es sei denn, daß wir aus dem Zentrum der teuren Jungfrau neu wiedergeboren werden, die mit ihren Strahlen das Gemüt vor den gottlosen Wegen der Sünde und Bosheit zurückhält.

16.30. Wenn die Liebe Gottes nicht im Zentrum des Gemüts im Scheideziel stünde, die das (ganzheitliche) Bild des Menschen so hoch liebt, daß sie selbst Mensch geworden ist, dann wäre der Mensch ein lebendiger Teufel, wie er es dann auch ist, wenn er die Wiedergeburt verachtet und nach seiner angeborenen Natur des ersten und dritten Prinzips dahinlebt.

16.31. Denn es bleiben nicht mehr als zwei Prinzipien ewig, und das dritte vergeht, in welchem er hier lebt. Wenn er nun das zweite hier nicht will, dann muß er ewig im ersten und ursprünglichsten bei allen Teufeln bleiben. Denn nach dieser Zeit (des Lebens) wird nichts anders, denn es gib keinen Quell mehr, der ihm zu Hilfe kommt, weil das Reich Gottes nicht zurück in den Abgrund geht, sondern ewig für sich im Licht der Sanftmut aufsteigt. So reden wir treulich ohne Scherz, was wir im Licht der Natur hoch erkannt haben, im Strahl der edlen Jungfrau.

Die Pforte des Unterschiedes zwischen Menschen und Tieren

16.32. Mein teurer und lieber Verstand, zeige mir deine fünf Sinne und beschaue dich nun in den oben erklärten Dingen, was du bist, wie du als Bild Gottes erschaffen wurdest und wie du dir in Adam durch das Infizieren des Teufels mit dem Geist dieser Welt dein Paradies hast nehmen lassen, der nun an der Stelle des Paradieses steht. Willst du nun sagen, du seist in Adam ursprünglich zu dieser Welt geschaffen worden, dann siehe dich an und betrachte dich: In deinem Gemüt und der Sprache findest du ein anderes Bildnis.

16.33. Denn ein jedes Tier hat ein Gemüt des Willens und darin die fünf Sinne, mit denen es unterscheiden kann, was ihm gut oder böse ist. Wo sind aber die Sinne im Willen aus den Toren der Tiefe, darin sich der Wille im ersten Prinzip im Unendlichen erblickt, daraus die (ganzheitliche) Vernunft kommt, so daß ein Mensch alle Dinge in ihren Essenzen sehen kann, wie hoch ein jedes gradiert ist, und daraus die Unterscheidung durch die Zunge folgt? Wenn ein Tier das hätte, dann könnte es auch sprechen, den Hall unterscheiden und von den Dingen reden, die da im Wesen sind, und sich im Ursprung gründen (und sich selbst erkennen). Doch weil das Tier nicht aus dem Ewigen ist, so hat es keine Vernunft im Licht der Natur, wie listig und geschwind es auch immer sei, und so hilft ihm auch seine Stärke und Kraft nicht, um sich in die Vernunft zu erheben, das ist alles viel zu schwach.

16.34. Allein der Mensch hat Vernunft, und seine Sinne greifen in die Essenzen und Qualitäten der Sterne und Elemente und erforschen den Grund aller Dinge in der Region der Sterne und Elemente. Dies bekundet sich nun im Menschen im ewigen Element, weil er aus diesem Element erschaffen wurde und nicht aus der Ausgeburt der vier Elemente. Darum sieht die Ewigkeit in der Vergänglichkeit in die anfängliche Ausgeburt, aber die Vergänglichkeit in der Ausgeburt kann nicht in die Ewigkeit sehen, denn die Vernunft entspringt aus der Ewigkeit, aus dem ewigen Gemüt.

16.35. Daß aber der Mensch so blind und unvernünftig wurde, bewirkt nun, daß er im Regiment der Sterne und Elemente gefangenliegt, die im Gemüt des Menschen oft ein wildes Tier gestalten, einen Löwen, Wolf, Hund, Fuchs, Schlange und dergleichen. Auch wenn der Mensch nicht gleich einen solchen Leib bekommt, so hat er doch ein solches Gemüt, davon Christus zu den Juden spricht und etliche Wölfe, Füchse, Nattern und Schlangen nennt (Luk. 13.32). Auch Johannes der Täufer sprach solches zu den Pharisäern (Luk. 3.7). Und so erweist sich offensichtlich, wie mancher Mensch durch sein tierhaftes Gemüt schon fast tierisch lebt, aber doch so überheblich kühn ist und den richtet, der im Bild Gottes lebt und seinen Leib zähmt.

16.36. Wenn er aber trotzdem etwas Gutes (Heilsames) redet und richtet, dann redet er nicht aus der tierischen Bildung des Gemüts, darin er lebt, sondern spricht aus dem verborgenen Menschen, der im tierischen verborgen ist, und richtet gegen sein eigenes tierhaftes Leben. Denn das verborgene Gesetz der ewigen Natur steht in der tierischen Natur verborgen, ist in einem großen Gefängnis und richtet gegen die Bosheit des fleischlichen Gemüts.

16.37. So sind im Menschen drei, die gegeneinander streiten: Nämlich (1.) der ewige, überheblich stolze, bösartige und zornige Mensch aus dem Ursprung des Gemüts. Dann (2.) der ewige, heilige, züchtige und demütige Mensch, der aus dem ewigen Ursprung geboren wird. Und zum (3.) der zerbrechliche, tierische und ganz viehische, der von den Sternen und Elementen geboren wird und das ganze Haus und die Wohnung innehält.

16.38. So geht es hier nun dem Menschenbild, wie St. Paulus sagt: »Welchem ihr euch zu Knechten in Gehorsam gebt, dessen Knecht seid ihr, entweder der Sünde zum Tod oder dem Gehorsam Gottes zur Gerechtigkeit, und dessen Trieb habt ihr. (Röm. 6.16)« Wenn sich der Mensch mit seinem Gemüt in Bosheit, überheblichen Stolz und eigene Macht und Pracht begibt, um die Elenden zu unterdrücken, dann gleicht er dem überheblich stolzen Teufel und ist sein Knecht im Gehorsam, verliert das Bild Gottes und wird in der Bildung ein Wolf, Drache oder Schlange, alles nach seinen Essenzen, wie er in der Bildung des Gemüts steht.

16.39. Begibt er sich aber zu einer anderen säuischen und tierischen Art, um in viehischer Wollust zu leben, im vollen und tollen Fressen, Saufen, Unzucht, Stehlen, Rauben, Morden, Lügen und Betrügen, dann gestaltet ihm auch das ewige Gemüt eine solche Bildung gleich einem unvernünftigen häßlichen Tier und Wurm. Und wenn er in diesem Leben auch die elementische menschliche Gestalt trägt, so hat er doch nur eine Natter-, Schlangen- und tierhafte Bildung darin verborgen, die im Zerbrechen (Sterben) des Leibes offenbar wird und nicht ins Reich Gottes gehört.

16.40. Begibt er sich aber in Gottes Gehorsam und eignet sein Gemüt in Gott mit Demut unter das Kreuz an, um der Bosheit und fleischlichen Lust und Sucht zu widerstreben, auch allem ungerechten Leben und Wandel, dann gestaltet ihm das ewige Gemüt sein Bildnis zu einem Engel, der da keusch, rein und züchtig ist. Und er behält sein Bildnis auch im Zerbrechen des Leibes, und danach wird ihm die teure Jungfrau der ewigen Weisheit, Keuschheit und Zucht des Paradieses vermählt.

16.41. Doch hier in diesem Leben muß er zwischen Tür und Angel stehen, zwischen dem Reich der Hölle und dieser Welt, und muß sich das edle Bildnis bedrängen lassen, denn er hat seine Feinde nicht allein von außen, sondern an und in sich selbst. Er trägt die tierische und auch höllische Zornbildung an sich, solange dieses Fleischhaus währt. Darum gilt es, gegen sich selber zu kämpfen und zu widerstreben und auch außerhalb von sich gegen die Bosheit der Welt, die der Teufel mächtig gegen ihn führt und ihn von allen Seiten versucht und verführt und überall bedrängt und preßt. So sind die eigenen Hausgenossen in seinem Leib seine ärgsten Feinde. Und darum sind die Kinder Gottes Kreuzträger in dieser Welt der bösartigen irdischen Bildung.

16.42. Nun siehe, du Menschenkind, das hast du nach dem Zerbrechen deines Leibes zu erwarten, weil du ein ewiger Geist bist: Entweder wirst du ein Engel Gottes im Paradies oder ein häßlicher, ungestalter und teuflischer Wurm, Drache oder anderes Tierwesen. Wohin du dich hier in diesem Leben begeben hast, die gleiche Bildung wird in der Ewigkeit erscheinen (die du hier in deinem Gemüt getragen hast, mit derselben Bildung wirst du erscheinen, denn es kann keine andere Bildung aus deinem Leib nach seinem Zerbrechen ausgehen, als eben diese, die du hier getragen hast).

16.43. Bist du nun ein überheblich Stolzer, Prächtiger und Eigensüchtiger zu deiner Wollust gewesen und hast die Bedürftigen unterdrückt, dann fährt ein solcher Geist aus dir aus, und dann ist er so in der Ewigkeit, wo er zu seinem Geiz nichts fassen oder behalten kann. Auch kann er seinen Leib mit nichts zieren, als nur mit dem, was da ist, und er steigt doch ewiglich in seinem überheblichen Stolz auf, denn es ist kein anderer Quell in ihm. So erreicht er in seinem Aufsteigen nichts als die grimmige Feuersmacht in seiner Erhebung und neigt sich in seinem Willen stets in solches Vorhaben wie in dieser Welt. Denn wie er es hier getrieben hat, das erscheint alles in seiner Tinktur, und darin steigt er ewig in den Abgrund der Hölle auf.

16.44. Bist du aber ein leichtfertiger Lästerer, Lügner, Betrüger und falscher mörderischer Mensch gewesen, dann fährt auch ein solcher Geist von dir aus, und der begehrt in der Ewigkeit nichts als nur Falschheit, speit aus seinem Rachen feurige Pfeile voll Greuel der Lästerung und ist ein steter Verbrecher und Erreger in der Grimmigkeit, in sich fressend und nichts verzehrend (bzw. verdauend). Denn all sein Wesen erscheint in seiner Tinktur, und seine Bildung wird nach seinem hier gewesenen Gemüt gestaltet.

16.45. Darum sage ich: Ein Tier ist besser dran als ein solcher Mensch, der sich in die höllische Bildung begibt, denn es hat keinen ewigen Geist. Sein Geist ist aus dem Geist dieser Welt in der Zerbrechlichkeit und vergeht mit dem Leib, bis auf die Bildung ohne (persönlichen) Geist, die bestehenbleibt. Denn weil sie das ewige Gemüt durch die Jungfrau der Weisheit Gottes in der Ausgeburt erblickt hat, um die großen Wunder Gottes zu eröffnen, so müssen die ewigen und auch gebildeten Wunder vor ihm bestehenbleiben. Aber die tierische Bildung und ihr Schatten muß (im Schattenreich) nicht leiden oder etwas tun, sondern gleicht einem Schatten oder gemalten Bildnis.

16.46. Darum ist dem Menschen in dieser Welt alles in seine Gewalt gegeben, weil er ein ewiger Geist ist, und alle anderen Kreaturen sind nur eine Bildung im Wunder Gottes.

16.47. So soll sich der Mensch nun wohl besinnen, was er in dieser Welt redet, tut und vorhat, denn alle seine Werke folgen ihm nach, und er hat sie ewig vor Augen und lebt darin. Es sei denn, daß er durch das Blut und den Tod Christi aus der Bosheit und Falschheit wieder neugeboren werde, nämlich im Wasser und Heiligem Geist, dann bricht er aus der höllischen und irdischen Bildung in eine englische und kommt in ein anderes Reich, wo seine Untugend nicht hinkann und im Blut Christi ersäuft wird. Und so wird das Bild Gottes aus der irdischen und höllischen Bildung renoviert (erneuert).

16.48. So können wir uns entsinnen und im Licht der Natur den Grund des Himmels und der Hölle zuhöchst erkennen, wie auch das Reich dieser Welt, und wie dem Menschen im Mutterleib drei Reiche angeerbt werden, und wie der Mensch in diesem Leben eine dreifache Bildung trägt, die uns unsere Eltern durch die erste Sünde vererbt haben. Darum tut uns der Schlangentreter not, der uns wieder in die englische Bildung bringt, und dem Menschen tut not, seinen Leib und sein Gemüt mit großem Ernst zu zähmen und sich unter das Joch des Kreuzes zu begeben. Also nicht nach Wollust, Reichtum und Schönheit dieser Welt zu streben, denn darin steht das Verderben.

16.49. Darum sagt Christus »es wird schwerlich ein Reicher ins Himmelteich eingehen (Matth. 19.23)«, weil ihm die Pracht, Hochmut und Wollust des Fleisches so wohlgefällt und das edle Gemüt am Reich Gottes tot ist und in der ewigen Finsternis bleibt. Denn im Gemüt steckt die Bildung des Geistes der Seele. Und wohin sich das Gemüt neigt und begibt, darin wird sein Seelengeist vom ewigen Schöpfungswort gebildet.

16.50. Ist es nun, daß der Seelengeist ohne (göttliche) Wiedergeburt in seinem ersten Prinzip bleibt (das er aus der Ewigkeit mit seinem Lebensaufgang geerbt hat), dann erscheint mit dem Zerbrechen seines Leibes aus seinem ewigen Gemüt auch eine solche Kreatur, wie hier in diesem Leben sein steter (gewohnter) Wille gewesen war.

16.51. Wenn du also ein neidisches Hundegemüt gehabt und niemandem etwas gegönnt hast, wie ein Hund um einen Knochen, den er doch selber nicht fressen kann, dann erscheint dieses Hundegemüt, und nach derselben Quelle wird dein Seelen-Wurm gestaltet, und einen solchen Willen behält er unwiderruflich in der Ewigkeit im ersten Prinzip. Alle deine neidischen, boshaften und stolzen Werke erscheinen in der Quelle deiner eigenen Tinktur des Seelen-Wurms, und darin mußt du ewig leben. Du kannst auch keinen Willen zur Abstinenz fassen oder ergreifen, sondern bist ewig ein Feind Gottes und aller heiligen Seelen.

16.52. Denn die Tore der Tiefe zum Licht Gottes erscheinen dir nicht mehr, denn du bist nun eine vollkommene Kreatur im ersten Prinzip. Auch wenn du dich erheben würdest, um die Tore der Tiefe zu zersprengen, so kann es doch nicht sein, denn du bist ein ganzer Geist und nicht mehr nur im Willen, mit dem die Tore der Tiefe zersprengt werden können, sondern du fährst überheblich über das Reich Gottes und kannst nicht hinein. Und je höher du fährst, je tiefer bist du im Abgrund und kannst doch Gott nicht sehen, der dir überall so nahe ist.

16.53. Darum kann es nur hier in diesem Leben geschehen, solange deine Seele im Willen des Gemüts steht, daß du die Tore der Tiefe zersprengst und durch eine neue Geburt zu Gott eingehst. Denn hier hast du die teure und höchstedle Jungfrau der göttlichen Liebe zum Beistand, die dich durch die Tore des edlen Bräutigams führt, der im Zentrum und Scheideziel zwischen Himmel- und Höllenreich steht und dich im Wasser des Lebens seines Blutes und Todes gebiert und deine falschen Werke darin ersäuft und abwäscht, so daß sie dir nicht mehr nachfolgen, auf daß deine Seele nicht darin gestaltet werde, sondern nach der ersten Bildung in Adam vor dem Fall als ein reines, züchtiges und keusches edles Jungfrauenbild, ohne jede Kenntnis deiner hier gehabten Untugend.

16.54. Fragst du: „Was ist die neue Wiedergeburt? Wie geschieht sie im Menschen?“ Höre und sehe! Verstopfe nicht dein Gemüt. Laß dir dein Gemüt nicht vom Geist dieser Welt mit seiner Macht und Pracht anfüllen. Fasse dein Gemüt und fliehe durch ihn hindurch. Setze dein Gemüt in die freundliche Liebe Gottes, und mache dir deinen Vorsatz ernst und streng mit deinem Gemüt, durch die Wollust dieser Welt hindurchzugehen und ihrer nicht zu achten. Denke daß du in dieser Welt nicht daheim bist, sondern ein fremder Gast, der in einem schweren Gefängnis gefangen ist. Rufe und flehe zu dem, der den Schlüssel zum Gefängnis hat, und ergib dich ihm in Gehorsam der Gerechtigkeit, Zucht und Wahrheit. Suche das Reich dieser Welt nicht so hartnäckig, denn es wird dir ohnedies noch genug anhängen. Dann wird dir die züchtige Jungfrau hoch und tief in deinem Gemüt begegnen, die dich zu deinem Bräutigam führen wird, der den Schlüssel zu den Toren der Tiefe hat. Vor dem mußt du stehen, und er wird dir vom himmlischen Manna zu essen geben, was dich erquicken wird und stark macht, um mit den Toren der Tiefe zu ringen. Du wirst durchbrechen wie die Morgenröte, und wenn du auch hier in der Nacht gefangenliegst, so werden dir doch die Strahlen der Morgenröte des Tages aus dem Paradies erscheinen, wo deine züchtige Jungfrau steht und mit der freudenreichen Engelsschaar auf dich wartet. Sie wird dich in deinem neuen wiedergeborenen Gemüt und Geist gar freundlich annehmen.

16.55. Wenn du auch mit deinem Leib in der finsteren Nacht in Dornen und Disteln baden mußt, so daß dich der Teufel und auch diese Welt kratzen und quetschen und dich nicht nur von außen schlagen, verachten, verhöhnen und verspotten, sondern dir oft dein teures Gemüt verstopfen und es in die Lust dieser Welt führen und im Sündenbad fangen, dann wird dir die edle Jungfrau immer noch beistehen und dich aufrufen, von den gottlosen Wegen abzulassen.

16.56. Siehe nur zu, und verstopfe nicht dein vernünftiges Gemüt! Wenn dein Gemüt spricht „Kehre um, tue es nicht!“, dann wisse, daß du von der teuren Jungfrau (der Weisheit) gerufen wirst. Kehre bald um und bedenke, wo du daheim bist und in welchem schweren Diensthaus deine Seele gefangen wurde. Forsche nach deinem Vaterland, aus dem deine Seele ausgewandert ist und dahin sie wieder zurückkehren soll.

16.57. Wirst du nun folgen (nämlich dem Rat der edlen Sophia), dann kannst du in dir selbst in deiner Wiedergeburt erfahren (welche dir wertvoll begegnen wird, und das nicht erst nach diesem Leben, sondern sogar in dieser Welt), aus welchem Geist dieser Autor geschrieben hat.


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