Die drei Prinzipien Göttlichen Wesens

(Text von Jacob Böhme von 1619, deutsche Überarbeitung 2021)

24. Kapitel - Von wahrhafter Buße

Von rechter wahrhafter Buße: Wie der arme Sünder wieder zu Gott in seinen Bund treten kann, und wie er seine Sünden loswerden kann. - Die Pforte der Rechtfertigung des armen Sünders vor Gott. - Ein schöner Spiegel für alle hungrigen und bußfertigen Seelen.

24.1. Mein lieber Leser, wir wollen dir hier aufzeigen, daß alle Dinge vom Ursprung her, aus dem Wesen aller Wesen, ein jedes aus seinem Ursprung auch seinen Trieb in seiner Gestaltung bekommen hat, der immer dasselbe Wesen bewirkt, dessen der Geist schwanger ist. So muß der Leib immer in dem Wesen arbeiten, in welchem der Geist entzündet wurde. Wenn ich mich also entsinne und bedenke, warum ich so schreibe und es nicht anderen Scharfsinnigen überlasse, dann finde ich, daß mein Geist in diesem Wesen, daraus ich schreibe, entzündet ist, denn es ist ein lebendig laufendes Feuer dieser Dinge in meinem Geist. Darum, was ich mir auch sonst vornehme, so quillt doch dieses immer nach oben, und so bin ich in meinem Geist davon gefangen, denn das wurde mir als ein Werk auferlegt, das ich treiben muß. Wenn es also nun mein Werk ist, das mein Geist treibt, so will ich mir es zur Erinnerung aufschreiben, und zwar auf solche Art, wie ich es in meinem Geist erkenne, und auch so, wie ich dazu gekommen bin. Dabei will ich nichts Fremdes sehen, was ich nicht selbst erfahren habe, damit ich mir nicht selbst ein Lügner vor Gott werde.

24.2. Geschähe es nun, daß einer wünschte, mir nachzufolgen und dieser Dinge Wissenschaft begehrte, davon ich schreibe, dem gebe ich den Rat, daß er mir in der Nachfolge nicht gleich mit der Feder, sondern mit der Arbeit des Gemüts nachfolge. Dann wird er erfahren, wie ich so schreiben konnte, obwohl ich doch nicht von der Schule dieser Welt gelehrt wurde, bis auf ein wenig in dieser geringwertigen Handschrift, wie vor Augen steht.

24.3. Weil ich aber jetzt das Thema der Buße behandle, so füge ich dem Leser hinzu, daß mir diese Feder in meinem Ernst gegeben wurde, die mir der Treiber zerbrechen wollte. Damit habe ich einen ernsten Sturm mit ihm begonnen, so daß er mich zu Boden unter die Füße des Treibers geworfen hatte. Aber der Odem Gottes half mir auf, so daß ich noch stehe und die ursprüngliche Feder in meinem Gemüt habe. Damit will ich fortschreiben, sollte auch der Teufel aus Bosheit die Hölle stürmen (bzw. auf mich einstürmen lassen).

24.4. Wenn wir nun von diesem ernsthaften Thema reden wollen, dann müssen wir von Jerusalem nach Jericho gehen und sehen, wie wir unter den Mördern liegen, die uns so sehr verwundet und zerschlagen haben, daß wir halbtot sind. Deshalb müssen wir uns nach dem Samariter mit seinem Tier umsehen, damit er uns verbinde und in eine Herberge führe.

24.5. „Ach, kläglich und jämmerlich ist es, daß wir von den Mördern, den Teufeln, so hart geschlagen wurden, daß wir halbtot sind und auch unsere Schmerzen nicht mehr fühlen! Ach, wenn doch der Arzt käme, der uns verbinde, daß unsere Seele wieder lebendig würde, wie wollten wir uns freuen!“ So richtet die Begierde und hat ihr sehnliches Wünschen. Und obwohl der Arzt da ist, so kann ihn doch das Gemüt nirgends ergreifen, denn es ist zu sehr verwundet und liegt halbtot.

24.6. Mein liebes Gemüt, du denkst vielleicht, du seist gesund, aber du bist so sehr zerschlagen, daß du deine Krankheit nicht mehr fühlst. Außerdem bist du dem schnell nahenden Tod unterworfen, wie kannst du dich dann gesund schätzen?

24.7. Ach, meine liebe Seele, rühme dich nicht deiner Gesundheit! Du liegst in schweren Banden gefangen, sogar in einem finsteren Kerker, und schwimmst in einem tiefen Wasser, das dir bis zum Mund geht. So mußt du ständig den Tod erwarten. Dazu ist der Treiber mit einer großen Rotte deiner ärgsten Feinde hinter dir, um dich dann an seiner Kette immerfort in die grausame Tiefe und den Abgrund der Hölle hinabzuziehen. Und seine Rotte stößt immer nach, und sie laufen auf allen Seiten um dich herum, bellen und jagen, als würden sie einer Hirschkuh nachjagen.

24.8. Da fragt der Verstand: „Warum tun sie das?“ Meine liebe Seele, sie haben dafür einen großen Grund. Siehe, du bist ihre Hirschkuh gewesen, aber aus ihrem Garten ausgerissen. Dazu bist du so stark geworden, daß du ihren Gartenzaun zerbrochen hast und in ihre Wohnung eingedrungen bist. Damit hast du ihnen ihre Speise verdorben, so daß sie diese nicht mehr essen können. Du hast mit deinen Hörnern ihren Stuhl zerbrochen, und dazu noch ein fremdes Heer in ihren Garten geführt und eine fremde Macht gebraucht, um sie aus ihrem Garten zu treiben. Und wenn sie dich auch an ihrem Band haben, so stellst du dich gegen sie, als wolltest du ihr Reich zerbrechen. Ihre Seile reißt du in Stücke, ihre Bande zerbrichst du, und so bist du ein steter Stürmer ihres Reichs. Du bist ihr ärgster Feind, und sie sind deine Feinde. Wenn du nur aus ihrem Garten ausgehen (und nicht wiederkommen) würdest, dann wären sie wohl zufrieden. Wenn du aber drinnen bist, dann währt der Krieg und hat kein Ende, bis der Alte kommt, der euch scheiden wird.

24.9. Oder meinst du, wir sind verrückt, wenn wir so schreiben? Wenn wir es nicht wüßten und sähen, dann würden wir doch schweigen. Kannst du denn dein Dornenbad wenigstens erkennen, darin du badest? Oder sagst du noch, du bist ganz im Rosengarten? Wenn du so im Rosengarten bist, wie du meinst, dann sieh nur zu, daß du nicht auf des Teufels Weide stehst und seine liebste Hirschkuh bist, die er zum Schlachtmahl zu seiner Speise mästet.

24.10. Wahrlich, ich sage es dir, und das ist kein Scherz: Als ich zu Jericho war, da öffnete mir mein lieber Gefährte die Augen, so daß ich sah: Und siehe, ein großes Geschlecht und viele Völker der Menschen waren untereinander und zum Teil den Tieren gleich. Nur ein Teil waren noch wie Menschen, und es war ein Streit zwischen ihnen, denn der Hölle Abgrund war unter ihnen, und die Tiere sahen das nicht. Aber die Menschen fürchteten sich und wollten entfliehen. Doch der Teufel wollte ihnen das nicht erlauben. Und weil nun sein Garten keine Zäune und Tore mehr hatte, denn diese zerbrachen ihm die Menschen, so mußte er die Tiere selber hüten, daß sie ihm nicht auch entliefen. Und die Tiere, welche einst Menschen waren, aßen seine Speise und tranken seinen Trank, und er tat ihnen nichts, denn er mästete sie zu seinem Schlachtmahl. So war nun eine stetige Feindschaft (des Teufels) zwischen den wahrhaften Menschen und den Tiermenschen.

24.11. Oder meinst du, es sei nicht wahr, was mir mein lieber Gefährte gewiesen hat, indem er mir meine Augen auftat, damit ich sah. So komm doch, und gehe mit mir nach Jerusalem. Dann wollen wir miteinander den Weg hinab nach Jericho gehen und denselben wohl beschauen. Unterwegs ist dieser Garten, in dem der Teufel mit diesem großen Geschlecht wohnt. Wir wollen dir große Wunder zeigen, und du wirst alles, wie oben erklärt wurde, sehen und erkennen, wenn du noch ein Mensch bist und nicht des Teufels Masttier.

24.12. Siehe, wir verstehen mit Jerusalem das Paradies, und mit dem Weg nach Jericho den Ausgang aus dem Paradies in diese Welt, wo uns dann diese Welt in ihren Garten gefangen hat. Darin ist das große Jammermeer, in dem unsere Seele schwimmt. Auch ist der Teufel darin, der uns an Gottes Zornkette gebunden hat und die arme Seele im finsteren Garten von Fleisch und Blut in seinem grimmigen Zorngarten gefangenführt, wo ihm dann die neugeborenen Seelen immer aus seinem Garten ausreißen und ihm sein Höllenreich zersprengen. So haben sie ihm auch seinen königlichen Stuhl eingenommen, wo er einst ein Engel war, und haben ihm seinen höllisch erbauten Stuhl mit dem Sturm ihrer Hörner (die der Geist Gottes sind) zersprengt. So wüten sie auch gegen ihn mit ihrem Sturm aus der Hölle in den Himmel und stürmen ihm sein Reich. Aber er hält die arme Seele an der Kette des Zorns in diesem bösartigen Fleisch und Blut gefangen, und hetzt immerfort die Rotte der Gottlosen gegen sie, damit sie diese verführen und in Gottes Zorn bis zum Mund tauchen. Da steht die arme Seele im Jammermeer bis an ihren Gaumen, als sollte sie ersaufen. Und da stößt der Teufel mit den Sünden und Lastern des Leibes immer weiter nach und will die arme Seele in Gottes Zorn im Abgrund der Hölle ersäufen.

24.13. Alle boshaften gefangenen Menschen, die er eingefangen hat, sind dazu seine Jagdhunde, und diese jagen die arme Seele mit Hochmut, Pracht, Geiz, Unzucht, Zorn, Gotteslästerung und falschem Drangsal, so daß die arme Seele damit infiziert und oft sogar wie eine Gefangene auf des Teufels Pferd gesetzt wird, so daß der Teufel mit ihr in die Hölle reiten will, in Gottes Zorn. Ach, wie oft raubt er der armen Seele ihr schönes Kleid der Erkenntnis Gottes! Wie oft reißt er das Wort Gottes von ihren Ohren und Herzen, wie Christus klar sagt! Wenn sie dann nicht will, wie er will, und aus seinem Garten ausreißen will, dann wirft er erst seinen Kot und Unrat auf sie, und danach erregt er alle seine Jagdhunde, um sie anzubellen und nur Spott auf sie zu werfen. Da steht sie dann wie eine Eule unter den Vögeln, die sie alle anschreien, und ein jeder will sie beißen. So auch ergeht es der armen Seele, die durch ernste Buße aus dem Netz des Teufels in die neue Wiedergeburt tritt.

24.14. Dagegen stehen diejenigen, die im Garten des Teufels das Unkraut der Sünden und Laster in sich fressen, noch in gutem Frieden, denn er mästet sie zu Gottes Zorn. Und sie dienen ihm als Jagdhunde, mit denen er die Hirschkuh jagt, die arme Seele (die ihm entrinnen und sein Höllenreich stürmen will).

24.15. Der Teufel wäre ja noch zufrieden, wenn ihm nur ein paar Seelen ausrissen, obwohl er sein Reich lieber größer als kleiner machen würde. Aber daß ihm sein Reich damit zerbrochen wird, damit ist er nicht zufrieden.

24.16. Denn wie er in seinem Reich jagt und die armen Seelen fängt, wie er nur kann, und der armen Seele durch seine Diener mit allen Lastern nachstellt und der Seele stets einen Spiegel vorstellt, daß sie sich in seinen Lastern besehen soll, so kitzelt er sie wohl auch mit großer Verheißung großer Ehre, Macht und Gewalt, stellt ihr dagegen das arme und verachtete Häuflein vor und sagt zur Seele: „Was willst du allein ein Narr der Welt sein? Gehe mit, ich will dir das Reich dieser Welt zum Besitz geben!“ Wie er auch Christus behandelte.

24.17. Und so geschieht es auch, wenn die Seele das Himmelreich angezogen hat, aber noch in diesem finsteren Tal von Fleisch und Blut steckt und des Teufels Morden an ihren Brüdern und Schwestern sieht. Dann wird sie sogleich von Gott gewappnet, gegen den Teufel zu kämpfen und ihm seine Räuberburg zu offenbaren. Auch die Liebe zu ihrem Nächsten treibt sie dahin, daß sie helfen will, deren Himmelreich zu vermehren. Darum lehrt und straft sie, warnt vor Sünden und lehrt den Weg zum Himmelreich, welches aber der äußere tierische Leib nicht versteht.

24.18. Er geht dahin wie ein dummer Esel und denkt mit dem Gemüt der Sterne und Elemente: „Ach, was für ein Übel tue ich mir doch selber an, so daß ich mich zum Narren der Welt mache! Was habe ich davon als nur Spott? Bin ich doch damit meines Lebens nicht mehr sicher und entziehe mir und den Meinigen das tägliche Brot und gute Nahrung, und muß immer den Tod erwarten und im Spott der Leute baden. Ach, wie schnell kannst du dich irren, und dann wirst du verfolgt und wie ein fauler Apfel weggeworfen. Welch anderen Lohn haben dann die Deinen nach dir davon, als daß sie für dich zahlen müssen?“

24.19. So richtet der Mensch in Fleisch und Blut, und wenn der Teufel das erfährt, dann ist er noch schneller da, als eine Katze nach der Maus springt, und spricht: „Wer weiß, ob es wirklich wahr ist, was du lehrst! Du hast es doch nie gesehen, und von den Toten ist auch keiner gekommen und hat es dir gesagt. Es sind schon viel gestorben, die so gelehrt haben wie du. Darum steht die Welt nicht in ihrem Orden, bei dem einen wie dem anderen, und man hielt sie für Narren. Das geschieht dir auch, und nach dir bleibt es, wie es von jeher war. Was hilft dir dann deine große Sorge und Mühe?“

24.20. Schließlich kommt er auch mit dem listigen (Bühnen-) Stück und spricht durch den Geist der großen Welt im Gemüt in sich selber: „Oh, der Himmel hat dich also geboren, daß du solche närrischen Dinge treibst?! So hat er sein Gaukelspiel in dir: Du hast deine Gaben nicht von Gott, denn Gott hat nie mit dir gesprochen. Was weißt du also? Siehe nur davon ab, und laß es gut sein! Du kannst doch auch ohnedem ein guter Christen-Mensch sein, wenn du ganz still bist. Laß die Pfaffen lehren, sie haben ihren Lohn davon. Was geht es dich an?“ Siehe, mein lieber Leser, mit diesem Knüppel war diese Feder schon einmal zu Boden geworfen worden, und der Treiber wollte sie zerbrechen. Aber der Odem Gottes hob sie wieder auf, und darum soll sie schreiben, wie es ihr erging, allen Liebhabern zu einem wertvollen Beispiel.

24.21. Denn als sie der Teufel so niedergeschlagen hatte, wurde sie stumm und wollte nicht mehr von selbst schreiben, sondern der Teufel rauschte über sie her und wollte sie zerbrechen. Er kam mit seinen (faulenden) Äpfeln für die Säue daher gezogen und hielt sie der Feder dieser Seele vor. Sie sollte von seiner Kost essen, und so streute er noch Zucker darauf. Hätte er sie wieder an seine Kette bekommen, wie hätte er sich gerächt, als er dann später im Sturm erkannt wurde, in welchem er sein Gemüt gänzlich offenbarte. Als es (mir) nun so erging, verwelkte die Lilie und verlor ihren schönen Duft, die Perle verbarg sich, die Jungfrau der Perlen stand in hoher und tiefer Trauer, und das edle göttliche Gemüt sank in eine große Unruhe hinab.

24.22. Der Treiber versprach wohl zu Beginn (zur Seele), daß sie mit ihrem Stillstehen Ruhe haben würde, aber es war eine Ruhe im Fleisch und Blut. Und hier war es auch keine Ruhe, sondern ein heftiges (und geistiges) Treiben zum Jäger. Als sich aber das Gemüt wegen der Seele in großer Unruhe befand, raffte sich die Seele wieder auf und suchte die Perle, welche die Seele zuvor hatte, und meinte, sie läge im Kästchen der Seele wie ein Schatz verborgen. Doch sie war verschwunden. Da suchte sie das Gemüt in Leib und Seele, aber siehe, sie war weg und konnte nicht mehr gefunden werden. Und es gab nichts anderes zu sehen, als die Äpfel des Teufels für die Säue, die vor die Seele gestreut waren, damit sie davon essen sollte. Doch die Seele stand in großer Trauer und wollte seine falschen Früchte nicht essen. Da rief sie nach ihrer Jungfrau, aber sie zeigte sich, als würde sie schlafen.

24.23. So stand die Seele mit großem Sehnen und Verlangen auch oft in großem Kampf gegen den Treiber, der sie dann immer zu Boden werfen wollte. Wenn sie sich gegen ihn zum Kampf stellte, nahm er alle Untugenden, die im Fleisch und Blut stecken, und warf sie auf die Seele und verwickelte sie darin, nur damit sie nicht wieder nach der Jungfrau greifen sollte. Aus der Sünde im Fleisch machte er zentnerschwere Berge und deckte damit Gottes Barmherzigkeit als den neuen Menschen in Christus fest zu. Die Pforten des Himmelreichs, welche zuvor weit offenstanden, waren nun fest verschlossen, und es häuften sich nur Jammer und große Arbeit mit der Seele, bis sie sich dann erneut wagte, mit Gottes Odem, der wieder in sie kam, des Teufels Ketten zu zersprengen, und mit ihm so in den Kampf zog, daß er am Boden lag und seine Deckung zersprang. Da sah die Seele wieder ihre liebe Jungfrau. Und was hier nun für ein freundliches Willkommen war, das wünschte ich gern, daß es der Leser selbst erfahren könne, als daß ich es aufschreiben soll. (siehe auch Sendbriefe 12, 13)

24.24. So begehrte die Seele die edle Perle wieder, aber sie war weg und mußte von neuem geboren werden. Wie ein Senfkorn gesät wird, welches nur klein und wenig ist, aber danach ein großer Baum daraus wächst, so wächst auch die Perle in der Seele im Schoß der Jungfrau.

Darum halte lieber, was du hast,
Notleiden ist ein böser Gast.

Deshalb laß dir vom Teufel keinen Zucker aufstreuen! Auch wenn dir das Reich dieser Welt zuckersüß gemacht wird, so ist doch nur Galle darin. Bedenke immer, daß die arme Seele in dieser Welt wie auch in deinem Fleisch und Blut nicht daheim ist. Sie muß wieder in ein anderes Land wandern. Darum laß es nicht zu, daß die Unlust des Fleisches den Teufel so verdeckt. Denn es gehört wirklich ein großer Ernst dazu, den Teufel auszutreiben, wiewohl das nicht in unseren Kräften steht, wenn uns der teure Ritter Jesus Christus nicht beistünde.

24.25. Darum soll man nicht so kühn sein, über die Kinder Gottes zu spotten, die im Kampf gegen den Teufel stehen. Bedenke, auch du mußt in den Kampf! Willst du nicht in deinen guten und gesunden Tagen, dann mußt du in deinem Tod kämpfen, wenn die arme Seele vom Leib scheiden muß. Es gibt keinen anderen Rat, denn sie muß vom Leib aus dem Geist dieser Welt. Und da stehen dann zwei Pforten offen, nämlich zum Reich des Himmels oder der Hölle. In eines von ihnen muß sie gehen, denn es gibt sonst keinen Ort und keine Stätte mehr jenseits dieser Welt.

24.26. Wenn sie nun so hart in Sünden gefangen ist und immer nur auf Morgen gesündigt (und entsprechend angehäuft) hat, dann ist sie nun mit Gottes Zorn bekleidet und hat auch noch den eitlen Spott über die Kinder Gottes auf sich gehäuft, so daß sie bis zum Gaumen in Gottes Zorn steckt und kaum noch an einem Faden hängt.

24.27. Ach, schwer ist das! Bedenke, wie lange die Seele in dem Spott, den sie den Kindern Gottes angetan hat, baden muß! Wird sie auch die edle Jungfrau in der Liebe und Barmherzigkeit Gottes alsobald erreichen können? Wo bleibt dann der edle Perlenbaum, der da als ein kleines Senfkorn gesät wird und in Beharrung wie ein Lorbeerbaum wächst? Woher bekommt er seinen Saft zum Grünen, wenn die Seele so im Zornbad steht? Oh, er wird in vielen Menschen in Ewigkeit nicht wahrhaft grünen! Darum sagt Paulus: »Sie werden in der Auferstehung die anderen mit Klarheit übertreffen, wie die Sonne den Mond und die Sterne. (1.Kor. 15.41)«

24.28. Was hilft dir dann dein hiergehabtes Geld und Gut, auch deine Ehre und Gewalt, wenn dich das alles verläßt und du davongehen mußt? Was hilft dir dein Spott und die Verachtung der Kinder Gottes, auch dein Geiz und Neid, wenn du nun in großer Schande und Angst selbst darin baden mußt? Denn dann hast du große Schande vor Gottes Engeln, und alle Teufel spotten über dich, weil du ein Gewächs Gottes warst und so lange Zeit dazu gehabt hast, aber nun so ein dürres und mageres Zweiglein bist!

24.29. Oder was meinst du? Wenn dein Zweiglein so ganz verdorrt ist und du ewig in Gottes Zorn baden mußt, dann wird dir auch bald deine menschliche Bildung genommen und du wirst gleich den greulichsten Tieren, Würmern und Schlangen gebildet, alles nach deinem hiergewesenen Trieb und Taten. Dann werden dir deine Taten in der Bildung in der Tinktur ewig vor Augen stehen und an dir nagen, so daß du immerfort denkst: „Hättest du dies und jenes nicht getan, dann könntest du zur Gnade Gottes kommen.“ Dann steht dir dein Spotten vor deinen Augen und du schämst dich so sehr, daß du nun wenigstens einen guten Gedanken in deine Seele lassen wolltest, denn das Gute ist vor dir wie ein Engel, aber du darfst es mit deinem Gemüt wegen der großen Schande nicht anrühren, ja nicht einmal erblicken. Sondern du mußt nun deinen Spott mit allen Lastern und Sünden ewig in dir selber fressen und mußt ewig (in diesem Ich-Kreis) verzweifeln. Wenn du auch meinst nach Abstinenz (Erleichterung bzw. Flucht) auszufahren, dann schlägt dich doch das Licht in großen Schanden nieder, und du fährst in deinem fressenden (Ich-) Wurm nur in dir selber über die Throne Gottes hinaus. So geschieht dir wie einem, der auf einem Felsen steht und sich in eine unermeßliche Kluft schwingen will: Je tiefer er hineinsieht, desto tiefer fällt er dahinein. So sind deine eigenen Sünden, Spott und Laster in Verachtung Gottes dein höllisches Feuer, welches ewig an dir nagt. Das sagen wir im Wort des Lebens. (siehe auch Uroboros oder „Selbstverzehrer“ in Kapitel 14.65)

24.30. Darum kehre um, oh liebe Seele, und laß dich vom Teufel nicht fangen. Beachte nicht den Spott der Welt, denn all dein Trauern wird in große Freude verwandelt werden. Auch wenn du in dieser Welt große Ehre, Macht und Reichtum hast, hilf dir das doch nichts, denn du weißt nicht, ob schon morgen der Tag ist, an dem du an die Reihe kommst. Schmeckt doch dem Armen ein Bissen Brot besser als dem Mächtigen das Beste. Was hat er denn für einen Vorteil, als daß er viel sieht und sich in vielem quälen muß? Am Ende muß er von all seinem Tun und seiner Haushaltung Rechenschaft ablegen, was für ein Pflanzer er in dieser Welt gewesen war. Er muß von allen seinen Knechten Rechnung geben, ob er ihnen mit schlechtem Beispiel vorangegangen war oder sie geärgert hat, so daß sie auf gottlose Wege gekommen sind. Dann schreit ihre arme Seele ewig Ach und Weh über ihren Oberen, und das steht alles in der Bildung in der Tinktur. Was begehrst du nun so sehr nach weltlichen Ehren, welche vergehen? Trachte lieber nach dem Perlenbaum, den nimmst du mit und freust dich ewig seines Gewächses.

24.31. Ach, ist das nicht ein freundliches Wohltun, wenn die Seele in die Heilige Dreifaltigkeit sehen darf, davon sie erfüllt wird, so daß ihre Essenzen im Paradies grünen, wo in Gottes Wundertat immerfort der Lobgesang erklingt, wo die immerwachsende Frucht unendlich nach deinem Willen aufgeht, wo du allmächtig bist, wo weder Furcht, Neid oder Leid bestehen, wo reine Liebe untereinander ist, wo sich eines des anderen Gestalt erfreut, und wo einem jeden die Frucht nach seinen Essenzen aufgeht, wie ein Vorbild bei den Israeliten in der Wüste vom Manna (dem Himmelsbrot) war, das einem jeden nach seinen Essenzen schmeckte. (Weis. 16.20)

Vom Weg des Eingangs

24.32. Liebes Gemüt, wenn du diesen Weg begehrst und ihn mit der edlen Jungfrau im Perlenbaum erlangen willst, dann wirst du einen wirklich großen Ernst brauchen. Es darf keine Mundheuchelei sein, so daß das Herz fern davon ist. Nein, du erreichst auf solchem Wege nichts. Du mußt dein Gemüt mit all deinen Sinnen und Gedanken gänzlich in einen Willen zusammenraffen, daß du dich bekehren und von deinen Greueltaten ablassen willst. Du mußt deinen ganzen Sinn mit gewisser Zuversicht in Gott setzen, in seine Barmherzigkeit, dann wirst du es erreichen.

24.33. Und wenn der Teufel in deinen Sünden spricht „Es kann jetzt nicht sein, du bist ein zu großer Sünder!“, dann laß dich nicht abschrecken. Er ist ein Lügner und macht dir dein Gemüt verzagend. Er stellt sich wohl, als wäre er nicht da, aber er ist da und wehrt sich wie ein bösartiger Hund. Dann kannst du sicher wissen, daß alles, was dir an Zweifeln in dein Gemüt kommt, nur seine Einwürfe sind.

24.34. Denn es sind nicht mehr als zwei Reiche, die dich bewegen: Eines ist das Reich Gottes, und darin ist Christus, der dich begehrt, und das andere ist das Reich der Hölle, und darin ist der Teufel, der dich auch begehrt. Nun gilt es hier um die arme Seele zu kämpfen, denn sie steht in der Mitte: Christus bietet ihr das neue Kleid, und der Teufel bietet ihr das Sündenkleid. Und so wahr du einen Gedanken der Zuneigung zu Gott hast, so daß du gern in rechte Buße eingehen wolltest, so wahr ist derselbe nicht aus deinen eigenen Gedanken, sondern Gottes Liebe lockt dich, und die edle Jungfrau Gottes ruft dich damit, du sollst kommen und nicht nachlassen. Und so wahr dir auf solchem Wege deine große Sünde hereinkommt und dich zurückhält, daß deinem Herzen oft kein Trost wiederfährt, so wahr ist es des Teufels Aufhalten. Dann wirft er seine Gedanken in dir, Gott wolle dich nicht erhören, denn du seist noch in zu großen Sünden. So will er keinen Trost in die Seele lassen, sondern deckt das sündige Reich dieser Welt darüber. Aber laß dich nicht täuschen! Er ist dein Feind, und es steht geschrieben: »Wenn eure Sünde auch blutrot wäre, wenn ihr euch bekehrt, dann soll sie schneeweiß werden wie Wolle. (Jes. 1.18)« Oder auch: »So wahr ich lebe, ich habe keine Lust am Tod des armen Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe, spricht der Herr Zebaot. (Hes. 33.11)«

24.35. Mit diesem gefaßten Sinn mußt du beständig bleiben. Und wenn du auch keine Kraft in dein Herz bekommst und dir der Teufel deine Zunge niederschlüge, so daß du nicht zu Gott beten könntest, dann mußt du zu ihm seufzen und wünschen und in diesem Sinn bleiben und mit dem Weiblein von Kanaan immer anhalten (Matth. 15.21). Je mehr du das treibst, desto schwacher wird der Teufel. Du muß das Leiden, Sterben und die Genugtuung Jesu Christi für dich nehmen und deine Seele in seine Verheißung einwickeln, wie Christus spricht: »Mein Vater will den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten. (Luk. 11.13)« Oder: »Bittet, dann werdet ihr empfangen. Suchet, dann werdet ihr finden. Klopfet an, dann wird euch aufgetan. (Luk. 11.9)« Und je mächtiger du vom Teufel und deinen Sünden herausdringst, desto mächtiger dringt das Reich Gottes in dich hinein. Du darfst nur nicht aus dem Willen herausgehen, bis du das Kleinod erlangst, auch wenn es den Tag bis in die Nacht währt und so weiter viele Tage: Ist dein Ernst groß, dann wird auch das Kleinod groß sein, das du in der Überwindung erlangen wirst.

24.36. Denn was es sei, weiß niemand, als der es selbst erfährt. Es ist ein gar teurer Gast, wenn er in die Seele einzieht. Und es ist ein gar wunderlicher Triumph, wenn der Bräutigam seine liebe Braut herzt und der Lobgesang des Paradieses aufgeht. Ach, muß doch der irdische Leib darüber erzittern! Auch wenn er nicht weiß, was da ist, so freuen sich doch alle Glieder. Oh, welch eine schöne Erkenntnis bringt die Jungfrau der Weisheit Gottes mit sich! Sie macht einen (wahren) Gelehrten, und wenn er sonst auch stumm wäre, so wird doch die Seele in Gottes Wundertat gekrönt und muß von Seinen Wundern reden, denn diese reine Begierde ist in ihr. Dann muß der Teufel weichen und wird ganz matt und müde.

24.37. So wird das edle Kleinod und darin die teure Perle gesät. Aber merke es wohl, es ist nicht gleich ein Baum. Wie oft rauscht noch der Teufel darüber her und will das Senfkörnlein ausrotten! Wieviel harte Stürme muß die Seele noch ausstehen, und wie oft wird sie noch mit Sünde bedeckt! Denn in dieser Welt steht alles gegen sie, und es ist ihr, als wäre sie allein und verlassen. Es rauschen sogar die Kinder Gottes über sie her, denn der Teufel tut der armen Seele solche Plage an, ob er sie noch verführen könnte. Es ist kein Feiern bei ihm (denn er wird keine Ruhe geben und dich immer weiter angreifen), entweder mit Heuchelei, so daß sich die Seele selbst heucheln soll, oder mit Sünde und Gewissen. Du mußt nur immerfort gegen ihn kämpfen, denn so wächst der Perlenbaum, wie das Gras im ungestümen Regen und Wind. Wenn er aber groß wird, so daß er seine Blüte erreicht, dann wirst du seine Frucht wohl genießen und besser verstehen, was diese Feder geschrieben hat und woraus sie geboren wurde. Denn sie ist auch lange Zeit an dieser Reihe (von Ursache und Wirkung?) gewesen, und mancher Sturm ist über sie gegangen. Darum soll es ihr zu stetiger Erinnerung und Bedenklichkeit stehen, weil wir hier in der Mordgrube des Teufels siegen müssen. Wenn wir nur überwinden, dann wird uns schon großer Lohn nachfolgen.

24.38. Nun spricht der Verstand: „Ich sehe doch an dir oder deinesgleichen keine andere Gestalt oder Gebärde als an den anderen armen Sündern. Es muß also ein Schein zur Heuchelei sein!“ Und weiter spricht er: „Ich bin auch an der Reihe gewesen, aber stecke doch immer noch in meiner Bosheit und tue, was ich eigentlich nicht will. Ich werde gleichwohl zu Zorn, Geiz und Haß bewegt. Was geschieht ihm denn, so daß der Mensch nicht nach seinem gefaßten Willen handelt, sondern gerade das tut, was er selber straft und davon er weiß, daß es nicht recht ist?“

24.39. Hier steht der Perlenbaum noch verborgen. Siehe, mein lieber Verstand, der Perlenbaum wird nicht in den äußeren Menschen gesät, und dieser ist es auch nicht wert, denn er gehört in die Erde und der Mensch der Sünde steht darin. Und der Teufel macht sich oft seinen Sitz in ihm, häuft Zorn und Bosheit darin auf und führt die arme Seele oft in ein Laster, in das sie nicht eingewilligt hat, so daß der Leib nach dem greift, was der Seele zuwider ist.

24.40. Und wenn es nun geschieht, dann tut es nicht immer die Seele, sondern der Geist der Sterne und Elemente im Menschen. Die Seele spricht: „Es ist nicht recht!“ Aber der Leib sagt: „Wir müssen es haben, damit wir leben und genug besitzen!“ So geht es dann durcheinander, und so kennt sich ein wahrer Christ selber nicht mehr. Wie könnte er dann von anderen erkannt werden? Der Teufel kann ihn wohl verdecken, daß er nicht erkannt wird. Und das ist sein Meisterstück, wenn er einen wahren Christen ins Laster führen kann, so daß er in Sünde fällt, und dann von außen nichts anderes an ihm erkannt wird, als daß er die Sünden anderer anklagt, aber äußerlich selber sündigt.

24.41. Doch wenn er nun sündigt, dann tut er es nicht im neuen Menschen, sondern der alte tut es in der Sünde, welcher der Sünde unterworfen und in Gottes Zorn ist. Denn ihn treibt der Zorn, so daß er nicht immer recht handelt. Und wenn er etwas Gutes tut, dann tut er es nicht aus seinem Willen und seinen Kräften, sondern der neue Mensch zwingt ihn dazu, so daß er es tun muß. Denn der alte ist vergänglich, aber die Seele ist unvergänglich. Darum steht die arme Seele immer im Streit, steckt zwischen Tür und Angel und muß sich wohl quetschen lassen.

24.42. Wir sagen nicht, daß darum die Sünde im alten Menschen nicht schadet. Wenn sie der neue noch nicht allemal bändigen kann, dann gibt es doch Ärgernis, und wir sollen aus dem neuen Menschen Gott leben, auch wenn es nicht möglich, in dieser Welt vollkommen zu sein. So müssen wir immer noch abwehren, und der neue Mensch steht in einem Acker, wo der Acker kalt, bitter, grimmig und erstarrt ist.

24.43. Doch wie das Kraut aus der Erde durch einen lieblichen Sonnenschein wächst, so wächst auch unser neuer Mensch in Christus aus dem alten, grimmigen, kalten und rauhen Menschen mit unserem irdischen Fleisch und Blut. Und das ist wahrlich der Perle Licht (wenn wir das Rechtschaffene in der Erkenntnis im neuen Menschen ergreifen), und das ist das Schwert, mit dem wir gegen den Teufel kämpfen können, ohne daß wir das Schwert des Todes Christi in die Hände nehmen müssen, welches wahrhaftig schneidet, so daß der Teufel fliehen muß.


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