Das Mysterium Magnum

(Text von Jacob Böhme 1623, deutsche Überarbeitung 2022)

46. Kapitel - Die Geburt Isaaks und Ismaels Ausstoßung

Von Isaaks Geburt und Ismaels Ausstoßung mit seiner Mutter Hagar, und was damit angedeutet wird. (1.Mose 21.1-21)

46.1. Der Geist in Moses setzt die Darstellung der Wiedergeburt des Menschen in seinem Prozeß so genau und ordentlich in der Historie von Abraham aufeinander, daß man es doch greifen und vor allem sehen sollte, wie er so genau den natürlichen Menschen in der Ichheit und dann auch Christus nebeneinanderstellt und gleichsam mit Fingern auf die Bedeutung weist. Denn als Gott Sodom und Gomorra und diese Gegend, wo Abraham wohnte, verdorben und Lot herausgeführt hatte, da zog auch Abraham von dannen, gegen Mittag (nach Süden). Das deutet an: Wenn das Reich Christi an einem Ort verdorben sein würde, dann wird Christus davon weichen. Und er begab sich unter den König Abimelech und wurde ein Fremdling zu Gerar.

46.2. In diesen beiden Namen von Abimelech und Gerar steht die Bedeutung in der Gebärung oder Fassung des Wortes ohne viel Deutelei, warum der Geist in Moses gerade diese Historie aufgeschrieben hat. Darin sieht man wie durch einen Spiegelglanz, denn „Abimelech“ deutet den Menschen des sinnlichen Verstandes an, als den wirklichen Menschen, aber ohne Christus, sondern nur in der Kreatur, wie er geschaffen ist. „Gerar“ deutet das strenge Leben der Natur an, darin die Vernunft wohnen muß, welche Natur aber verdorben ist und aus der Verdorbenheit immerfort Anfechtung und Widerwärtigkeit in die Vernunft und das Verstandeslicht des Lebens hineinwirft, damit das Leben in einer steten Widerwärtigkeit steht und ohne Unterlaß gesichtet (geprüft) und gesiebt werde. Und das ist das Kreuz der Kinder Gottes, damit sie sehen, daß sie in sich selber im eigenen Verstandes-Leben nichts als straucheln und irren können. Wie hier an Abraham zu sehen ist, denn als ihn Gott von der Sodomiter Grenze wegführte, da zog er gegen Mittag (nach Süden) zum König Abimelech. Diese Darstellung versteht im Inneren so:

46.3. Als sich Gott Abraham offenbart und die Bildung Christi und seines Reiches samt der Macht des Gerichtes über den Erdenkreis dargestellt hatte, danach verbarg sich Gott wieder vor Abraham. Und so ging Abraham gegen Mittag (zum Licht des weltlichen Tages), das heißt, in seinen Verstand als in des Menschen eigene Vernunft, und wohnte zu Gerar, das heißt, in der verdorbenen Natur, welche sich in der Geschichte mit Abimelech darstellt, als er in der Furcht der Natur in der Anfechtung seine Frau verleugnete, sie wäre nicht seine Frau, um sich so durch List den Verstand zu bewahren. Und hier sieht man, wie ihn gerade dasjenige, vor dem er sich im Verstand vor Unfall (bzw. Unglück) zu bewahren gedachte, selber strafen und belehren mußte, als Abimelech ihn strafte, weil er seine Ehefrau verleugnet hatte, an der er sich bald versündigt hätte, wenn ihn der Herr nicht gewarnt hätte. Und dies ist die Erklärung:

46.4. Wenn man einen Menschen sieht, den der Geist Gottes treibt und oftmals durch ihn spricht, dann soll man nicht darauf verfallen und denken, daß er etwas anderes sei als andere Menschen, wie auch Abraham nicht anders war. Der eigene Verstand an ihm war ebenso wankelmütig und unvollkommen in ihm wie an anderen Menschen. Und auch, das dasjenige, was sie von Gott wissen und lehren, gar nicht ihr Eigentum sei, wie man das hier an Abraham sieht, daß er aus Angst seine Sara, die er aus Angst verleugnete, nicht verschonte, auch wenn sie Abimelech zur Nebenfrau genommen hätte, nur daß er leben möge und es ihm um ihretwillen desto besser erginge.

46.5. So prüft Gott seine Kinder, damit sie sehen sollen, daß sie im eigenen Vermögen nicht mehr als alle anderen sündigen Menschen sind, und daß man nicht auf Menschen verfallen und sie für Gott halten soll. So läßt sie auch Gott öfters straucheln und irren, und straft sie dann noch durch jene, welche sie eigentlich belehren sollten, wie hier an Abimelech zu sehen ist, wie er Abraham strafen und schamrot machen mußte, weil er seine Frau wegen einer kleinen Angst nicht verschonte und sie verleugnete.

46.6. Und wenn es auch geschehen würde, daß man einen solchen Menschen, den doch Gott treibt, zu Zeiten irren sieht, soll man ihn dafür nicht gleich ganz verwerfen und denken, er sei völlig ohne Gott, wie die Welt tut, sondern denken, daß Gott seine Kinder so in die Prüfung unter das Kreuz stellt, damit sie sich kennenlernen sollen. Und dann geht ihnen die Sonne wieder auf, wie hier für Abraham, als ihn Gott nach Gerar ziehen ließ, das heißt, in sein natürliches verständliches Leben, darin er vor Abimelech strauchelte. So ging ihm danach eine zweifache Sonne auf, nämlich jene, daß Abimelech ihn erkannte und den Herrn fürchten lernte, und er Abraham das Land zur Wohnung übergab, wie auch Geschenke zur Strafe, wie man die Heiligen straft, weil man sich vor Gottes Strafe fürchtet. So ging ihm die Gnadensonne des Königs Abimelech auf, und zum anderen wurde Sara auch schwanger, und ihm kam aus der göttlichen Sonnengewalt ein Zweig aus der Bundeslinie hervor, und ihm wurde Isaak geboren.

46.7. Und daß man das richtig verstehe: So steht allezeit das Kreuz bei den Kindern Gottes, und Adam und Christus stehen immerfort beieinander, wie hier Abimelech und Abraham sowie Ismael und Isaak, also der Verstandesmensch mit der verdorbenen Natur gegenüber der Vernunft, die den Verstand ohne Unterlaß sichtet (und prüft). Wie dann auch hier zu sehen ist mit Hagar und Sara, welche auch gegeneinander gesetzt waren, damit eine die andere übte. Nämlich Hagar in der Eigenschaft der verdorbenen Natur, als in Adams Leben, und Sara in Christi Person, damit Hagar die natürliche Sara übte, damit sie aus dem Verstand in Gott eindringe.

46.8. Und dazu haben wir bei Sara und ihrer Magd Hagar mit ihrem Sohn Ismael und mit Isaak, Saras Sohn, wie Sara die Magd mit ihrem Sohn ausgestoßen habe, welches Abraham übel gefiel, aber vor Gott gerecht war, einen solchen Spiegel, wie man ihn in der Bibel dergleichen nicht (ein zweites Mal) findet, wie Christus und der natürliche Mensch beieinander wohnen, und wie der natürliche Mensch mit Ismael und seiner Mutter von der Erbgerechtigkeit im eigenen Willen ganz ausgestoßen werden müsse, damit der eigene natürliche Wille kein Erbe Gottes sei.

46.9. Und wenn ihn dann der gelassene Wille ausgestoßen hat, dann sitzt die arme Natur des Menschen mit ihrem verstoßenen Willen im Zagen (Verzweifeln) und vermeint zu sterben, wie hier Hagar mit ihrem Sohn Ismael, als sie von Abraham ausgestoßen worden war. So ging sie bei Beerscheba („Brunnen des Schwurs“ oder „Brunnen der Sieben“ bzw. in der Natursprache ein „Zerschellen des eigenwilligen Herzens“) in der Wüste irre, das heißt, im Zerbersten ihres Herzens, und sah sich ganz verlassen, und verzweifelte an ihrem und ihres Sohnes Leben, wie ohnmächtig. Denn sie hatten das Erbe verloren, dazu der Herrin Gunst und alles Gut, und so gab es jetzt weder Wasser noch Brot für ihr Leben, und sie waren dem Tod ergeben. Denn sie setzte sich einen Steinwurf von dem Knaben, damit sie ihn nicht sterben sehen muß. Doch als sie sich jetzt ganz ergeben hatte, um zu sterben, kam der Engel wieder zu ihr und rief sie zurück, und tröstete sie, zeigte ihr auch einen Brunnen und sagte ihr, sie solle sich nicht zu Tode zagen (bzw. an Verzweiflung sterben), denn ihr Sohn mußte noch zum großen Volt werden. Diese Darstellung versteht im Inneren so:

46.10. Wenn Isaak, das heißt Christus, im bekehrten Menschen geboren wird, dann verwirft der geistige neugeborene Wille seine eigene bösartige Natur. Er verachtet sie und verurteilt sie zum Tode, und stößt sie auch mit ihrem Sohn, dem Spötter als Übeldeuter, aus sich hinaus. Als wollte er sich im Gemüt zerbersten, so gram wird der neugeborene geistige Wille dem natürlichen Willen in seinen bösen Tugenden, nämlich der Sohn Ismael des natürlichen Willens, der nur ein Spötter, Lügner, Verleumder und Ungerechter ist.

46.11. Und wenn dann der neugeborene Wille die bösartige Natur mit ihren bösen Kindern so aus sich ausgestoßen hat, dann steht die arme verlassene Natur in großen Ängsten, Zweifeln und Verlassenheit, denn die innerliche heilige Seele verläßt sie. So vermeint sie dann zu sterben, geht in sich in ihrer Wüste irre und sieht sich als eine Närrin an, die der Spott aller Menschen ist.

46.12. Doch wenn sich dann die Natur willig dahinein ergibt, daß sie nun ihrer Ichheit so absterben will, und an sich selber verzweifelt, wie ein armes verlassenes Weib, das aller Welt Herrlichkeit, Reichtum, Schönheit und Wollust des äußeren Lebens beraubt ist, und von ihrer bisherigen Begierde verstoßen und fast wie ganz verlassen wurde, so daß die eigene Begierde zu schmachten (zu verhungern) beginnt, dann kommt der Engel Gottes zur Natur und tröstet sie, sie solle nicht verzweifeln. Er gibt ihr auch Wasser zu trinken, das heißt, etwa einen treuen Menschen, der sie in ihrer Verachtung tröstet, und hilft nähren und pflegen. Und er sagt ihr, daß sie nicht sterben soll, sondern ein großes Volk werden wird, aber nicht in ihrer angeborenen Erbschaft, als im bösartigen Willen, sondern bei Beerscheba. Das heißt, im Zerschellen in der Wüste, als in einem Jammertal und in der Verlassenheit, soll die arme Natur wirken und in ihrem Elend viel Frucht gebären, welche Frucht der Engel wieder in Abrahams Hütte zu Christi Hausgenossen hineinführt.

46.13. Dies ist so zu verstehen: Wenn Christus im Menschen geboren wird, dann verstößt er die Eitelkeit der Natur mit dem Willen, welcher die Eitelkeit bewirkt und begehrt, und macht den natürlichen Willen zum Knecht, der vorher Herr gewesen war. Denn die Natur steht in der verdorbenen Wüste in der Eitelkeit des Todes von der Sünde umfangen und soll nun hier gebären und wirken, und sieht sich doch ganz ohnmächtig, nämlich von dem inneren geistigen Willen aus Christus wie ganz verstoßen und in sich selber wie närrisch und von der Welt verachtet und überall aus ihrem eigenen Willen verstoßen. So beginnt sie dann, aus sich selber zu versinken und von ihrer eigenen Begierde abzulassen, und ihr wird alles unwert. Was sie zuvor erfreut hat, das ist ihr jetzt zuwider, und sie steht immerfort, als sollte sie sterben. Sie hofft und zweifelt, das heißt, sie hofft auf Besserung, ob sie doch irgendwann vom Spott erlöst und wieder in die Ehren ihrer Ichheit gesetzt werden könnte. Aber auch dieser Wasserbrunnen vertrocknet ihr, und Gottes Zorn tritt ihr vor die Augen, das heißt, alle ihre Freunde weichen von ihr, die sie zuvor in zeitlichem Gut, Wollust und Ehren mit gehabt hatte, so daß sie sich als eine Immer-Sterbende sieht.

46.14. Und wenn dies geschieht, dann ist sie richtig auf dem Weg nach Beerscheba und geht in der Wüste irre, denn sie weiß nicht, was sie tun soll und ist jedermanns Spott. Alles, was sie ansieht, schilt sie für närrisch, denn ihr ist die Gewalt genommen worden, so daß sie der Welt Schönheit, Reichtum, Ehren und alles, was sie zeitlich erheben kann, verlassen muß, und wollte es doch gern haben. Aber sie wird vom inneren Menschen in Christi Geist davon abgezogen und in diesem Zeitlichen als ungerecht und verdammlich gescholten.

46.15. Da beginnt dann richtig Beerscheba im Zerschellen des Herzens, und der Verstand sitzt bei der leeren Wasserflasche Hagars und tritt einen Steinwurf von ihrem Sohn Ismael zurück, nämlich von der eigenen Begierde der Natur, steht und bezwingt auch die Gedanken der Natur und will den eigenen Kindern nichts mehr geben, nämlich den Sinnen des Gemüts, und wirft sie als Kinder, die nun sterben sollen, einen Steinwurf von sich weg, das heißt, für eine Weile, damit er das Sterben seiner Kinder nicht sehen müsse. So sehr ergibt sich Sagar, als die Natur mit ihrem Sohn, dem Gemüt, ins Sterben der Ichheit des eigenen Willens, sitzt und weint in sich selber in Beerscheba, als im zerschellten Herzen, und ist an allem Verstand verzweifelt, und wollte gern sterben, damit sie doch dieses Elend loswürde.

46.16. Und dann, wenn sie so zugerichtet ist, daß sie an sich selber verzweifelt und sich in das Sterben der Ichheit ergeben hat, dann kommt der Engel Gottes zu Hagar, das heißt, zu der armen, verlassenen und sterbenden Natur, und spricht: »Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht, Gott hat die Stimme des Knaben erhört, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand, denn ich will ihn zum großen Volk machen.« So öffnet nun Gott der Hagar, als der Natur, die Augen, so daß sie einen Wasserbrunnen sieht, wo sie dann ihre Flasche mit Wasser füllt und den Knaben tränkt. So beschützt Gott den Knaben, der in der Wüste wächst, ein guter Schütze wird, zu Recht in der Wüste Paran wohnt und ein ägyptisches Weib nehmen muß.

46.17. Diese sehr edle und hochteure Darstellung versteht im Inneren so: Wenn der Mensch im Glauben Christus angezogen hat und in die richtige wahre Buße eingegangen ist und in seinem Gemüt alle Welt verlassen hat, ja Ehre und Gut und alles Zeitliche, dann steht nun die arme Natur des Menschen so im Sterben der Ichheit, wie oben von Hagar und ihrem Sohn beschrieben. Denn sie begehrt auch der Sinne des Gemüts abzusterben und ganz in die Gelassenheit einzugehen.

46.18. Und wenn sie dann so in Todesgedanken steht und ihren Willen ins Sterben ergeben hat, mitsamt den Sinnen, dann erscheint die innerliche Stimme des göttlichen Wortes im Gemüt und den Sinnen. Hier erhört das göttliche Wort die Stimme des weinenden Knaben, als das betrübte Gemüt in den Sinnen. Denn es schallt in göttlicher Stimme dahinein, und spricht in der göttlichen Stimme zur Natur, als zu Hagar: „Was ist dir, du betrübte Natur? Fürchte dich nicht, Gott hat die Stimme des Knaben erhört, als deiner Sinne, die du in Begierde Gott aufgeopfert hast. Stehe auf, das heißt, erhebe dich in Gott in dieser Gelassenheit, und stehe in der Stimme der Erhörung auf und nimm deine Sinne, als deinen Sohn, bei der Hand des Glaubens, und führe die Sinne! Sie sollen nicht sterben, sondern leben und gehen, denn ich will sie zum großen Volk machen, das heißt, zu einer großen göttlichen (bzw. ganzheitlichen) Vernunft und Erkenntnis in göttlichen Geheimnissen. Und Gott tut der Natur den Wasserbrunnen des lebendigen Wassers auf, welches sie in die Flasche ihres Wesens in sich von Gottes Brünnlein faßt und damit den Knaben tränkt, als die Sinne.

46.19. Und so ist dann Gott mit diesem Knaben der Sinne, und er wächst groß in der Wüste, das heißt, in der verdorbenen Natur wächst der rechte sinnliche Knabe groß im Geist des Herrn, und er wird ein Schütze, das heißt, ein Schütze des Herrn und seiner Brüder, der die Raubvögel schießt und die wilden Tiere. Und das heißt, er schießt aus seinem Geist die bösen Tiere und Vögel in seinen Brüdern mit dem Heiligen Geist zu Boden, denn er lehrt sie und straft sie mit göttlichen Pfeilen.

46.20. Aber er muß in der Wüste Paran wohnen, nämlich im verdorbenen Fleisch, und in der Wüste unter gottlosem Volk, und dort ein Schütze Gottes sein. Und seine Mutter, als die Natur, gibt ihm eine ägyptische Frau. Das heißt, die Natur legt dem edlen, in Christi Geist neugeborenen Gemüt ein fleischliches Weib dazu, mit der das neugeborene edle Gemüt in der Ehe bestehen und sich mit diesem abgöttischen fleischlichen Weib plagen muß. Das versteht so:

46.21. Die ägyptische Frau ist sein Fleisch und Blut mit dem (gedanklichen) Verstand, darin der Abgott Mäusim (die Ich-Festung) als babylonische Hure liegt, darin der Teufel seinen Predigtstuhl hat, der dem edlen Gemüt das Kreuz Christi ist. Und so muß des Weibes Samen als der Geist Christi ohne Unterlaß der Schlange, als des Teufels eingeführter Begierde, in dieser Hure Babylon den Kopf zertreten.

46.22. Diese Hure ist nun die Übung und die Prüfung des geistigen Sinnes im christlichen Gemüt. Aber diese Hure schadet den Kindern Christi nichts. Sie hat wohl eine falsche Lust und ist ein Hurenbalg, welche das Reich Gottes nicht sehen soll, aber sie muß doch den Kindern Gottes zum Besten dienen, denn aus ihr wird dem edlen Gemüt das Kreuz auferlegt, damit das Gemüt in der Demut bleibe und nicht sage: „Ich bin es! Ich bin heilig!“ Nein, nein, die Heiligkeit ist nicht dieses Knaben Eigentum, sondern es ist Gottes Erbarmen, welcher des Knaben, als des armen verlassenen Gemüts, Weinen erhört hat. So muß das edle, heilige Gemüt als der neue, im Geist Christi geborene Mensch dieses ägyptische, bösartige, abgöttische, hurenhafte, gottlose, nichts Gutes wollende oder könnende, noch gedenkende Weib zur Ehe haben, und muß sich so lange mit ihr schänden, bis die unzüchtig abgöttische Hure stirbt. Dann wurde dieser Knabe von den Engeln in Isaaks Hütte hineingeführt, das heißt, in Christi Hütte, als in Christi Fleisch und Blut.

46.23. Und dies ist die wahrhaftige Darstellung des Geistes in Moses, darum er dieses Bild so feinkünstlich gezeichnet hat, denn der Geist in Moses geht dahin, daß der Mensch der Ichheit als eigener Wille von Gott verstoßen werden müsse. Und wo Christus geboren wird, da geschieht es gleichsam wie hier, daß Isaak als Christi Vorbild von der Freien (im freien Willen) geboren wurde, und so mußte der Sohn der Magd hinausgestoßen werden. Denn nach Isaak sollte der Samen, der Gottes Reich erben sollte, benannt werden, nicht aus der eigenen Natur und nicht vom Fleisch noch Willen des Mannes, sondern aus Gottes Willen. So soll aus dem abgestorbenen Willen unserer Natur, der seiner Ichheit abstirbt und an sich selber verzweifelt, ein Christ geboren werden, wie in Gottes Erbarmen Ismael geboren wurde (als der arme Sünder, wenn er der Sünde gram wird und nicht mehr will). Die Natur soll und muß wohl dabei sein, auch gleichsam mit dem irdischen bösartigen Fleisch, denn daraus wird Christus geboren, wie eine schöne Blume aus der wilden Erde, oder wie eine Frucht aus dem Korn.

46.24. Ein sehr treffliches Bild stellt uns der Geist in Moses mit Abraham und Sara vor, als Sara den Sohn der Magd aus dem Erbe von sich ausstoßen wollte, weil der Sohn der Magd nicht mit der Freien erben sollte. Das deuchte Abraham ungerecht zu sein, weil er von seinem Samen und sein rechtmäßiger (und sogar ältester) Sohn war, aber Gott sprach zu ihm: »Laß es dir nicht mißfallen, wegen des Knaben und der Magd. Alles was Sara dir gesagt hat, dem gehorche, denn nach Isaak soll dir der Samen (bzw. dein Geschlecht) benannt sein.«

46.25. Die innere edle Bedeutung versteht so: Wenn ein Mensch in Christi Geist, wie Abraham geschah, neugeboren wird, dann denkt er öfters, er sei ganz neu, und kennt sich noch nicht richtig, so daß er noch die hurenhafte ägyptische Magd mit ihrem spöttischen Sohn der Eitelkeit in seinen Armen hält. So geschieht es dann, daß öfters der Spötter als Ismael, der Sohn der Magd, aus ihm hervorbricht, auch wohl ganz ohne seinen Willen und Vorsatz, so daß ihn Sara strafen will, als die Freie, welches fromme Gemüter sind, denen es Gott zu erkennen gibt. Und öfters wird er wohl auch von Bösen gestraft, so daß man sagt, man sollte diesen Spötter hinausstoßen. Aber das will Abraham als der Mensch nicht gern, denn er will ungetadelt sein, und weiß noch nicht, daß er die Zeit seines irdischen Lebens im Gericht Gottes steht, so daß täglich seine Worte und Werke geprüft und gerichtet werden müssen. Er will oft auf einen Weg der Rechtfertigung treten und seine Sache beschönigen, und will gelobt sein, und vergißt derweilen die ägyptische Magd in seinen Armen und ihren spöttischen Sohn, der öfters noch im Wort mit Übeldeuten hervorguckt und sich fein unter einem glänzenden Mantel zudeckt. Diesen stößt nun die Freie hinaus, das heißt, der Geist Christi stößt ihn durch den Mund anderer Leute hinaus. Und das deucht dem Menschen ungerecht zu sein, weil dieses Wort von seinem Leib geboren und aus seinem Gemüt entstanden ist.

46.26. Aber der Herr spricht im Geist der Demut Christi: Laß es dir nicht mißfallen, daß die Leute deine Worte tadeln und deine Arbeit verwerfen! Gehorche Sara als der göttlichen Stimme, und stoß selber dasjenige von dir aus, das etwa zum Übel geredet oder gedeutet ist. Denn nach Isaak, das heißt, nach deiner höchsten Demut, soll dir der Samen benannt sein, darin in deinen Worten und Werken der Geist Gottes in der Liebe wirkt, und nicht in deiner natürlichen Ichheit und Eigenheit des Verstandes, darin der Sohn der Magd redet und wirkt.

46.27. So sollen die Kinder Gottes diese Darstellung wohl betrachten und denken, daß alles, was aus Affekten (bzw. Leidenschaft) und Neigungen geredet oder getan wird, sei es gegen fromme oder bösartige Menschen, das kommt alles aus dem Sohn der Magd, und das muß ins Gericht zur Prüfung, und muß von Menschen gerichtet werden, und zwar von bösen und guten. Es muß hinausgestoßen werden unter eine Menge böser und guter Zungen, mit denen ein jeder sein Gericht darüber führt. Denn Gott richtet auf Erden im Äußeren durch Menschen, und zwar durch beide, böse und gute.

46.28. Dies soll sich nun Abraham, als der Mensch, nicht mißfallen lassen, wenn man seine Worte und Werke richtet und prüft, sondern denken, daß sein göttlicher Samen nur in der Liebe und Demut geboren werde, und daß alles, was er aus eigener Neigung redet, richtet und tut, wieder ins Gericht gehört, wo es geprüft und gereinigt werden muß, wie Hagar mit ihrem Sohn Ismael. Und dann, wenn es gerichtet ist, das heißt, von den Leuten hinausgestoßen, dann erst kommt der Engel Gottes und ruft dem natürlichen Menschen zu, er solle nicht in diesem Gericht verzweifeln, sondern sich wohl gefallen lassen, daß seine Worte und Werke gerichtet werden.

46.29. Darum sagen wir, wie es der Herr zu erkennen gibt: Wer die Geschichte des Alten Testaments richtig lesen und verstehen will, der muß zwei Bilder vor sich stellen, nämlich äußerlich Adam, als den irdischen Menschen, und innerlich Christus, und diese beiden Bilder in Eines verwandeln. Dann kann er alles verstehen, was Moses und die Propheten im Geist geredet haben.

46.30. Er darf eben nicht so blind wie die Juden und Babel sein, welche mit diesen Geschichten Verstandesschlüsse über die Wahl Gottes machen, als hätte sich Gott irgendein besonderes Volk zu seinen Kindern erwählt. Die Wahl Gottes geht nur auf die Bildung, und welches Volk die Bildung des inneren Reichs Christi im Äußeren tragen würde, in diesem Volk wollte Gott das Reich Christi auch äußerlich offenbaren. Haben doch die Juden den gleichen Spiegel und das gleiche Vorbild im Äußeren gehabt, wie eben auch die Christen hatten, welche auch Christus im Fleisch ansahen, als einen reinen und lauteren Menschen.

46.31. Doch diese (geschichtlichen) Bildungen sind der Welt meist nur stumm geblieben bis zur letzten Zeit, und solches aus Gottes Vorsatz. Weil der Mensch so eitel und nur Fleisch sein will, und der Perlein bald überdrüssig wird, und dieselben danach mit Füßen tritt, deshalb hat Gott mit dem Menschen in Bildern und Gleichnissen gehandelt, gleichwie auch Christus tat, als er auf Erden kam. Und deshalb erklärte er diese Geheimnisse alle in Gleichnissen, wegen der Unwürdigkeit der Menschen.

46.32. Daß es aber jetzt offenbar werden soll, hat eine große Ursache, davon alle Propheten gedeutet haben. Und die Ursache ist diese, daß im Schall dieser letzten Posaune das Geheimnis des Reichs Gottes vollendet werden soll und die Braut Christi als die klugen Jungfrauen zubereitet werden sollen, die dem Herrn in seiner Erscheinung entgegengehen. Und das deutet den Tag von Christi Ankunft an, da er mit der heiligen Stadt des neuen Jerusalems erscheinen und seine Braut heimführen will. Und so muß vorher das Geheimnis des Reichs Gottes aus seinen Bildern ausgewickelt und ganz offenbar werden.

46.33. Und das wird der Fall des fleischlichen sündhaften Menschen sein, so daß der Mensch der Sünde offenbar werden müsse, wie St. Paulus davon weissagt, daß das Kind des Verderbens allen Völkern, Sprachen und Zungen offenbar werden solle und das Tier mit der Hure in den Abgrund gehen. (2.Thess. 2.3) Das heißt so viel wie: Wenn das Reich Christi ganz offenbar wird, dann steht das Tier und die Fleischeshure, als die falsche Magd mit ihrem spöttischen Sohn, in großer Schande und wird von jedermann gerichtet werden, gleich einer Hure am Pranger, wo sie jedermann verspottet.

46.34. Und wie man bisher Christus im äußeren Bild der Einfalt in seinen Kindern und Gliedern verspottet hat, in denen der Verstand nichts mehr gesehen noch erkannt hat, als nur Hagar und Ismael in ihrem ausgestoßenen Elend, unter welchem doch des Engels Stimme gewesen war, und welche sie in der närrischen albernen Einfalt unter der Decke verspottet haben, und wie man den Spötter Ismael an Christi statt setzte, der nur ein Antichrist war, so soll unter dem Schall dieser Posaune auch dieser Spötter und Antichrist offenbar und von den Kindern Gottes in den Abgrund gestoßen werden, welches Babel in naher Zeit sehen soll. Denn solches deutet der (sehende) Geist der Wunder Gottes an.

46.35. Wir sehen dessen ein schönes Bild an Abimelech: Wenn sich Gott bei einem Volk offenbaren will, dann erschreckt er sie mitten in der Sünde und erscheint ihnen im Zorn, wie Abimelech in seiner Vision, oder Moses im Feuer des Busches, oder auch Israel auf dem Berg Sinai im Feuer, oder auch Elia im Feuer und Wind, darin überall die Strafe des Grimms Gottes vorangedeutet wird, wie Gott der Menschen Herzen vorher zerschellt, damit sie sich fürchten, wie hier Abimelech, als ihm der Herr des Nachts in einer Vision erschien und ihm wegen Sara drohte. Da erschrak er und sagte solches seinem Volk vor aller Ohren, und die Leute fürchteten sich sehr. Und Abimelech rief Abraham, und machte einen Bund mit ihm.

46.36. Dies ist eine schöne Darstellung, wie Gott die Feinde erschreckt und die furchtsame Natur tröstet, wenn sie sich vermeint, und ihr die Furcht in Freude kehrt. Und wie der Elende, wenn er fromm ist, von Gott aus dem Elend endlich herausgerissen wird, und wie ihm endlich seine Feinde, welche er zuvor vermeintlich als Feinde gesehen hatte, dienen und ihn erheben müssen. So wunderlich führt Gott seine Kinder, wenn sie nur die Anfechtung erdulden und unter dem Kreuz in der Demut stehenbleiben, und nicht auf Ich-Rache sehen, sondern die Geduld in der Hoffnung anziehen und im Glauben beständig bleiben. So müssen zuletzt alle seine Widerwärtigen sehen und selber bekennen, daß Gott mit dem Menschen ist und daß ihm die Welt unrecht getan hat.

46.37. Auch ist das eine schöne Darstellung, wie Abraham, als Gott Abimelech strafen wollte, bei Gott für Abimelech bat und ihn versöhnte, so daß ihn Gott segnete. Und so steht diese ganze Geschichte in der Darstellung Christi, wie Adam und Christus beieinanderstehen, wie Christus in die selbergenommene königliche Eigenheit des Menschen gekommen ist und die Sünde und den Tod erschreckt, und wie sich die arme verdorbene Natur im Schrecken und Erkennen der Sünde zu Gott wendet, wie hier Abimelech zu Abraham, und wie sie dann Christus das Reich der Natur zum Besitz einräumt. Und so kann die innerliche Darstellung im Geist Moses, der Christi Vorbild und Bildung war und noch aus der Eigenschaft des Vaters auf den Sohn im Fleisch als in der Menschheit deutet, gar nicht anders verstanden werden, als eben so, und das ist der wahre Grund.


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