Die drei Prinzipien Göttlichen Wesens

(Text von Jacob Böhme von 1619, deutsche Überarbeitung 2021)

1. Kapitel - Vom ersten Prinzip des göttlichen Ursprungs

Vom ersten Prinzip des göttlichen Wesens.

1.1. Wenn wir nun von Gott reden wollen, was er sei und wo er sei, dann müssen wir ja sagen, daß er selbst das Wesen aller Wesen ist. Denn von ihm ist alles geboren, geschaffen und hergekommen, und so nehmen alle Dinge ihren ersten Anfang aus Gott. Solches bezeugt auch die Heilige Schrift, die da sagt, »daß von ihm, durch ihn und in ihm alle Dinge sind. (Röm. 11.36)« Oder auch: »Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht umfassen. (1.Kön. 8.27)« Oder auch: »Der Himmel ist mein Stuhl, und die Erde meine Fußbank. (Apg. 7.49)« Und im Vaterunser steht: »Dein ist das Reich und die Kraft (das heißt: alle Kraft) und die Macht und die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Matth. 6.13)«

1.2. Warum aber nun ein Unterschied ist, so daß das Böse nicht „Gott“ heiße und sei, das wird im ersten Prinzip verstanden. Denn hier ist der ernstliche Quell der Grimmigkeit, nach der sich Gott einen „zornigen, grimmigen und eifrigen Gott“ nennt. Denn in dieser Grimmigkeit besteht der Ursprung des Lebens und aller Beweglichkeit. Wenn aber dieser ernstliche und ängstliche Quell der Grimmigkeit mit dem Licht Gottes entzündet wird, dann ist es keine Grimmigkeit mehr, sondern die ängstliche Grimmigkeit wird in Freude verwandelt.

1.3. Weil nun Gott diese Welt mit Allem erschaffen hat, hat er keine andere Materie gehabt, daraus er es machte, als sein eigenes Wesen aus sich selbst. Nun ist Gott aber ein Geist, der unbegreiflich ist, der weder Anfang noch Ende hat, und seine Größe und Tiefe ist Alles. Ein Geist tut aber nichts, außer daß er aufsteige, walle, sich bewege und sich selbst immer gebäre. Und er hat vornehmlich dreierlei Qualitäten in seiner Geburt in sich, nämlich: 1.) Bitter 2.) Herb und 3.) Hitzig (Feurig). Doch in dieser dreifachen Qualität ist keine die erste, zweite oder dritte, sondern alle drei sind nur eine, und eine jede gebiert die andere und dritte. Denn zwischen Herb und Bitter gebiert sich das Feuer, und der Grimm des Feuers ist die Bitterkeit oder der Stachel selber. Und so ist die Herbigkeit der Stock (die Wurzel) und der Vater dieser beiden, und wird doch auch von ihnen geboren. Denn ein Geist ist wie ein Wille oder Sinn, der aufsteigt und sich selbst in seinem Aufsteigen sucht, infiziert und gebiert.

1.4. Nur kann man dieses mit Menschenzungen eigentlich nicht erklären und zum (gedanklichen) Verstand bringen, denn Gott hat keinen Anfang. Ich will nun aber solches voraussetzen, als hätte er einen Anfang, damit verstanden werde, was im ersten Prinzip sei, und damit man auch den Unterschied des ersten und zweiten Prinzips verstehe, was Gott oder Geist sei. In Gott selbst ist wohl kein Unterschied, nur wenn man forscht, woher Böses oder Gutes komme, dann muß man wissen, was hier der erste und ursprüngliche Quell des Zorns sei, aber auch der Liebe, weil sie beide aus Einem Ursprung sind, aus Einer Mutter, und ein Wesen sind. So muß man nun auf kreatürliche Art reden, als nähme es einen Anfang, damit es zur Erkenntnis gebracht werde.

1.5. Denn man sollte nicht sagen, daß Feuer, Bitter oder Herb in Gott sei, vielweniger Luft, Wasser oder Erde. Allein man sieht, daß es daraus geworden ist. Man kann auch nicht sagen, daß Tod, höllisches Feuer oder Traurigkeit in Gott sei, aber man weiß, daß es daraus entstanden ist. Denn Gott hat keine (trennenden) Teufel aus sich gemacht, sondern (ganzheitliche) Engel, um in seiner Freude und zu seiner Freude zu leben. Man sieht aber, daß sie Teufel und Gottes Feinde geworden sind. So muß man nun den Quell der Ursachen erforschen, was die Urmaterie zur Bosheit ist, und das sowohl im Ursprung von Gott als auch in den Kreaturen. Denn das ist im Ursprung alles Eins. Es ist Alles aus Gott, aus seinem Wesen nach der Dreiheit gemacht, wie er einig im Wesen und dreifaltig in Personen ist.

1.6. Siehe, es sind vor allem die drei Grundqualitäten im Ursprung, und daraus sind alle Dinge mit Geist und Leben, Weben und Begreifbarkeit geworden, nämlich Schwefel, Quecksilber und Salz. Da wirst du nun sagen, diese Dinge seien in der Natur und nicht in Gott. Ja, recht so, aber die Natur hat ihren Grund in Gott, das heißt, nach dem ersten Prinzip des Vaters, denn Gott nennt sich auch einen zornigen und eifrigen Gott. Es ist nicht die (ganzheitliche) Vernunft, darin sich Gott in sich selbst erzürnt, sondern im Geist der Kreatur, die sich entzündet. Dann brennt Gott in seinem ersten Prinzip innerlich darin, und der Geist der Kreatur leidet Qual, aber nicht Gott.

1.7. Nun haben Schwefel („Sulphur“), Quecksilber und Salz soviel Vernunft, daß sie kreatürlich sprechen können (und wie der Klang ihrer Silben wirken). „Sul“ ist die Seele oder der ausgegangene Geist als ein Gleichnis Gottes. „Phur“ ist die Urmaterie, aus welcher der Geist geboren wird, besonders die Herbigkeit. Quecksilber („lebendiges Silber“) hat viererlei Qualitäten in sich, nämlich Herb, Bitter, Feuer und Wasser. Und Salz ist das Kind, das diese vier gebären, und es ist herb und streng (kristallin bzw. grobstofflich) und ermöglicht die Begreifbarkeit.

1.8. Nun verstehe recht, was ich dir erkläre! Herb, Bitter und Feuer sind im Ursprung im ersten Prinzip. In ihnen wird der Wasserquell (des Lebens) geboren, und so heißt Gott nach dem ersten Prinzip nicht „Gott“, sondern „Grimmigkeit, Zornigkeit oder ernstlicher Quell“, daraus auch das Böse entspringt, das Wehtun, Zittern und Brennen.

1.9. Das geschieht nun so, wie bereits erklärt: Die Herbigkeit ist die Urmaterie, die sich streng und ganz ernstlich (wie Quecksilber) zusammenzieht, und das ist dann Salz. Aus der strengen Anziehung entsteht dann die Bitterkeit, denn im strengen Anziehen schärft (und trennt) sich der Geist, so daß er ganz ängstlich wird. Nimm ein Beispiel am Menschen, wie sein Geist an sich zieht, wenn er erzürnt wurde, davon er bitter und zitternd wird, und wenn nicht bald widerstanden und gelöscht wird, dann wird sich das Feuer des Zorns in ihm entzünden, so daß er in Bosheit brennt. Und dann entsteht hier im Geist und Gemüt alsbald eine Substanz und wird ganz Wesen (der Ichheit), um sich zu rächen.

1.10. Damit kann man auch die Gebärung der Natur im Ursprung vergleichen. Jedoch muß man es verständlich machen (und symbolisch erklären): Schau, was ist Quecksilber? Es ist Herb, Bitter, Feuer und Schwefel-Wasser, das allerschrecklichste Wesen. Jedoch sollst du hier keine Materie oder ein greifbares Ding verstehen, sondern alles als Geist und Quell der ursprünglichen Natur. Herb ist das erste Wesen, und das ist anziehend. Weil es aber eine harte und kalte Kraft ist, so wird auch der Geist ganz stachlig und scharf. Und so kann der Stachel und die Schärfe das Anziehen nicht lange erdulden, sondern regt sich und wehrt sich, und wird ein (bitterer) Widerwille, ein Feind der Herbigkeit. Und durch diese Regung entsteht die erste Beweglichkeit, das ist die dritte Qualität (das Feuer).

1.11. Dann zieht die Herbigkeit immer härter an sich, so daß sie entsprechend hart und streng wird, so daß diese Kraft so hart, wie die härtesten Steine wird, was die Bitterkeit - das ist der Herbe eigener Stachel (des Leidens) - nicht erdulden kann. So entsteht innerlich eine große Ängstlichkeit, wie der Schwefelgeist, und der Stachel der Bitterkeit sticht und reibt sich so hart, daß in der Ängstlichkeit ein schielender (halbblinder) Blitz wird, der schrecklich auffährt und die Herbigkeit zerbricht. Weil er aber keine Ruhe findet und von unten immer mehr geboren wird, so wird er wie ein drehendes Rad, das sich mit dem schielenden Blitz ängstlich und schrecklich wie eine Unsinnigkeit dreht, und der Blitz in ein stachliges Feuer verwandelt wird, das doch kein brennendes Feuer ist, sondern dem Feuer in einem Stein gleicht.

1.12. Weil hier aber keine Ruhe wird, und das drehende Rad so geschwind wie ein schneller Gedanke geht - denn der Stachel (des Leidens) treibt es so geschwind - so entzündet sich der Stachel so hart, daß der Blitz, der zwischen der Herbigkeit und Bitterkeit geboren wird, schrecklich feuernd wird und wie ein schreckliches Feuer aufgeht, davon die ganze Materie erschrickt und zurückfällt, als wäre sie tot oder überwunden, und nicht mehr so streng an sich zieht, sondern auseinanderfällt und dünn (feinstofflich) wird. Denn der Feuerblitz ist nun bestimmend geworden, und diese Materie, welche ursprünglich so herb und streng (grobstofflich) war, ist nun wie abgestorben und ohnmächtig, und der Feuerblitz schöpft nunmehr seine Stärke daraus, denn es ist seine Mutter. Und im Blitz kommt aus der Herbigkeit auch die Bitterkeit mit auf und entzündet den Blitz, denn sie ist des Blitzes oder Feuers Vater. So steht das drehende Rad nunmehr im Feuerblitz, und die Herbigkeit bleibt überwunden und ohnmächtig. Das ist nun der Wasser-Geist (des Lebens), und die Materie der Herbigkeit gleicht nunmehr dem Schwefelgeist, ganz dünn, rauh, ängstlich überwunden und der Stachel darin zitternd, und im Blitz trocknet und schärft er sich. Weil er aber im Blitz austrocknet (materialisiert), wird er immer schrecklicher und feuriger, dadurch (wiederum) die Herbigkeit immer mehr überwunden und der Wasser-Geist immer größer wird. Also labt (bzw. ernährt) er (der Schwefelgeist) sich nun immer im Wasser-Geist und bringt dem Feuerblitz immer mehr Materie, davon er sich zunehmend entzündet, denn diese ist wie das Brennholz für den Blitz und Feuergeist.

1.13. Nun verstehe auch recht, wie dies „Mercurius“ (Quecksilber bzw. „lebendiges Silber“) ist. Die Silbe „Mer“ ist zuerst die strenge Herbigkeit, denn im Wort (bzw. Wirken) auf der Zunge verstehst du es, daß es durch die Herbigkeit anzieht, und du verstehst auch, wie der bittere (und abstoßende) Stachel darin ist. Denn die Silbe „Mer“ ist herb und zitternd, und manches Wort formt sich aus seiner Kraft, was die Kraft tut oder leidet. Mit der Silbe „cu“ verstehst du, daß sie die (gegensätzliche) Reibung oder Unruhe des Stachels sei, der mit der Herbigkeit nicht zufrieden ist, sondern sich erhebt und aufsteigt. Denn die Silbe dringt mit Kraft vom Herzen zum Mund heraus, und so geschieht es auch mit der Kraft der Urmaterie (Primae Materiae) im Geist. Weil aber die Silbe „cu“ so einen starken Nachdruck vom Herzen hat und doch auch bald von der Silbe „ri“ gefangen wird, so daß in ihr der ganze Verstand (des Wortes) verwandelt wird, so bedeutet und ist es das bittere und stachlige Rad in der Gebärung, daß sich so geschwind wie ein Gedanke dreht und ängstigt. Die Silbe „us“ ist dann der geschwinde Feuerblitz, so daß sich die Materie im geschwinden Drehen zwischen der Herbigkeit und Bitterkeit im geschwinden Rad entzündet. Damit versteht man eigentlich schon im Wort, wie (im Spiel der Gegensätze) die Herbigkeit erschrickt und die Kraft im Wort wieder auf das Herz zurücksinkt und ohnmächtig und ganz dünn wird. Aber der Stachel bleibt mit dem drehenden Rad im Blitz und fährt (sozusagen) im Mund durch die Zähne hindurch aus, weil dann der Geist wie ein angezündetes Feuer zischt und sich im Wort wiederum neu stärkt.

1.14. Diese vier Qualitäten (des Quecksilbers als Herb, Bitter, Feuer und Wasser) sind im Ursprung der Natur (im Meer der Ursachen), daraus die Beweglichkeit entsteht und auch das Leben im Samen aller Kreaturen entspringt. Doch es ist keine Begreifbarkeit im Ursprung, sondern nur Kraft und Geist. Außerdem ist das Quecksilber ein giftiges und feindliches Wesen, und so muß es auch sein, sonst gäbe es keine Beweglichkeit, sondern alles wäre ein Nichts. Und das ist der Zornquell und erste Ursprung der Natur.

1.15. Dabei verstehe ich hier das Quecksilber nicht nur im dritten Prinzip dieser geschaffenen Welt (als irdische Materie), wie man es in Apotheken gebraucht, auch wenn es diese Kraft hat und von diesem Wesen ist. Sondern ich spreche hier bezüglich des ersten Prinzips vom Ursprung des Wesens aller Wesen, von Gott und der ewigen und anfangslosen Natur, aus der die (vergängliche und endliche) Natur dieser Welt geboren wurde. Obwohl im Ursprung zwischen beiden keine Trennung ist, sondern nur im äußerlichen und dritten Prinzip. Und dieses siderische (astralische) und elementische Reich (der geschaffenen irdischen Welt) ist aus dem ersten Prinzip durch das Wort und den Geist Gottes geboren, aus dem ewigen Vater und heiligen Himmel.


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