Die drei Prinzipien

(Text von Jacob Böhme von 1619, deutsche Überarbeitung 2021)

2. Kapitel - Vom zweiten Prinzip des göttlichen Lichtes

Vom ersten und zweiten Prinzip, was Gott und die göttliche Natur sei, darin weitere Erklärungen zum Schwefel und Quecksilber beschrieben werden.

2.1. Weil nun zu diesem Verstand ein göttliches Licht gehört, ohne das keinerlei Begreifbarkeit des göttlichen Wesens möglich ist, will ich die hohen Geheimnisse auf kreatürliche Art (symbolisch) etwas vorbilden, damit der Leser in die Tiefe komme. Denn das göttliche Wesen kann nicht gänzlich mit der Zunge erklärt werden, nur einzig und allein der Lebens-Odem (Spiraculum vitae) und Seelengeist, der im göttlichen Licht sieht, kann es begreifen. Denn eine jede Kreatur sieht und erkennt nicht weiter und tiefer als in ihrer Mutter, daraus sie ursprünglich entstanden ist.

2.2. Die Seele, die aus Gottes erstem Prinzip ihren Ursprung hat und von Gott in den Menschen als in das dritte Prinzip eingeblasen worden ist, nämlich in die siderische und elementische Geburt, sieht dann wieder in das erste Prinzip Gottes, daraus und in dem sie ist, und dessen Wesen und Eigentum sie ist. Und das ist nichts Wunderliches, denn sie sieht nur sich selbst in ihrem Aufsteigen der Geburt, und so sieht sie die ganze Tiefe Gottes des Vaters im ersten Prinzip.

2.3. Doch solches wissen und sehen auch die Teufel, denn auch sie sind aus dem ersten Prinzip Gottes, das die Quelle der ursprünglichsten Natur Gottes ist. Sie wünschten zwar, daß sie es nicht sehen und fühlen müßten, allein sie sind selbst schuld, daß ihnen das zweite Prinzip verschlossen bleibt, das „Gott“ heißt und ist, einig im Wesen und dreifaltig in persönlichem Unterschied, wie im Folgenden recht erklärt werden soll.

2.4. Die Seele des Menschen aber, die vom Heiligen Geist Gottes erleuchtet wird (der vom zweiten Prinzip durch Vater und Sohn im heiligen Himmel ausgeht, das heißt, aus der wahren göttlichen Natur, die „Gott“ heißt), die sieht auch im Licht Gottes in dieses zweite Prinzip der heiligen göttlichen Geburt, nämlich in das himmlische Wesen. Denn der siderische (astralische) Geist, mit dem die Seele umfangen ist, sowohl auch der elementische Geist, der das Quellen und den Trieb des Geblütes hat, sehen beide nicht weiter als in ihre Mutter, aus der sie entstanden sind und in der sie leben.

2.5. Wenn ich also nur rein vom Himmel und alles von der reinen Gottheit redete und schrieb, dann bliebe es dem Leser doch stumm, der nicht die Erkenntnis und Gabe hat. Deshalb will ich so auf göttliche und kreatürliche Art schreiben, um vielleicht Manchen lüstern zu machen, den hohen Dingen nachzusinnen. Und wenn er herausfindet, daß er solches selber nicht tun kann, daß er dann vielleicht in seiner Lust suchen und anklopfen möchte und Gott um seinen Heiligen Geist bittet, so daß ihm die Tür des zweiten Prinzips aufgetan werde. Denn Christus heißt uns bitten, suchen und anklopfen, dann soll uns aufgetan werden. Denn er spricht: »Alles, was ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, das wird er euch geben. Bittet, dann werdet ihr empfangen, suchet, dann werdet ihr finden, klopfet an, dann wird euch aufgetan. (Matth. 7.7)«

2.6. Und weil mir meine Erkenntnis auch durch Suchen und Anklopfen geworden ist, so schreibe ich es zu einem Denkmal nieder, um vielleicht Einen zum Weitersuchen lüstern zu machen, damit mein Pfund wuchern kann und nicht in der Erde verborgen liegenbleibt. Aber den Vorher-Klugen, die alles und doch auch nichts begreifen und wissen, denen habe ich nichts geschrieben, denn sie sind bereits vorher satt und reich. Sondern den Einfältigen, wie ich es bin, damit ich mich mit Meinesgleichen erfreuen kann.

2.7. Weiter nun vom Schwefel („Sulphur“), Quecksilber und Salz sowie dem göttlichen Wesen. Das Wort „Sul“ bedeutet und ist die Seele eines Dinges, denn im Wort „Sulphur“ ist es das Öl oder das Licht, das aus der Silbe „phur“ geboren wird. Und das ist das Schöne oder Wohltuende eines Dinges, seine Liebe oder Liebstes. In einer Kreatur ist es das Licht (des Bewußtseins), durch das die Kreatur sieht, und darin stehen der Verstand (das Denken) und die Sinne, und das ist der Geist, der aus der Silbe „phur“ geboren wird. Das Wort oder die Silbe „phur“ ist die Urmaterie (prima materia) und trägt in sich den Makrokosmos des dritten Prinzips, aus dem das elementische Reich oder Wesen geboren wird. Aber im ersten Prinzip ist es das Wesen der innersten Geburt, aus dem Gott der Vater seinen Sohn von Ewigkeit gebiert, und aus dem der Heilige Geist ausgeht (das heißt, aus dem „Sul“ und aus dem „phur“). Im Menschen ist es auch das Licht, das aus dem siderischen (astralischen) Geist im zweiten Zentrum des Mikrokosmos geboren wird. Aber im Lebensatem (Spiraculum) oder Seelengeist, im inneren Zentrum, ist es das Licht Gottes, das eine Seele nur hat, wenn sie in Gottes Liebe ist, denn es wird allein vom Heiligen Geist entzündet und angeblasen.

2.8. Nun erkennt die Tiefe der Geburt Gottes! In Gott ist kein Schwefel, aber er wird von ihm geboren, und Gott selbst ist in ihm solche Kraft. Denn die Silbe „phur“ ist die innerste Kraft, der ursprüngliche Quell des Zorns, der Grimmigkeit und Beweglichkeit, wie im 1. Kapitel erklärt wurde. Und auch der Schwefel hat in sich viererlei Qualitäten, nämlich 1.) Herb, 2.) Bitter, 3.) Feuer und 4.) Wasser. Herb zieht an sich, ist rauh, kalt und scharf, und macht alles hart, derb und ängstlich. Und dieses Anziehen wird (im Spiel der Gegensätze) zu einem bitteren Stachel (des Leidens), ganz schrecklich, und in dieser Ängstlichkeit entsteht das erste Aufsteigen. Weil es aber von seinem Sitz nicht höher kann, sondern von unten immer so geboren wird, gerät es voller Ängstlichkeit in ein drehendes Rad, gleich einem geschwinden Gedanken, in welchem es in einen schielenden (halbblinden) Blitz kommt, als würden Stein und Stahl so mächtig gegeneinander gerieben (daß es Funken sprüht).

2.9. Denn die Herbigkeit ist dann so hart wie ein Stein, und die Bitterkeit wütet und tobt wie ein zerbrechendes Rad in der Herbigkeit, so daß die Herbigkeit zerbricht und das Feuer ausschlägt, so daß alles in einen schrecklichen Feuerblitz gerät und auffährt und die Herbigkeit zersprengt. Davon erschrickt die finstere Herbigkeit, sinkt in sich zurück und wird wie ohnmächtig, oder als wäre sie betäubt oder abgetötet, so daß sie sich auflöst, ganz dünn wird und sich überwunden gibt. Wenn aber der grimmige Feuerblitz wieder zurück in die Herbigkeit blickt, sich darin infiziert und die Herbigkeit also dünn und überwunden findet, erschrickt er noch viel mehr, denn es ist, als würde man Wasser in ein Feuer gießen, daraus ein großer Schreck entsteht. Weil aber der Schreck nun in der dünnen und überwundenen Herbigkeit geschieht, so bekommt er einen anderen Quell, und aus der Grimmigkeit wird ein Schreck großer Freude, der in der Grimmigkeit wie ein angezündetes Licht aufsteigt. Denn der Schreck (bzw. geistige Lichtblitz) wird augenblicklich weiß, hell und licht, denn so geschieht des Lichtes Anzündung. Und sobald sich das Licht als der neue Feuerblitz mit der Herbigkeit infiziert, entzündet sich die Herbigkeit, erschrickt vor dem großen Licht, welches augenblicklich in sie kommt, als würde sie vom Tode erwachen, und wird sanft, lebendig und freudenreich, verliert alsbald ihre finstere, harte und kalte Kraft und steigt freudenreich auf und freut sich im Licht. Und auch ihr Stachel, der die Bitterkeit ist, triumphiert im drehenden Rad vor großer Freude.

2.10. Hierin erkenne: Der schreckliche Feuerblitz wird durch die verhärtete Ängstlichkeit im Schwefelgeist entzündet, dann fährt dieser Blitz triumphierend auf, und der ängstliche, herbe und schweflige Geist wird vom Licht dünn und süß. Denn gleichwie vom schrecklichen Feuerblitz in der überwundenen Herbigkeit das Licht im Blitz hell wird und sein grimmiges Recht verliert, so verliert die Herbigkeit vom infizierenden Licht ihr Recht, und wird vom weißen Licht dünn und süß. Denn im Ursprung war die Herbigkeit wegen ihrer harten (starken) Anziehung ganz finster und ängstlich. Nun ist sie ganz licht, und darum verliert sie ihre eigene Qualität, und aus der grimmigen Herbigkeit wird eine Essenz, die scharf ist, und das Licht macht die Schärfe ganz süß (und glückselig).

Die Pforte Gottes

2.11. Nun siehe, wenn die Bitterkeit oder der bittere Stachel, der im Ursprung so bitter, wütend und reißend war, als er in der Herbigkeit seinen Ursprung nahm, dieses helle Licht in sich bekommt und nun die Süßigkeit in der Herbigkeit seiner Mutter kostet, so ist er nun so freudenreich und kann sich nicht mehr so (feindlich bzw. leidvoll) erheben, sondern zittert und freut sich in seiner Mutter, die ihn gebiert, und triumphiert wie ein freudenreiches Rad in der Geburt. Und in diesem Triumphieren bekommt die Geburt die fünfte Qualität, und der fünfte Quell geht auf, nämlich die holdselige Liebe. Wenn der bittere Geist dieses süße Wasser kostet, dann freut er sich in seiner Mutter, labt und stärkt sich, und bewegt auch seine Mutter in großen Freuden. So geht im süßen Wassergeist ein gar süßer und holdseliger Quell auf, denn der Feuergeist, der die Wurzel des Lichtes ist, aber im Anfang ein grimmiger Schreck war, der steigt nun gar lieblich und freudenreich auf.

2.12. Da ist nichts als nur Liebkosen und Liebhaben. Hier herzt der Bräutigam seine liebe Braut, und es ist nichts anderes, als wenn im herben Tod das Liebe-Leben geboren wird. Und so geschieht auch die Geburt des Lebens in einer Kreatur. Von diesem Regen, Bewegen oder Drehen der Bitterkeit in der Essenz der Herbigkeit des Wassergeistes bekommt die Geburt die rechte Qualität, nämlich den Ton. Und so ertönt diese sechste Qualität gewöhnlich wie „Mercurius“ (Quecksilber), denn auch dieser Geist nimmt seine Qualität, Kraft und Anfang in der ängstlichen Herbigkeit durch das Wüten der Bitterkeit. Denn er nimmt im Aufsteigen die Kraft seiner Mutter mit, und das ist das Wesen der süßen Herbigkeit, und bringt diese in den Feuerblitz, durch den sich das Licht entzündet. Allda beginnt die Probe (bzw. öffnet sich die Pforte), wenn eine Kraft die andere sieht und im Feuerblitz eine die andere durch das Aufsteigen fühlt, und vom Bewegen eine die andere hört, und in der Essenz eine die andere schmeckt, und durch den lieblichen und holdseligen Quell riecht, der durch des Lichtes Süßigkeit aus der Essenz des süßen und herben Geistes entspringt, der nunmehr der Wassergeist ist. Und so wird nun aus dieser sechserlei Qualität in der Gebärung ein sechsfaches selbständiges Wesen, das unzertrennlich ist, weil je eines das andere gebiert und keines ohne das andere ist oder sein kann, und es wäre auch ohne diese Geburt im Wesen nicht. Denn die sechserlei Qualitäten haben nun alle jeweils die Essenz der sechserlei Kräfte in sich und gleichen nur noch einem Ding und nicht mehreren. Doch jede Qualität hat noch ihre eigene Art, denn erkenne auch folgendes:

2.13. Auch wenn in der Herbigkeit nun Bitterkeit, Feuer, Ton und Wasser und aus dem Wasserquell die Liebe oder das Öl entstanden sind, daraus das Licht aufgeht und scheinend wird, so behält doch die Herbigkeit ihre erste Eigenschaft, wie auch die Bitterkeit ihre Eigenschaft, das Feuer seine Eigenschaft, der Ton oder das Bewegen seine Eigenschaft und die Überwindung in der ersten herben Ängstlichkeit seine Eigenschaft, welches die Zurückwendung unter dich selbst oder der Wassergeist ist. Und in gleicher Weise behält auch der vom Licht angezündete, im herben, bitteren und nunmehr süßen Wasserquell aufsteigende Quell der holdseligen Liebe seine Eigenschaft. Und doch sind es keine voneinander abgetrennten Wesen, sondern alles ineinander ein ganzheitliches Wesen, und jede Gestaltung oder Geburt nimmt ihre eigene Qualität, Kraft, Wirkung und Erscheinung von allen Qualitäten. Und so beinhaltet die ganze Geburt alles zusammen nur vornehmlich viererlei Qualität in ihrer Geburt, nämlich das Aufsteigen und Absteigen und dann durch das drehende Rad in der herben Essenz die zu beiden Seiten quer Ausgehenden, gleich einem Kreuz. Ich könnte auch sagen, sie gingen aus einem Punkt heraus gegen Morgen und Abend sowie Mitternacht und Mittag. So entsteht aus dem Regen, Bewegen und Aufstehen der Bitterkeit im Feuerblitz eine Kreuz-Geburt, denn das Feuer steigt über sich (nach oben) und das Wasser (fällt nach unten) unter sich, und die Essenz der Herbigkeit geht quer (nach rechts und links) heraus.


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