Das Mysterium Magnum

(Text von Jacob Böhme 1623, deutsche Überarbeitung 2022)

40. Kapitel - Die Geschichte von Ismael und Isaak

Von der Historie und ganz wunderlichen Vorbildung des Geistes Gottes durch Hagar, der Magd von Sara, und ihrem Sohn Ismael, von seinem Ausschluß von der Erbschaft und von Isaaks Erbe. (1.Mose 16)

40.1. Wer die Geschichte von Abraham, Isaak und Jakob lesen und recht verstehen will, was der Geist Gottes darunter andeutet, der muß sie nicht bloß ansehen, wie eine Historie, darunter nichts mehr sei, als eine Geschichte. Es ist das ganze Reich Christi, samt dem Reich der Natur darunter vorgezeichnet, nicht allein das Werk menschlicher Erlösung, sondern auch wer, wie oder was am Menschen Gottes Reich erben soll. Nicht, wie sich die Juden rühmen, daß sie allein Gottes Volk sind: Nein, es ist ganz anders, denn Gott sieht nicht auf ein Geschlecht, sondern auf den Stamm oder die Wurzel des Baumes.

40.2. In den zwei Brüdern von Isaak und Ismael sind die zwei Reiche vorgebildet, nämlich in Ismael das Reich der Natur, und in Isaak das Reich der Gnade, wie auch in Esau und Jakob. Denn von Abraham gingen nun zwei Linien aus, die von Japhet und von Sem. Ismael war der erste, ähnlich wie Japhet unter Noahs Kindern oder auch Kain unter Adams Kindern. Das deutet das Reich der Natur an, das aus der Eigenschaft des Vaters seinen Ursprung hat und immer das erste sein muß, wenn eine Kreatur geboren werden soll.

40.3. Danach kommt erst das Reich der Gnade, das die Natur einnimmt, gleichwie zuvor ein Feuer sein muß, wenn ein Licht sein soll, denn das Feuer gebiert das Licht, und das Licht macht das Feuer in sich offenbar. Es nimmt das Feuer als die Natur in sich ein und wohnt im Feuer.

40.4. In gleicher Weise sind uns auch die zwei Eigenschaften der Menschheit zu verstehen, nämlich in zwei Prinzipien nach Feuer und Licht, als nach des Vaters und Sohnes Eigenschaft, nach dem Zorn und nach der Liebe, welche zwei in einem Wesen sind.

40.5. Weil sich aber der menschliche Wille dem Reich der Natur unterworfen hatte, so stellte nun auch das Reich der Natur dem höchsten Gott seine Eigenschaft im Menschenbild dar, zuerst in diesem Wundermann Abraham, in dem sich Gottes Geist und Wort bewegte. Und so wurden nun dem Wort Gottes, das alle Wesen aus sich geformt hat, die Bildungen der ewigen Prinzipien in Form von zweierlei Willen aus einem Menschen dargestellt, und zwar der abtrünnige in Ismael, und der heilige gehorsame in Isaak, der aus der Kraft des eingefaßten Glaubenswortes entsproß.

40.6. Es wurden die zwei Bilder dargestellt, als in Ismael der arme, kranke, böse, verdorbene und vom Willen Gottes abgefallene Adam, und in Isaak das Bild Christi, das dem armen verdorbenen Adam gekommen war, um zu helfen und seinen abtrünnigen Willen in den Tod und das Sterben hineinzuführen, und ihn im Feuer Gottes wieder zu bewähren und im Liebefeuer wieder neu zu gebären, nämlich im ersten einigen Willen Gottes, darin Vater und Sohn im grimmigen Zornfeuer und im Liebefeuer nur ein einiger Wille und ein Wesen sind.

40.7. Denn mit der Bewegung göttlicher Eigenschaft, als Gott die Natur bewegte und Kreaturen erschuf, schieden sich die zwei Eigenschaften von Liebe und Zorn in der Natur, damit im Streit und Widerwillen das Geheimnis Gottes als die unsichtbare geistige Welt offenbar würde und in ein ringendes Spiel ginge.

40.8. Denn, wenn nur einerlei Wille wäre, dann würden alle Wesen nur das gleiche tun. Aber im Widerwillen erhebt sich ein jedes in sich selber zu seinem Sieg und zur Erhöhung, und in diesem Streit steht alles Leben und Wachsen. Und dadurch wird die göttliche Weisheit offenbart und kommt in eine Formung zur Beschaulichkeit und zum Freudenreich, denn in der Überwindung ist Freude. Aber ein einiger Wille ist sich selber nicht offenbar, denn es ist weder Böses noch Gutes in ihm, weder Freude noch Leid. Und wenn es wäre, dann muß sich doch das Eine, als der einige Wille, erst in ein Gegenspiel in sich selber hineinführen, damit er sich offenbaren kann.

40.9. So ist es uns hier auch mit Isaak und Ismael zu verstehen: Denn Christus sollte aus Abrahams Samen geboren werden, und so mußte aus diesem Samen auch der verdorbene Mensch geboren werden, dem Christus helfen sollte.

40.10. Denn Christus, als Gottes Wort und Wille, nahm sein heiliges himmlisches Sein an sich an, das der Mensch im abtrünnigen Willen verloren hatte, und führte diesen in sich in das Sterben der Ichheit bis zur Wurzel, daraus der abtrünnige menschliche Wille im Anfang der menschlichen Schöpfung entstanden war, nämlich im Grimm der ewigen Natur, in des Vaters Eigenschaft, nach derselben Natur. Und so gebar er in demselben Feuer den abtrünnigen menschlichen Willen wieder durch das Liebefeuer. Damit vereinigte er im menschlichen Willen Gottes Liebe und Zorn, als die zerteilte Natur, die sich in der Schöpfung der Welt in einen Gegensatz zur Offenbarung der Wunder hineingeführt hatte.

40.11. So versteht uns nun richtig und tiefgründig! Christus sollte als menschlicher Fürst der König und Hierarch im ewigen Reich sein, dem das Reich eigen wäre. So mußten nun seine Untertanen wie Diener anderer Personen sein, die ihren Willen alle in ihn, wie in einen Stamm hineinführen sollten. Er sollte der Baum sein, der seinen Ästen, als den anderen Menschen, Saft, Kraft und Willen gäbe, damit sie ihm Frucht gebären. Weil ihm aber die Äste an seinem Baum, der er selber war, böse geworden waren, gab er sich in ihre bösartige Essenz hinein und führte (bzw. wirkte) seine Kraft in ihnen aus, damit sie wieder gut würden und in ihm grünten.

40.12. Damit aber solches sein konnte, mußten der Baum und die Äste des Baumes unterschieden sein, damit die Wunder der geformten Weisheit der Natur nicht am Baum aufhörten und vergingen, um derentwillen sich Gott zur Schöpfung bewegt hatte und den Willen der Natur als sein geformtes Wort in ein Spiel der Gegensätze unterschied.

40.13. Isaak war im Wesen Christi, als im gefaßten Wort des Glaubens, aus Abrahams Wesen im Glauben empfangen, und stand in der Bildung Christi, nicht ganz aus himmlischem Wesen allein, sondern aus beiden zugleich, aus Abrahams adamischen Wesen und aus dem gefaßten Wort des Glaubens. Und Ismael war aus Adams Wesen, aus Abrahams eigener Natur nach der verdorbenen Eigenschaft, und aus Abrahams Seele und Geist ganz aus seinem Wesen, aber nicht aus dem gefaßten Glaubenswort, das auf Isaak drang.

40.14. So stand nun Ismael, seinem Vater Abraham gleich, vor dem gefaßten Glaubenswort und sollte dieses Glaubenswort aus Isaaks himmlischem, göttlichem und angeerbtem Wort auch in der Begierde fassen und zu einer Glaubenssubstanz in sich hineinführen. Denn Gott salbte die Menschheit Christi, und die Menschheit Christi salbt seine Äste und Zweige, als diejenigen, die auch ihre Begierde in ihn hineinführen. Diese kommen ebenso zur Salbung, wie Gott Abrahams Samen in seiner Glaubensbegierde gesalbt hat.

40.15. So stand Christi Bildung in Isaak da, und Adams Bildung in Ismael, und in Abraham standen Gott und Adam miteinander. Denn Gott nahm Adam in Abraham wieder in seinen Bund, Wort und Willen, und aus diesem Bund, Wort und Willen, die Abraham von Gott einnahm und darin Abraham gerechtfertigt wurde, wurde Christus geboren. Und der nahm Ismael und alle armen verdorbenen Adamskinder, wenn sie nur ihre Begierde in ihn hineinführten, in sein Wort und sein himmlisch göttliches Sein, und überantwortete sie seinem Vater, als den Schoß Abrahams, in welchen sein Vater das ewige heilige Wort göttlicher Liebe hineingelegt hatte, darin das Erbarmen über uns arme Eva-Kinder steht.

40.16. So versteht uns nun in diesem, von Abrahams Magd und von der Freien, was das sei, daß zu Abraham gesagt wurde, der Sohn der Magd soll nicht mit dem der Freien erben. Es ging nicht allein um das äußere Erbe, sondern um die ewige Erbschaft der Kindheit Gottes.

40.17. In Ismael war der eigene abtrünnige Naturwille, den er von Hagar, seiner Mutter, und von Abrahams natürlich adamischen Willen geerbt hatte, welcher ein Spötter der neuen Geburt war.

40.18. Denn der Teufel hatte im Schlangenwesen seinen Willen in den menschlichen Willen zur Ichheit hineingeführt, und der spottete nur der neuen Wiedergeburt, wie auch der Teufel nur ein Spötter ist. Wenn man ihm sagt, daß der Zorn als der Grimm der ewigen Natur, derer er ein Fürst und Besitzer ist, im Menschen wieder in Liebe verwandelt werden soll, dann ist ihm das niemals recht. Und dieser falsche Geist war ein Spötter in Ismael, von dem Gott sagte: »Verstoße den Sohn der Magd!« Nämlich diesen Spötter, denn der Spottgeist und Wille soll nicht mit der Freien, als mit dem einigen Willen Gottes erben. (Gal. 4.30)

40.19. Nun ist uns dies aber nicht für die ganze Person Ismaels zu verstehen, daß ihm Gott aus seinem Vorsatz aus der Kindschaft Gottes verstoßen habe. Nein, nein, es zeigt sich das Gegenteil: Denn als Hagar stolz war, weil sie schwanger wurde und ihre Herrin nicht, und daraufhin Sara geringachtete, so daß sie von Sara als ihrer Herrin bestraft wurde, sie aber von ihr floh, da begegnete ihr der Engel Gottes und sprach zu ihr: »Wohin Hagar, Saras Magd? Kehre wieder zu deiner Herrin zurück und demütige dich vor ihr! Ich will deinen Samen so vermehren, daß er vor großer Menge nicht gezählt werden kann.«

40.20. »Und weiter sprach der Engel des Herrn zu ihr: „Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, den sollst du Ismael („Gott hört“) nennen, nämlich darum, weil der Herr dein Elend erhört hat. Er wird ein wilder Mensch sein, seine Hand gegen jedermann, und jedermanns Hand gegen ihn, und wird gegen alle seine Brüder leben.“ Und sie nannte den Namen des Herrn, der mit ihr redete: „Du, oh Gott, siehst mich!“ Denn sie sprach: „Hier habe ich den gesehen, der mich danach angesehen hat.“ Darum nannte sie den Brunnen, wo das geschah, den Brunnen des Lebendigen, der mich angesehen hat.«

40.21. Dieses Bild versteht so: Hagar floh im Willen der Ichheit, als im Ungehorsam und im Willen der Natur, darin der Teufel nach der Eigenschaft des Grimms ein Fürst sein will. Dieser Wille wollte sich nicht unter den Bund demütigen und der Freien, als Gottes freiem Willen, gehorsam sein. Als Bild dafür floh Hagar: Denn der Wille der Ichheit soll ausfliehen und ganz sterben und nicht den Bund und die Kindschaft erben. Aber der Engel Gottes begegnete Hagar und sprach: »Wohin willst du fliehen, Hagar, Saras Magd? Kehre wieder zu deiner Herrin zurück und demütige dich unter ihre Hand! Siehe, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären, den du Ismael nennen sollst, nämlich darum, weil der Herr dein Elend erhört hat.« Das heißt also:

40.22. „Du armer, elender und vom Reich der Natur gefangener Mensch, die Natur hat dich ja in ihren Wundern in ihrem Spiel der Gegensätze (Contrario) geboren, und der Teufel hat dich vergiftet, so daß du auf Erden ein wilder Mensch sein mußt, nämlich zum Gegenspiel der Kinder Gottes, damit sie durch dich geübt und in Drangsal geführt werden, auf daß sie auch den Saft ihrer Wurzel des Heils aus dem heiligen Wesen hervorbringen und sich in der Presse mit der feurigen Begierde durch das Liebe-Sein, das ganz sanft und still ist, bewegen und durchdringen, auf daß in diesem Gegenspiel und Kampf auch die Frucht aus dem göttlichen Einen wachse. Dein wilder Wille muß ja ausgestoßen und getötet werden. Aber kehre nur wieder zur Freien um, nämlich zum einigen Willen Gottes, und demütige dich vor der Freien, denn ich habe dein Elend wohl gesehen, und habe dich nicht von meinem Angesicht verstoßen, sondern nur die wilde Eigenschaft, als den Willen der natürlichen Ichheit.“

40.23. „Aber ich muß ihn während dieser Zeit auch haben, denn er wird gegen alle seine Brüder stehen und sie in der Gottesfurcht mit seinem Gegenspiel üben. Denn du sollst wieder in die Buße zur Freien umkehren! Dazu will ich dich so vermehren, daß man deinen Samen nicht mehr zählen kann.“

40.24. Warum gerade der Spötter? Darum: In ihm lag das Reich der Wunder göttlicher Offenbarung aus der Natur, nämlich aus der feurigen Welt, aus Gottes Stärke und Allmacht. Und das will er in Christus wieder in die Liebe, als in das Eine, in die Freiheit hineinführen. Denn Hagar, als der Wille der feurigen Seelennatur, soll wieder umkehren, in die Buße gehen, sich vor der Freien demütigen, als dem einigen erbarmenden Liebewillen im Bund und Samen Isaaks, und den abtrünnigen Willen von sich ausstoßen.

40.25. Und darum schickte ihr der Herr seinen Engel entgegen und offenbarte sich ihr mit seiner Stimme, daß sie den Namen des Herrn nannte: „Du, oh Gott, siehst mich! Hier habe ich den gesehen, der mich danach angesehen hat.“ Das heißt, der Widerwille lief von der Freien, als von Gott weg, aber Gott sah die arme, elende und gefangene Seele wieder an und rief sie zurück. Da sagte die Seele: „Gewißlich, hier habe ich den gesehen, der mich danach, nachdem mein Wille der Ichheit in der Natur herausgelaufen war, angesehen hat.“ Das heißt soviel wie:

40.26. Wenn der Spötter als der Eigenwille in seiner Natur ausgelaufen ist und sich in ein Gegenspiel gegen seine Brüder (welche bisweilen in ihrem gegebenen himmlischen Wesen nicht wirken wollen, sondern träge werden) mit Spotten hineingeführt und sein Amt der gegebenen Natur zur Übung der Kinder Gottes verrichtet hat, dann sieht Gott den Spötter als sein Werkzeug zur Übung der Seele auch an und will nicht, daß die Seele verderbe. Er sieht sie wieder an, läßt sie belehren und rufen, und zieht sie auch im Gewissen des Menschen zu sich, das heißt: „Danach hat er mich angesehen, als ich schon das Werk der Natur im Willen der Ichheit vollbracht hatte.“

40.27. So geschah es, daß Hagar erst von Gott angesehen wurde, als sie ihrer Herrin ungehorsam geworden und von ihr entlaufen war, und ohne Zweifel im Widerwillen gegen ihre Herrin der Frauen viel Aufregung gemacht hatte, dadurch ihre Herrin Sara auch geübt wurde, so daß sie sich in sich selbst bewegte und zu Gott rief und betete, daß er doch ihre Schmach der Unfruchtbarkeit wenden wollte und sie segnen, daß sie fruchtbar würde, auf daß sie auch das Haus oder Gefäß reinige, darin sie den heiligen Segen Abrahams in seinem gesegneten Samen hereinnehmen sollte. Und nicht etwa menschliche Geilheit der Natur in Abrahams gesegneten Samen hineinführte, sondern daß sie eine wahrhaft göttliche Begierde in sich hätte, dahinein sie den Samen Abrahams faßte.

40.28. Und eben darum machte sie Gott bis in ihr Alter unfruchtbar, damit nicht die tierische Lust in ihr empordringen und sich in Abrahams gesegneten Samen einmischen konnte, denn sie sollte alle ihre menschliche Kraft, als des Weibes Samen im Bund, der sich in ihr nach dem Reich der Natur bewegte, in den Samen Abrahams geben, nicht aus Geilheit tiersicher Lust, sondern aus Begierde der Natur des geformten Wortes. Darum mußte die in Adam hereingeführte tierische Lust zuvor in ihr fast gänzlich absterben, in welcher der Teufel seine Räuberburg hat, damit nur die innere Natur noch in der Begierde stand, als des geformten Wortes Sein entsprechend der Schöpfung.

40.29. Denn das verheißene Wort im Bund mit Abraham sollte sich aus Abrahams Samen in Saras Samen hineinergeben, nämlich in die weibliche Matrix der Venus-Tinktur, und das weibliche Sein aus der Liebe-Tinktur an sich nehmen, das sich von Adam in eine Frau abgeschieden hatte. Zwar nicht nach dem offenbarten Leben des heiligen, in ihr verschlossenen und himmlischen Wesens, das in Adam und Eva verblich und erst in Christus offenbar wurde, sondern nach dem Reich der Natur des geformten Wortes, in dem das himmlische Sein verschlossen lag, bis zur Bewegung des Bundes in Marias Wesen, darin das Ziel des Bundes am Ende stand.

40.30. So mußten Hagar und ihr Sohn Ismael, der nach dem Willen der Ichheit, als nach des Teufels eingeführter Begierde, und nach seiner äußeren Konstellation ein Spötter seiner Brüder war, zu ihrer Übung ein Werkzeug der Natur sein, dadurch Gott seine Wunder offenbarte.

40.31. Denn wie Gott die Natur nicht ewig von sich verstoßen will, sondern sie nur in der Zeit durch ihre Gegensätzlichkeit zur Eröffnung seiner Wunder der Weisheit aus Liebe und Zorn als Gebärerin seiner Wunder braucht, so ist es uns auch mit der bösartigen angeborenen Eigenschaft im Menschen zu verstehen, welche die Seele nicht richten kann.

40.32. Denn der freie Wille, den sie hat, der verdammt sie, wenn sie damit in der Ichheit und der Bosheit bleibt, denn sie will nicht wieder in das Eine, als in die Ruhe eingehen. Ihre Verdammnis liegt in ihr selber, und nicht außerhalb, denn sie macht sich die Hölle in sich selber, das heißt, sie erweckt in sich aus dem Zentrum der ewigen geistigen Natur Gottes Grimm als die Eigenschaft der finsteren Feuerwelt, in der sie kein Kind von Gottes Liebe ist, sondern seines Zorns, dessen Wesen sie selber ist.

40.33. Doch wenn die Seele am eigenen Willen abstirbt, dann ist sie auch der Hölle abgestorben, als dem Reich der grimmigen Natur. Nun kann sie das aber in eigenem Vermögen nicht tun, es sei denn, Gott erblick sie wieder, wie hier Hagar geschah, als sie sagte: „Du, oh Gott, siehst mich.“ Und nannte darum diese Stätte oder den Brunnen »einen Brunnen des Lebendigen und Sehenden«. Denn der Brunnen des Lebens hat sich damit in ihr offenbart und sie wieder zur Umkehr geführt.

40.34. Denn sie sollte mit ihrem Sohn nicht aus Gottes Vorsatz verstoßen sein, sondern Gott stellte nur die Bildung der beiden Reiche in ihrem Samen dar, nämlich in Ismael und Isaak. So sprach danach Gott zu Abraham: »Und für Ismael habe ich dich auch erhört. Siehe, ich habe ihn gesegnet und will ihn fruchtbar machen und gar sehr mehren. Zwölf Fürsten wird er zeugen, und ich will ihn zum großen Volk machen. (1.Mose 17.20)«

40.35. Was nun Gott gesegnet hat, das soll der Bischof mit seinem Verstand nicht entweihen. Er hatte ihn zum Regenten in das Reich seiner Natur eingesetzt, damit er die Wunder der Natur offenbart, und ihn nicht zur Verdammnis vorbestimmt, wie Babel richtet, der ein Hirtenstab besser in der Hand wäre, als die Geheimnisse der Schrift mit irdischen Augen zu erklären und daraus Schlüsse zu ziehen, die wohl dem Teufel dienen und die Menschen leichtfertig machen.

40.36. Denn wenn Ismael mit seiner Mutter Hagar danach ausgestoßen wurde, damit er nicht zur Erbschaft der Güter Abrahams kommen konnte, dann hat das eine ganz andere Bildung, als es der Verstand sieht. Gott hatte Ismael zum Fürsten im Reich der Natur gesetzt und Isaak zum Fürsten im Reich der Gnade. Ismael sollte fremde Güter besitzen, weil er nicht aus der Bundeslinie entsprossen war. Aber Isaak kam aus der Bundeslinie, und darum übergab Gott die Güter Abrahams an Isaak, als das gesegnete Erbe, weil er vom Segen geboren war, so daß aus ihm der Herr der Güter kommen sollte. So sollte er dieweil ein Besitzer dieser Herrschaft sein, bis der Herr danach käme. Und Ismael sollte ein Knecht und Diener des künftigen Herrn sein.

40.37. Denn die Kinder der Natur sind Diener im Reich der Gnade, nicht Herren im eigenen Willen. Sie sollen nicht mit eigenem Willen in die Erbschaft des Reichs Christi eingreifen. Denn es liegt nicht am Selberwollen, Selberlaufen oder Selberrennen von jemandem, um dieses Erbe in eigenem Willen nehmen zu wollen und zu können, sondern es liegt an Gottes Erbarmen. Es ist ein Gnadenreich, nicht ein ererbtes Reich aus einem Geschlecht der Menschen. Sondern Gott gab es Abraham aus Gnade in seinen Samen.

40.38. Der Spötter Ismael mußte vom gesegneten Erbe ausgestoßen werden, denn er war nicht aus der erblichen Linie, als aus Gottes besonderer Gabe geboren, wie Isaak, welcher in Christi Person dastand. Denn Christus allein sollte der Erbe des Segens Gottes sein, das er aus Naturrecht hatte, und die anderen sollten allzumal wie seine Hausgenossen sein, denn Japhet soll in Sems Hütten wohnen, nicht als ein Herr der Hütten, sondern als ein Diener.

40.39. Doch auch die Person Isaaks ist nach seiner angeborenen Adams-Natur nichts anders als ein Diener. Daß er aber zum Erben erkoren wurde, das geschah ihm von Gott, nämlich als ein Statthalter seines Herrn, der aus ihm entsprießen sollte, dessen von Gott gegebene Eigenschaft er als Stätte des Bundes in sich trug. Das heißt, er trug Christus in sich im Bund Gottes, und dem gebührten die Güter allein aus Recht, aus Naturrecht, denn er war von göttlicher Natur, Gottes Kind und Erbe alles dessen, was Gott erschaffen hatte.

40.40. Aber all den anderen gebührten die himmlischen Güter nicht aus Naturrecht, denn sie hatten das Naturrecht in Adam verloren und kamen nur aus Gabe und Schenkung des Gebers dazu, aus Gottes Erbarmen. Darum war Ismael von Abrahams Gütern ausgestoßen, denn hier war die Bildung des künftigen Reichs Christi dargestellt.

40.41. Und daß man es doch klar sehe, so erkennt man es daran genug, daß Abraham bei einer ägyptischen fremden Magd lag und einen Sohn mit ihr aus seinem Samen zeugte, nämlich aus seiner Essenz von Leib und Seele, und diesen Sohn danach gleich von der Erbschaft verstieß. So ist es die Darstellung der wahren kindlichen Erbschaft, daß niemand zur Kindschaft kommen könne, er werde denn aus diesem Bund aus Christi Fleisch und Geist geboren.

40.42. Der alte adamische Mensch mit seinem eigenen Willen aus dem Schlangenwesen wird ausgestoßen und ganz verworfen, denn er ist nichts nütze zum Reich Gottes. Er ist nur ein Werkzeug, mit dem Gott seine Kinder übt und treibt, wie ein Besen, mit dem man das Haus kehrt.

40.43. Die Seele muß ihn in Ewigkeit ganz verlassen, und muß in sich selbst in einem neuen Leib aus himmlischem Wesen geboren werden, und zwar aus ihrem in Adam an Gott verblichenen und aus Christi Geist wieder dahingeführten himmlischen Wesen.

40.44. Die grobe, hineingeführte tierische Eigenschaft wird vom Reich Gottes ausgestoßen, und zwar an allen Menschen, die aus Adams sündhaften Samen gezeugt wurden, an Isaak und Abraham sowie auch an Ismael. Aber das Sein im Bund soll ewig leben und den wahren, in Adam geschaffenen Menschen aus dem Stoff der Erde vom Reich dieses Weltwesens am Jüngsten Tag wieder anziehen, aber nicht die Grobheit der Erde, sondern das Sein des geformten Wortes, das sich in eine Schöpfung hineingegeben hat.

40.45. Das innere Sein Christi, das die Seele zu einem himmlischen Leib aus Christi Geist und aus seinem Fleisch und Blut an sich anzieht, das ist geistlich. Es ist ein geistlicher Leib, der mit dem Sterben des äußeren Menschen nicht stirbt, auch nicht begraben wird und nicht aufersteht. Sondern er ist in Christus für alle und in allen gestorben und begraben worden, und auferstanden, und lebt ewig, denn er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.

40.46. Und darum kam Ismael nicht zur Erbschaft der Güter seines Vaters, denn er hatte noch nicht Christus im Fleisch und Geist angezogen. Aber Isaak hatte ihn im Bund, als im einverleibten Wort angezogen, und hatte nun Christus im Bund aus Gottes Gabe aus Naturrecht in sich, nicht aus seiner eigenen Macht, sondern aus des Gebers Macht, aus der Macht des Bundes.

40.47. Ismael sollte aber nun den Bund aus Christus anziehen, und nicht aus angeerbter Kindschaft, wie Christus, der ihn aus Gott in kindlichem Recht anhatte. So fehlte Ismael jetzt nur dieses, daß er sich im Brunnen des Sehenden und Lebendigen beschauen sollte, wie es seine Mutter Hagar tat, und wieder mit dem verlorenen Sohn zum Vater kommen, und Abraham, das heißt, seinem Erben Isaak in Christus, zu Füßen fallen und bitten, daß er ihn in sein Haus, das Christi Menschheit als die geistige Welt ist, zu einem Tagelöhner und Diener annehmen wollte, denn er hätte kein Recht zu seiner Erbschaft und wäre nur ein Stiefbruder von einer fremden Mutter geboren, nämlich vom Reich der Natur.

40.48. Und um derer willen war Christus gekommen, daß er sich ihrer erbarmen wollte, denn er sprach auch selbst, als er ins Fleisch kam: »Ich bin nicht gekommen, um den Gerechten zu suchen, sondern den armen Sünder.« Nämlich seine Brüder in Ismael und Adam, nicht seine Linie in Isaak. »Denn der Gerechtfertigte bedarf des Arztes nicht, sondern der kranke, verwundete und arme Sünder. (Luk. 5.31)«

40.49. Und so wollen wir nicht blind eine Vorherbestimmung und Gnadenwahl daraus schließen, wie es Babel tut, welche lehrt, Gott habe eine gewisse Menge und Anzahl zur Verdammnis geordnet und die anderen zur Seligkeit.

40.50. Wenn das so wäre, dann wäre die Natur in ein gewisses Maß eingeschlossen, wenn sie ein Kind Gottes gebären sollte, und es ginge nicht mehr im freien Wesen. Auch hätte Gott seinen unwandelbaren Willen in einen Anfang und Ziel beschlossen, und in menschlicher Eigenschaft wäre nichts mehr frei, sondern, was ein jeder täte, das müßte er unvermeidlich so tun, ob er nun raubt, stiehlt, mordet oder Gott lästert. Und so lebe er gleichsam wie er wolle, denn so müßte es sein. Wenn das wahr wäre, dann würden die zehn Gebote und alle Lehren und Gesetze ganz nichtig sein, und keiner müßte Buße tun, wenn ihn Gott nicht dazu zwingt.

40.51. Ich sage, wer so lehrt, der gebraucht und führt den Namen Gottes nutzlos und entheiligt den Namen Gottes, der seit Ewigkeit frei ist, sich allen armen Sündern anbietet und sie alle zu sich kommen heißt. (Matth. 11.28)

40.52. Der Bund wurde wohl mit Isaak aufgerichtet, als die göttliche Macht und Herrschaft, aber sie wurde keinem Menschen in der Bundeslinie gegeben, als nur allein dem Menschen Christus, damit keiner aus Recht zu Gott käme, sondern alle in der Gnade des Einen, so daß sich Gott aller in Christus erbarmte und außer dem keine Gnadentür mehr wäre, für die Juden aus Abrahams Samen, wie auch für die Heiden. Alle sind nur aus Gnade angenommene und in ihm neugeborene Kinder, und keiner ohne das Leben Christi, die Juden und auch die Heiden. Alle Menschen, die zu Gott durch seine Gnade eingedrungen sind, die hat er alle in der Gnade angenommen, die er in Christus darbietet.

40.53. Darum bat auch Christus für seine Feinde, die ihn nicht kannten, sondern kreuzigten, daß ihnen Gott in ihm vergeben und sie aus Gnade annehmen wollte. In welchem Zugang alle Völker, die Christus im Fleisch nicht kennen, aber zu Gottes Gnade fliehen, eine offene Pforte haben und in Gottes Erbarmen eingenommen werden.

40.54. Denn ohne Christus kommt kein Mensch zur kindlichen Erbschaft. Ihm allein gebühren die Güter, als die Hierarchie der Menschen, wie er auch sagte: »Vater, die Menschen waren dein, aber du hast sie mir gegeben, und ich gebe ihnen das ewige Leben.« Und darum gebührt ihm die Erbschaft, weil er Gottes Sohn ist, aus seinem Wesen seit Ewigkeit geboren.

40.55. Auch Adam war Gottes natürlicher Sohn, den er aus seinem Wesen geschaffen hatte, aber er verlor die Kindschaft und das Erbe und wurde ausgestoßen, und mit ihm alle seine Kinder, gleichwie Ismael von der kindlichen Erbschaft ausgestoßen wurde.

40.56. Denn in Abraham wurde das Erbe der wahren Kindschaft wieder offenbar. Aber Ismael war nicht aus dem Erbe der Kindschaft geboren, sondern aus dem ausgestoßenen Samen. Nun bot aber Gott aus Gnade sein heiliges Erbe in Abraham wieder dar, so daß er den ausgestoßenen Samen in dieser neuen Mutter, die sich in Abrahams Samen gab, wieder in sich selbst zu einem kindlichen Samen gebären wollte.

40.57. Nicht, daß der abtrünnige, in Adam ausgelaufene Wille der Ichheit in Ismael in diese Mutter genommen werden sollte. Nein, dieser Wille wird vom kindlichen Erbe mit Ismael auf allen Wegen ausgestoßen, denn er kann nicht neu geboren werden, er sterbe denn seiner Ichheit und seines Selberwollens ab und komme in einem umgekehrten Willen in Christus zu Gott, und zwar in Gestalt des verlorenen Sohns, der nichts aus Naturrecht will noch begehrt, als nur allein, daß sich der Herr der Güter über ihn erbarme und ihn wieder zum Tagelöhner annehme. Diesen umgekehrten Willen pfropfte Gott in sein gnadengeschenktes Erbe, als in die Güter Abrahams, in Christus ein und macht ihn zum Erben in Isaaks Gütern, nämlich in Isaaks geschenktem Erbe in Christus.

40.58. Ismael wurde von Abrahams Gütern, welche die Güter Gottes waren, ausgestoßen, damit er zu dessen Sohn kommen sollte, dem er das ganze Erbe gegeben hatte, und ihn um die kindliche Erbschaft bitten. Denn der natürliche adamische Mensch hatte es verloren, und dieses Verlorene wurde dem Bund Abrahams als dem gesegneten Samen geschenkt, nämlich dem Menschen Christus, und der schenkt es nun all denen, die zu ihm kommen.

40.59. Alle Menschen, die zu Gott dem Vater kommen und ihn um die ewige Kindschaft bitten, denen schenkt er die Kindschaft in seinem Sohn Christus, dem er das ganze Erbe als die menschliche Hierarchie und den Besitz des Throns der englischen Welt im Reich dieser Welt geschenkt hat, und ihm darin alle Macht der Herrschaft gegeben hatte. Denn er selbst sagte: »Mir ist von meinem Vater alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben worden. (Matth. 28.18)«

40.60. Denn Gott der Vater regiert das Reich dieser Welt in seinem Sohn Christus, und alle Menschen, die nun zu Gott kommen, die kommen in Christus zu ihm, welcher der Herr als der Mund seines Vaters ist.

40.61. Christus ist der Stab, mit dem Gott seine Schafe weidet. In der Stimme Christi werden alle armen Sünder, welche sich zu Gott wenden, in einem neuen Willen und Leben geboren, und in Christi Tod sterben sie des eigenen Willens der Ichheit durch die Stimme Christi in der kindlichen Geburt ab.

40.62. Denn Christus ist der menschlichen Ichheit in des Vaters Zorn abgestorben, und ist mit dem Willen der Ichheit im ewigen Tod begraben worden, und ist in seines Vaters Willen auferstanden und lebt und herrscht in Ewigkeit in seines Vaters Willen.

40.63. Gott der Vater führte seine Stimme und sein Wort als seine Offenbarung in den Samen Abrahams hinein, nämlich in den menschlichen Willen der Ichheit, und führte diesen Willen der menschlichen Ichheit mit seiner eingeführten eigenen Stimme in den Tod und die Hölle, denn dieser Tod und die Hölle wurden in der menschlichen Ichheit des eigenen Willens offenbar. Und damit zerbrach er den Tod und die Hölle durch die Kraft seiner geoffenbarten Stimme in der Stimme und im Wort der menschlichen Ichheit, so daß der Mensch nicht mehr sich selber wolle, sondern was er nun will, das soll er in der geoffenbarten Stimme Gottes wollen.

40.64. Solange Ismael in der Stimme seiner spöttischen Ichheit wollte, konnte er kein Erbe dieser eingeführten geschenkten Güter sein. Wenn er sich aber zu Gott bekehrt und den Willen der Ichheit verlassen hat, dann schickt ihm Gott seinen Engel sogar noch im Leib seiner Mutter zu und spricht: »Kehre wieder zur Freien zurück und demütige dich unter ihre Hand, dann sollst du leben!«

40.65. Denn im Mutterleib war Ismael flüchtig von Gott geworden, was die flüchtige menschliche Natur in der Ichheit andeutet. Und im Mutterleib schickte ihm Gott einen Engel zum Zurückruf, was andeutet, daß alle gottlosen abtrünnigen Menschen schon im Mutterleib in ihrer eigenen Essenz und Wesenheit durch Gottes Stimme gerufen werden, wie auch während der Zeit ihres ganzen Lebens in sich selbst. Aber der natürliche Wille der Ichheit verstopft ihr Gehör, damit die Stimme Gottes darin nicht offenbar wird.

40.66. Das heißt, wie die Sonne den ganzen Tag scheint und sich jeder Essenz hingibt, die nur ihre Kraft einnehmen will, so schallt auch die Stimme Gottes durch alle Menschen zum Zurückruf während der Zeit ihres ganzen Lebens. Sobald der Samen im Mutterleib gesät wird, schallt darin die Stimme Gottes zu einer guten Frucht. Aber dagegen hallt auch die Stimme des göttlichen Zorns in der Essenz der menschlichen Ichheit. So ist ein stetiges Ringen zwischen ihnen, wie von Hitze und Kälte, und wer siegt, dem gehört die Frucht. Und dieser Streit währt, solange der Mensch in dieser Welt lebt.

40.67. Darum sagen wir mit Grund, daß man keine Beschlüsse über die Kinder der Heiligen Gottes machen soll, als ob Gott aus eigenem Vorsatz irgendeinen zur Verdammnis gezeugt hätte und ihn so verdeckt, daß er niemals zur Kindschaft kommen könnte, und den anderen in sich so erwählt, daß er niemals verlorengehen könnte. Das ist lauter Ungrund (denn dafür gibt es keinen Grund).

40.68. Bei den Stämmen der Heiligen, in denen sich der Bund Gottes eröffnet hatte, nämlich bei den Stammvätern wie Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob, sind immer zweierlei Bilder dargestellt worden, nämlich Christus und Adam, ein gutartiger und ein bösartiger Mensch.

40.69. Kain, Ham, Ismael und Esau waren die Bilder des verdorbenen Menschen, und Abel, Sem, Isaak und Jakob waren die Bilder Christi, der sich in dieser Linie eröffnete und sich den verdorbenen Adamskindern als ein Licht und Prediger darstellte, um sie zu bekehren.

40.70. Denn Gott hatte seinen Sohn nicht gesandt, damit er die Welt mit den armen verdorbenen Menschen richten sollte, sondern hat ihn unter den gottlosen Haufen bösartiger Menschen in die Welt gesandt, damit er sie lehren und zurückrufen soll, um diejenigen, welche hören wollen, selig zu machen. Welche nur ein Fünklein göttliches Wesen zum Gehör in sich haben, in all diesen ruft die lebendigmachende Stimme Christi in das kleine Fünklein hinein, und ruft, das heißt, bläst das kleine Fünklein auf, damit es ein göttliches Feuer werden soll.

40.71. Und daß man doch der blinden selberernannten Christenheit in ihrem Ruhm die Augen weit öffne, wie auch den Juden, daß sie nicht so auf ihre Wissenschaft pochen, als wären sie allein nur darum Gottes Kinder, weil sie den Namen Gottes wissen und sich des Wissens trösten, und andere Völker verdammen, denen dieses Wissen in ihrem Wissen benommen und in eine andere Wissenschaft hineingeführt ist, wie sie leider so blind tun, damit ein Volk das andere übe. So wißt, daß Kain, Ham, Ismael und Esau das Bild der Türken und Heiden sind, welche Gott in Ismael gesegnet und ihnen das Fürstentum in seinem Reich dieser Welt zum Besitz gegeben hat, aber sie im Selberwissen vom Wissen der Kindschaft Christi ausgestoßen hat, wie er Ismael ausstieß, und ruft sie doch im Mutterleib mit dem Engel des großen Rats wieder zur Freien in Gottes Güter, daß sie sich zu ihm wenden sollen.

40.72. Denn sie liegen unter der Decke Christi verschlossen, gleichwie Christus unter dem levitischen Priestertum unter Moses. Und wie die Kinder Israels unter dem Gesetz nicht durch das Gesetz gerecht wurden, sondern durch den, welcher unter dem Gesetz verborgen stand, so stehen sie unter der rechten Wissenschaft verborgen und liegen gleichsam wie im Mutterleib verschlossen.

40.73. Aber der Engel des großen Rats ruft sie durch ihre Mutter Hagar, als durch das Reich der Natur, daß sie (die Mutter mitsamt dem Kind) wieder zu Sara als zur Freien zurückkehren sollen, nämlich zum einigen (ganzheitlichen) Gott, der aus der Freien seinen Sohn geboren hat. So kommen sie gleichsam unter der Decke, als wie im Mutterleib, zur Freien und zum einigen Gott, der ihnen aus der Freien den Herrn (in dessen Güter sie als Fremdlinge aus Gnade angenommen werden) zum Hausgenossen geboren hat.

40.74. Denn wie sich Ismael wegen der Erbschaft nicht an Isaak wandte, welche doch dem Isaak zu Recht gehörte, nämlich wegen des Herrn in ihm, der es ihm geschenkt und ihn zum Verwalter gesetzt hatte, sondern er wollte das Erbe vom Vater haben, so haben sich auch die Türken von Isaak, als vom Sohn, zum Vater gewandt und wollen die Erbschaft Gottes vom Vater haben.

40.75. Nun ist aber der Vater im Sohn offenbar. Und wenn sie jetzt den Vater anrufen, dann hört er allein im Sohn, als in seiner geoffenbarten Stimme in menschlicher Eigenschaft, und so dienen sie doch dem Sohn im Vater.

40.76. Denn wir Menschen haben keinen Gott mehr außer Christus dem Sohn, denn der Vater hat sich für uns mit seiner Stimme im Sohn geoffenbart und hört uns allein durch seine geoffenbarte Stimme im Sohn.

40.77. Wenn nun die Türken den Vater anbeten, dann hört er sie im Sohn und nimmt sie allein im Sohn zur Kindschaft an, in welchem sich Gott einzig und allein wieder in menschlicher Eigenschaft geoffenbart hat, und in keiner anderen Eigenschaft mehr.

40.78. Nun fragt der Verstand: „Wie können sie zur Kindschaft kommen, solange sie den Sohn nicht als Gottes Sohn haben wollen und sagen, Gott habe keinen Sohn?“ Höre, du Mensch, Christus sprach: »Wer ein Wort gegen des Menschen Sohn redet, dem wird es vergeben. Wer aber dem Heiligen Geist lästert, der hat ewiglich keine Vergebung.« Das heißt so viel wie:

40.79. Wer die Menschheit Christi aus Unvernunft antastet, als Christi eigenes Fleisch, dem kann es vergeben werden, denn er erkennt nicht, was die Menschheit Christi ist. Wer aber dem Heiligen Geist als dem einigen (ganzheitlichen) Gott lästert, der sich in der Menschheit geoffenbart hat, darin Vater, Sohn und Heiliger Geist ein Einiger Gott sind, der hat ewiglich keine Vergebung. Das heißt, wer den Einigen Gott verwirft, der hat sich von ihm ganz in ein Eigenes abgetrennt.

40.80. Nun lästern die Türken nicht gegen den Heiligen Geist, der sich in der Menschheit offenbart hat, sondern sie tasten die Menschheit Christi an und sagen: „Eine Kreatur könne nicht Gott sein.“

40.81. Das aber Gott in Christus gewirkt und die Wundertaten getan hat, das gestehen sie zu, und lästern nicht dem Geist, welcher in Christus gewirkt hat, als in der Menschheit. Ihnen ist Blindheit widerfahren, so daß sie unter einer Decke hinfahren.

40.82. Da spricht nun der Verstand: »Gott hat ihnen den Leuchter weggestoßen und sie verworfen.“ Höre, du Mensch, was war die Ursache, daß ihnen Gott den Leuchter wegstieß, wie er es in St. Johannes androhte (Offb. 2.5), und sie unter die Decke verschloß? Meinst du, es sei ohne sein Vorwissen und ohne seinen Willen geschehen? Nein, es ist mit seinem Willen geschehen.

40.83. Er ließ es zu, daß ihnen das Reich der Natur eine Verstandeslehre gab, weil die Christenheit an Christi Person im Verstand blind geworden war, und um Christi Menschheit zankten und derselben allerlei Schmach und Unehre antaten. Wie auch bei den Arianern geschah, wo man seine Gottheit leugnete, und die Bischöfe in ihrer Geizigkeit sein Verdienst in seiner Menschheit um des Bauches willen in ihre Bauchorden zogen und allerlei Leichtfertigkeit, auch mit Schwören, Fluchen und Zaubern bei seinem Leiden und heiligen Wunden verübten. Weil damit der heilige Name Gottes, der sich in der Menschheit geoffenbart hatte, mißbraucht wurde, so verborg sich Gott vor ihnen in ihrer Vernunft, so daß sie vor allem mit den Arianern an der Gottheit Christi blind wurden.

40.84. Danach, als sie nur noch blinde Tiere sein wollten, verbarg er sich auch in der türkischen Religion vor ihnen mit der Menschheit, daß sie damit des Leuchters der Welt ganz beraubt wurden, und es erging ihnen, wie der Prophet zu Israel unter ihrem König sagte: »Ach! Ich muß dir wieder Richter geben, wie zuvor. (Jes. 1.26)«

40.85. So wurde ihnen der König des Lichtes in der Menschheit entzogen und wieder das Richteramt der Natur zum Führer gegeben, damit sie sich im Mutterleib (der Natur) wieder in die Wurzel wendeten, daraus der Mensch geschaffen worden war, nämlich zum Einigen Gott. Darum verloschen doch der Name und die Erkenntnis der heiligen Menschheit Christi bei ihnen.

40.86. Damit sie derselben nicht so nutzlos zum Schwur und falschen Schirm gebrauchten, mußten sie wieder in Hagar, als in den Mutterleib eingeben, und sind ja jetzt eine lange Zeit von Christi Menschheit, als aus Abrahams Haus, weggelaufene Völker in ihrer Mutter Hagar gewesen.

40.87. Aber das sollst du wissen, und wir sagen es, wie ein Wort des Höchsten im Schall seiner Posaune erkannt, die er ausgerichtet hat, um alle Völker zu erwecken und den Kreis der Erde heimzusuchen: Daß der Engel des großen Rats, als die heilige Stimme Christi, nicht so von ihnen gewichen sei, um sie ewig zu vergessen, so wenig eine Mutter ihr Kind vergessen kann, so daß sie sich nie wieder über den Sohn ihres Leibes erbarme, auch wenn er ihr ungehorsam geworden wäre.

40.88. Denn wie der Engel zu Ismael kam, als er im Mutterleib lag und seine Mutter vor Sara floh, und ihn mit Segen und weltlichen Fürstentümern versah und die Mutter mit dem Kind wieder zu Sara zurückkehren hieß, so gab Gott auch den Morgenländern, nachdem sie mit ihrer Erkenntnis der Religion wieder in den Mutterleib eingingen, im Reich der Natur die Gewalt über die Fürstentümer der Welt, um diese im Licht der Natur zu beherrschen, bis zu seiner Zeit, denn dann sollen sie mit großen Freuden und großer Demut wieder zu Abraham eingehen, nämlich zu Christus.

40.89. Und nicht in der Form der babylonischen Buchstaben-Christenheit in all ihre gedichteten Orden, welche nur Buchstaben-Christen sind. Sondern im Geist und in der Kraft werden sie geboren werden, denn sie sind der verlorene Sohn, der von seinem Vater ausgewandert und zum Schweinehirten geworden war. (Luk. 15.11-32)

40.90. Wenn sie aber der Engel zurückkehren heißen wird, dann kommen sie in der Demut des verlorenen und wieder zum Vater kommenden Sohns, so daß dann die große Freude bei Christus und seinen Engeln erhalten werden wird, weil der Tote lebendig und der Verlorene wieder gefunden ist. Und so beginnt bei ihnen das wahre goldene Jubeljahr der Hochzeit des Lammes.

40.91. Und wenn auch der ältere Bruder (der im Buchstaben geblieben ist) darüber grunzt, wegen der ungleichen (gegensätzlichen) Form, die sie sich selber gemacht haben, meistenteils zu ihrem Bauch und ihren Ehren, dann geht sie das nichts an, denn sie sind mit dem Vater fröhlich.

40.92. Wenn man nun die gemalte Christenheit und die Türken jetzt gegeneinanderstellt und recht betrachtet, dann sieht man, daß sie (seit der Zeit, als sich die Türken von ihnen geschieden haben) vor Gott in Heiligkeit und Gerechtigkeit nur ein einziges Volk gewesen waren, aber mit unterschiedlichen Namen.

40.93. Sie sind wie die zwei Söhne, »da der Vater sagt zu einem: „Gehe hin und tue das!“ Und er sagte „Ja“, aber tat es nicht. Und zum andern auch: „Tue das!“ Und er sagte „Nein“, ging aber hin und tat es. (Matth. 21.28)« Das hat die Türken im Reich der Natur so hoch erhöht, welches die blinde Christenheit nicht versteht.

40.94. Nicht, daß wir die Türken rechtfertigen und sagen, daß sie in ihrer Blindheit bleiben sollen. Nein, sondern den gemalten Christen sagen wir es, daß sie vor Gott gleich sind, weil sie ja am Reich Christi so blind wie die Türken sind. Wie es sich auch beweist, daß die Christenheit voll Streit und Zank um Christi Gottheit und Menschheit ist, und sie den heiligen Namen in seiner Menschheit greulich entheiligen und nur zum Gebrauch des Schwurs und zur Abgötterei gebrauchen, und vom Schwert des Heiligen Geistes in ein Blutschwert hineingegangen sind, darin nichts als Zanken und Verachten ist, und die ganze genannte Christenheit nur zu Sekten und Orden geworden ist, von denen jede Sekte die andere verachtet und als ungerecht beschimpft. Und so haben sie aus der Christenheit eine schreckliche Mordgrube voll Lästerung um Christi Person gemacht, und den Geist Christi, darin ein Christ in höchster Demut leben sollte, zu einem Disputier-Orden, und den törichten Verstand zum Meister der Vernunft über Christi Reich gesetzt.

40.95. Was soll man nun von der Christenheit und den Türken sagen, wenn man sie vergleicht? So sagen wir: Der Türke ist offenbar ein Ismael und Spötter der Menschheit Christi, und hält diese nicht zugleich für Gottes und Menschen Sohn, denn er versteht nicht das himmlische Sein in der Person.

40.96. Und die Sekten der Christenheit decken sich zwar mit dem Mantel Christi zu, greifen ihm aber in seine Menschheit und Gottheit hinein und schänden ihn auch in der ganzen Person, zerren und reißen sich um seine Person, so daß der eine hin und der andere herwill, und ein jeder will Meister über seine Worte und seinen Geist sein. Und so spotten sie Christus in seinen Gliedern, sind ebensolche abtrünnige und entflohene Ismaels wie die Türken, und leben im eigenen Willen und dienen dem Reich der Natur zu ihrer Ichheit und Wollust.

40.97. Ein Christ sollte der Ichheit mit Christus abgestorben, in Christus auferstanden und aus Christus geboren sein. So sollte er Christus angezogen haben, damit er in Christus in Christi Geist und himmlischem Fleisch nach dem inneren geistigen Menschen ein Christ sei.

40.98. Aber statt dessen hat man Babel und den Antichrist angezogen, und man rühmt sich in den Orden und den steinernen Häusern der Kirchen und Stifte der Christenheit. Da heuchelt man zwar Christus etwas, weil man dort die hinterlassenen Schriften seiner Apostel liest, aber danach führt man mit den Predigten meistenteils nur das Reich der Natur neben dem Zank und Disputieren dahinein und verbringt die Zeit mit dem Disputieren und Streiten der Sekten, so daß eine Partei die andere ausrichtet und den Zuhörern die Ohren verbittert werden, weil eine Sekte die andere anfeindet und als teuflisch verschreit, daraus nichts als Krieg und Unwillen kommt, wie auch die Verwüstung von Land und Städte.

40.99. So sind sie vor Gott alle gleich, und liegen alle gleich wie in Hagar im toten Verstand verschlossen, ausgenommen die wahren Kinder Gottes, welche ja noch vereinzelt unter allen Völkern und Sekten gefunden werden, aber ganz einfältig und verachtet und der Verstandeswelt unter der Kreuzdecke Christi verdeckt sind.

40.100. Denn gleichwie die vier Elemente die Kraft der Sonne in sich fassen, und man in der Substanz den Körper, aber nicht die Sonne sieht, auch wenn sie darin wirkt, so ist auch der Geist Christi in den Kindern Gottes verdeckt. Doch wie ein Kraut aus der Erde durch die Kraft der Sonne eine schöne Blume und Frucht hervorbringt, so auch die Kinder Gottes aus ihrer einfältigen Ungestalt.


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