Von wahrer Gelassenheit

(Text von Jakob Böhme aus „Der Weg zu Christo“ um 1622, deutsche Überarbeitung 2020)

Wie der Mensch mit seinem eigenen Willen in seiner Ichheit täglich sterben müsse, und wie er seine Begierde in Gott einführen, was er von Gott erbitten und begehren soll, und wie er aus dem Sterben des sündhaften Menschen mit einem neuen Gemüt und Willen in Gott ausgrünen kann. Auch was der alte und neue Mensch, ein jeder in seinem Leben, Wollen und Tun sei.

Das erste Kapitel

1.1. Ein wahres Exempel haben wir am Luzifer und auch an Adam, dem ersten Menschen, was die Ichheit tut, wenn sie das äußere Licht zum Eigentum bekommt, so daß sie im (gedanklichen) Verstand im eigenen Regiment wandeln kann. Auch sieht man es an den künstlich gelehrten Menschen, wenn sie das Licht der äußeren Natur zum Eigentum in ihrem eigenen Verstand erlangen, wie daraus nichts als überheblicher Stolz entsteht. Trotzdem sucht alle Welt den Verstand so heftig und begehrt ihn als besten Schatz, und es ist wohl auch der beste Schatz dieser Welt, wenn er recht gebraucht wird.

1.2. Ansonsten steht die Ichheit mit dem Verstand in einem beschwerlichen Gefängnis in Form von Gottes Zorn und auch der Irdischkeit (bzw. Körperlichkeit) gefangen und fest gebunden. So ist es dem Menschen sehr gefährlich, wenn er das Licht der Erkenntnis in der Ichheit als ein Eigentum der Ichheit besitzen will.

1.3. Denn der Zorn der ewigen und zeitlichen Natur belustigt sich bald darin, daraus die Ichheit mit eigenem Verstand in überheblichem Stolz aufsteigt und sich von der wahren gelassenen Demut vor Gott abtrennt, und von der Paradiesfrucht nicht mehr essen will, sondern von der Eigenschaft der Ichheit, nämlich von des Lebens Regiment, darin Böses und Gutes steht; wie es Luzifer und Adam taten, die alle beide mit der Begierde der kreatürlichen Ichheit wieder zum Ursprung wurden, aus der die Kreatur geboren wird und in ein Geschöpf eintritt: Luzifer als Zentrum der grimmigen Natur in der Matrix des Feuers (der „Gebärmutter“ der Leidenschaft), und Adam als irdische (körperliche) Natur in der Matrix (dem „Mutterleib“) der äußeren Welt mit der Lust für Böses und Gutes.

1.4. Dies geschah allen beiden aus dem Grund, weil sie das Licht des Verstandes in der Ichheit scheinen ließen, in dem sie sich bespiegeln und im Wesen beschauen konnten, dadurch der Geist der Ichheit in die Imagination einging, nämlich in die Begierde, ein Zentrum zu sein, um sich zu erheben, groß und mächtig und besonders klug zu werden. Wie denn auch Luzifer in seinem Zentrum (der Egozentrik) des Feuers Mutter (die Feuersnatur) suchte, und damit über Gottes Liebe und dem ganzen Heer der Engel zu regieren gedachte. Und wie auch Adam die Mutter (bzw. Natur) begehrte, daraus Böse und Gut entsteht, um ihr Wesen zu probieren, und seine Begierde darein führte, um dadurch klug und verständig zu werden.

1.5. Dadurch wurden alle beide, Luzifer und auch Adam, in ihrer falschen Begierde in der Mutter (Natur) gefangen, fielen von der Gelassenheit aus Gott ab und wurden von ihrem eigenwilligen Geist mit der Begierde in der Mutter gefangen, die zugleich das Regiment in der Kreatur übernahm, so daß Luzifer in der grimmigen finsteren Feuersqual stehenblieb und dasselbe (leidenschaftliche) Feuer in seinem eigenwilligen Geist offenbar wurde, dadurch auch die Kreatur in der Begierde ein Feind der Liebe und Sanftmut Gottes wurde.

1.6. So wurde auch Adam zugleich von der irdischen Mutter (Natur), die Böse und Gut ist, wie aus Gottes Liebe und Zorn in ein Wesen geschaffen und ergriffen, und sie übernahm sogleich durch irdische (natürliche und körperliche) Eigenschaften das Regiment in Adam. Und so geschah es ihm, daß Hitze und Kälte, Neid, Zorn und aller falscher (illusorischer) Widerwille und Bosheit gegen Gott in ihm offenbar und regierend wurden.

1.7. Wenn sie aber das Licht der Erkenntnis nicht in die Ichheit eingeführt hätten, so wäre ihnen der Spiegel der Erkenntnis des Zentrums und des Ursprungs der Kreatur nicht offenbar geworden, daraus die Imagination und Lust (gedankliche Einbildung und sinnliche Begierde) entstanden.

1.8. Entsprechend birgt solches auch noch heutigen Tages bei den erleuchteten Kindern Gottes die Gefahr, daß, wenn manchem die Sonne des großen Anblicks von Gottes Heiligkeit scheint, davon das Leben in Triumph tritt, sich der Verstand darin wiederspiegelt und der Wille in die Ichheit wie in ein eigenes Forschen eingeht und das Zentrum schmecken will, daraus das Licht erscheint, um sich in der Ichheit dahinein zu zwängen.

1.9. Daraus entstehen der überhebliche Stolz und Eigendünkel, so daß der eigene Verstand, der doch nur ein Spiegel des Ewigen ist, meint, er sei etwas Besonderes, sein Wille sei Gottes Wille in ihm und er sei ein Prophet. Aber er wirkt doch nur in sich selber und geht in eigener Begierde, in der sich das (egoistische) Zentrum der Kreatur gar bald in die Höhe schwingt und in eigener Begierde der Falschheit (Illusion) gegen Gott vorgeht, so daß der Wille in Eigendünkel fällt.

1.10. So tritt alsdann der Schmeichel-Teufel zu ihm und versucht das Zentrum der Kreatur, und führt seine falsche Begierde dahinein, so daß der Mensch in seiner Ichheit gleichsam trunken wird und sich selber einredet, er werde so von Gott getrieben. Dadurch verdirbt der gute Anfang, darin das Licht Gottes in der Kreatur scheinend wurde, und dieses Licht Gottes weicht auch von ihm.

1.11. Alsdann bleibt (nur noch) das äußerliche Licht der äußeren Natur in der Kreatur scheinend, denn die eigene Ichheit schwingt sich dahinein. So meint sie dann, es sei noch das erste (ursprüngliche) Licht von Gott. Aber nein, in diesen Dünkel der Ichheit als ein äußeres Verstandeslicht schwingt sich der Teufel wieder ein, nachdem er aus dem ursprünglichen göttlichen Licht weichen mußte, und zwar mit einer siebenfachen Begierde, von der Christus sagt: »Wenn der unreine Geist vom Menschen ausfährt, dann durchwandert er dürre Stätte, sucht Ruhe und findet sie nicht. Alsdann nimmt er sieben Geister zu sich, die ärger sind als er, und kehrt wieder in sein erstes Haus zurück, und findet es reinlich und geschmückt, und wohnt alsdann da, und es wird mit demselben Menschen ärger als zuvor. (Matth. 12.43)«

1.12. Das reinliche und geschmückte Haus ist das Vernunft-Licht in der Ichheit. Denn wenn der Mensch seine Begierde und seinen Willen in Gott ergibt und in Entsagung seines sündhaften Lebens geht und Gottes Liebe begehrt, so erscheint dieselbe ihm mit ihrem gar freundlichen und freudenreichen Anblick, dadurch auch das äußere Licht des Verstandes angezündet wird. Denn wo sich Gottes Licht anzündet, da wird alles lichtvoll (und „durchsichtig“). Allda kann der Teufel nicht bleiben und muß ausfahren. So durchsucht er dann die Mutter (Natur), des Lebens Ursprung, als das Zentrum, das nun aber eine dürre und ohnmächtige Stätte geworden ist. Denn der Zorn Gottes, als das Zentrum der Natur, ist in seiner Ich-Eigenschaft ganz ohnmächtig, mager und dürre geworden und kann nicht mehr zum Regiment (zur Herrschaft) kommen. Diese Stätte durchsucht der Satan, ob er irgendeine Pforte offen findet, in die er mit seiner (siebenfachen) Begierde einkehren und die Seele versuchen könnte, damit sie sich (leidenschaftlich) erhebe.

1.13. Und wenn sich nun der eigenwillige Geist der Kreatur mit dem Vernunft-Licht ins Zentrum als in die Ichheit schwingt und in eigenen Wahn geht, dann geht er anderseits von Gottes Licht ab. Jetzt findet der Teufel eine offene Pforte in ihm und ein schön geschmücktes Haus als das Vernunft-Licht zu seiner Wohnung. So nimmt er die sieben Gestaltungen der Lebenseigenschaft als Heuchler zu sich in die Ichheit, welche von Gott in die Ichheit ausgegangen sind. Damit kehrt der Teufel ein und setzt seine Begierde in die Lust der Ichheit und falschen (illusorischen) Einbildung, darin sich der eigenwillige Geist in den Gestaltungen der Lebenseigenschaften im äußern Licht selber schaut. Damit versinkt er in sich selber, als wäre er betrunken. So ergreift ihn alsdann das Gestirn (bzw. Gehirn) und führt seine mächtige Konstellation (der Gedanken-Konstrukte) darein, um die Wunder Gottes nur noch dort zu suchen und sich selber darin zu offenbaren. Denn alle Kreatur sehnt sich nach Gott. Und obwohl das Gestirn (das Gehirn mit dem Denken) den Geist Gottes nicht ergreifen kann, so hat es doch viel lieber ein Haus des Lichtes, darin es sich belustigen kann, als ein verschlossenes (dunkles) Haus, in dem es keinen Beistand hat.

1.14. Also geht dann dieser Mensch, als wäre er im Gestirn (Gehirn) betrunken geworden. Er begreift große wunderliche Dinge und hat einen steten Führer im Gestirn. So merkt der Teufel auch sogleich, wo ihm eine Pforte offensteht, durch die er des Lebens Zentrum (der Egozentrik) entzünden kann, so daß sich der eigenwillige Geist in überheblichem Stolz und Eigendünkel mit eigenem Geiz erhebt.

1.15. Daraus entsteht die eigene Ehre, so daß der Verstand-Wille geehrt sein will, denn er meint, er habe den Braten des Heils, weil er das Verstandeslicht besitzt und damit das Haus beherrscht, in das er sich eingeschlossen hat, und das doch Gott wohl aufzuschließen vermag. Er meint, ihm gebührt nun die Ehre, weil er die Verstandesvernunft erreicht hat, und ihm wird nicht bewußt, wie sich der Teufel mit seiner Begierde in seinen sieben Lebensgestaltungen des Zentrums der Natur belustigt und was er für schrecklichen Irrtum anrichtet.

1.16. Aus diesem Verstand wurde in der christlichen Kirche auf Erden die falsche Babel geboren (illusorische Gedankengebäude, die den Himmel erreichen sollen, aber in Verwirrung enden), so daß man mit Verstandes-Schlußfolgerungen richtet und regiert und das Kind der Trunkenheit mit der Ichheit und der eigenen Lust wohlgeschmückt als eine schöne Jungfrau (vermeintlicher bzw. gedanklicher Weisheit) darauf gesetzt hat.

1.17. Aber der Teufel ist in den sieben Lebensgestaltungen des Zentrums zur Herberge eingezogen, nämlich in die Ichheit des eigenen Verstandes, und er führt seinen Willen und seine Begierde stets in diese geschmückte, vom Gestirn (der Gedanken) angenommene Jungfrau (der gedanklichen Weisheit). Er ist ihr Tier, darauf sie in ihren eigenen Lebensgestaltungen fein wohlgeschmückt daher reitet, wie in der Apokalypse zu sehen ist. (Offb. 17: Und ich sah ein Weib sitzen auf einem scharlachfarbenen Tier, das war voll Namen der Lästerung und hatte sieben Häupter und zehn Hörner...) Also hat sie den äußeren Schein als ihr Verstandeslicht von Gottes Heiligkeit eingenommen und meint, sie sei das schöne Kind im Hause, aber innerlich ist der Teufel in ihr zu Hause.

1.18. Und so geht es all denen, die einmal von Gott erleuchtet wurden, aber dann von der wahren Gelassenheit abgehen und sich von der wahren Muttermilch entwöhnen, nämlich von der rechten Demut.

Wie der Prozeß (der Entwicklung) eines rechten Christenmenschen geschehen soll

1.19. Der Verstand wird mir Einhalt tun und sagen: „Es sei ja recht und gut, daß ein Mensch Gottes sowohl das Licht der äußeren Natur wie auch des Verstandes erreicht, damit er sein Leben vermöge der heiligen Schrift weislich regieren kann.“

1.20. Ja, es ist recht, und es kann dem Menschen nichts Nützlicheres und Besseres widerfahren. Denn es ist ein Schatz über alle Schätze dieser Welt, wer da das Licht Gottes und der Zeit erreichen und bekommen kann, denn es ist ein Auge der Zeit und der Ewigkeit.

1.21. Aber höre auch, wie du es gebrauchen sollst: Das (Vernunft-) Licht Gottes eröffnet sich zum ersten in der Seele. Es strahlt aus, wie das Licht aus einer Kerze, und zündet zugleich das äußere Licht des Verstandes an. Nicht, daß es sich dem Verstand für das Regiment des äußeren Menschen ganz ergebe. Nein, der äußere Mensch erkennt sich in diesem durchdringenden Schein wie in einem Bild vor einem Spiegel. So lernt er sich alsbald in der Ichheit kennen, und bedenkt, was ihm selber gut und nützlich ist.

1.22. Wenn dies nun geschieht, so kann der Verstand als die kreatürliche (gedanklich geschaffene) Ichheit nichts Besseres tun, als daß er sich niemals in der Ichheit der Kreatur beschaue und niemals mit der eigenwilligen Begierde in das Zentrum eingehe, um sich dort selber zu suchen. Er trennt sich sonst von Gottes Wesen ab (das im Licht Gottes mit aufgeht, davon die Seele essen und sich erlaben soll) und ißt vom äußeren Licht und Wesen, dadurch er das Gift wieder in sich zieht.

1.23. Der Wille der Kreatur soll sich mit allem Verstand und aller Begierde ganz in sich versenken, wie ein unwürdiges Kind, das dieser hohen Gnade gar nicht wert sei. Er soll sich auch keinerlei Wissen oder Verstand zumessen, auch keinen Verstand in der kreatürlichen Ichheit von Gott erbitten noch begehren, sondern sich nur schlicht und einfältig in die Liebe und Gnade Gottes in Christo Jesu hinein versenken, und seines Verstandes und der Ichheit im Leben Gottes wie tot zu sein begehren, und sich dem Leben Gottes in der Liebe ganz hinein ergeben, so daß Er damit wirke wie mit seinem Werkzeug, wie und was er wolle.

1.24. Der eigene Verstand sollte sich kein Dichten (spekulatives Erklären) über den göttlichen oder menschlichen Grund vornehmen, auch nichts wollen oder begehren, als nur Gottes Gnade in Christo allein, so wie sich auch ein Kind nur stets nach der Mutterbrust sehnt. Also soll der Hunger nur stets in Gottes Liebe eingehen und sich durch nichts anderes von solchem Hunger ablenken lassen. Wenn der äußerliche Verstand im äußeren Licht triumphiert und spricht „Ich habe das wahre Kind!“, dann soll ihn der Wille des Hungers (nach Gottes Liebe) zur Erde beugen und in die höchste Demut und einfältigen Unverstand hineinführen, und zu sich sagen: „Du bist närrisch, und hast nichts als nur Gottes Gnade!“ Du mußt dich in dieselbe mit großer Demut entwickeln und ganz in dir zunichte werden, dich auch weder kennen noch lieben. Alles, was an und in dir ist, muß sich nichtig, nur als ein bloßes Werkzeug Gottes erachten und erhalten, und die Begierde allein in Gottes Erbarmen hineinführen, und von allem ichhaften Wissen und Wollen herausgehen, und es auch alles für nichtig halten und keinen Willen schöpfen, jemals in naher oder ferner Zukunft wieder darin einzugehen.

1.25. Und wenn dieses geschieht, dann tritt der natürliche Wille in seine Ohnmacht, und dann vermag ihn auch der Teufel mit seiner falschen Begierde nicht mehr so zu verführen, denn die Stätten seiner Ruhe werden ihm ganz dürr (saftlos) und ohnmächtig.

1.26. Alsdann übernimmt der Heilige Geist aus Gott heraus die Lebensgestaltung und führt sein Regiment empor. Das heißt, er zündet die Lebensgestaltung mit seiner Liebesflamme an. Und dann geht die hohe Wissenschaft und Erkenntnis des Zentrums aller Wesen bezüglich der inneren und äußeren Konstellation aller Kreaturen auf, gar in einem subtilen treibenden Feuer mit großer Lust, sich in dasselbe Licht zu versenken, und sich dazu für unwürdig und nichtig zu halten.

1.27. Auf diese Weise dringt die eigene Begierde ins Nichts ein, als nur in Gottes Machen und Tun, was der in ihr will. Und der Geist Gottes dringt durch die Begierde der gelassenen Demut hervor. So schaut die menschliche Ichheit dem Geist Gottes in demütiger Furcht und Freude hinterher, und so kann sie alles schauen, was in der Zeit und Ewigkeit ist, und alles ist ihr nun nahe (bzw. gegenwärtig).

1.28. Wenn der Geist Gottes wie ein Feuer der Liebesflamme hervorgeht, dann ordnet sich der eigenwillige Geist der Seele unter und sagt: »Herr, deinem Namen sei die Ehre, und nicht mir! Dein allein sei die Macht über alle Kraft, Macht, Stärke, Weisheit und Erkenntnis. Tue du, was du willst. Ich kann und weiß nichts. Ich will nirgends hingehen, es sei denn, du führst mich als dein Werkzeug. So tue du in und mit mir, was du willst.«

1.29. In solcher demütiger Ganzergebenheit fällt der Funke göttlicher Kraft wie auf Zunder ins Zentrum der Lebensgestaltung, wo einst das (ganzheitliche) Seelenfeuer brannte, das Adam zu einer finsteren Kohle gemacht (bzw. verschüttet) hatte. Es glimmt nun wieder auf, so daß sich das Licht der göttlichen Kraft darin entzündet. Dann muß die Kreatur, einem Werkzeug des Geistes Gottes gleich, aus sich herausgehen und reden, was der Geist Gottes sagt. Und so ist sie nun nicht mehr ihr Eigentum, sondern das Werkzeug Gottes.

1.30. Aber der Seele Wille muß sich ohne Unterlaß auch in diesem feurigen Trieb (des Seelenfeuers) ins Nichts versenken, nämlich in die höchste Demut vor Gott. Wenn sie nur mit kleinstem Anteil in eigenem Forschen gehen will, dann erreicht sie der Teufel im Zentrum der Lebensgestaltung und versucht sie, so daß sie in die Ichheit eingeht. Deshalb muß sie in der gelassenen Demut bleiben, gleichwie ein Quell an seinem Ursprung. Und sie muß ohne Unterlaß aus Gottes Brünnlein schöpfen und trinken und niemals begehren, von Gottes Weg abzugehen.

1.31. Denn sobald die Seele mit der Ichheit vom (gedanklich unterscheidenden) Verstandeslicht ißt, so wandelt sie in eigenem Wahn. Dann existiert ihr Körper, den sie für göttlich ausgibt, nur der äußeren Konstellation nach, die sie sogleich ergreift und trunken macht. So läuft sie dann solange in Irrtum, bis sie sich wieder ganz in die Gelassenheit hineinergibt, sich erneut als ein verunreinigtes Kind erkennt, dem Verstand abstirbt und Gottes Liebe wieder erreicht, welches nun härter zugeht als zum ersten Mal, denn der Teufel führt den Zweifel heftig darein und verläßt nicht gern seine Räuberburg.

1.32. Ein solches sieht man klar an den Heiligen Gottes aus Sicht der Welt, wie mancher vom Geist Gottes erhoben worden ist, aber manchmal auch wieder aus der Gelassenheit in die Ichheit fiel, nämlich in den eigenen Verstand und Willen, darein sie der Satan in Sünden und Gottes Zorn gestürzt hat. Solches kann man an David und Salomon wie auch an den Erzvätern, Propheten und Aposteln sehen, so daß sie manchmal kräftigen Irrtum gewirkt haben, wenn sie aus der Gelassenheit in die Ichheit des eigenen Verstandes und der Lust zum (gedanklichen) Verstehen hineingegangen sind.

1.33. Darum ist es den Kindern Gottes Not zu wissen, was sie mit sich selber tun sollten, wenn sie den Weg Gottes üben wollen, daß sie nämlich auch die Gedanken zerbrechen und verwerfen müssen und nichts begehren noch lernen wollen, solange sie sich noch nicht in wahrer Gelassenheit befinden, so daß Gottes Geist des Menschen Geist lehre, leite und führe, und daß der menschliche Eigenwille zu eigener Lust ganz gebrochen und in Gott ergeben sei.

1.34. Alles Spekulieren über die Wunder Gottes ist sehr gefährlich, denn damit kann der Geist des Willens schnell gefangen werden. Es sei denn, daß der Geist des Willens dem Geiste Gottes nachfolgt, dann hat er in der gelassenen Demut die Macht, alle Wunder Gottes zu schauen.

1.35. Ich sage nicht, daß der Mensch in natürlichen Künsten nicht forschen und lernen soll. Nein, denn das ist ihm nützlich. Aber der eigene Verstand soll nicht der Ursprung sein, und der Mensch soll sein Leben nicht allein durch äußerliches Verstandeslicht regieren. Das ist wohl gut, aber er soll sich mit demselben in die tiefste Demut vor Gott hineinversenken und den Geist und Willen Gottes in allem seinen Forschen vorn anstellen, so daß das Verstandeslicht durch Gottes Licht sehe. Auch wenn der Verstand viel erkennt, dann soll er sich dessen doch nicht annehmen, als wäre es sein Eigentum, sondern Gott die Ehre geben, dem allein jede Erkenntnis und Weisheit gebührt. (Röm. 11.33)

1.36. Denn je mehr sich der Verstand in die einfältige Demut vor Gott versenkt, und je unwürdiger er sich vor Gott hält, desto mehr stirbt er der eigenen Begierde ab, und desto mehr durchdringt ihn Gottes Geist und führt ihn zur höchsten Erkenntnis, so daß er die großen Wunder Gottes schauen kann. Denn Gottes Geist führt nur in die gelassene Demut. Was sich selber nicht sucht noch begehrt, und was in sich selbst vor Gott begehrt, einfältig zu sein, das ergreift der Geist Gottes und führt es in seinen Wundern aus. Ihm gefallen allein, die sich vor Ihm ehrfürchtig verneigen.

1.37. Denn Gott hat uns nicht zur Eigenherrschaft geschaffen, sondern zum Werkzeug seiner Wunder, durch das Er seine Wunder selber offenbaren will. Der gelassene Wille vertraut Gott und erhofft alles Gutes von Ihm, aber der eigene Wille regiert sich selber, denn er hat sich von Gott abgetrennt.

1.38. So ist nun alles, was der eigene Wille tut, Sünde und gegen Gott. Denn er ist aus der Ordnung, darin ihn Gott geschaffen hat, in einen Ungehorsam herausgegangen und will ein eigener Herr sein.

1.39. Wenn der eigene Wille der Ichheit abstirbt, dann wird er von der Sünde frei. Denn er begehrt nichts mehr, als nur das, was Gott von seinem Geschöpf begehrt. Er begehrt nur das zu tun, dazu Gott ihn geschaffen hat und was Gott durch ihn tun will. Und wenn er auch das Tun ist und sein muß, so ist er doch nur wie ein Werkzeug des Tuns, mit dem Gott tut, was er will.

1.40. Denn das ist eben der wahre Glaube im Menschen, daß er der Ichheit abstirbt, nämlich der eigenen Begierde, und seine Begierde in allen seinen Vorhaben in Gottes Willen hineinführt, und sich keines Eigentums annimmt, sondern in all seinem Tun sich nur für Gottes Knecht und Diener erachtet und denkt, so daß er alles das, was er tut und vorhat, Gott tut.

1.41. Denn in solchem Willen führt ihn der Geist Gottes in die wahre Treue und Redlichkeit für seinen Nächsten. Denn er denkt, ich tue nicht mir etwas, sondern meinem Gott, der mich als Knecht in seinem Weinberg dazu berufen und bestimmt hat. Er hört immer auf die Stimme seines Herrn, der ihm in ihm gebietet, was er tun soll, denn der Herr spricht in ihm und befiehlt ihm das Tun.

1.42. Aber die Ichheit tut, was der äußere Verstand des Gestirns (Gehirns) will, der vom eigenwilligen Teufel mit seiner Begierde geführt wird. Alles, was die Ichheit tut, das ist außerhalb von Gottes Willen, und es geschieht alles in der Phantasie, so daß der Zorn Gottes seine Vergeltung damit übt.

1.43. Kein Werk außerhalb von Gottes Willen kann das Reich Gottes erreichen. Alles andere ist nur unnützes Schnitzwerk in der großen Mühseligkeit der Menschen. Denn nichts gefällt Gott, außer was Er selbst durch den Willen tut. Denn es ist nur ein Einiger Gott in dem Wesen aller Wesen, und alles, was in demselben Wesen mit ihm arbeitet und wirkt, das ist Ein Geist mit ihm.

1.44. Was aber in der Ichheit in eigenem Willen wirkt, das ist außer seinem Regiment in sich selber. Wohl ist es in seinem allmächtigen Regiment, mit dem er alles Leben regiert, aber nicht in dem heiligen göttlichen Regiment, sondern im Regiment der Natur, mit dem er Böses und Gutes regiert. Denn kein Ding wird göttlich geheißen, das nicht in Gottes Willen geht und wirkt.

1.45. »Alle Pflanzen,« spricht Christus, »die nicht mein Vater gepflanzt hat, sollen ausgerottet und im Feuer verbrannt werden (Matth. 15.13).« Alle Werke des Menschen, die er außerhalb Gottes Willen wirkt, die werden alle im letzten Feuer Gottes verbrennen und dem Zorn Gottes, als dem Abgrunde der Finsternis, zur ewigen Vergeltung übergeben werden. Denn Christus spricht: »Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. (Matth. 12.30)« Das heißt, wer nicht im gelassenen Willen im Vertrauen auf Ihn wirkt und tut, der verwüstet und zerstreut nur. Das ist Ihm nicht angenehm, denn kein Ding gefällt Gott, außer was Er mit seinem Geist selbst will und durch sein Werkzeug tut.

1.46. Darum ist alles Phantasie und Babel (Gedankengebäude), was aus Schlußfolgerungen der menschlichen Ichheit ohne göttliche Erkenntnis und Willen geschieht. Und es ist nur ein Werk des Gestirns (Gehirns) und der äußeren Welt und wird von Gott nicht als sein Werk anerkannt, sondern ist ein Spiegel des ringenden Rades der Natur, in dem Gutes und Böses miteinander ringt. Was das Gute aufbaut, das zerstört das Böse, und was das Böse aufbaut, das zerstört das Gute. Und dies ist der große Jammer der vergeblichen Mühseligkeit, welches alles ins Gericht Gottes zum Entscheiden des Streits (der Gegensätze) gehört.

1.47. Darum, wer nun viel in solcher Mühseligkeit wirkt und aufbaut, der wirkt nur zum Gericht Gottes. Denn es kann nichts Vollkommenes und Beständiges sein, es muß alles in die Vergänglichkeit und entschieden werden. Denn was in Gottes Zorn gewirkt wird, das wird von ihm eingenommen, und es wird im Mysterium seiner Begierde bis zum Gerichtstag Gottes behalten, da Böses und Gutes entschieden werden soll.

1.48. Wenn aber der Mensch nun umkehrt und von der Ichheit abgeht und in Gottes Willen eingeht, dann wird auch das Gute, das er in der Ichheit gewirkt hat, von dem Bösen, so er gewirkt hat, erledigt (bzw. erlöst) werden. Denn Jesajas spricht: »Wenn eure Sünden auch blutrot wären, wenn ihr umkehrt und Buße tut, dann sollen sie schneeweiß wie Wolle werden. (Jesaja 1.18).« Denn das Böse wird im Zorn Gottes in den Tod verschlungen, und das Gute erhebt sich wie ein Gewächs aus der wilden Erde.

Das andere (zweite) Kapitel

2.1. Wer da gedenkt etwas Vollkommenes und Gutes zu wirken, darin er sich ewig erfreuen und genießen kann, der gehe aus der Ichheit heraus, nämlich aus eigener Begierde in die Gelassenheit, in Gottes Willen hinein, und wirke mit Gott.

2.2. Ob ihm auch die irdische Begierde der Ichheit im Fleisch und Blut anhängt, wenn sie nur der Seelenwille nicht einnimmt, dann kann die Ichheit kein Werk wirken. Denn der gelassene Wille zerbricht die Ichheit des Wesens immer wieder, so daß es der Zorn Gottes nicht erreichen kann, und wenn er es erreicht, weil es noch nicht völlig ohne ist und sein kann, dann führt doch der gelassene Wille seine Kraft darin empor, und so steht es in der Gestalt vor Gott als ein Werk des Sieges im Wunder und kann die Kindschaft ererben.

2.3. Darum ist nicht gut Reden und Tun, solang der Verstand in der Begierde der Ichheit entzündet ist. Diese Begierde wirkt gegensätzlich in Gottes Zorn, daran der Mensch Schaden haben wird, denn sein Werk wird in Gottes Zorn hineingeführt und zum großen Gerichtstage Gottes behalten.

2.4. Jede falsche Begierde, mit der ein Mensch die Vielfalt der Welt von seinem Nächsten mit List zu dessen Verderbnis an sich zu ziehen gedenkt, wird gänzlich von Gottes Zorn eingenommen und gehört dem Gericht, da alles offenbar werden und einem jeden im Mysterium der Offenbarung alle Kraft und Wesen des Guten und Bösen vor Augen stehen soll. Denn jede Übeltat aus Vorsatz gehört dem Gericht Gottes.

2.5. Aber wer umkehrt, der geht davon wieder aus, und sein Werk gehört ins Feuer. Alles soll und muß am Ende offenbar werden. Denn darum hat Gott seine wirkende Kraft in ein (körperliches) Wesen hineingeführt (und eingehaucht), auf daß sich Gottes Liebe und Zorn offenbare und ein Beispiel sei zu Gottes Ehre und Wundertat.

2.6. So ist es einer jeden Kreatur gut zu wissen, daß sie in dem bleibe, darein sie Gott geschaffen hat, oder sie läuft in den Widerwillen und die Feindschaft des Willens Gottes hinein und führt sich selbst in Qual. Wäre die Kreatur für die Finsternis geschaffen, dann müßte sie nicht unter der Finsternis leiden. Gleichwie ein giftiger Wurm an seinem Gift nicht leidet, denn dieses Gift ist sein Leben. Wenn er aber sein Gift verlieren und dafür etwas Gutes in ihn kommen und in seinem Wesen offenbar werden würde, dann wäre es sein Leiden und Sterben. In gleicher Weise ist auch das Böse für den Guten sein Leiden und Sterben.

2.7. Der Mensch ist für das Paradies in Gottes Liebe geschaffen, und wenn er sich in Zorn hineinführt, wie in des Giftes Qual und Tod, so ist ihm dieses widerwärtige (feindliche) Leben ein Leiden.

2.8. Wäre der Teufel aus einer grimmigen Matrix (einem zornigen Mutterleib) in der Hölle geschaffen worden und hätte nichts Göttliches gehabt, so hätte er in der Hölle kein Leiden. Weil er aber im Himmel geschaffen worden ist, und die Qual der Finsternis in sich erregt und sich ganz in die finstere Welt hineingeführt hat, so ist ihm nun das Licht eine Qual, als eine ewige Verzweiflung an Gottes Gnade und eine stetige Feindschaft, indem er Ihn in sich nicht dulden kann und Ihn angespuckt hat. So ist er seiner Mutter gram, die ihn geboren hat, und ist auch seinem Vater gram, aus dessen Samen und Wesen er entstanden ist, als der ewigen Natur, die ihn als einen Abtrünnigen aus Seinem Reich gefangenhält und sich in ihm mit des Zornes und Grimmes Eigenschaft ergötzt (bzw. rächt). Weil er nicht helfen wollte, Gottes Freudenspiel zu führen, so muß er nun Gottes Zornspiel führen und ein Feind des Guten sein.

2.9. Denn Gott ist Alles: Er ist Finsternis und Licht, Liebe und Zorn, Feuer und Licht. Aber er nennt sich allein „Gott“ nach dem Licht seiner Liebe.

2.10. So gibt es einen ewigen Gegensatz zwischen Finsternis und Licht. Keines ergreift das andere, und keines ist das andere. Und doch ist es nur ein einziges Wesen, aber durch die Qual (bzw. Qualität) unterschieden und auch durch den Willen, und es ist trotzdem kein getrenntes Wesen. Nur ein Prinzip unterscheidet es, so daß eines im andern wie ein Nichts ist und sich aufgrund seiner Eigenschaft im anderen nicht offenbaren kann.

2.11. Denn der Teufel ist in seiner Herrschaft geblieben, aber nicht in der, darein ihn Gott erschuf, sondern in der, darein er selber einging, nämlich nicht im Werk der Schöpfung, sondern in der ängstlichen Geburt aus der Ewigkeit im Zentrum (der Egozentrik) der Natur nach des Zornes Gebärung von Angst und Qual als Eigenschaft der Finsternis. Er ist wohl ein Fürst im Reich dieser Welt, aber nur in einem Ursprung, nämlich im Reich der Finsternis, im Abgrund, und nicht im Reich der Sonne, Sterne und Elemente. Darin ist er kein Fürst noch Herr, sondern nur im Anteil des grimmigen Zorns, nämlich in der Wurzel der Bosheit der Wesen, und hat also nicht die Allgewalt, damit zu wirken.

2.12. Denn in allen Dingen (bzw. Wesen) ist auch ein Gutes, welches das Böse in sich gefangen und verschlossen hält. So mag er (der Teufel) nur im Bösen fahren und regieren, wenn es sich in der bösen Begierde erhebt und seine Begierde in die Bosheit hineinführt, welches die unbelebte Kreatur nicht tun kann. Aber der Mensch kann es durch die unbelebte Kreatur wohl tun, wenn er das Zentrum seines Willens mit der Begierde aus dem ewigen Zentrum heraus und da hineinführt, welches die Heraufbeschwörung einer unheilsamen Magie ist. Überall, wo der Mensch die Begierde seiner Seele, die aus dem Ewigen ist, mit einem falschen (illusorischen, unheilsamen) Willen in die Bosheit hineinführt, da kommt auch des Teufels Wille hinein.

2.13. Denn der seelische und englische Ursprung aus dem Ewigen ist Eines, aber in der Zeitlichkeit dieser Welt und ihrem Wesen hat vor allem der Teufel die Macht zu großer Störung (turba magna, Spaltung der Einheit). Wo sich diese im ewigen und natürlichen Zorn entzündet, da ist er geschäftig, wie in Krieg und Streit oder auch großen Ungewittern oder Trockenheiten. Im Feuer wirkt er soweit wie die Störung geht, weiter kann er nicht. Auch im Donnerschlag betreibt er die Störung, aber führen kann er den Donner nicht, denn er ist darin nicht Herr, sondern Knecht.

2.14. Auf diese Weise erweckt die Kreatur mit der (ichhaften bzw. teuflischen) Begierde Böses und Gutes, Leben und Tod. Die menschliche und englische Begierde steht (eigentlich) im Zentrum der ewigen anfangslosen Natur, in der sie sich aber im Bösen oder Guten entzündet und dessen Wirkung erfährt.

2.15. Nun hat doch Gott ein jedes Ding in das geschaffen, darin es sein soll, wie die Engel im Himmel und die Menschen im Paradies. Wenn aber die Begierde der Kreatur aus ihrer eigenen Mutter (Natur) ausgeht, dann geht sie in den Widerwillen und die Feindschaft ein. Und darin wird sie mit dem Widerwillen gequält, und es entsteht ein falscher Wille in einem guten, dadurch der gute Wille wieder in sein Nichts eingeht, nämlich ans Ende der Natur und Kreatur, und die Kreatur in ihrer eigenen Bosheit zurückläßt, wie man an Luzifer und auch an Adam erkennen kann. Und wenn ihm nicht Gottes liebender Wille wieder begegnet und aus Gnade wieder in die Menschheit eingegangen wäre, dann könnte wohl immer noch kein guter Wille im Menschen sein.

2.16. Darum ist alles gedankliche Spinnen und Forschen über Gottes Willen ohne die Umkehrung des Gemüts ein nichtiges Werk. Solange das Gemüt in eigener (ichhafter) Begierde des irdischen Lebens gefangen steht, kann es Gottes Willen niemals begreifen, denn es läuft in der Ichheit nur von einem Weg in den anderen, und findet doch keine Ruhe, weil die eigene Begierde immer wieder Unruhe hereinführt.

2.17. Wenn es sich aber gänzlich in Gottes Erbarmen hineinversenkt, seiner Ichheit abzusterben begehrt und Gottes Willen zum Führer und Verstand verlangt, so daß es sich selbst als ein Nichts erkennt und hält, das nichts will, außer was Gott will, und wenn dann des Zornes Begierde im irdischen Fleisch mit des Teufels Imagination (Einbildung) daher kommt und an der Seele Willen anklopft, dann ruft die gelassene Begierde zu Gott: »Ach lieber Vater, erlöse mich vom Übel!« Und wenn es dann geschehen sollte, daß der irdische Wille im Zorn Gottes durch des Teufels Sucht wieder zu stark wird, dann wirkt er nur noch in sich selber, wie auch St. Paulus sagt: »So ich nun sündige, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die im Fleische wohnt. (Röm. 7.20)« Oder auch: »So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes und mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde. (Röm. 7.25)«

2.18. Damit meint Paulus nicht, daß das Gemüt in des Fleisches Willen einwilligen soll, sondern daß die Sünde im Fleisch so stark ist, wie der erweckte Zorn Gottes in der Ichheit, so daß er oft (unaufhaltsam) mit Gewalt durch einen falschen Gegenhall (einer unheilsamen Stimmung) gottloser Menschen oder durch einen Anblick weltlicher Üppigkeit in die Lust hineingeführt wird, so daß er den gelassenen Willen völlig betäubt und wie mit Gewalt beherrscht (bzw. überwältigt).

2.19. Und wenn dann die Sünde im Fleisch bewirkt ist, dann will sich der Zorn damit ergötzen (und sie vergelten) und greift auch nach dem gelassenen Willen. Dann fleht der gelassene Wille zu Gott um Erlösung des Übels, daß doch Gott die Sünde von ihm wegnehmen und vergeben wolle und ins Zentrum wie in den Tod führen, damit sie sterbe.

2.20. Und St. Paulus spricht weiter: »So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind... (Röm. 8.1)« ...die nach dem Vorsatz berufen sind, das heißt, die in dem Vorsatz (bzw. der Vorsehung) Gottes, darin Gott den Menschen berief, wieder in demselben Ruf berufen sind, so daß sie wieder im Vorsatz Gottes stehen, darin Er den Menschen in sein Gleichnis, in ein Bild nach Ihm erschuf. Doch solange der eigene Wille in der Ichheit steht, solange ist er nicht im Vorsatz und Ruf Gottes, und solange ist er nicht berufen, denn er ist aus Gottes Reich ausgegangen.

2.21. Wenn sich aber das Gemüt wieder in die Berufung umkehrt, nämlich in die Gelassenheit, dann ist der Wille im Beruf Gottes, also im Reich, da hinein ihn Gott erschaffen hat. So hat er die Macht, Gottes Kind zu werden, wie auch geschrieben steht: »Er hat uns Macht gegeben, Gottes Kinder zu werden. (Joh. 1.12)« Die Macht, die Er uns gegeben hat, das ist sein Vorsatz, darein Er den Menschen in seinem Bilde erschuf. Diese Macht hat Gott in Christo wieder in die Menschheit hineingeführt, und er hat dieser Macht die Macht gegeben, der Sünde im Fleisch als der Schlange Willen und Begierde den Kopf zu zertreten. Diese Macht ist der gelassene Wille in Christo, der dem sündhaften Schlangenwillen den Kopf (die Ursache) seiner Begierde zertritt und die begangene Sünde wieder tötet. So wird diese gegebene Macht dem Tode ein Tod und dem Leben eine Macht zum Leben.

2.22. Darum hat niemand eine Entschuldigung, als könnte er es nicht. Nur weil er in eigener Begierde in der Ichheit steckt und dem Gesetz der Sünde im Fleisch dient, kann er es nicht, denn er wird gebunden und ist der Sünde Knecht. Wenn er aber das Zentrum des Gemüts umkehrt und in Gottes Gehorsam und Willen einkehrt, dann kann er es.

2.23. Nun ist doch das Zentrum des Gemüts aus der Ewigkeit, aus Gottes Allmacht. Es mag sich hineinführen, wo es will, denn was aus dem Ewigen ist, das hat kein Gesetz. Aber der Wille hat ein Gesetz, Gott zu gehorchen, und der Wille wird aus dem Gemüt geboren und soll sich nicht von dem entfernen, in dem Gott ihn geschaffen hat.

2.24. So schuf doch Gott den Willen des Gemüts im Paradies, um im göttlichen Freudenreich zu spielen, und aus dem sollte er sich nicht entfernen. Weil er sich aber nun entfernt hat, so hat Gott seinen Willen wiederum ins Fleisch hineingeführt und hat uns in diesem neu hineingeführten Willen die Macht gegeben, unseren eigenen Willen darein zu führen und ein neues Licht darin anzuzünden, um wieder seine Kinder zu werden.

2.25. Gott verstockt niemanden. Sondern der eigene Wille, der im Fleisch der Sünden beharrt, der verstockt das Gemüt, denn er führt die Eitelkeit dieser Welt ins Gemüt, auf daß das Gemüt verschlossen bleibe.

2.26. Denn Gott, soweit er Gott heißt und ist, kann nichts Böses wollen, denn in Gott ist nur ein einiger (und einziger) Wille, und der ist die ewige Liebe, eine Begierde der Gleichheit, als Macht, Schönheit und Tugend.

2.27. Gott begehrt sonst nichts, als nur das, was seiner Begierde gleich ist. Und seine Begierde nimmt sonst nichts an, als nur das, was sie selber ist.

2.28. Gott nimmt keinen Sünder in seine Kraft herein, es sei denn, daß der Sünder von Sünde abgeht und mit der Begierde in Ihn eingeht. Die so zu Ihm kommen, die will er nicht hinausstoßen (Joh. 6.37). Er hat dem Willen in Christo eine offene Pforte gegeben und spricht: »Kommt alle zu mir, die ihr mit Sünde beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch. (Matth. 11.28)« Das ist das Kreuz der Feindschaft im Fleisch, das Christi Joch war, der es für die Sünde aller Menschen tragen mußte. Dieses muß der gelassene Wille in dem bösartigen irdischen Sündenfleisch auf sich nehmen und in Geduld mit Hoffnung auf Erlösung Christo nachtragen, und mit dem gelassenen Seelen-Willen immerdar in Christi Willen und Geiste der Schlange den Kopf zertreten, und den irdischen Willen in Gottes Zorn töten und zerbrechen, und niemals ruhen lassen und in ein bequemes Bett legen, wenn die Sünde begangen ist, und denken: Ich will später einmal Buße dafür tun.

2.29. Nein, nein, in diesem bequemen Bett wird der irdische Wille nur stark, fett und geil. Sondern sobald sich der Odem Gottes in dir erregt und dir die Sünde anzeigt, dann soll sich der Seele Wille in das Leiden und den Tod Christi hineinversenken und fest damit umwickeln, und das Leiden Christi zum Eigentum in sich nehmen, und durch Christi Tod über den Tod der Sünde Herr sein, und ihn (den irdischen Willen) in Christi Tod zerbrechen und töten.

2.30. Will er nicht, dann muß er doch. Dann setze Feindschaft gegen das wollüstige irdische Fleisch, und gib ihm nicht das, was es haben will, sondern laß es fasten und hungern, bis der Kitzel aufhört. Achte des Fleisches Willen für deinen Feind, und tue nicht, was die Begierde im Fleisch will, dann wirst du dem Tod im Fleisch den Tod bringen. Achte nicht den Spott der Welt, sondern denke, daß sie nur deinen Feind verspotten, so daß er ihr Narr geworden ist. Halt ihn auch selber für deinen Narren, den dir Adam erweckt und zu einem falschen Erben eingesetzt hat. Stoß den Sohn der Magd aus dem Haus, nämlich den fremden Sohn, den dir Gott in Adam ursprünglich nicht ins Haus des Lebens gegeben hat. Denn der Magd Sohn soll nicht erben mit dem Sohn der Freien (Gal. 4.30).

2.31. Der irdische Wille ist wie der Sohn der (unfreien) Magd, denn die vier Elemente sollten des Menschen Knecht sein, aber Adam hat sie zur Kindschaft geführt. So sprach Gott nun zu Abraham, als er den Bund der Verheißung in ihm offenbarte: »Verstoße den Sohn der Magd aus dem Haus, denn er soll nicht erben mit (dem Sohn) der Freien. (1.Mose 21.10)« Die Freie ist Christus, die uns Gott wieder aus Gnade ins Fleisch hineinführte, nämlich als ein neues Gemüt, in dem der Wille als der ewige Wille der Seele das Wasser des ewigen Lebens schöpfen und trinken kann, davon uns Christus sagt: »Wer dieses Wasser trinkt, das Er uns geben kann, dem würde es zu einem Quellbrunnen des ewigen Lebens quellen. (Joh. 4.14)« Der Quellbrunnen ist eine Erneuerung des seelischen Gemüts, nämlich als das ewige Gestirn (Gehirn bzw. Denken) der ewigen Natur und als der seelischen Kreatur (der geistigen Wiedergeburt) Eigenschaft.

2.32. Darum sage ich: Alles Dichten (Theoretisieren) über Gott, wie es auch immer genannt werden mag, darin der Mensch Wege zu Gott erdichten möchte, ist ein vergebliches und unnützes Werk, außer dem neuen Gemüt.

2.33. Kein anderer Weg führt zu Gott, als ein neues Gemüt, das sich von der Bosheit (bzw. Sünde) abkehrt, das in die Reue seiner begangenen Sünden eingeht und von der Übeltat (dem sündhaften Handeln) abgeht, so daß er dieses nicht mehr will, sondern seinen Willen in Christi Tod einkehrt und der Sünden der Seele in Christi Tod ernsthaft abstirbt, damit das seelische Gemüt der Sünde keinen eigenen Willen mehr hat. Wenn dann auch alle Teufel hinter ihm her wären und mit ihrer Begierde ins Fleisch dringen würden, dann muß der Seele Wille im Tode Christi stille stehen, sich verbergen und nichts wollen als nur Gottes Barmherzigkeit.

2.34. Kein Heucheln und äußerliches Trösten hilft, wenn man den Schalk der Sünde im Fleisch mit Christi Bezahlung verdecken und in der Ichheit stehen bleiben will. Denn Christus sprach: »Es sei denn daß ihr umkehret und werdet wie Kinder, sonst könnt ihr das Reich Gottes nicht schauen. (Matth. 18.3)« Also muß wirklich ein neues Gemüt werden, wie in einem Kinde, das von Sünde nichts weiß. Ferner sprach Christus: »Ihr müsset von neuem geboren werden, anders könnt ihr Gottes Reich nicht schauen. (Joh. 3.3)« Es muß ein ganz neuer Wille aus Christi Tod aufstehen, ja aus Christi Eingehung in die Menschheit muß er ausgeboren werden, und in Christi Auferstehung aufstehen.

2.35. Soll dies nun geschehen, so muß der seelische (sündhafte) Wille zuvor in Christi Tod sterben, denn in Adam hat er der Magd Sohn, nämlich die Sünde angenommen. Die muß er aus dem Willen zuvor ausstoßen, und die arme gefangene Seele muß sich im Sterben Christi mit allem, was sie ist, ernsthaft entwickeln, damit der Magd Sohn, der die Sünde in ihr ist, in Christi Tod sterbe. Ja, sterben muß die Sünde in der Seele Willen, sonst kann kein Schauen Gottes sein. Denn nicht der irdische Wille in Sünde und Gottes Zorn soll Gott schauen, sondern Christus, der ins Fleisch kam. Und dafür muß die Seele Christi Geist und Fleisch anziehen, denn in ihrer irdischen Hütte (oder Hülle) kann sie Gottes Reich nicht erben, weil ihr von außen das Sündenreich (des sterblichen Körpers) anhängt, das in der Erde verfaulen und in neuer Kraft auferstehen soll.

2.36. Es hilft kein Heucheln oder wörtliches Vergeben. Wir sollen nicht äußerlich angenommene Kinder sein, sondern innerlich aus Gott geborene Kinder, mit einem neuen Menschen, der in Gott gelassen ist.

2.37. Alles ist heuchlerisch, wenn wir sagen: „Christus hat bezahlt und für die Sünde genüge getan!“ Ja, er ist für unsere Sünde gestorben, doch wenn wir nicht auch der Sünde in Ihm absterben und sein Verdienst in einem neuen Gehorsam anziehen und darin leben, dann ist alles falsch (bzw. heuchlerisch) und ein Trug, nichtig und ein ungültiges Trösten.

2.38. Nur der kann sich in Christi Leid trösten, der der Sünde feind und gram wird, der sie nicht gerne sieht, hört oder schmeckt, der ihr Feind ist und immerzu lieber recht- und wohltun wollte, wenn er nur wüßte, was er tun sollte. Der hat Christi Geist und Willen angezogen. Dagegen ist die äußerliche Heuchelei einer äußerlich angenommenen Kindschaft falsch und nichtig.

2.39. Nicht das Werk macht die Kindschaft, das im äußeren Leib allein geschieht, sondern das Wirken Christi im Geist, das sich im äußeren Werk bekräftig und als ein neues Licht zeigt, um die Kindschaft im äußeren Werk des Leibes zu offenbaren. Das ist und macht die Kindschaft.

2.40. Denn wenn das Auge der Seele licht ist, dann ist der ganze Leib in allen Gliedern licht. Wenn sich nun einer der Kindschaft rühmt, aber den Leib in Sünde brennen läßt, der ist der Kindschaft noch nicht fähig. Er liegt ja noch in den Banden des Teufels, in einer schweren Finsternis gefangen. Solange er noch nicht den ernsten Willen zur Wohltat in der (reinen) Liebe in sich brennen sieht, solange ist seine Vorstellung nur ein Dichten des Verstandes aus der Ichheit, die Gott niemals schauen kann, sie werde denn neu geboren und erzeige sich in der Kraft der Kindschaft. Denn kein Feuer ist ohne Leuchten. Wenn nun Gottes Feuer im Gemüt ist, dann wird es wohl hervorleuchten und das tun, was Gott haben will.

2.41. Nun sprichst du vielleicht: „Ich habe Willen dazu und wollte es gern tun, aber werde gehalten und kann nicht.“

2.42. Ja, liebes besudeltes Hölzel (bzw. sündhaftes Körperchen), das ist es eben: Gott zieht dich zur Kindschaft, aber du willst nicht. Dein angenehmes Küssen in Sünde ist dir viel lieber. Du ziehst die Freude der irdischen Sünde der Freude Gottes vor. Du steckst noch ganz in der Ichheit und lebst nach dem Gesetz der Sünde, und das hält dich. Du magst der Wollust des Fleisches nicht absterben. Darum bist du auch nicht in der Kindschaft, obwohl dich doch Gott dahin zieht, aber du selber willst nicht. Ei, wie schön dachte sich das Adam aus, daß er mit diesem Willen den Himmel einnehmen und das bösartige Kind voll Falschheit (bzw. Illusion) auf Gottes Thron setzen könnte! So wollte es auch Luzifer haben, aber auch er wurde hinausgeworfen.

2.43. Das Sterben des bösartigen (feindlichen bzw. sündhaften) Willens tut weh, und niemand will da ran. Kinder wären wir alle gern, wenn man uns so mit diesem Pelz (des tierhaften äußeren Körpers) annehmen wollte. Aber das kann so gar nicht sein. Denn wie diese Welt vergeht, so muß auch das äußerliche Leben sterben. Was nützte mir dann die Kindschaft in einem sterblichen Leib?

2.44. Wer die Kindschaft erben will, der muß auch einen neuen Menschen anziehen, der die Kindschaft erben kann und der Gottheit gleich ist. Gott will keinen Sünder im Himmel haben, sondern nur reine neugeborene Kinder, die den Himmel angezogen haben (und körperlos leben).

2.45. Darum ist es kein Leichtes, Kinder Gottes zu werden oder zu sein, wie man uns vorbildet (und sich einbildet). Zwar ist es dem wohl leicht, der die Kindschaft angezogen hat und dessen Licht scheint, denn er hat seine Freude daran. Aber das Gemüt umwenden und die Ichheit zerbrechen, muß ein strenger unnachlässiger Ernst sein und ein solcher Vorsatz, daß, wenn auch Leib und Seele dafür zuspringen sollten, der Wille dennoch beständig bleiben und nicht wieder in die Ichheit eingehen will.

2.46. Es muß gerungen werden, bis das finstere, hart verschlossene Zentrum (der Egozentrik) zerspringt und dort der Funke zündet, und wie Christus sagt, aus einem göttlichen Senfkörnlein sogleich der edle Lilienzweig ausgrünt (Matth. 13.31). Es muß ein ernstes Beten in großer Demut sein, so daß der eigene Verstand solange wie ein Narr erscheint und man sich darin selbst töricht sieht, bis Christus eine Gestalt in dieser neuen Menschwerdung bekommt.

2.47. Doch dann, wenn Christus geboren wird, kommt sogleich Herodes und will das Kindlein töten. Er sucht es äußerlich mit Verfolgung und innerlich durch Versuchung, ob dieser Lilienzweig stark genug sein will, des Teufels Reich zu zerbrechen, das im Fleisch offenbar wurde.

2.48. So wird dieser Schlangen-Zertreter in die Wüste geführt, nachdem er zuvor mit dem Heiligen Geist getauft wurde. Dort wird er versucht, ob er in der Gelassenheit in Gottes Willen bleiben will. Dann muß er so fest stehen, daß er in jedem Fall alles Irdische, ja auch das äußerliche Leben um der Kindschaft willen verläßt.

2.49. Keine zeitliche Ehre und Gut darf der Kindschaft vorgezogen werden. Mit seinem Willen muß er das alles verlassen und nicht für eigen achten, sondern sich nur als ein Knecht desselben sehen, der seinem Herrn in Gehorsamkeit damit dient. Er muß alles Eigentum dieser Welt verlassen. Nicht, daß er es nicht besäße oder besitzen dürfte, allein sein Herz muß es verlassen und darf seinen Willen nicht hineinführen und für eigen erachten. Nur so hat er Macht, den Bedürftigen damit zu dienen.

2.50. Denn die Ichheit dient nur dem zeitlichen (vergänglichen) Wesen, aber die Gelassenheit beherrscht alles, was unter ihr ist. Die Ichheit muß tun, was der Teufel in des Fleisches Wollust und stolzem Leben haben will, aber die Gelassenheit zertritt ihn mit den Füßen des Gemüts. Die Ichheit verachtet, was einfältig ist, aber die Gelassenheit legt sich zum Einfältigen in den Staub und spricht: »Ich will einfältig sein und nichts verstehen, auf daß mein Verstand sich nicht erhebe und sündige. Ich will in den Vorhöfen zu Füßen meines Gottes liegen, auf daß ich meinem Herrn diene, wozu er mich haben will. Ich will nichts Eigenes wissen, auf daß mich die Gebote meines Herrn leiten und führen und ich nur das tue, was Gott durch mich tut und haben will. Ich will in meiner Ichheit (nur solange) schlafen, bis mich der Herr mit seinem Geist daraus aufweckt. Und wenn Er nicht will, so will ich ewig in Ihm in der Stille ruhen und sein Gebot erwarten.«

2.51. Liebe Brüder, man rühmt sich heutzutage des Glaubens. Aber wo ist der Glaube? Der jetzige Glaube ist eine Historie (vergangene Geschichte). Wo ist das Kind, das da glaubt, daß Jesus geboren sei? Wenn es da wäre und glaubte, daß Jesus geboren sei, dann würde es ja selbst zum Kindlein Jesus werden und es (innerlich) annehmen und pflegen. Ach, es ist nur noch ein historischer Glaube und eine bloße Wissenschaft und vor allem ein Kitzel des Gewissens, daß Ihn die Juden getötet haben, daß Er aus dieser Welt weggegangen sei, daß Er kein König auf Erden im animalischen Menschen sei, daß der Mensch tun kann, was er will, und daß er der Sünden und den bösen Gelüste nicht absterben dürfe. Daran erfreut sich die Ichheit, das bösartige Kind, so daß es im Fetten leben und den Teufel fett mästen kann.

2.52. Es bewahrheitet sich, daß der rechte Glaube seit Christi Zeiten niemals kränker und schwächer war, als heutzutage, obwohl doch die Welt laut schreit: „Wir haben den wahren Glauben gefunden!“ Und sie zanken doch nur um ein Kind, das nie bösartiger gewesen ist, seit der Mensch auf Erden lebt.

2.53. Bist du Zion (der Wohnsitz bzw. Tempel Gottes), das neugeborene und wiedergefundene Kind, dann beweise deine Kraft und Tugend und weise das Kindlein Jesus aus dir hervor, so daß man sehe, ob du seine Pflegemutter bist. Wenn nicht, dann sagen die Kinder Christi: „Du hast nur das Kind der Historie, also die (weltliche) Wiege des Kindes gefunden.“

2.54. Wo hast du das Kindlein Jesus, du Abtrünnige mit der Historie und falschem Scheinglauben? Wie kann dich das Kindlein Jesus als des Vaters Eigenschaft in deiner eigensinnigen Illusion heimsuchen, die du fett gemästet hast? Es ruft dich in Liebe, aber du willst nicht hören, denn deine Ohren sind in Geiz und Wollust fest verschlossen. Möge doch einmal der Schall der himmlischen Posaunen deine Illusion wie mit hartem Donnerschlag zersprengen und dich aufwecken, damit du dann doch noch das Kindlein Jesus suchen und finden kannst!

2.55. Liebe Brüder, es ist eine Zeit des Suchens, Findens und Ernstes. Wen es trifft, den trifft es. Wer da wacht, der wird es hören und sehen. Wer aber in Sünde und in seinen fetten Tagen des Bauches (in geistiger Trägheit) schläft, der spricht: »Es ist alles Friede und still, und wir hören keinen Schall vom Herrn.« Aber des Herrn Stimme ist an den Enden der Erde erschollen und steigt auf wie ein Rauch, und mitten im Rauch eine große Helligkeit seines Glanzes. Amen! Halleluja! Amen!

Jauchzet dem Herrn in Zion, denn alle Berge und Hügel sind voll seiner Herrlichkeit. Er steigt auf wie ein Gewächs, wer will das wehren? Halleluja!

Verwendete Quellen zur deutschen Überarbeitung

Jakob Böhme's sämmtliche Werke, Bände 1-2, J. A. Barth, 1860
Der Weg zu Christo, verfasset in neun Büchlein, Jakob Böhme, 1715

Veröffentlichung: 11. Januar 2021


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