Das Mysterium Magnum

(Text von Jacob Böhme 1623, deutsche Überarbeitung 2022)

75. Kapitel - Jakob segnet die beiden Söhne Josefs

Wie Jakob die beiden Söhne Josefs vor seinem Ende gesegnet und den Jüngsten dem Ältesten vorgesetzt habe, und was darunter zu verstehen sei. (1.Mose 48)

75.1. Moses spricht: »Danach wurde Joseph gesagt: „Siehe, dein Vater ist krank.“ Und er nahm mit sich seine beiden Söhne Manasse und Ephraim. Da wurde Jakob angesagt: „Siehe, dein Sohn Josef kommt zu dir.“ Und Israel machte sich stark und setzte sich auf im Bett und sprach zu Josef: „Der allmächtige Gott erschien mir zu Lus im Land Kanaan und segnete mich und sprach zu mir: Siehe, ich will dich wachsen lassen und mehren, und will dich zu einer Menge von Völkern machen und will dies Land deinen Nachkommen ewiglich zu eigen geben. So sollen nun deine beiden Söhne Ephraim und Manasse, die dir im Ägyptenland geboren sind, ehe ich zu dir hergekommen bin, mein sein, gleichwie Ruben und Simeon. Welche du aber nach ihnen zeugen wirst, die sollen dein sein und wie ihre Brüder in ihrem Erbteil benannt werden.«

75.2. In dieser Darstellung steht nun der Erzvater Jakob wieder im Ziel des Bundes, dahinein ihn Gott im Mutterleib geordnet hatte. Als er seinen Lauf in der Welt mit der Bildung vom Reich Christi und seiner Christenheit vollendet hatte, da bildete sich sein Geist wieder in das Ziel des Bundes und segnete durch das Ziel des Bundes seine Kinder und Kindeskinder und deutete auf die zukünftige Zeit, wie es mit ihnen gehen sollte, das heißt, er sprach aus der Wurzel und deutete die Äste und Zweige dieses Baumes an, den Gott nach dem Abfall im Paradies wieder gepflanzt und mit Abraham offenbar gemacht hatte. So stand Jakob im selben Stamm und deutete aus dem Geist dieses Baumes auf seine Äste und Zweige, besonders aber mit Josefs beiden Söhnen, welche er beide wieder zurück in seine Wurzel setzte, so daß sie wie Ruben und Simeon seine Söhne sein sollten. Diese Darstellung versteht so:

75.3. »Jakob sprach zu Josef: „Der allmächtige Gott erschien mir zu Lus im Land Kanaan und segnete mich und sprach zu mir: Siehe, ich will dich wachsen lassen und mehren, und will dich zu einer Menge von Völkern machen und will dies Land deinen Nachkommen ewiglich zu eigen geben.“« In dieser Darstellung spricht nun der Geist nicht allein von der Erbschaft des äußeren Landes Kanaan, sondern auch von der Erbschaft des Reichs Christi, das unter diesem Kanaan verstanden wird, denn er sagt: Gott habe ihm und seinen Kindern dieses Land zum ewigen Besitz gegeben, welches sie nun eine lange Zeit nicht inne oder erblich gehabt haben, darin in dieser Darstellung das Reich Christi verstanden wird, welches ewig währen soll.

75.4. So nahm nun Jakob die beiden Söhne Josefs und setzte sie in seine Wurzel, in die Erbschaft dieses Reichs ein, und dazu in seine erste Kraft, wie Ruben und Simeon, seine ersten Söhne, welches andeutet, wie Josefs, das heißt, Christi Kinder im Glauben und Geist, deren Natur doch vom verdorbenen Adams-Samen gekommen ist, durch den Glauben wieder in die erste Wurzel des Bundes Gottes eingepflanzt werden sollen. Denn Adam hatte seine Zweige und Kinder mit sich in das Reich von Gottes Zorn gesetzt. Aber der Bund und die Gnade nimmt diese adamischen Zweige und setzt sie wieder zurück in das Bild Gottes hinein, was Jakob mit Josefs Söhnen hier darstellt.

75.5. »Und Israel sah die Söhne Josefs und sprach: „Wer sind die?“ Josef antwortete seinem Vater: „Es sind meine Söhne, die mir Gott hier gegeben hat.“« Das heißt, der Gnadenbund war gegenüber der verdorbenen Natur fremd und fragte: „Wer sind diese Kinder der Natur in ihrer Ichheit? Sie haben sich doch von Gott abgebrochen.“ Aber Josef in der Bildung der Menschheit Christi antwortete: „Es sind meine Kinder, die mir Gott im Reich dieser Welt gegeben hat.“ Und der Bund der Gnade in Jakob sprach: »Bringe sie her zu mir, daß ich sie segne.« Das heißt, daß ich sie mit der Gnade salbe, und das heißt, Christus soll sie zu Gott führen, damit er sie wieder segne.

75.6. Und Moses spricht: »Denn die Augen Israels waren dunkel geworden vor Alter.« Das heißt, die Natur in des Vaters Eigenschaft der seelischen Kreatur war verdunkelt und veraltet, und solches darum, weil sich das seelische Sein in die Zeit gebildet hatte, denn alles was in der Zeit lebt, das veraltet und verdunkelt. Aber der Bund in Jakob veraltet nicht, und dieser Bund wollte die Söhne Josefs mit der zukünftigen Offenbarung der Kraft im Namen Jesu segnen. Und Josef, der im Bild der Menschheit Christi stand, sollte sie zu diesem Segen führen. Denn die Menschheit Christi führte die Kinder Adams zum Segen Gottes, wie hier Josef seine Söhne zum Bund Gottes in Jakob.

75.7. Moses spricht weiter: »Er aber küßte und herzte sie, und sprach zu Josef: „Siehe, ich habe dein Angesicht gesehen, was ich nicht gedacht hätte, und siehe, Gott hat mich sogar deine Söhne sehen lassen.“ Und Josef nahm sie von seinem Schoß und verneigte sich zur Erde vor seinem Angesicht.« Das heißt in dieser Darstellung so viel wie: Als Josef im Bild der Menschheit Christi seine Söhne zu seinem Vater als vor den Bund Gottes brachte, da nahm sie der Bund in die Arme oder auf den Schoß seiner Begierde, als in Gottes Essenz, und küßte sie mit dem Kuß der Liebe, welche Gott in Christus offenbaren wollte. Und des Vaters Gerechtigkeit im Wort der Macht sprach zur Seelenessenz: „Siehe, du warst vor mir verdunkelt, doch nun habe ich durch die Liebe und Gnade Gottes dein Angesicht wieder gesehen, was ich nicht dachte, denn ich dachte, die Seele in der strengen Macht von Gottes Zorn zu halten, weil Gottes Auge durch ihr Abwenden in ihr weggegangen war, und so war sie in Gottes Gerechtigkeit von Gott getrennt. Nun aber habe ich der Seele Angesicht durch Gottes Liebe wieder in der Gnade Gottes gesehen, und siehe, Gottes Liebe hat mich den Samen (bzw. die Kinder) dieses Gnadenbundes sehen lassen.“

75.8. Und der Geist Moses spricht: »Und Josef nahm sie von seinem Schoß und verneigte sich zur Erde vor seinem Angesicht.« Das heißt, als das Wort Mensch wurde, nahm Christus die Seele vom Schoß des Vaters, als aus des Vaters Natur in sich, und trat in kreatürliche Art mit der angenommenen Menschheit vor Gott den Vater und verneigte, das heißt, demütigte sich mit der angenommenen Seele als Gott und Mensch in Einer Person bis zur Erde, das heißt, bis in den Tod, und trat vor Gottes Angesicht mit unserer angenommenen Seele, das heißt, er führte den Willen der Seele durch die eingeführte Kraft der Gottheit wieder zurück in die gelassene Demut vor Gottes Auge.

75.9. Und Moses spricht weiter: »Dann nahm sie Josef beide, Ephraim in seine rechte Hand gegenüber Israels linker Hand, und Manasse in seine linke Hand gegenüber Israels rechte Hand, und brachte sie zu ihm.« Dies ist nun die teure Darstellung des großen göttlichen Ernstes, wie der Mensch wieder gesegnet worden sei. Denn Ephraim war nicht der Erstgeborene, sondern Manasse. Aber Jakob legte seine rechte Hand auf des Jüngsten Haupt. Josef aber nahm Ephraim in seine rechte Hand und Manasse in seine linke, damit er mit dem Erstgeborenen vor Jakobs rechter Hand stand und mit dem anderen vor Jakobs linker. Aber Jakob kehrte den Willen Josefs um. Diese Darstellung versteht so:

75.10. Das Wort wurde Mensch, das heißt, das unnatürliche unkreatürliche (bzw. ungeschaffene) Wort Gottes offenbarte sich im kreatürlichen (geschaffenen) Wort Gottes der Seele des Menschen und nahm das verblichene Bild des Lichtes an sich, und machte es in sich lebendig und stellte es in Gottes linke Hand, als in des Vaters Zorn hinein. Das heißt hier: Er stellte den jüngsten Sohn als Ephraim vor Jakobs als vor Gottes linker Hand und nahm ihn aber in seine rechte Hand.

75.11. Denn Christus nahm den einverleibten Gnadenbund im verblichenen Himmelsbild, der im Menschen der jüngste, als der neue Mensch war, in seine rechte Hand, als in die höchste Liebe im Namen Jesu, und trat mit diesem neuen Menschen aus dem Gnadenbund vor Gottes linke Hand, als vor Gottes strenge Gerechtigkeit im Zorn, weil er die Seele als die erste Geburt versöhnen möchte. Und die Seele, als die Erstgeborene, nahm Christus in seine linke Hand, das heißt, er nahm das erste Prinzip, welches zuvor das Oberrecht und die Macht gehabt hatte, und stellte es nach hinten, damit seine Macht, als der eigene Wille, hinterhergehen und in die Demut vor Gottes rechte Hand treten sollte.

75.12. Denn diese zwei Söhne Josefs deuten hier den inneren geistigen Menschen an, als die feurige Seele, welche der älteste Sohn ist, und den Geist der Seele, als des Lichtes Kraft, welches den anderen Sohn andeutet, als die zwei Prinzipien. Diese stellte Josef, das heißt, Christus vor Gott und nahm den Geist, als das zweite Prinzip, in seine Rechte, als in seine Liebe, und stellte ihn mit seiner Liebe vor Gottes Linke, als vor seinen Zorn, denn dieser sollte der Schlange den Kopf zertreten. Und die Seele stellte er vor Gottes Rechte, daß sie den Segen von Gott empfangen sollte, das heißt, daß sich Gottes Liebe aus der Seele offenbaren sollte. Aber dies konnte nicht sein, denn Moses spricht: »Aber Israel streckte seine rechte Hand aus und legte sie auf Ephraims, des Jüngeren, Haupt und seine linke auf Manasses Haupt, und kreuzte wissentlich seine Arme, obwohl Manasse der Erstgeborene war.«

75.13. Das heißt in der Darstellung so viel wie: Gott wollte nicht mehr der ersten Geburt, als der feurigen Seele, das Regiment geben, weil sie ihren Willen von Gott abgewandt hatte, sondern legte seine Hand der Kraft und Allmacht auf den anderen, als auf das Bild des Lichtes, das in Christus in seiner Liebe wieder lebendig wurde. Diesem gab er nun die Macht der göttlichen Kraft, so daß die Seele unter Christus sei, denn im Bild des Lichtes wird Christus verstanden, und auf ihn legte Gott die Hand seiner Allmacht und Gnade, und auf die Seele legte er seine Linke, so daß sie ein Knecht und Diener der Gnade sein soll.

75.14. So wurde die erste Geburt nach hinten, als in die Untertänigkeit, und die zweite empor in das Regiment gesetzt. Und das ist hier die Bildung, davon Christus sagte: »Vater, die Menschen waren dein«, das heißt, sie waren aus der Eigenschaft deiner Natur, »aber du hast sie mir gegeben«, denn der Vater gab Christus den höchsten Segen und Macht, dadurch die feurige Seele ihr Regiment des eigenen Willens verlor. (Joh. 17.6)

75.15. Und Moses spricht: »Jakob tat wissentlich so.« Das heißt, der Bund Gottes wußte es in Jakob, daß es Gott so haben wollte. Mit seinen leiblichen Augen konnte Jakob diese beiden Knaben nicht mehr erkennen vor Alter, aber mit den Augen des Bundes Gottes sah er sie und erkannte sie, denn Gottes Geist in ihm tat es.

75.16. »Und er segnete Josef und sprach: »Der Gott, vor dem meine Väter Abraham und Isaak gewandelt sind, der Gott, der mein Leben lang bis zu diesem Tag mein Hirte gewesen ist, der Engel, der mich von allem Übel erlöst hat, der segne die Knaben, daß sie nach meinem und nach meiner Väter Abrahams und Isaaks Namen genannt werden, und daß sie wachsen und viel werden auf Erden.« Diese Darstellung versteht so:

75.17. Der Gott der Liebe segnete den einverleibten Gnadenbund, aus dem Christus, als der himmlische Josef, kommen sollte, wie hier Jakob mit seinem Segen bei Josef anfing und Josefs Söhne durch Josef segnete. So segnete auch Gott durch den Namen Jesu die Seele und den Geist, denn Gott hat sich den Namen Jesu zu einem Gnadenthron vorgestellt. Und durch diesen Gnadenthron segnete er Christi Kinder und Glieder nach der Menschheit, und machte hier in den Worten des Segens zwischen den Kindern keinen Unterschied, um anzudeuten, daß die Seele mit dem Geist in Christus gleiche Gnade und Gaben genießen soll. Nur die Macht gab er der neuen Wiedergeburt aus dem verblichenen Himmelsbild, daß die Seele durch die Kraft der neuen Wiedergeburt wirken soll und sich mit derselben ausbreiten und groß werden soll, das heißt, daß der seelische Baum mit seinen Ästen aus diesem Segen wachsen soll.

75.18. In den Worten dieses Segens liegt folgende Bedeutung: Der einverleibte Gnadenbund in der Kraft des Wortes sprach die Kraft aus und faßte in Jakob Leib, Seele und Geist in Eines, und sprach sich dadurch auf die Kinder Josefs aus: »Gott, vor dem meine Väter Abraham und Isaak gewandelt sind«, das heißt, durch den Willen, den meine Väter zu Gott gerichtet haben, mit dem sie vor Gott gewandelt sind, und »durch die Kraft Gottes, die mein Leben lang bis zu diesem Tag mein Hirte gewesen ist«, und »der Engel, der mich von allem Übel erlöst hat, der segne die Knaben!«. Das heißt, er segnete sie durch göttliche und menschliche Kraft durch den Engel des großen Rats in Jesus Christus, welcher Engel den Menschen von allem Übel erlöst hat, so daß sie nach diesem Namen als Kinder des Bundes Gottes genannt werden und in dieser Kraft wachsen und groß werden sollten.

75.19. »Als aber Josef sah, daß sein Vater die rechte Hand auf Ephraims Haupt legte, mißfiel es ihm, und er faßte seines Vaters Hand, damit er sie von Ephraims Haupt auf Manasses Haupt wendete, und sprach zu ihm: „Nicht so, mein Vater, dieser ist der Erstgeborene, lege deine rechte Hand auf sein Haupt.“ Aber sein Vater weigerte sich und sprach: „Ich weiß wohl, mein Sohn, ich weiß wohl. Dieser soll auch ein Volk werden und wird groß sein, aber sein jüngerer Bruder wird größer als er werden, und seine Nachkommen werden ein großes Volk werden.“«

75.20. Mit der äußeren Geschichte deutet der Geist auf ihre Nachkommen, welcher Stamm den anderen in Größe und Macht übertreffen würde. Aber mit der inneren Bedeutung von der Umkehr und neuen Geburt des Menschen sieht er auf den inneren Grund, wie der innere und jüngste Grund der einverleibten Gnade in Christus größer sein würde als der Grund des ersten geschaffenen adamischen Menschen.

75.21. Das sich aber Josef diesem verweigerte und es nicht gern wollte, daß der Jüngste dem Ältesten vorgesetzt würde, hat diese Bedeutung: Josef stand in der Bildung der neuen Wiedergeburt, wie sich in der Menschheit Christi der inwendige Grund, als das ewigsprechende Wort, durch unsere Seele herauswenden und der Seele ihre Gewalt des eigenen Willens nehmen sollte. Doch das wollte die kreatürliche Seele nicht, daß sie ihre Gewalt verliere. Sie wollte nicht gern an das Sterben ihres eigenen Willens, sondern ihr erstes Naturrecht behalten.

75.22. Wie wir das an Christi Menschheit, als an der menschlichen Seele sehen, als sie nun ihrer Ichheit absterben sollte und ihr Naturrecht übergeben, denn so sprach auch Christus am Ölberg: »Vater, ist es möglich…« Das heißt, die menschliche Seele in ihm aus des Vaters Eigenschaft im Wort sprach: „Vater, ist es möglich, dann gehe dieser Kelch von mir. Ist es aber nicht möglich, dann trinke ich ihn, und so geschehe dein Wille!“ Wie auch hier Josef in dieser Darstellung nicht gern daran wollte, daß der Letzte dem Ersten vorgezogen würde.

75.23. Der Text sagt: »Es gefiel ihm übel.« Denn dem natürlichen Menschen gefällt es übel, wenn er sein Naturrecht übergeben und das Reich der Demut in sich herrschen lassen soll. Er wollte lieber selber Herr sein. Aber sein eigener Wille hat es verscherzt, so daß er nach hinten gesetzt wird. Denn es ist nicht möglich, daß er Gottes Kind werde, es sei denn, er trinke den Kelch, davon er des eigenen natürlichen Willens absterbe. Darum sagte Christus: »Vater, dein Wille geschehe«, und nicht mein natürlicher, adamischer und menschlicher Wille. Sondern Gottes Wille geschehe in meinem innerlichen Grund, und nicht der Wille meiner adamischen Seele. Es soll und muß in Gott gelassen sein: Das erste Naturrecht muß hinterhergehen und Christus vorher, sonst ist keine Seligkeit.

75.24. Mit diesem Bild spielte der Geist Gottes bei den Kindern der Heiligen, wie sich das neue einverleibte Gnadenreich emporschwingen würde, und wie das Reich der Natur nach hinten gesetzt werden muß. Denn wenn Christus im Menschen aufersteht und geboren wird, dann muß Adam Knecht und Diener sein.

75.25. Und das bedeutet daneben, daß zwar das Reich der Natur groß sein würde, aber das Reich der Gnade noch größer, wie wir dessen ein Gleichnis an einem großen vielästigen Baum haben, welcher durch die Natur viele Zweige und Äste zeugt und die Natur darin gewaltig ist, aber der Sonne Kraft ist darin noch viel gewaltiger: Denn wenn diese nicht mitwirkte, dann könnte der Baum nicht wachsen und auch keine Frucht tragen. So sehen wir daran klar, daß sich der Sonne Kraft emporwinden muß, wenn der Baum wachsen und seine Frucht reifen und nützlich sein soll. Also auch im Menschen:

75.26. Der Mensch ist die Natur, und die Natur zeugt ihn, so daß er in eine Form und Gestalt der Kreaturen kommt. Aber die Vernunft muß in ihm hervorkommen, welche die Natur regiert und pflegt. Die Natur will wohl, daß ihre Begierde erfüllt werde, aber die Vernunft herrscht über die Natur.

75.27. Nun ist aber die Natur eher als die Vernunft, denn die Natur geht vorher (in der natürlichen Geburt). Wenn aber die Vernunft kommt, dann muß sie hinterhergehen. So ist es auch in dieser Darstellung bei Jakob und Josef von der neuen Wiedergeburt zu verstehen, daß, wenn die göttliche Vernunft im Menschen wieder offenbar werden würde, dann würde die Natur hinterhergehen (und folgen).

75.28. »So segnete er sie an jenem Tag und sprach: „Wer in Israel jemanden segnen will, der sage: Gott setze dich wie Ephraim und Manasse!“« In diesem Text ist es sonnenklar, was der Geist in dieser Darstellung andeutet: Denn Ephraim und Manasse wurden wieder zurück in die Wurzel Jakobs eingesetzt, das heißt, in den Gnadenbund, den Gott in ihm offenbart hatte, und sie wurden nach der Geburt des Naturrechts umgekehrt, so daß der Jüngste vor den Ältesten gesetzt wurde. So soll auch aller Segen und Wunsch bei den Kindern Gottes sein, daß sie Gott aus dem bösen adamischen Willen der Ichheit wieder zurück in den paradiesischen Bund setzen wollte, und sie umkehren und das Gnadenreich in ihnen hervorbringen und über das Reich der Natur der ersten adamischen Geburt setzen wollte. Wenn dies im Menschen geschieht, dann ist er wieder ein Kind Gottes in Christus und steht im Segen Gottes.

75.29. Liebe Rabbis und Meister der Buchstaben, lernt doch nur die Bedeutung des Alten und Neuen Testaments verstehen, und zankt nicht um die äußere Hülse der Wörter! Seht auf den Hauptgrund, warum der Geist Gottes so spricht und warum er solche Bilder darstellt, und denkt ihm nach, was dies andeutet, wenn der Heilige Geist in allen Darstellungen immerfort Christi als Jüngsten vor den Ältesten setzt. Fangt bei Kain und Abel an, und fahrt so weiter, dann kommt ihr zur Ruhe und euer Streit nimmt ein Ende.

75.30. Denn die Zeit des Streits ist zu Ende, und Ephraim soll über Manasse herrschen. Wenn ihr das nicht tut, dann wird euch die Sonne mit ihrem Aufgang verblenden, so daß ihr ewig blind sein müßt. Ihr wollt wahrlich nur mit dem Auge des Reichs der Natur sehen, und das Auge der Gnade verachtete ihr. Aber Ephraim bekommt das Naturrecht der Erstgeburt. Wie wollt ihr gegen euren Vater Jakob streiten? Ihr segnet nicht recht, denn ihr setzt Manasse vornan und Ephraim hinterher. Doch es ist vor den Augen des Allerhöchsten offenbar geworden, der Ephraim wieder vorangesetzt hat: Das Reich der Natur in menschlicher Ichheit soll Knecht werden. Aber das wollt ihr nicht. Doch der Vorsatz des Höchsten geht vor sich, und müßtet ihr darum auch alle zugrunde gehen, so ist doch kein Aufhalten mehr.

75.31. Als nun Jakob Josef und seine Söhne gesegnet hatte, da stellt er ein ganz heimliches Bild der Christenheit auf Erden dar. Denn dann spricht Moses: »Und Israel sprach zu Josef: „Siehe, ich sterbe, und Gott wird mit euch sein und wird euch in das Land eurer Väter zurückbringen. Ich habe dir vor deinen Brüdern ein Stück Land (in Sichem) zu gegeben, das ich mit meinem Schwert und Bogen aus der Hand der Amoriter genommen habe.“«

75.32. Auch wenn hier wohl eine äußerliche Darstellung dabei sein mag, welche immer auch dabei ist, so ist dies doch vielmehr eine innerliche Darstellung von der Christenheit. Denn was konnte Jakob weggeben, das er selber nicht in Besitz hatte? Er hatte Sichem nicht in Besitz, wie die Kommentare bei diesem Text erklären wollen, welche nur auf äußerliche Dinge sehen. So konnte er es auch nicht an Josef besonders gegeben haben, denn Josef hat es nicht bewohnt, sondern ist mit allen seinen Kindern und Kindeskindern in Ägypten gestorben.

75.33. Dazu sagte Jakob, er hätte es mit seinem Schwert und Bogen aus der Hand der Amoriter genommen, welches sonst nirgendwo zu beweisen ist. Und doch mag wohl eine äußerliche Geschichte dabei sein, weil er spricht, er habe es Josef, als dem Vorbild der Christenheit gegeben, und habe es mit dem Schwert genommen, so ist es eine (symbolische) Darstellung und heimliche Rede.

75.34. Denn Jakob sagte: „Siehe, ich sterbe, und ihr sollt wieder in dieses Land kommen. Gott wird euch dahineinbringen.“ Dies deutet erstlich nur auf Christus, der aus Jakobs Grund, den Gott in ihm hatte, kommen sollte: Wenn dieser nach unserer Menschheit sterben würde, denn würde Gott Israel wieder in das Land des Bundes Gottes bringen. Und der Bund habe ein Stück des Landes in dieser Welt, das zu allen Zeiten eine Wohnung der Christenheit auf Erden sein würde, auch wenn dieses Stück Land mit Manasse und Ephraim oft von einem Orte zum anderen verwendet (bzw. gewandt) werden würde.

75.35. Dieses Landstück oder christliche Wohnung hat Christus mit seinem Bogen und Geistesschwert gewonnen und den Fürsten dieser Welt in seinem Sieg abgeschlagen, so daß die Christenheit dieses zu allen Zeiten auf Erden haben solle. Weil wir auch sehen, daß die Christenheit den kleinsten Sieg auf Erden haben werde, so daß ihr Reich nur einem eroberten Stück Land verglichen wird, so daß der Name Christi äußerlich darauf erkannt und bekannt sein könne.

75.36. Und noch mehr ist es die treffliche Darstellung von Israel, welches mit Jakob, das heißt, mit dem Ausgang des Reichs Christi sterben würde, das heißt, daß die jüdische Herrschaft untergehen würde. Aber Gott würde sie in der letzten Zeit wieder in dieses Land, als in den wahren Bund in Christus hineinführen, denn er hat ihnen auch dieses Stück Land zuvor behalten, daß sie dasselbe wieder besitzen sollen, welches Babel nicht glaubt. Aber ihre Zeit ist nah, denn der Heiden Fülle ist am Ende.


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