Das Mysterium Magnum

(Text von Jacob Böhme 1623, deutsche Überarbeitung 2022)

56. Kapitel - Wie Jakob flieht und die Himmelsleiter sieht

Wie Isaak und Rebekka ihren Sohn Jakob von Esau weg in ein fremdes Land schicken mußten, und wie ihm der Herr in einer Vision auf der Leiter erschien, die bis an den Himmel reichte, und wie sich Esau danach gegen seine Eltern verhalten habe, und was darunter zu verstehen ist. (1.Mose 28)

56.1. Als Jakob den Segen empfangen hatte, mußte er aus seinem Vaterhaus von Vater und Mutter wegwandern und vor dem Grimm Esaus fliehen. Dies ist nun wieder eine Darstellung Christi, wie dieser, nachdem er unsere Menschheit angenommen hatte und gesalbt war, mit unserer Menschheit aus des Vaters adamischen Haus wieder in das erste (ursprüngliche) paradiesische Haus fliehen würde.

56.2. Und dann deutet es ferner an, wie die Kinder Christi alsbald nach ihrer Salbung und Segnung, wenn die neue Geburt im Segen Christi in ihnen beginnt, aus ihres Vaters adamischem Haus der verdorbenen Natur mit Sinnen und Gemüt fliehen sollen und müssen, weil ihnen alsbald der Teufel und die Welt gram wird, so daß sie sich auf Christi Pilgerstraße begeben müssen und unter dem dienstbaren Joch der Welt in Elend und Zwingung leben. Denn Gott führt sie alsbald mit ihren Sinnen und Gemüt aus dem Haus ihres Vaters, als aus der Begierde im Fleisch und Blut, so daß sie der Welt Wollust nicht mehr achten und daraus entfliehen, wie Jakob von seinem Vaterhaus.

56.3. Und dann sehen wir, wie Gott seine Kinder so wunderlich führt und sie vor ihren Feinden beschirmt, damit sie der Teufel in Gottes Zorn nicht ermorden kann, wenn es nicht Gottes Wille ist, wie er Jakob vor dem Zorn Esaus behütete und von ihm wegführte. Und wir haben ein schönes Beispiel an Jakob, wie er sein Vaterhaus und auch Vater und Mutter für diesen Segen verlassen und Gott mehr als alles zeitliche Gut geliebt hatte, und gern dem Esau alles überließ, daß er nur der Gesegnete Gottes sein konnte.

56.4. Und wie ihm bald, nachdem er den Reichtum dieser Welt in seinem Vaterhaus verlassen hatte, der Herr mit dem ewigen Gut erschienen sei und ihm die Leiter zeigte, auf welcher er in das ewige Reich Gottes steigen konnte. Welche Leiter nichts anderes war als Christus selbst, den er in der Bundeslinie angezogen hatte. Und so wurde ihm hier ein Bild vorgestellt, was Christus für eine Person sein würde.

56.5. Denn diese Leiter reichte, seinem Bedünken nach, von der Erde mit ihrer oberen Spitze bis in den Himmel, darauf die Engel Gottes auf und niederstiegen. Welches andeutet, wie sich das ewige Wort mit der Kraft des Himmels, als mit dem Wesen der englischen göttlichen Welt, in unser von Gott abgewichenes und an Gott blindes Wesen hineinversenken und unsere Menschheit annehmen würde, und so den Himmel mit der Welt im Menschen vereinigen, daß die Menschheit durch dieses Eingehen der Gottheit in die Menschheit eine Leiter zu Gott hätte.

56.6. Und wie die Menschen durch Christi Menschheit in die Gesellschaft der Engel kommen würden (Matth. 22.30), welches dies klar andeutet, daß die Engel Gottes auf dieser Leiter auf- und abstiegen. Nämlich daß der Himmel im Menschen durch diese Eingehung des göttlichen Wesens in die Menschheit wieder aufgeschlossen werden würde, und daß die Kinder Gottes in dieser Welt die Engel zu Gefährten haben würden, welches Gott dem Jakob zeigte, daß die Engel Gottes auf dieser Leiter zu ihm auf- und absteigen. (Joh. 1.51)

56.7. Welches den Kindern Gottes, die sich von ihrem Vaterhaus, als von dieser Welt Eitelkeit, zu dieser Jakobsleiter wenden, ein großer Trost sein soll, so daß sie sicher wissen sollen, daß Gottes Engel auf dieser Leiter, zu der sie sich gewandt haben, zu ihnen kommen und gern um sie sind.

56.8. Denn diese Leiter bedeutet eigentlich die Pilgerstraße Christi durch diese Welt in das Reich Gottes, auf der den Kindern Gottes noch alleweil das Reich der verdorbenen adamischen Natur anhängt und sie in Fleisch und Blut im Geist dieser Welt zurückhält. So müssen sie nach dem innerlichen Menschen in Christi Geist ohne Unterlaß in viel Kreuz und Trübsal diese Leiter steigen und Christus unter seiner Kreuz- und Blutfahne nachfolgen.

56.9. Dagegen lebt die Welt in Wollust in ihres Vaters adamischem Haus in Spötterei und Verdruß. Alles, was sie diesen Jakobskindern zuwider tun können, das ist ihnen eine Freude, und sie spotten derer nur, wie wir dessen ein Beispiel an Esau haben, wie er seinem Vater und seiner Mutter zum Trotz und Verdruß sich die ismaelitischen Frauen aus der Linie der Spötterei genommen hatte, welche beide Isaak und Rebekka nur Herzeleid gemacht haben.

56.10. Daran man klar sieht, wie der Teufel im Reich dieser Welt in der verdorbenen menschlichen Eigenschaft seine Gewalt hat und die Kinder Gottes ohne Unterlaß bekämpft und sie ängstigt und plagt, und mit ihnen um sein Königreich streitet, das er verloren hat, und es ihnen nicht gönnt.

56.11. Und wir sehen sehr schön, wie der Herr oben auf dieser Leiter der Pilgerstraße Christi steht, wie bei Jakob, und die Kinder Christi ohne Unterlaß ruft und tröstet, daß sie nur getrost darauf steigen sollen, denn er wolle sie nicht verlassen, sondern zu ihnen kommen und sie segnen, so daß ihr Samen und ihre Früchte grünen sollen wie (im) Staub auf Erden, das heißt, daß sie im innerlichen göttlichen Reich in ihrer Mühe und Angst ausgrünen würden.

56.12. Denn so viel die Kinder Christi von dieser Welt ausgehen und diese im Gemüt verlassen, so viel grünen sie im innerlichen Reich Christi aus, wo dann Gott oben auf dieser Leiter steht und immerfort seinen Segen und seine Kraft in sie einspricht, damit sie wie Reben an seinem Weinstock wachsen, den er in Christus in diesem Jakobs-Segen wieder in unsere Menschheit eingepflanzt hat.

56.13. Und wir sehen darin klar, daß dieses ganze Bild von Abraham bis Jakob nur eine Darstellung vom Reich und der Person Christi und seiner Kinder sei. Denn auch hier erneuert Gott den verheißenen Bund Abrahams vom Weibes-Samen mit Jakob, daß aus seinem Samen, als aus der Bundeslinie, der kommen sollte, welcher alle Völker segnen soll, um dessen willen auch Jakob aus seinem Vaterhaus geführt wurde, damit Gott das Reich Christi äußerlich in der Bildung vor sich stehen hätte, und um dessen willen er seinen Zorn von den Kindern des Unglaubens sinken ließ und sie nicht verdarb, und ihnen Zeit zur Buße ließ, und so seinen Grimm in diesem Bild auf die zukünftige Erfüllung hin versöhnte.

56.14. Auch haben wir hier einen starken Grund und die Versicherung, daß Christus wahrhaftig unsere adamische Seele und Menschheit im Leib Marias an sich genommen habe und den Tod, die Hölle und Gottes Zorn in unserer angenommenen Menschheit zerstört und diese Jakobsleiter aufgerichtet hat, denn Gott sprach zu Jakob: »Durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.« Das heißt: „Durch dich, Jakob, durch deinen eigenen Samen, der Gott und Mensch ist, als himmlisch göttliches Sein und Wesen und auch menschliches Sein und Wesen in der Kraft des ewigen Wortes.“

56.15. In welchem Wort sich der heilige Name Jesus, als die höchste Liebe der Gottheit, entwickelt und in unserer angenommenen Menschheit offenbart hat. Denn diese einige Liebe Gottes im Namen Jesu hat den Grimm der ewigen Natur in unserer Seele aus des Vaters Eigenschaft im Zorn überwunden und in die Liebe göttlicher Freude gewandelt, und den stillen Tod, der uns von Gottes Leben abgeschieden hatte, zerbrochen und das göttliche Leben der höchsten heiligen Tinktur im ewigsprechenden Wort der göttlichen Kraft im Tod offenbart und damit den Tod zum Leben gemacht, so daß unsere Seele in dieser göttlichen Kraft mit durch den Tod und Zorn Gottes hindurchgedrungen ist.

56.16. Und es verhält sich mitnichten so, wie etliche sagen, daß das Wesen, darin das Wort Mensch geworden sei, nicht von Adam herkommt, sondern wie sie ganz irrig behaupten, die Jungfrau Maria sei nicht von uns Menschen, sie habe nur äußerlich einen Menschenleib von Anna an sich genommen und sei nicht von Joachims Samen, sondern sei eine ewige, von Gott dazu erkorene Jungfrau vor der Welt gewesen.

56.17. Dieser Text lehrt uns ein anderes, weil Gott sagte »durch dich und deinen Samen«. Nicht allein durch einen fremden göttlichen, sondern »durch dich und deinen Samen« mit dem Eingehen des göttlichen Wesens. So sollte Christus in Adams Seele und Leib den Tod zerbrechen und die Hölle in Adams Seele und Leib zerstören, die im Paradies offenbar geworden war.

56.18. Denn hier lag unsere Krankheit und das Elend, die Christus als ein Joch auf sich nahm. Christus opferte sie dem Grimm seines Vaters, der in unserer Menschheit entzündet worden und aufgewacht war, und seine höchste Liebe in unserem menschlichen und seinem heiligen Blut, seine heilige Tinktur, ging in unseren menschlichen Tod ein und tingierte (heilte) unsere, in Adam verblichene himmlische Wesenheit, die in Adam verblich, als er Irdischkeit und falschen Willen dahineinführte. Und er weckte unser verblichenes himmlisches Wesen mit seinem lebendigen Wesen auf, so daß das Leben durch den Tod grünte. Und dieses war die Andeutung der dürren Rute Aarons.

56.19. Darum ist es nicht das wahre Verständnis, wenn manche sagen, Christus habe in der ewigen Jungfrau Maria eine Seele aus dem Wort an sich genommen, so daß Christus, als der von Gott kam, und seine Seele in der Menschheit Christi denselben Anfang hätten.

56.20. Wohl sind sie in der Menschwerdung vereinigt worden, so daß sie unzertrennlich sind. Aber das wahre sein der Seele, welches das Wort im Namen Jesus annahm, kam von uns Menschen aus der weiblichen Tinktur, nämlich aus der wahren adamischen Seele, und zwar aus der Eigenschaft des Lichtes, die aus Adam in die Frau geschieden wurde, damit diese Lichteigenschaft die feurige männliche Eigenschaft wieder in die Liebe und göttliche Demut verwandeln sollte, und die männliche und weibliche Eigenschaft wieder ganz in Ein Bild gewandelt würde, wie es vor seiner Eva war, als er weder Mann noch Frau war, sondern eine männliche Jungfrau.

56.21. Darum nahm Christus seine Seele von einer Frau, nämlich von einer Jungfrau, und wurde aber ein Mann, damit er wahrhaft im adamischen Bild stand und die abgewandten zerteilten Lebenseigenschaften, in denen sich unser Wille von Gott abgebrochen hatte, wieder in die Ausgeglichenheit und Einigung brachte, nämlich in das Eine.

56.22. Denn Adam wandte seinen Willen vom einigen (ganzheitlichen) Willen Gottes ab, aber Jesus Christus nahm unsere Seele wieder in den einigen Willen Gottes herein und wandte unseren Seelenwillen in unserer angenommenen Menschheit wieder in den einigen Willen Gottes hinein.

56.23. Damit wir aber dem Leser ganz gründlich erklären, was unsere Seele und dann das Wort, das Mensch wurde, zueinander sind, so sagen wir: Unsere Seele war vor dem Anfang der menschlichen seelischen Kreatur ein Sein des göttlichen Wortes im Wort (Joh. 1.1), und wurde aber vom sprechenden Wort Gottes dem Menschenbild in ein natürliches und kreatürliches Leben eingesprochen und in ein Bild des ewigsprechenden Wortes formiert (bzw. „informiert“). Dieses kreatürliche Seelenleben wandte sich in Adam vom göttlichen Sprechen ab, in ein eigenes Wollen und Sprechen, und war deshalb vom ganzheitlichen unergründlichen Wesen abgebrochen und von Gott geschieden.

56.24. In dieses abgeschiedene Wort, als in die Seele, gab sich das einige göttlich sprechende Wort wieder hinein und wandte den Willen der Seele wieder in das ewige Eine, als in das ewige Sprechen Gottes hinein. Darum ist die Seele wohl aus dem ewigen Wort, aber Christus, als die höchste Liebe der Gottheit, nahm nicht eine neue Seele aus dem ewigen Sprechen an, sondern unsere Seele, als das einmal in Adam gesprochene und geformte Wort, damit er dieses, einmal in Adam gesprochene und geformte Wort, als unsere menschliche Seele, in seinem Liebesprechen wieder in die Gnade und Einigung der Gottheit brächte.

56.25. Gott sprach unserer armen abgewandten Seele im Paradies nach dem Fall alsbald den Bund und die Wurzel seiner höchsten Liebe und Gnade durch das Wort wieder ein, als ein Zentrum der Gnade zur Wiederumkehr und zur neuen Wiedergeburt.

56.26. Und in Abraham eröffnete er den Bund, den Abraham mit seiner Begierde als ein Sein zum Baum ergriff und auf geistige Art empfing, aber ohne (greifbares) Wesen im Menschen stand, sondern als eine geistige Form und Vorstellung des mächtigen Wortes.

56.27. Welches Wort in seiner geistigen Bildung in Maria der Jungfrau am Ziel, als am Ende der geistigen Form stand. Denn da wurde diese geistige Form vom Wort Gottes in ein wesentliches Sein gefaßt, und damit auch zugleich unser menschliches Wesen nach der Seele in das Bild des Wortes und nach dem Wesen des Leibes in menschliche Bildung eingefaßt, und war ein selbständiger Gottmensch.

56.28. Dieses eingefaßte geistige Bild, das der Samen des Glaubens war, den Abraham im Glauben ergriff, kam auf Isaak, und von Isaak auf Jakob, und zu Jakob sprach Gott: »Durch dich und deinen Samen sollen alle Völker gesegnet werden.« Nämlich durch diesen Glaubens-Samen, den Jakob von seinem Vater Isaak in dieser Bundeslinie empfangen hatte, welche Glaubenslinie sich in die menschliche Eigenschaft nach dem inneren Grund des zweiten Prinzips einverleibt hatte, nämlich in das in Adam verblichene Bild vom Wesen der himmlischen Welt.

56.29. In welchem einverleibten Bund das Ziel des göttlichen Bundes in einer geistigen Form bis zu Maria bestehenblieb und von Mensch zu Mensch fortgepflanzt wurde, nämlich von Adam und Eva bis zu Maria. Dort hat sich das Wort der göttlichen Kraft bewegt und unser menschliches Fleisch und Blut samt der Seele essentiell angenommen und das verblichene himmlische Sein von unserem Teil im Samen Maria lebendig gemacht. Welche Offenbarung auch in Marias himmlische Wesenheit eindrang, so daß sie in derselben himmlischen Jungfrauschaft, welche in Eva verblich, wieder lebendig wurde. Und in dieser lebendigen Jungfrauschaft, als in Adams himmlischer Matrix, wurde Gott Mensch.

56.30. Und das ist Marias Segnung unter allen Frauen, daß sie die erste von Adam her ist, in der die himmlische Matrix wieder eröffnet wurde, in welcher die dürre Rute Aarons wahrhaft grünte, als das Reich Gottes. Sie ist die erste, in der das Verschlossene offenbar wurde, denn in ihr stand das Ziel des Bundes im geistigen Bild am Ende, und in ihr wurde es mit unserer Menschheit erfüllt.

56.31. Sie aber ist wahrhaftig Adams, Abrahams, Isaaks und Jakobs Tochter, sowohl nach der Menschheit als auch nach dem Bund der göttlichen Bildung und in ihrer Empfängnis. Denn als das innere einverleibte Bild des eingesprochenen und im Glauben gefaßten Gnadenbundes unsere menschliche Eigenschaft annahm, wurde das Reich Christi im Fleisch offenbar.

56.32. Danach zogen die Gläubigen Christus in ihrem Glauben im Fleisch an. Aber allein nach diesem himmlischen, in Adam verblichenen Bild, wie Maria, darin Christus die arme Seele in seine Arme faßt und sie mit Gottes Kraft umgibt und ihr seine Liebe in ihr einflößt, welche Liebe sie vor Gottes Zorn, Sünden, Tod, Teufel und Hölle beschirmt und erhält (bzw. „bewahrt“).

56.33. Dieses ist kurz und summarisch der wahrhafte Grund, was der Geist Gottes bei den Erzvätern vorgebildet hat, indem er sie so wunderlich geführt und mit Christi Bildung, wie es danach gehen sollte, so gespielt hat.

56.34. Denn Jakob war nun der Stamm, aus dem der große und weite Baum Israels in Zerteilung der Äste als Geschlechter sich ausbreiten sollte. Darum mußte er von seinem Vaterhaus ausgehen und mußte Frauen vom Geschlecht seines Vaters nehmen, nämlich vom Sohn eines Bruders Abrahams, damit das Volk Israel als die Bundeslinie aus Einem Stamm herkäme.

56.35. Als nun Jakob vom Traum der göttlichen Vision erwachte, in der ihm der Herr erschienen war und den Bund bestätigte, sprach er: »Gewiß ist der Herr an diesem Ort, aber ich wußte es nicht. Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.« Dies ist eine Darstellung, wie es den Kindern Gottes ergeht, wenn Gott in ihnen offenbar wird. Dann stehen sie wohl noch in Furcht und Trübsal und meinen, Gott sei fern von ihnen und habe sie verlassen.

56.36. Denn wo Gott im Menschen einzieht, da wird allezeit die Sünde und der Zorn Gottes im selben Menschen zuerst offenbar, damit sie sich erkennen und vor der Sünde erschrecken und in die Buße eingehen. Danach erscheint ihnen Gottes freundliches Angesicht und tröstet sie. Denn wenn die Seele von der Sünde ausgeht, dann geht Gottes Gnade in sie ein, und dann spricht sie: „Gewiß ist der Herr bei mir gewesen in meiner Angst, aber ich wußte es nicht. Nun sehe ich, daß der Herr bei den betrübten Herzen ist, welche in göttlichem Eifer betrübt sind, denn da ist Gottes Stätte und die Pforte des Himmels.“

56.37. Ferner deutet es an, wie sich die höchste Liebe Gottes in diesem Bund in Christus in unsere Menschheit hinein versenken würde, und wie die Menschheit Christi in Trübsal wandeln müsse, indem er all unsere Trübsal und Elend auf sich nahm. Und wie sich die Menschheit Christi vor dem Zorn Gottes und der Hölle entsetzen würde, wie am Ölberg geschah, wo sie in Ängsten blutigen Schweiß schwitzte und Christus in seiner Menschheit sagte: »Vater, ist es möglich, dann gehe dieser Kelch von mir. (Luk. 22.42)« Wo ihm alsbald die Pforte Gottes erschien und die Menschheit tröstete, wie hier den Jakob, als er in Trübsal aus seinem Vaterhaus weichen mußte, in Furcht und Schrecken vor seinem Bruder, welcher ihn ermorden wollte. Welches alles eine Darstellung von Christus ist, als ihn Gottes Zorn in unserer Menschheit ermorden wollte, so daß ihm angst und bange sein würde, und wie er zu seinem Vater beten und wie ihn sein Vater trösten würde, welches alles vor seinem Leiden geschehen war, vor allem auch am Ölberg, an welcher Stätte die Jakobs-Darstellung erfüllt wurde.

56.38. Und wie Jakob den Stein, den er unter sein Haupt legte, danach zu einem Denkmal aufrichtete und Öl darauf goß, so hat Christus seine Angst uns armen Menschen zu einem Denkmal aufgerichtet und darauf sein Freuden-Öl der Überwindung in unsere erschrockenen Herzen gegossen, und auf demselben Stein seine Kirche zum stets währenden Gedächtnis aufgerichtet, dazu die Geschichte von Jakob in allem ein Vorbild gewesen war.

56.39. Welches Jakob mit klaren Worten andeutet, als er sprach: »Wenn Gott mit mir sein und mich auf dem Weg behüten wird, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen, und mich in Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen wird, dann soll der Herr mein Gott sein, und dieser Stein, den ich zu einem Mal aufgerichtet habe, soll ein Gotteshaus werden. Und alles, was du mir gibst, davon will ich dir den Zehnten geben.« Darin er nun klar unter diesen Worten das levitische und auch das evangelische Priestertum andeutet, wie es danach gehen würde.


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