Das Mysterium Magnum

(Text von Jacob Böhme 1623, deutsche Überarbeitung 2022)

61. Kapitel - Wie Jakob und Esau zusammenkommen

Die wunderschöne Darstellung, wie Jakob und Esau zusammenkommen und alles Leid und böser Wille in große Freude und Barmherzigkeit gewandelt wird, und was darunter zu verstehen sei. (1.Mose 33)

61.1. Bei diesem Text soll der blinde Verstand seine Augen besser auftun, als er bisher getan hat, und die Darstellung mit Jakob und Esau besser betrachten und die Botschaft von Jakob und Esau richtig verstehen lernen, wenn die Schrift sagt »Jakob habe ich geliebt und Esau gehaßt, als die Kinder noch im Mutterleib lagen und weder Gutes noch Böses getan hatten. (Röm. 9.11)«, darin der Vorsatz Gottes bestehe.

61.2. Hier soll man den Vorsatz Gottes richtig ansehen, was Gottes Geist damit meint. Denn Esau stand im Bild des verdorbenen Adams, und Jakob im Bild Christi, der gekommen war, um dem armen Adam zu helfen. Darum mußten diese beiden Brüder aus Einem Samen kommen, um anzudeuten, daß Gott Mensch werden würde, und daß Gottes Samen als sein Wort und Adams Samen in seiner eigenen Natur in einer Person offenbar und ein Mensch werden sollten, und daß Gottes Samen den verdorbenen Adams-Samen mit großer göttlicher Liebe überwinden sollte und des Vaters Zorn in der Seele mit der Liebe löschen. Und so sollte sich die göttliche Liebe ganz in den Zorn der Seele hineinergeben, damit Gottes Gnade und Barmherzigkeit in der Liebe durch den Zorn dringt und auch den Zorn in Barmherzigkeit verwandelt, wie sich hier Jakob mit seinem Geschenk und in seiner großen Demut seinem Bruder Esau ergab und dessen Zorn, den er auf Jakob wegen des Natur-Rechts der Erstgeburt und des (verlorenen) Segens trug, in solche große Barmherzigkeit wandelte, daß ihm Esau um den Hals fiel und in großer Barmherzigkeit weinte, weil sein Zorn in Liebe gewandelt wurde. Wie auch Christus in unserer angenommenen Menschheit seines Vaters Zorn in unserer feuerbrennenden Zornseele mit seiner großen Liebe und Demut in solche große Barmherzigkeit verwandelte, daß die göttliche Gerechtigkeit des Zorns an unserer Seele aufhörte.

61.3. Denn wie Jakob seinen Bruder Esau mit dem Geschenk und der Demut versöhnte, als er sich dem Zorn Esaus ergab, so versöhnte auch Christus den Zorn Gottes, als er sein himmlisches Gut mit der großen Liebetinktur dem Zorn Gottes zu verschlingen gab. Und so wurde der Zorn, als die Natur der finsteren Welt, die in Adam offenbar geworden war, wieder in das göttliche Licht der Liebe gewandelt, und zwar in ein Liebefeuer.

61.4. Moses spricht: »Jakob hob seine Augen und sah seinen Bruder Esau mit 400 Mann kommen, und er verteilte seine Kinder auf Lea und Rahel und auf die beiden Mägde, und stellte die Mägde mit ihren Kindern vornan und Lea mit ihren Kindern dahinter und Rahel mit Josef zuletzt. Und er ging vor ihnen her und verneigte sich siebenmal zur Erde, bis er zu seinem Bruder kam.« Die innere teure Bedeutung versteht so: Als Christus in unserer angenommenen Menschheit in sein Leiden ging, da kam ihm der Zorn Gottes in den vier Elementen des Leibes entgegen. Da teilte Christus seine Gottheit und seine Menschheit, als das Wesen der himmlischen Welt, das er von Gott in unsere Menschheit brachte, und das Reich der natürlichen Menschheit von Adam in unterschiedliche Prinzipien. Denn die Gottheit, nach göttlicher Allmacht, stand jetzt still. Und darum sprach die Menschheit am Kreuz: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen! (Matth. 27.46)«

61.5. Die zwei Frauen Jakobs mit ihren Kindern deuten hier in Christi Stand die zweifache Seele an, nämlich bezüglich Zeit und Ewigkeit, und die zwei Mägde mit ihren Kindern deuten hier in diesem Stand die himmlische und irdische Leiblichkeit an: Lea in ihrer Einfalt deutet auf den Weltgeist (Spiritus Mundi) im Stoff der Erde, darin die Verderbung in Adam geschah und darin Gott den Schlangentreter verhieß, in dem Christus offenbar werden sollte. Darum wurde von Lea die Linie Christi als der Schlangentreter im Vorbild als Juda geboren. Und Rahel deutet das verblichene Sein vom Wesen der himmlischen Welt an, darin die wahre Seele wohnt, die in Adams Fall verblich und unfruchtbar wurde, wie Rahel, bis es Gott im Geist Christi fruchtbar machte, wie Rahel geschah.

61.6. Und wie Jakob die Mägde mit ihren Kindern vornan stellte, so wurde die irdische Bildlichkeit in der menschlichen Natur im Leiden Christi vornan gestellt, die durch die Schärfe des Todes gehen sollte. Danach wird Lea, das heißt, der Leib aus dem Stoff der Erde, in dem der Schlangentreter lag, im Leiden Christi dargestellt, und danach Rahel, als der himmlische Stoff mit dem Fürsten Josef, das heißt, mit dem wahren adamischen Bild vom Wesen der göttlichen Welt. Und der Name Jesus ging im Leiden Christi vor ihnen her, wie Jakob vor seinen Frauen und Kindern.

61.7. Und als der Name und die Kraft Jesu, als Gottes Süßigkeit und Liebe, den Grimm Gottes im menschlichen Fleisch und der Seele sah und empfand, da verneigte sich der Name Jesu durch alle sieben Gestaltungen des Naturlebens, darin der Zorn Gottes offenbar geworden war, das heißt, er drang dort essentiell durch das Zentrum der Natur, durch alle sieben Gestaltungen der Natur und durch den grimmigen Feuerqual-Quell hindurch.

61.8. Wie sich Jakob vor dem Zorn Esaus siebenmal zur Erde verneigte und Esau in dieser Demut versöhnte, so versöhnte hier auch die Liebe im Namen Jesu den Zorn, als die Eigenschaft des Vaters im Feuer, in Seele und Leib. Denn das natürliche Leben des Weltgeistes, als die Seele in der Zeit, die Adam in seine Nase eingeblasen wurde, mußte ihr Natur-Recht übergeben und sterben. Gleichwie Jakob seinem Bruder sein Gut und äußeres Leben übergab, was er auch damit tun würde, so übergab auch Christus dem Zorn Gottes unser Leben und ließ es willig. Aber der Name Jesus ging vorher und führte unser natürliches Leben durch den Tod hindurch, und nahm es wieder zu sich und triumphierte mit unserem Natur-Leben über und durch den Tod.

61.9. Und wie Esau seinen Bruder in solcher Demut und Ergebenheit entgegenlief und ihm um den Hals fiel und ihn küßte und in großer Barmherzigkeit an seinem Hals weinte, in gleicher Weise kostete auch die Essenz des Zorns Gottes die süße Liebe im Namen Jesu, im Blut Christi, so daß sie verwandelt wurde und in solcher großen Barmherzigkeit über das menschliche Geschlecht wandelt. Wie auch Jeremias im Geist davon deutete, als er in dieser Bildung spricht: »Ephraim, mein trautes Kind, mein Herz bricht mir, daß ich mich seiner erbarmen muß. (Jer. 31.20)« Damit er von dieser Barmherzigkeit spricht.

61.10. »Und als Esau an Jakobs Hals weinte, hob er seine Augen und sah die Frauen mit den Kindern und fragte: „Wer sind diese bei dir?“ Und Jakob antwortete: „Es sind die Kinder, die Gott deinem Knecht beschert hat.“ Und die Mägde traten herzu mit ihren Kindern und verneigten sich vor ihm. Auch Lea trat mit ihren Kindern herzu, und sie verneigten sich vor ihm, und schließlich traten Josef und Rahel herzu und verneigten sich auch vor ihm.« Die innere Bedeutung versteht so: Als Gottes Zorn die Menschen in der Finsternis gefangenhielt, da wurden sie im Zorn nach Gottes heiligem Bild nicht mehr erkannt. Als aber im Leiden Christi in der Menschheit die Liebe durch den Zorn brach, so daß der Zorn verwandelt wurde, da sah sie der einige Gott wieder in seinem Bild an und sprach zum Namen Jesu: „Wer sind diese, welche bei dir sind?“ Und Jesus antwortete Gott und sprach: „Das sind die Kinder, die Gott deinem Knecht beschert hat.“

61.11. Denn hier stellt sich Christus als ein Knecht Gottes mit seinen, in ihm im Glauben geborenen Kindern dar, nämlich mit uns armen Eva-Kindern. Und so traten durch den Tod Christi zuerst die Mägde mit ihren Kindern vor Gottes Angesicht hervor, das heißt, der gewesene sündige Mensch, der sich zuerst in Gottes Angesicht stellt, welches Jakobs Mägde andeuten.

61.12. Danach drang die Bundeslinie mit der geistigen Lea hervor, als das erste geschaffene Bild aus dem Stoff der Erde, darin die fünf Nägelmale der Wunden Christi standen (an Händen, Füßen und der Seite). Und die wurden dem einigen Gott gezeigt, damit er die Kinder der Mägde darin annehmen sollte, und die verneigten sich alle vor Gott.

61.13. Schließlich kam Josef mit seiner Mutter als das Bild vom himmlischen Weltwesen, und auch sie verneigten sich vor dem einigen Gott, der über sie zornig gewesen war.

61.14. Aber dies soll man nicht in zerteilten Bildern verstehen, sondern wie die Eigenschaften der Menschheit durch das Leiden Christi in einem einzigen Bild stehen, nämlich in Christi Menschheit im Reich der Wiederbringung, als im Himmelreich vor Gott offenbar geworden. Und so soll der Leser unseren eigentlichen Sinn verstehen, denn wir schreiben hier im Anschauen aller drei Prinzipien, wie das zugegangen sei und noch heut mit der neuen Geburt zugeht. Unsere Erklärung duldet keine Unterscheidung der Bildung oder Kreatur, denn wir erkennen es in einer (ganzheitlichen) Kreatur.

61.15. Unsere herzliche Betrachtung ist dieses, daß wir sehen und verstehen, wie wir armen Eva-Kinder durch Christi Leiden und Tod hindurch vor Gottes Angesicht gestellt werden, und wie zuerst die Seele mit dem Leib der Sünde durch den Tod gehen und in der Auferstehung mit dem Leib wieder vor Gott treten müsse, weil der Leib vom Stoff der Erde vor Gott wie fremd betrachtet wird. Darum wird er im Bild der Mägde dargestellt, daß sogleich in diesem Leib die Nägelmale und das Leiden Christi vor Gott gestellt werden, aus welchem Tod Christi wieder das schöne, in Adam geschaffene Bild erscheint, wie sich die ganze Darstellung mit Jakob so schön aufeinander bildet und der Geist damit angedeutet hat.

61.16. »Und Esau sprach weiter zu Jakob: „Was willst du mit all dem Heer, dem ich begegnet bin?“ Er antwortete: „Daß ich Gnade fände vor meinem Herrn.“ Esau sprach: „Ich habe genug, mein Bruder, behalte, was du hast.“ Jakob antwortete: „Ach nein! Hab ich Gnade gefunden vor dir, dann nimm mein Geschenk von meiner Hand, denn ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht, und laß dir's wohl gefallen von mir (oder: und du hast mich freundlich angesehen). Nimm doch den Segen von mir an, den ich dir gebracht habe, denn Gott hat es mir beschert, und ich habe von allem genug.“ So nötigte er ihn, daß er es annahm.« Dies ist nun die sehr schöne Darstellung, mit welcher der Geist spielt, wie Christus mit seiner Christenheit vor Gott erscheint, nämlich mit seinem erworbenen Gut. Und dann spricht der Vater zum Sohn: „Wo willst du mit diesen, deinen Kindern hin (welche mir täglich begegnen, indem sie zu mir kommen)?“ Und Christus spricht: „Ach, Herr, daß ich mit ihnen Gnade bei dir finde!“ Und der Vater spricht: „Sie sind dein erworbenes Gut, behalte was du hast. Ich habe ohnedies genug und alles.“

61.17. Christus aber spricht: „Ach nein, mein Herr, nimm doch den Segen an, den mir Gott in meinen Kindern beschert hat und den ich dir zugebracht habe. Denn Gott hat sie mir beschert, und ich habe von allem genug.“ Und so nötigte er Gott, seinem Vater, daß er das Reich von ihm wieder annimmt. Und das ist ein wahrhaftes Bild, wie Christus, nachdem er zur Rechten Gottes sitzt und über seine Feinde herrscht, das Reich seinem Vater wieder überantworten werde, weil dann auch der Sohn mitsamt seiner Christenheit dem Vater untertänig sein wird, wie die Schrift sagt und wie es der Geist in dieser Geschichte gewaltig darstellt und im Bild vorstellt.

61.18. Es ist auch eine schöne Darstellung, wie Jakob zu seinem zornig gewesenen Bruder Esau kam und sieht, wie ihm Esau um den Hals fällt und weint, daß er sagt: »Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht.« Welches uns andeutet, daß der Grimm Gottes im Reich der Natur in Adams Seele und Leib zu einem Feind geworden war, nämlich die feurige Seele selber, die in des Vaters Eigenschaft in der ewigen Natur steht.

61.19. Als aber diese große Liebe und Demut im Blut Christi hindurchdrang, da wurde dieser Grimm, als die feurige Seele, wieder in Gottes klares Angesicht verwandelt und bekam wieder das Auge der Liebe Gottes. So können wir auch Esau verstehen: Als ihn der Gnadenbund in der Bildung Christi in Jakobs Demut anblickte, da wurde sein Fluch und seine Bosheit durch Christi Geist in Liebe gewandelt, so daß er nicht mehr der war, von dem die Schrift sagt: »Esau habe ich gehaßt.« Denn im Reich der adamischen Natur war der Haß Gottes in ihm offenbar, und er war selber der Haß, und davon sagt die Schrift: »Esau habe ich gehaßt.« So lange nun der Haß in ihm das Regiment hatte, war er in Gottes Haß, und war selber der Haß. Als ihn aber der Gnadenbund in Jakob anblickte und Jakobs Demut in seinen Haß drang, da begann er zu jammern und zu weinen und in seinem Haß wurde Gottes klares Angesicht offenbar, so daß er in großer Barmherzigkeit Jakob um den Hals fiel und weinte.

61.20. Welches die Buße des armen Sünders andeutet: Wenn sich die boshafte Seele, die in Gottes Haß gefangenliegt, zu Gott wendet, dann beginnt zuerst die Barmherzigkeit mit der Reue über die begangene Sünde, weil der Geist Christi die Seele erregt. Und dann weint sie und bereut, daß sie eine solche Bosheit gewesen war, und so geht ihr sogleich die Sonne auf, so daß der Haß Gottes in das Angesicht der Liebe gewandelt wird, weil aus einem gehässigen Geist ein Engel wird.

61.21. Und obwohl die Schrift an einem Ort sagt, Esau habe die Buße mit Tränen gesucht und doch nicht gefunden, so gibt uns dieser Text etwas anderes zu verstehen, nämlich, daß ja Esau und alle verdorbenen Adamskinder die Buße in ihrem eigenen Wollen, Laufen und Rennen nicht finden, denn sonst stünde es in der Macht der Menschen, die Gnade zu erlangen. Sondern die Gnade und das göttliche Erbarmen wirken die Buße, aber der Mensch muß sein Wollen dem göttlichen Wirken hineinergeben.

61.22. Der seelische Wille muß sich zur verheißenen Gnade wenden. Dann wird ihm die göttliche Sonne in seinem Willen erscheinen und den Haß der Bosheit zerschellen. Und dann greift die Seele nach der Gnadensonne, und das Bußwirken in der Gnadenkraft beginnt. Damit gibt der Zorn Gottes in der Seele seine strenge Gerechtigkeit dem Geist Christi, und so sagt dann Christus zu seinem Vater: »Ich habe derer keinen verloren, die du mir gegeben hast. (Joh. 17.12)«

61.23. Denn die Schrift sagt: »Gott will, daß allen Menschen geholfen werde. (1.Tim. 2.4)« Und: »Christus ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Matth. 18.11)« Und: »Er hat keinen Gefallen am Tod des Sünders. (Hes. 33.11)« Darauf fragt der Verstand: „Wenn Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und nicht das Böse will, warum kann er ihnen dann nicht allen helfen? Warum bleiben sie dann verstockt, wenn er die Verstockung nicht will?“

61.24. Nun, die Seele steht im unergründlichen Willen Gottes, im ewigsprechenden Wort. Sie ist ein Funke vom göttlichen Sprechen, darin sich der Ungrund, als das ewige Eine, in die Wahrnehmung (Scienz), Vernunft und Erkenntnis der Unterschiedlichkeit ausspricht. So ist sie durch das Aussprechen in die Natur und Kreatur gekommen, und hat nun die Macht zum Wiederaussprechen als ein Bild nach ihr.

61.25. Auch spricht sie in ihrer Wissenschaft die Wunder der göttlichen Vermögenheit im Guten und Bösen aus. Und so spricht sie sich in ihrem essentiellen Sprechen aus der ewigen Wahrnehmung auch selber in die Bosheit. Wo sie „Gott“ aussprechen soll, da spricht sie in sich „Not“. Wo sie in ihrer Wahrnehmung in das ewige Eine einsprechen soll, als in Gottes Liebe und Weisheit, da spricht sie sich in Unterschiedlichkeit hinein, als in die Vielfalt, und führt die Wahrnehmung ihres Vermögens, die im ewigsprechenden Wort steht, aus der harmonischen Ausgeglichenheit in einen eigenen Willen, der sich vom einigen Willen Gottes abbricht und in eine Ichheit geht.

61.26. Darum verwandelt sie den ewigen Willen der Einheit in sich in ein Zentrum der Unterschiedlichkeit, darin der einige Gott seinen einigen Willen zur göttlichen Findlichkeit und Empfindlichkeit (Bewußtsein und Wahrnehmung) im Aussprechen des Wortes in die Natur und Leidenschaft hineinführt, als in ein essentielles geistiges Feuer, und aus dem Feuer in ein Licht, dadurch der Ungrund majestätisch und wirkend wird. Doch damit spricht sich die falsche („verkehrte“) Seele nur in einen Feuerqual-Quell.

61.27. Denn ihr Wille zum Sprechen, der in Gott im Ungrund steht, und der sich durch die Begierde in das Feuersprechen als in Eigenschaften hineinführte, der geht nicht wieder zurück in den Ungrund, als in das ewige Eine. Wenn er aber wieder zurück in das ewige Eine als in Gott eingeht, dann wird die feurige Wahrnehmung auch wieder majestätisch und licht. Dann ist die Seele ein Engel Gottes, als ein Bild der ewigen göttlichen Wahrnehmung.

61.28. Wenn aber der Wille im Feuer bleibt, als eine magische Feuerquelle, dann ist die Seele nur dieser Feuerquell. Wer soll nun diesem Feuerquell raten (bzw. helfen), solange er im Abgrund seinen Grund hat und selber sein Grund ist? Die Kraft der Majestät scheint durch ihn, aber die Begierde schließt sich ein und macht sich finster, so daß das Licht darin nicht offenbar werden kann, wie geschrieben steht: »Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen. (Joh. 1.5)« Sie wohnen ineinander, wie Tag und Nacht, aber die Seele macht sich in ihrer erfassenden (und anhaftenden) Begierde zur Finsternis.

61.29. Das ewige Eine ist in ihr als Gott, aber sie begreift ihn nicht. Sie macht sich selber zum zornigen Gott, darin Gottes Wort im Zorn spricht, und formt sich in Natur und Kreatur. Und so wirkt sie in ihrer Ichheit Bosheit. Stünde sie aber in ihrer Wirkung einen Augenblick still, dann würde sie wieder in das ewige Eine versinken, nämlich in Gott, und dann würde die göttliche Wahrnehmung (Scienz) im Licht in ihr zu wirken beginnen, und so käme sie zur Buße, wie es dann mit den Bußfertigen so geschieht. Und davon sagt Christus: »Es sei denn, daß ihr wieder umkehrt und werdet wie die Kinder, sonst könnt ihr Gott nicht schauen. (Matth. 18.3)«

61.30. Der seelische Wille, welcher in Gottes Offenbarung seinen Grund und Ursprung hat, daraus er ein wirkendes Leben geworden ist, der soll und muß sich wieder in seine Mutter hineinwenden, aus welcher er gekommen ist. Dann ist er dort wie ein Kind im Mutterleib, und dann schaut er in seiner Mutter Gott, als den Ungrund aller Wesen, und wird in seiner Mutter neugeboren, das heißt, die Mutter gibt ihm die Kraft des Lichtes (bzw. Bewußtseins), und in dieser Kraft bekommt er das Vermögen zur Bußwirkung. Dann gebiert der ewige unergründliche Wille Gottes, der ein Vater aller Wesen heißt, seinen eigenen Sohn als seine Liebekraft in und durch die seelische Wahrnehmung (Scienz), nämlich im Besonderen (Particular) des ganzheitlichen Willens Gottes, denn der Grund der Seele und Gottes ewigsprechendes Wort sind ein einiger Grund, ungetrennt.

61.31. Und wie wir erkennen, daß sich dieses einige, ewiggebärende und sprechende Wort im Himmel durch die Kraft des Lichtes in der Helligkeit ausspricht, als die heilige Weisheit, so spricht sich auch dieses einige Wort in der Hölle der Finsternis in der Flamme des Leidens in höllischer Essenz aus, danach sich Gott einen zornigen Gott und ein verzehrendes Feuer nennt. Denn außer dem einigen Wort oder Sprechen Gottes ist nichts. Und so ist es auch bezüglich der Seele sowie den Engeln und Teufeln zu verstehen.

61.32. In der gelassenen Seele spricht Gott der Vater den heiligen Namen Jesu als die Gnade und das Erbarmen aus. Das heißt, er gebiert Christus in ihr und führt den adamischen und bösartig geborenen Willen durch Christi Leiden und Tod wieder in das ewige Eine, darin der Sohn das Reich der seelischen Natur wieder dem Vater überantwortet.

61.33. Will aber die Seele von ihrer Wirkung der Bosheit nicht stillstehen, dann spricht der Vater durch das Wort in der Seele höllisches Leiden, und der Seele Begierde verdichtet und faßt sich darin, und ihre Verdichtung macht die ewige große Finsternis, als eine Kluft zwischen (ihr selber und) Gott. Darin doch kein fremder Sprecher verstanden wird, der von außen in die Seele einspräche, sondern das Wort, das die Seele selbst ist, spricht sich so in die Bosheit.

61.34. Denn das gute (heilige) Sprechen, als die göttliche Vermögenheit, hat sie in Adam verloren. Doch es wurde im Paradies aus Gottes Erbarmen und Gnade wieder als ein eigenes Zentrum der Seele eingesprochen, und steht nun in der Seele als ein eigenes Zentrum oder Prinzip und spricht immerfort in die Seele hinein, sie soll von ihrer falschen Bildlichkeit stillstehen, dann will sich dieses Gute wieder in der Seele offenbaren. Wenn aber die Seele von ihrem gottlosen Sprechen nicht stillsteht, dann kann sich das gute Einsprechen in der Seele nicht offenbaren, und so kann sie auch nicht belehrt werden.

61.35. Darum ist das der Schluß, daß Gott im Sprechen der falschen Seele nicht gut sein kann, und im Willen der gelassenen Seele kann er nicht böse sein. In sich selbst ist er wohl gut, aber nicht in der Seele.

61.36. Denn Gott wird nur „Gott“ genannt, wenn seine Liebe ausgesprochen, wirklich und empfindlich erkannt und offenbar wird, davon die Schrift auch sagt: »Das Wort, das Gott ist, ist dir nah, nämlich in deinem Mund und Herzen.« Oder: »Das Reich Gottes ist innerlich in euch.« Oder: »Bei den Heiligen bist du heilig, und bei den Verkehrten bist du verkehrt.«

61.37. Im Himmel heißt er „Gott“, und in der Hölle heißt er „Zorn“, und ist doch im Abgrund, sowohl im Himmel und in der Hölle, nur das einige Eine als das einige Gute (bzw. Vollkommene).

61.38. Und so kann man weiter oder tiefer von Gottes Willen nichts sagen, als nur allein in seiner Offenbarung durch das Wort, weil sich das Wort in die Natur und Kreatur hineinführt. Nur darin will Gott durch das ausgesprochene Wort Gutes und Böses. Denn wie die Wahrnehmung jedes Dinges im geformten Wort ist, so ist auch Gottes Willen darin. Dasselbe ausgesprochene Wort ist in den Engeln englisch, in den Teufeln teuflisch, in den Menschen menschlich und in den Tieren tierisch, und es bleibt doch in sich selber in seinem ewigen Sprechen in dem Einen nur Gott als ein einiges heiliges Wort, ein Grund und eine Wurzel für alle Wesen.

61.39. Darum liegt das Helfen am Willen der Seele, ob sie sich helfen lassen will, und ob sie in ihrem Willen stillstehen will. Nicht, daß sie sich das Helfen nehmen könne: Nein, es ist ein Gnadengeben, denn die göttliche Sonne scheint in ihr nur im Abgrund, und es liegt an ihr, ob sie sich mit ihrem Willen, den sie aus Gott hat, wieder einen Augenblick in ihre Mutter, als in Gottes unergründlichen Willen hinein versenken will, dann wird sie das Können erreichen.

61.40. Denn das Können hat seinen Mund zur Seele geöffnet und spricht: »Komm her zu mir.“ Gleichwie die Sonne den ganzen Tag in alle Kräuter scheint und ihnen Kraft gibt. Und es liegt nicht an der Sonne, daß die Distel eine Distel wird, sondern am ursprünglichen Wesen, aus dem sie eine Distel wird.

61.41. So wird auch eine falsche Seele aus dem Wesen von Gottes Zorn im Fluch und aus angeerbter Bosheit sowie aus wirklicher Bosheit eine Distel, indem sich der Wille, als die seelische Wahrnehmung, in eine Distel spricht. Und aus diesem falschen Grund wachsen dann immer mehr Disteln, wie Gott in Moses sagt: »Er will strafen die Sünde der Eltern an den Kindern bis in die dritte und vierte Generation. (2.Mose 20.5)« Und Christus sagt: »Ein schlechter Baum kann keine guten Früchte bringen. (Matth. 7.18)«

61.42. So sehen wir, daß das Verderben aus der Seele kommt, und sehen auch, daß Gottes heiliger Wille nicht in der falschen Wirkung offenbar werden kann. Solange der Wille der Seele Böses wirkt, formt sich Gottes Sprechen in ihr im Zorn. Wenn sie aber beginnt, von solcher Wirkung stillzustehen, dann wird Gottes Liebeskraft in ihr offenbar. Denn wenn sie nicht mehr selber wirkt, dann wirkt der Ungrund in ihr, als das Eine.

61.43. Denn Gott wirkt seit Ewigkeit in Ewigkeit, aber nicht anders als nur sein Wort, und das Wort ist Gott, als eine Offenbarung des Ungrundes. Wenn nun die Seele keinen eigenen Willen mehr spricht, dann wird in ihr der unergründliche Wille sprechend. Wo also die Kreatur stillsteht, da wirkt Gott.

61.44. Soll nun die Kreatur mit Gott wirken, so muß ihr Wille in Gott eingehen. Dann wirkt Gott mit und durch die Kreatur, denn die ganze Kreatur, himmlisch, höllisch und irdisch, ist nichts anderes als das wirkende Wort (der „Information“). Das Wort ist selbst Alles.

61.45. Die Kreatur ist ein verdichteter und geronnener Hauch des Wortes. Und wie sich das Wort aus dem freien Willen aushaucht, wenn es der freie Wille aus dem Ungrund in einen Grund führt, so führt auch der freie Wille der Engel und Seelen das Wort in einen Grund, und dieser Grund ist die Kreatur, wie ein Feuerquell zu seinem Wiederaussprechen. Und aus diesem Wiederaussprechen kommt nun Gutes und Böses, und nach diesen wiederausgesprochenen Wesen und Kräften hat die Seele ihr Gericht.

61.46. Denn das ist das Gericht, daß das Böse vom Guten geschieden werde und ein jedes Ding sein eigenes Prinzip besitze. Welche Seele nun höllische Qual wie einen Fluch ausspricht, die muß in den Tod, damit sie nicht mehr Gottes Wort im Guten und Bösen führe, sondern nur das Böse, so daß ein jedes in dem Seinen bleibe.

61.47. Und darum, weil im Reich dieser Welt durch das Wort Böses und Gutes ausgesprochen wird, ist dem Reich schließlich ein Scheidetag bestimmt, an dem Böses und Gutes aufhören sollen, an einer Stätte zu sprechen. Und so wird den Gottlosen ihr Reich bereitet sein, darin in Ewigkeit Böses gesprochen wird, damit (auch im ewigen Reich) das Gute erkannt und im Guten die Freude offenbar werde. Und damit auch das erkannt werde, was Böses und Gutes sei, auch was Leben und Tod sei, und die Kinder Gottes sich freuen können.

61.48. Denn würde das Böse nicht erkannt, dann würde die Freude nicht offenbar. Wenn aber die Freude offenbar wird, dann wird das ewige Wort in der Freude gesprochen, zu welchem Ende (bzw. Ziel) sich das Wort mit der Natur in ein Geschöpf hineingeführt hat.

61.49. Und dies ist der wahre Grund, in dem alles Wähnen und Meinen erkannt wird und alle Sophisterei zugrunde geht und aller Streit ein Ende hat. Wer dies wahrhaft sieht und erkennt, der hat keine weitere Frage. Denn er sieht, daß er in Gott lebt und ist, und ergibt sich Gott, daß er weiterhin durch ihn wisse, wolle und spreche, was und wie er will. Er sucht nur die Stätte der Niedrigkeit, damit in ihm Gott allein hoch sei.

61.50. So lange aber Luzifer im Menschen das Regiment hat, dringt die Kreatur empor und will selber sein eigener Gott sein. Und das ist auch Wunder, denn wie Gottes Weisheit in der Liebe im Wunder steht, so auch in der Ichheit und Eigenheit der Kreatur.

61.51. Ein jedes Ding ist in seinem eigenen Prinzip gut, darin es lebt, aber dem anderen ist es ein Widerwille. Jedoch muß es so sein, damit eines im anderen offenbar und die verborgene Weisheit erkannt werde, und in der Unterschiedlichkeit ein Spiel sei, damit der Ungrund, als das ewige Eine, für sich und mit sich spiele.

61.52. Darum sollen wir die Heilige Schrift richtig verstehen lernen, wie Gott Gutes und Böses wolle, denn nicht in ihm selber ist der Beschluß, sondern im ausgesprochenen Wort, als in der Natur und Kreatur: Gott haßte Esau in der verdorbenen Natur in Esaus Natur selber, denn Esau war das Bild des Hasses selber. Doch in Gott selbst, als im eingesprochenen Gnadenbund, liebte er ihn.

61.53. Darum stellte er das Bild Christi als seinen Bruder Jakob neben ihn und ließ sie beide aus einem Samen kommen, um anzudeuten, daß Christus Esau und die verdorbene adamische Natur im Haß Gottes zur Buße rufen und neu gebären sollte, wie Jakob Esau zur Buße brachte, so daß er seine Bosheit fallenließ und jämmerlich weinte und vom bösen Willen gegen Jakob abging.

61.54. Darum ist es die Bedeutung der Schrift, daß der irdische Adam im Reich der verdorbenen Natur in seinem eigenen Willen die Buße nicht findet, noch finden kann, denn darin ist kein Vermögen zum Guten. Aber die einverleibte Gnade in ihm erweckt diese, wenn sich der Wille zu ihr wendet. Denn wenn der eigene Wille Buße wirken und fromm werden könnte, dann bedürfte er der Gnade nicht.

61.55. Die Dekrete (Beschlüsse) der Schrift richten sich allein auf diese zwei Reiche (der Verstockung und Gnade). Die Verstockung kommt auf dem falschen Willen, der sich selber verstockt, denn Gottes Zorn im Eigenwesen des Willens verstockt ihn, aber nicht von außen hereinkommend, sondern im Eigenwesen des Willens offenbar werdend. Der Wille selbst ist aus Gott, und dieser Gott im Willen führt sich in die Verstockung hinein, in gleicher Weise, wie er sich in der Hölle in die Finsternis und das Leiden hineinführt. So ist es auch vom Reich der Gnade zu verstehen.

61.56. Und im Reich seiner Gnade will Gott im Menschen nur Gutes: Denn wo sich der freie Wille in die Gnade ergibt, da will Gott Gutes im Willen durch die Gnade.

61.57. Daß man aber sagen wollte, der Mensch könne seinen Willen nicht zum Guten wenden, als zur Gnade, das ist grundlos. Auch in allen gottlosen Menschen steht doch die Gnade im Abgrund der Kreatur, und der Wille müßte nur von der falschen Wirkung stillstehen, so daß sein Eigenwille beginnt, in den Abgrund zu versinken.

61.58. Denn was stillsteht, das steht mit dem ewigen Einen still und wird im Einen ein Wesen, denn es geht in sein Nichts (bzgl. seiner Ichheit). Muß doch der falsche Wille auch wegen weltlicher Gesetze aus Furcht vor Strafen von unrechten Werken stillstehen. Warum dann nicht für das Gebot Gottes? Kann er seinem weltlichen Herrn gehorsam sein und an einem Ziel, wo er ihn hinhaben will, stillstehen, warum nicht für Gott? Dazu ihm doch das Können alsbald gegeben wird, wenn er nur den Willen zum Stillstehen führt.

61.59. Daß aber der ganze falsche gottlose Wille nicht stillsteht und sich zur Gnade wendet, hat die Ursache, daß er schon eine geborene Distel ist, in dem die Gnade zu tief innen liegt und der Grimm Gottes zu stark in der (äußeren) Natur ist. Die Gnade zieht ihn und zeigt ihm seine Falschheit, aber er verachtet die Gnade und wirkt wie eine Distel in der Sonnenkraft. »Dieser ist Gott ein guter Geruch zur Verdammnis des Todes in der Hölle«, damit die Gnade vom falschen Willen unterschieden würde.

61.60. Aber die Verstandesschlüsse, welche lauten, daß Gott in sich selber, soweit er „Gott“ heißt, beschlossen habe, daß ein Teil der Menschen, und zwar die größte Menge, verdammt werden soll und müsse, und daß er sie aus eigenem vorgefaßtem Willen verstocke, die sind falsch und haben weder in der Heiligen Schrift noch im Licht der Natur einen Grund, wenn man die Schrift recht betrachtet und nicht blind ansieht.

61.61. Denn in Gott, soweit er „Gott“ heißt, ist kein Vorsatz noch anfänglicher Wille, denn er ist selbst der Wille des Ungrundes, als ein Einiger, und will in sich selbst nichts, als das Gute (bzw. Vollkommene), und darum ist er auch selber dieses wollende Gute, denn das Gute, das er will, das ist die Geburt seiner Kraft als sein Sohn.

61.62. Gott will in sich selbst nichts als sein Gutes offenbaren, das er selbst ist, und das kann nicht geschehen, wenn sich nicht die einige gute Kraft mit dem Aushauchen in die Begierde zur Natur und in die Unterschiedlichkeit als eine bewußte Wahrnehmung (Scienz) hineinführt, denn wenn das Gute einzig bliebe, dann wäre keine Wissenschaft.

61.63. Nun aber macht sich nicht das Gute als Gott in sich selber böse oder unterschiedlich, sondern die bewußte Wahrnehmung, als das Schöpfen oder die Begierde zur Unterscheidung. Die führt sich in die Natur und Kreatur hinein, und aus dieser Wahrnehmung entstehen Böses und Gutes (durch „Be-Ur-Teilung“), aber nicht durch Gott oder in Gott in seiner Dreiheit.

61.64. Dafür gibt es keinen Beschluß (Dekret). Denn wäre ein Ratschlag darin, dann müßte auch eine Ursache zum Ratschlagen darin sein, und dann wieder eine Ursache dafür, und so müßte etwas vor Gott sein oder nach Gott, für das er sich beratschlagte.

61.65. So aber ist er selbst der Ungrund und das Eine, und ist ein einiger Wille, der er selbst ist. Und der ist allein gut (bzw. vollkommen), denn ein einiges Ding kann sich nicht widerwärtig sein, denn es ist nur Eines und hat mit nichts zu streiten.

61.66. Darum ist das eine Torheit des Verstandes, daß er vom Zwang der Unvermeidlichkeit redet, und er versteht das Mysterium Magnum (das große ganzheitliche Geheimnis) nicht. Auch wenn er sagt, Gott wolle aus seinem Vorsatz den bösen Willen, den er verstockt hat, nicht mit der Gnade berühren.

61.67. Diesem blinden Verstand zeige ich eine Distel, welche die Sonne den ganzen Tag berührt und ihr Licht und Kraft gibt, doch sie will eine Distel bleiben. So auch der gottlose Wille: Ihm scheint die göttliche Sonne über den Tag seines Lebens, aber sein Grund ist ein Sein der Distel.

61.68. Ansonsten, wenn ihn Gott aus Vorsatz verstocken würde, dann hätte auch die Gerechtigkeit kein Gericht in ihm. Denn wer da tut, was er tun muß, der lebt seinem Herrn nach seinem Willen. Weil aber »Gott das gottlose Wesen nicht gefällt (Psalm 5.5)«, so kommt das Böse aus der Wurzel und in die Wurzel durch Wissenschaft aus dem Grund der Natur zur Kreatur, sowie auch durch Zufälle. Und um dessentwillen hat Gott seinen Willen offenbart und Gesetz und Evangelium gegeben, das heißt, seine Strafe und seine Gnade offenbart, damit ein Scheidetag mit Gerechtigkeit gehalten werden könne und sich keine Kreatur entschuldigen kann.

61.69. Und die Historie spricht weiter: »Nachdem Esau das Geschenk von Jakob angenommen hatte, sprach Esau: „Laß uns fortziehen und reisen, ich will mit dir ziehen.“ Aber Jakob sprach zu ihm: „Mein Herr, du erkennst, daß ich zarte Kinder bei mir habe, dazu säugende Schafe und Kühe. Wenn sie einen Tag übertrieben würden, würde mir die ganze Herde sterben. Mein Herr ziehe vor seinem Knecht her, und ich will gemächlich hinterher treiben, wie das Vieh und die Kinder gehen können, bis ich zu meinem Herrn nach Seir komme.“« Dieser Text scheint nur eine äußerliche Geschichte zu sein, aber der Geist hat auch seine innere Bedeutung darunter. Denn Jakob steht im Bild Christi, und das versteht so:

61.70. Als Christus durch sein Leiden und seinen Tod den Zorn des Vaters im Reich der Natur versöhnte, da sprach der versöhnte Zorn: „Nun wollen wir aufbrechen und miteinander fortreisen!“ Das heißt, in das (ewige) Leben des Menschen. Aber die Liebe sprach: „Der Mensch ist noch zu zart und unvermögend, und sie können schwer auf Gottes Wegen gehen. Ich will bei ihnen bleiben bis ans Ende der Welt (Matth. 28.20) und sie gemächlich führen, je nachdem sie gehen können, auf daß sie nicht in Anfechtung und Irrtum geraten und an der Gnade blind werden. Geh du voran, mein Herr! Ich will sie unter meinem Kreuzjoch fein sanft führen, damit sie nicht sterben. Denn wenn sie nun sofort in der strengen Gerechtigkeit des Vaters geführt werden sollten, das können sie noch nicht. Auch wenn sie wohl erlöst sind, so leben sie doch noch im Fleisch und Blut. Ich will mit ihnen hinterherkommen zu dir nach Seir, das heißt, in Gottes Gerechtigkeit.“

61.71. »Und Esau sprach: „Dann will ich doch etliche vom Volk bei dir lassen, das bei mir ist.“ Jakob antwortet: „Ist das nötig? Laß mich nur Gnade vor meinem Herrn finden!“« Das heißt, Gott der Vater sprach: „Dann will ich doch etliche meiner strengen Gebote und Gesetze der Gerechtigkeit bei dir lassen.“ Aber Christus sprach: „Ist das nötig? Laß mich mit diesen erlösten Kindern nur Gnade bei dir finden. Denn sie können die Gesetze nicht erfüllen.“

61.72. »So zog Esau an jenem Tag wieder seinen Weg nach Seir.« Das heißt, so trat Gottes Gerechtigkeit in sein eigenes Prinzip. »Und Jakob zog nach Sukkot und baute sich ein Haus, und daher heißt die Stätte Sukkot („Hütten“).« Dies bedeutet in der Darstellung so viel wie: Christus führte seine Christenheit, als seine Kinder, nicht nach Seir, das heißt, in die Prüfung durch Gottes Gerechtigkeit, weil die Gnade in ihnen offenbar wurde. Sondern er errichtete ein Haus als die christliche Kirche auf Erden und baute seinen Kindern Hütten, das bedeutet, christliche Ordnungen, darin sie wandeln können, und daher heißt sie eine Christenheit. Und wie Jakobs Stätte Sukkot hieß, so heißt auch die Stätte der Christenheit Sukkot, denn dort werdet ihr Christus finden, der alle Tage in dieser Hütte bei seinen Kindern ist, bis ans Ende der Welt.

61.73. Und der Text spricht weiter in Moses: »Danach zog Jakob im Frieden zu der Stadt von Sichem, die im Land Kanaan liegt (nachdem er aus Mesopotamien gekommen war), und lagerte vor der Stadt, und kaufte ein Stück Acker von den Kindern Hemors, des Vaters von Sichem, für hundert Groschen. Dort errichtete er selbst seine Hütte und einen Altar und rief den Namen des starken Gottes Israels an.« In diesem Text spielt der Geist recht mit der zukünftigen Christenheit. Denn Christus führte seine Kinder nach seiner Auferstehung nach Salem, das heißt, in das Heil oder zur Salbung des Geistes, wie Jakob seine Kinder nach Salem führte, aber zu der Stadt von Sichem, das heißt, unter die Heiden.

61.74. »Und er lagerte vor der Stadt.« Das heißt, Christus sollte seine Wohnung bei den Heiden machen und seinen Tempel und seine Lehre neben die Götzentempel der Heiden setzen, und dazu die Stätte seiner heiligen christlichen Kirche von den Heiden erkaufen, das heißt, mit seinem Blut von Gottes Gerechtigkeit erkaufen, wie auch geschehen ist, und seinen Altar dort unter den Heiden aufrichten und vom Namen des Gottes Israels, das heißt, von Christus predigen.

61.75. Denn der Name Sichem deutet an, daß die christliche Kirche in Elend und Trübsal stehen werden müsse. Und wie Jakob seine Wohnung nur vor der Stadt Sichem baute, so müssen auch die Kinder Christi nur fremde Gäste in dieser Welt sein, und nur als Hausgenossen der Heiden, Gewaltigen und Kinder dieser Welt. Auch wenn sie wohl ihre Wohnung als den Tempel Christi in sich haben, den ihnen Christus mit seinem Blut erkauft hat, so sind sie doch äußerlich nur fremde Gäste und Pilgerleute, und wohnen nur außen vor der Stadt dieser Welt, nämlich in einer irdischen Hütte im Fleisch und Blut.


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