Die drei Prinzipien Göttlichen Wesens

(Text von Jacob Böhme von 1619, deutsche Überarbeitung 2021)

21. Kapitel - Vom Wesen der Welt

Vom Reich des Kains und auch des Abels, wie sie beide ineinander sind, auch von ihrem ursprünglichen Aufgang, Wesen und Trieb, und schließlich von ihrem Ausgang. Und auch von der antichristlichen Kain-Kirche und von der wahren christlichen Abel-Kirche, und wie diese beiden ineinander und schwer zu erkennen sind. Und auch von den mancherlei Künsten, Ständen und Ordnungen dieser Welt, wie vom Regentenamt und seinen Untertanen, und wie in allem eine göttliche und gute Ordnung sei oder auch eine falsche, bösartige und teuflische, so daß man die göttliche Vorhersehung in allen Dingen spürt, aber auch des Teufels Trug, List und Bosheit an allen Dingen.

21.1. Wir finden an allen Dingen wie auch an allen Künsten und Ständen, daß die Wesen dieser Welt in der göttlichen Vorhersehung alle gut und nützlich sind. Nur das eingesäte Gift des Teufels ist das Böse darin. So finden wir auch, daß alle Stände aus einem Brunnen herrühren, hohe und niedrige, und je eines aus dem anderen entsteht, daß also die göttliche Vorhersehung allen Dingen zu Hilfe kommt und die ewigen Wunder in allen drei Prinzipien offenbart werden. Zu diesem Zweck hat auch Gott die Schöpfung all dieser Dinge ans Licht gebracht, die sei Ewigkeit in sich selbst nur in der Qual-Quelle standen. Aber mit der Schöpfung dieser Welt wurden sie ins Wunder (der Offenbarung) gesetzt.

21.2. So können wir nun nicht anders reden und schreiben, als von seinen Wundern. Und dessen haben wir ein großes Beispiel an Kain, wie ihm Gott zu Hilfe kam, als nach seiner Mordtat das Reich der Grimmigkeit in ihm aufwachte und ihn verschlingen wollte. Denn als ihn das göttliche Recht in seinem Gewissen zum Tode verurteilte, da widersprach die göttliche Antwort: »Nein, wer Kain erschlägt, der soll siebenfältig gerächt werden!« Mit diesem Spruch wurde der grimmige Rächer von ihm vertrieben, nämlich der Hölle Abgrund, damit Kain nicht verzage. Denn obwohl er von Gott weggegangen war, so stand doch noch das Reich der Himmel für ihn (offen), denn er konnte umkehren und in die Buße eintreten. Gott hatte ihn nicht ganz verworfen, sondern seine böse Mordtat und falsche Zuversicht, die verfluchte er und wollte darin nicht sein.

21.3. Denn Gott wich nicht von Kain, sondern Kain ging selber von Gott weg. Wäre er nun stark im Glauben und der Zuversicht zu Gott gewesen, dann hätte er wieder in Gott eingehen können, wie er sich vor dem Fall dünken ließ, als er der Schlange den Kopf zertreten wollte.

21.4. Aber hier sah man, was des Menschen eigenes Vermögen war: Hätte er den wahren Schlangentreter erfaßt, so wäre er mit der Kraft des Schlangentreters alsbald wieder zu Gott eingegangen.

21.5. Aber Kain hatte Fleisch und Blut und verstand nicht die Meinung vom ewigen Tod. Sondern weil er durch Gott abgesichert war, so daß ihn niemand erschlagen sollte, wurde er wieder fröhlich, denn durch den göttlichen Widerruf hatten sich die Essenzen seiner Seele wieder erquickt. Die Gnadentür stand für ihn offen, und er sollte umkehren, denn Gott wollte nicht den Tod des Sünders.

21.6. Und hier sieht man ganz ernstlich, wer Kains Ankläger gewesen war, nämlich das Blut Abels, das von der Erde zu Gott schrie und den grimmigen Zorn Gottes über Kain erregte. Durch den Schlangentreter sind hier die Essenzen der Seele Abels durch die tiefen Tore des Zorns zu Gott eingedrungen, und so haben sie die Wurzel des Feuers in Kain erregt, davon der Zorn aufgewacht war.

21.7. Aber als sich dieser durch die Stimme Gottes wieder gelegt hatte, wußte Kain nicht, was hier geschieht, und hat seine Mordtat in eine Ruhe gesetzt (und verdrängt), gleich einem, der ein tückisch nagendes Hündlein im Finstern sitzen hat. So hat er einfach weitergelebt und sein gewaltiges irdisches Reich aufgebaut, aber sein Vertrauen nicht gänzlich auf Gott gesetzt. Denn weil er sah, daß er sein Brot von der Erde suchen und sein Kleid von den Erdenkindern nehmen mußte, so ging es ihm nur um die Kunst des Suchens, wie er (am besten) finden konnte, und danach, um den Schatz des Gefundenen zu besitzen, so daß er immer genug hätte, weil er Gott nicht mehr sah. So handelte er wie die Israeliten, die Moses aus Ägypten führte, und als sie ihn nicht mehr sahen, weil er auf dem Berg war, begannen sie ihren falschen Gottesdienst und fragten nicht mehr nach Moses. (2.Mose 32.1)

21.8. So baute nun Kain das irdische Reich und begann, allerlei Künste zu suchen, nicht allein den Ackerbau, sondern auch Metalle und weiteres nach den sieben Geistern der Natur, was an den Buchstaben wohl zu sehen ist, in denen unsere Schulen jetzt Meister sein wollen, doch sie sind im Grunde noch nie Schüler gewesen.

21.9. So zeigt es sich trefflich, wie sie (Adam, Eva und ihre Kinder) das Licht der Tinktur in den Händen hatten, darin sie zwar gefunden haben, aber nicht gänzlich erkannt. Denn der Sünden waren noch nicht viele auf Erden gewesen, darum haben sich auch die Mysterien nicht so hartnäckig vor ihnen verborgen und alles konnte leicht gefunden werden, besonders von Adam, der die Mysterien in der Hand hatte. Denn er war aus den Wundern des Paradieses in die Wunder dieser Welt eingegangen und wußte nicht allein die Essenzen, Arten und Eigenschaften aller Tiere, sondern auch aller Kräuter und Metalle. Er wußte auch den Grund der sieben freien Künste aus den sieben Gestaltungen der Natur, aber nicht so gänzlich aus dem Grund, sondern es war der Baum, aus dem entsprechend alle Zweige und Wurzeln wachsen.

(Die sieben freien Künste von Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie. Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg um 1180, Quelle: Wikipedia)

21.10. Aber die Tiefe im Zentrum der Geburt hatte er viel besser erkannt als wir in unseren Schulen. Das bezeugt die Sprache, so daß er allen Dingen Namen gegeben hat, einem jeden nach seiner Essenz, Art und Eigenschaft, gleich als hätte er in allen Dingen gesteckt und alle Essenzen probiert. Obwohl er diese doch nur von ihrem Hall, der Gestalt des Anschauens, dem Geruch und Geschmack erkannt hatte und die Metalle im Glanz der Tinktur und des Feuers, als das noch wohl zu erkennen war.

21.11. Denn Adam war das Herz aller Wesen dieser Welt, erschaffen aus dem Ursprung aller Dinge: Nämlich seine Seele aus dem ersten Prinzip, vom zweiten durchleuchtet, und sein Leib aus dem heiligen Element, aus dem „Barm“ (der Barmherzigkeit) oder der Geburt aus der göttlichen Kraft vor Gott. Aber dieser (Leib mit der Seele) war in die Ausgeburt des Elements eingegangen, nämlich in die vier Elemente, und gänzlich in den Geist dieser Welt, ins dritte Prinzip. Darum hat er die Tinktur aller Wesen in sich gehabt, mit welcher er in alle Essenzen gegriffen und alles in Himmel, Erde, Feuer, Luft und Wasser probiert hatte, sowie alles, was daraus geboren worden war.

21.12. So hat eine Tinktur die andere gefangen, und die mächtige hat die ohnmächtige probiert (das Bewußte hat das Unbewußte probiert) und allen Dingen nach ihren Essenzen Namen gegeben. Und das war der wahre Grund des Falls von Adam, so daß er aus dem Ewigen in die Ausgeburt des Zerbrechlichen einging und das verwesliche (und vergängliche) Bild angezogen hatte, das ihm Gott verbot.

21.13. So sieht man hier die beiden starken Regionen der Ewigkeit, die miteinander im Streit gewesen waren und noch immer sind, so daß der Streit in Ewigkeit bleibt, der auch seit Ewigkeit ist. Nämlich (1.) der Grimm und (2.) die Sanftmut. Denn wenn kein Grimm wäre, dann wäre auch keine Beweglichkeit in der Ewigkeit. Er siegt aber nach dieser Welt nur im Reich der Hölle, und im Himmel bewirkt er die aufsteigende Freude.

21.14. Nun ist uns im Licht der Natur hoch zu ersinnen und zu finden, wie der Grimm die Wurzel aller Dinge und dazu der Ursprung des Lebens sei, in welchem allein die Macht und Gewalt stehen, und aus welchem allein die Wunder ausgehen. Denn ohne diesen Grimm wäre keinerlei Empfindung, sondern nur ein Nichts, wie vorn erklärt wurde.

21.15. Und dann finden wir auch, wie die Sanftmut (bzw. Güte) die Kraft und der Geist sei, denn wo die Sanftmut nicht ist, dort ist der Grimm in sich selbst nichts als Finsternis und Tod, wo keinerlei Gewächse aufgehen können und er seine Wunder nicht gebären oder zeigen kann.

21.16. So finden wir also, daß der Grimm die Ursache der Essenzen sei, und die Sanftmut (bzw. Güte) eine Ursache der Freude und des Aufsteigens und Wachsens aus den Essenzen. Und auch, daß mit dem Quellen oder Aufsteigen aus den Essenzen der Geist geboren werde, daß also der Grimm die Wurzel des Geistes sei und die Sanftmut sein Leben.

21.17. Nun kann aber keine Sanftmut ohne das Licht sein, denn das Licht (des Bewußtseins) macht die Sanftmut. Und so kann auch kein Grimm ohne das Licht sein, denn das Licht macht ein Sehnen in der Finsternis, wo doch eigentlich keine Finsternis ist. Sondern das Sehnen macht die Finsternis und den Willen, daß der Wille an sich zieht und das Sehnen schwängert, so daß es dick und finster wird. Denn es ist dicker als der Wille, und darum beschattet es den Willen und wird des Willens Finsternis.

21.18. Und wenn der Wille so in der Finsternis ist, dann ist er auch in der Angst, denn er begehrt aus der Finsternis (zu entkommen), und das Begehren ist das Quellen und Anziehen in sich selbst, wo doch nichts gespürt wird als eine grimmige Qual in sich selber, die mit dem Anziehen des Begehrens hart und rauh macht. Das kann der Wille nicht erdulden, und so erregt er die Wurzel des Feuers im Blitz, wie vorn erklärt wurde, davon der wiedergefaßte Wille aus dem Blitz in sich selbst ausgeht und die Finsternis zersprengt. Dann wohnt er in der zersprengten Finsternis im Licht in einer lieblichen Wonne in sich selbst, nach der der Wille in der Finsternis schon immer suchte, und daraus das Sehnen entsteht. Und so besteht ein ewiges Band (von Ursache und Wirkung), das nicht aufgelöst werden kann.

21.19. So arbeitet nun der Wille in den zersprengten Toren, um seine Wunder aus sich selbst zu eröffnen, wie an der Schöpfung der Welt und allen Kreaturen deutlich zu sehen ist.

21.20. Daß wir aber hier den Grund der Gottheit, soweit es uns gebührt und wir ihn erkennen, noch einmal ausführlich darstellen, erachten wir als unnötig, denn du findest alles vorn bei der Menschwerdung eines Kindes im Mutterleib. Wir stellen es hier nur soweit dar, um die Region dieser Welt zu verstehen, und geben dem Leser klar zu erkennen und zu verstehen, wie die Region Gutes und Böses ineinander hat und wie es ihr unvermeidliches Wesen ist, daß immer eines aus dem anderen geboren wird und eines aus dem anderen in ein anderes ausgeht, was es zuvor nicht war. Wie du solches am Menschen erlernen kannst, der anfangs im Willen von Mann und Frau durch den Samen im Mutterleib in der Tinktur empfangen und wie in einen irdischen Acker gesät wird, wo dann die ursprüngliche Tinktur im Willen aufbricht und seine eigene aufgeht, nämlich aus der ängstlichen Kammer der Finsternis und des Todes, aus der ängstlichen Qual-Qualität. Dann erblüht sie aus der Finsternis in den zersprengten Toren der Finsternis in sich selbst als eine liebliche Wonne, und gebiert so sein Licht aus der ängstlichen Grimmigkeit aus sich selbst, so daß dann im Licht wieder der unendliche Qual-Quell der Sinne ausgeht, die einen Thron mit einer Region des Verstandes schaffen, der das ganze Haus regiert und begehrt, in die Region der Himmel einzugehen, aus der er nicht hervorgegangen ist. So ist dies nun nicht der ursprüngliche Wille, der da begehrt, in die Region der Himmel einzugehen, sondern es ist der wiedergefaßte Wille aus dem Qual-Quell der Ängstlichkeit, um durch die tiefen Tore zu Gott einzugehen.

21.21. Weil aber dem menschlichen Geist solches nicht möglich war, wie sehr es auch versucht wurde, so mußte Gott wieder in die Menschheit eingehen und dem menschlichen Geist helfen, die Tore der Finsternis zu zersprengen, damit er hier durch göttliche Kraft eingehen will und kann.

21.22. So lebt er nun in Zweien, die ihn beide anziehen und haben wollen, nämlich (1.) im Grimmquell, dessen Ursprung die Finsternis des Abgrundes ist, und dann (2.) in der göttlichen Kraft, deren Quelle das Licht und die göttliche Wonne in den zersprengten Toren der Himmel ist. So empfängt auch das Wort „Himmel“ in der Natursprache seine eigentliche Bedeutung vom Durchdringen und Eingehen, um dann mit der Wurzel im Stock der Ewigkeit sitzenzubleiben (von welcher der Baum von Gut und Böse abgeschlagen wurde). Darin wird die wahre Allmacht verstanden, was uns Meister Fritz wohl nicht glaubt, denn er hat keine Erkenntnis darin, denn das gehört in die Lilie.

21.23. Also wird der Mensch von beiden gezogen und gehalten, aber in ihm steht das Zentrum, und er hat die Waage zwischen den beiden Willen, nämlich den ursprünglichsten und den wiedergefaßten Willen zum Himmelreich. Und eine jede Schale ist ein Macher, der da macht, was er in sein Gemüt läßt. Denn das Gemüt ist das Zentrum der Waage (der Drehpunkt mit dem Zeiger), und die Sinne sind die Arme, die von einer Schale zur anderen reichen. Entsprechend ist die eine Schale das Reich der Grimmigkeit und des Zorns, und die andere ist die Wiedergeburt in der Kraft Gottes in die Himmel.

21.24. Nun siehe, oh Mensch, wie du irdisch und auch himmlisch bist, in einer Person vermischt, und das irdische wie auch das himmlische Bild in einer Person trägst. Und dazu bist du aus der grimmigen Qual und trägst das höllische Bild an dir, das in Gottes Zorn aus dem Qual-Quell der Ewigkeit grünt.

21.25. So ist auch dein Gemüt, und das Gemüt hält die Waage, und die Sinne laden in die Waagschalen ein. Nun bedenke, was du durch deine Sinne einlädst. So hast du das Reich der Himmel in deiner Gewalt. Denn das Wort der göttlichen Kraft in Christus hat sich dir zum Eigentum gegeben. Damit hast du das höllische Reich am Zügel in der Wurzel, und hast es aus Naturrecht zum Eigentum. Und so hast du auch das Reich dieser Welt nach deiner angenommenen Menschheit von Adam her zum Eigentum.

21.26. Nun siehe, was du in dein Gemüt durch die Sinne einläßt, denn du hast in jedem Reich einen Macher, der da macht, was du durch die Sinne in die Schale legst. Denn es steht alles im Machen, und so bist du in diesem Leib ein Acker, dein Gemüt ist der Sämann, und die drei Prinzipien sind der Samen. Was dein Gemüt sät, dessen Leib wächst, und das wirst du in dir selber ernten. Wenn dann der irdische Acker zerbricht, dann steht der neugewachsene Leib in Vollkommenheit, sei er nun im Reich des Himmels oder der Hölle gewachsen.

21.27. Aus diesem kannst du nun erkennen und ergründen, wie das Reich dieser Welt geboren wird, wie also eines im anderen sei und eines des anderen Kasten und Behälter ist. So gibt es keine Fassung eines einzelnen Dings, sondern es ist alles in sich selber frei, und der Mensch steht in allen drei Prinzipien offenbar, aber erkennt doch keines im Grunde, es sei denn, daß er aus der Finsternis ins Licht geboren werde. Dann erkennt diese Qual-Quelle die grimmige Ewigkeit und dann auch die Ausgeburt aus der Ewigkeit. Nur das Licht (des Bewußtseins) vermag er nicht zu erforschen, denn damit ist er umfangen und es ist sein Wohnhaus, so daß er mit diesem Leib in dieser Welt ist, mit der Seele Ursprung im Grimm der ewigen Qual und mit der edlen Blume der Seele im Reich der Himmel bei Gott. Dann wäre er wahrlich ein Fürst im Himmel und über die Hölle und Erde, denn die grimmige Qual berührt ihn nicht, sondern die Blume macht aus dem grimmigen Qual-Quell das Paradies der hochaufsteigenden Freude im Quellen.

21.28. Oh irdischer Mensch, so siehst du, wie du hier in drei Prinzipien lebst, sofern sich dein Gemüt in Gott aneignet. Wenn es sich aber nur den Qual-Quell dieser Welt aneignet, dann stehst du außerhalb des Himmels und säst nur mit zwei Prinzipien, nämlich mit dem Geist dieser Welt und mit dem grimmigen Qual-Quell der Ewigkeit.

Vom antichristlichen Reich, der Quellbrunnen

21.29. Der Mensch hat diese Welt besessen und sich eine herrliche Region zu seiner Herrlichkeit erbaut, wie vor Augen steht. Nun ist er diesbezüglich aber nicht zu verdammen, obwohl es die Ursache der Sünde ist. Darum hat ihm Gott aus Gnade sein liebes Herz ins Fleisch gesandt hat, damit er durch dasselbe wieder aus dem Fleisch ins Himmlische eingehen soll. Deshalb muß nun sein irdischer Leib Nahrung haben, damit er leben und sich fortpflanzen kann. Und so stehen alle Regimente und Künste dieser Welt in dieser Notdurft, die der irdische Leib nicht entbehren kann, und er wird von göttlicher Geduld getragen, damit die großen Wunder offenbar werden.

21.30. Aber sein Verdammliches ist, daß er nur den irdischen und höllischen Samen sät, aber den himmlischen in seiner Scheune läßt. So bleibt er vor dem Himmel stehen und geht nach dem edlen Samen nicht hinein, sondern gibt Gott gute Worte, er soll ihm gnädig sein und ihn in sein Reich annehmen. Aber in Leib und Seele sät er nur des Teufels Unkraut. Was kann dann für ein neuer Leib wachsen? Wird er im Himmel im heiligen Element stehen, oder im Abgrund? Und wird man die Perlen vor die Säue werfen?

21.31. Wenn dein Macher in dir nicht die Bildung Gottes macht, sondern die Bildung der Schlange: Wie willst du denn dein Tier ins Himmelreich bringen? Meinst du, Gott habe Nattern und Schlangen in den zersprengten Toren der Wiedergeburt, in der lieblichen Wonne? Oder meinst du, er fragt nach deiner Heuchelei, wenn du ihm große steinerne Häuser baust und darin deine Heuchelei und Pracht treibst? Was fragt er nach deinem Klingen und Singen, wenn dein Herz ein Mörder und Fresser ist? Er will einen neugeborenen Menschen haben, der sich ihm in Gerechtigkeit und Gottesfurcht naht. Diesen nimmt der Schlangentreter in seine Arme und bildet ihn zur himmlischen Bildung. Und dieser ist ein Kind der Himmel, und nicht dein Fuchs.

21.32. Nun fragt es sich: Warum nennt man dich einen Antichristen? Höre, du bist der Widerchrist und hast dir ein gleißend heuchlerisches Reich mit großem Ansehen erbaut, und darin treibst du deine Heuchelei. Du führst Gottes Gesetze auf deinen Lippen und lehrst sie, aber mit deiner Kraft und Tat verleugnest du diese. Dein Herz ist nur in den Geist dieser Welt gerichtet, und dein Reich der Gleisnerei ist nur zu deiner Ehre erbaut, damit du scheinheilig darin leben kannst. Man muß vor dir die Knie beugen, als wärst du der Christus, aber du hast ein geiziges Wolfsherz.

21.33. Du rühmst dich der Schlüssel des Himmelreichs, aber bist selber im Abgrund. Dein Herz hängt am Schlüssel und nicht am Herzen Gottes. Du hast deinen Schlüssel zum Geldkasten und nicht zu den Toren der Durchbrechung im Vertrauen zu Gott. Du machst Gesetze, aber hältst selber keines, und dein Gesetz ist so viel nütze, wie der Turmbau zu Babel, der in den Himmel reichen sollte. So wenig erreicht auch dein Gesetz den Himmel.

21.34. Du betest vor Gott, aber mit deinem Wolfstier. So nimmt der Geist dieser Welt dein Gebet auf, aber nicht Gott. Denn dein Herz ist ein Fresser, und es geht in den Fresser. Du begehrst nicht ernsthaft in Gott einzugehen, sondern nur mit dem historisch heuchlerischen Mund, und dein Herz dringt nur ernsthaft in den Geist dieser Welt. Du begehrst nur viel zeitliches Gut und Ehre mit der Macht und Gewalt in dieser Welt, und damit ziehst du die Region dieser Welt an dich.

21.35. Du drückst den Armen nieder, zwingst ihn mit Not und machst ihn leichtfertig, damit er deinem Tier nachläuft, sich an dir vergafft und auch ein Diener des Antichristen wird. Dein Tier, auf dem du reitest, ist deine Stärke und Macht, die du dir selber nimmst. Du mästest dein Tier mit der Fettigkeit der Erde und steckst den Schweiß der Armen hinein. So steckt es voll Tränen der Armen, deren Seufzen durch die Tore der Tiefe zu Gott dringt und mit seinem Eindringen den Zorn Gottes in deinem Tier erregt, gleichwie Abels Blut den Zorn in Kain erregte.

21.36. So kommst du nun auf deinem stolzen Roß angetrabt und trittst vor die Himmelstür und begehrst Abstinenz, aber bist in deiner Bildung ein Wolf. Was wird St. Petrus dazu sagen? Meinst du, er gibt dir den Schlüssel zum Himmelreich? Nein, er hat keinen für Wölfe! Er hat nur einen für sich, und hatte nie einen zum Verleihen besessen.

21.37. Willst du in den Himmel, dann mußt du deinen Wolf ausziehen und in ein Lammfell kriechen, aber nicht mit Heuchelei in einem (abgeschiedenen) Winkel, im Kloster oder der Wildnis, sondern mit Ernst in die neue Wiedergeburt. Dein Licht muß in der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gegen das Reich des Teufels leuchten und ihm mit sanftem Wohltun für die Bedrängten sein Nest zersprengen.

21.38. Höre, du widerchristlicher Spötter, es ist nicht genug, daß du stehst und sprichst: „Ich habe den wahren Grund der Erkenntnis zum Himmelreich. Ich habe die wahre Religion gefunden!“ Und dann richtest du den, der deine Erkenntnis nicht hat oder deiner Meinung keinen Beifall gibt. Du sprichst, er sei ein Ketzer und des Teufels. Aber du bist ein Wolf, und verwirrst mit deinem Grimm nur die Schafe und machst sie lästernd, so daß auch der lästert, der weder dich noch sich kennt, wie die Epheser über Paulus (Apg. 19.28). Meinst du, du hast hiermit den Wolf verjagt? Oder hast du nicht eher einen Haufen junger Lästerwölfe geboren, die jauchzen und schreien, und ein jeder will fressen? Aber sie wissen doch nicht, wo das böse Tier ist, auch nicht das, was sie geboren hat und das allerböseste ist. Oh blinde Babel! Darin steckt nicht das Reich Christi, sondern der lästerliche Antichrist zu Babel der Verwirrung.

21.39. Aber was soll man sagen? Der Teufel macht es nicht anders: Wenn man sein Reich an einem Ort zu stürmen beginnt, dann bläst er den Sturm in allen auf. In den Kindern Gottes wird der Geist der Strafe angetrieben, und in den tierischen Weltmenschen bläst der Teufel auf eitler und höhnischer Spötterei, denn sie haben Christi Reich in der Historie und in sich selbst des Teufel Reich zum Eigentum.

21.40. Was hilft dir deine Wissenschaft, oh Antichrist, wenn du so viel vom Himmelreich und vom Leiden und Tod Christi weißt und von der neuen Geburt in Christus redest, aber du ohne sie nur in der Historie stehst? Wird nicht deine Wissenschaft ein Zeugnis über dich sein, das dich richten wird? Oder willst du sagen, du seist nicht der Antichrist zu Babel? Du bist ja der Heuchler und mästest dein bösartiges Tier je länger je größer, und du bist der Fresser in der Offenbarung von Jesus Christus. Du wohnst nicht allein zu Rom, sondern hast die Breite der Erde besessen. Ich habe dich im Geist gesehen, und darum schreibe ich von dir, du Wunder der Welt, des Himmels und der Hölle.

21.41. So nahm dieses Reich seinen Anfang mit Kain und hat seinen Grund vom Teufel (des Ichbewußtseins), der ein Spötter Gottes ist. Denn der Teufel begehrt nur stark und mächtig in eigener Gewalt über die Throne der Himmel aufzusteigen. Er kann aber nicht hinein, und darum ist er so boshaft und seine Qual-Quelle steht in der Angst, also nicht zur Geburt, sondern zur Feuers-Qual.

Vom Reich Christi in dieser Welt

21.42. Weil nun der Mensch in den Geist dieser Welt eingegangen war und alle Pforten in sich hatte, nämlich das Himmelreich wie auch das Reich der Hölle und dieser Welt, so mußte er in der Quetsche zwischen Himmel und dieser Welt leben. Und weil der Teufel einen Spötter nach dem anderen erweckte, der das Reich der Grimmigkeit aufzog und immerfort gegen die Kinder Gottes erregte, so daß die Welt von Tyrannen und tierischen Blutschändern wie auch Mördern und Dieben voll wurde, weil der (egoistische) Geiz gewachsen war, so war das Regentenamt das Allernützlichste, das dem gottlosen Treiber mit Gewalt begegnete.

21.43. Hier sieht man, wie die göttliche Vorsehung dem Reich dieser Welt zu Hilfe gekommen ist und durch den Geist dieser Welt Regenten erweckte, die Bestrafung ausübten. Aber der Geist Gottes klagt über sie, daß sie Tyrannen geworden sind, die mit Gewalt alles unter sich drückten. So konnte nun darin Abels Kirche in der Liebe nicht bestehen, sondern nur die starke Macht Gottes, um die Übeltäter zu zügeln.

21.44. So sind die Richter und Könige sowie Fürsten und Regenten wie Gottes Amtsleute im Haus dieser Welt, die Gott wegen der Sünde eingesetzt hat, damit sie scharf schneiden sollten, um dem Treiber des Gottlosen zu wehren.

21.45. Und so ist ihr Stand im Ursprung der Wesen aller Wesen fundiert, wo Gott im Anfang die Throne nach seiner ewigen Weisheit erschuf, so daß nun im Himmel wie auch in der Hölle Thron-Fürsten sind, und damit eine Region nach den sieben Geistern der ewigen Natur, davon hier nicht viel gesagt werden soll, denn die Welt hält es für unmöglich zu wissen, weil doch ein Geist, der in Gott geboren wurde, nur ein Himmelreich gründen kann.

21.46. Denn ein entsprechender Richter, der nach der Gerechtigkeit richtet, ist Gottes Statthalter im Reich dieser Welt. Damit sich nicht allezeit sein Grimm über die Völker ausgießen muß, hat er ihm das Schwert in die Hände gegeben, um den Gerechten zu beschützen und den Falschen zu strafen. Und wenn er das ernsthaft in Gottesfurcht und nicht nach Gunst tut, dann ist er im Himmelreich groß, denn er führt zur Gerechtigkeit und leuchtet wie die Sonne und der Mond über die Sterne.

21.47. Wenn er aber ein Tyrann ist, der seinen Untertanen nur das Brot frißt und seinen Hut nur mit überheblichem Stolz schmückt, um die Armen zu unterdrücken, und wenn er nur nach Geiz trachtet, den Armen wie seinen Hund betrachtet, sein Amt nur in Wollust setzt und den Bedrängten nicht hören will, dann ist er ein aufsteigender Qual-Fürst und Regent im Reich des Antichristen, gehört unter die Tyrannen und reitet auf dem Roß des Antichristen.

21.48. So können wir uns nun entsinnen, wie auf diese Weise die wahre christliche Kirche von der antichristlichen Kain-Kirche umgeben ist und beide in dieser Welt in einem Reich leben. Gleichwie auch das erste Prinzip alles andere umschließt, und es doch nicht erfassen oder aufhalten kann, sondern das Reich der Himmel wird von Ewigkeit aus dem Zorn ausgeboren, wie eine schöne und wohlriechende Blume aus der wilden Erde.

21.49. So steht auch die heilige Kirche in der antichristlichen, wenn sie beide miteinander vor Gott gehen, um zu beten. Doch einer wird von Gott angenommen, und der andere vom Geist dieser Welt. So geht eine jede Bildung in seine Region.

21.50. Es gibt wohl nichts Heimlicheres in dieser Welt als das Reich Christi, aber auch nichts Offensichtlicheres als das Reich Christi. Und es geschieht oft, daß jemand, der da meint, er habe es und lebe darin, es gar nicht hat. Sondern er hat das Reich des Antichristen und ist ein Heuchler und Spötter, dazu ein Mörder mit der Bildung der Schlange. Sein Herz ist nur ein geiziges Wolfsherz, und er steht nicht in der englischen Bildung.

21.51. Dagegen steht manch anderer in großen Ängsten und Verlangen danach, gebiert ganz ängstlich und wollte es gern haben. Da rauscht der Teufel über ihn her, erweckt oft Zorn und Widerwillen und überschüttet ihn auch mit groben Sünden, so daß er sich selber nicht mehr kennt und Zweifel und Ungeduld entstehen. Aber sein Herz steht immer in Ängsten, wollte gern aus der Bosheit und treibt immerfort zur Entsagung, oft mit Schmerzen, Sehnen und Verlangen. Da hält ihm dann der Teufel seine Sünde vor und verriegelt ihm die Tür zur Gnade Gottes, damit er verzweifeln soll.

21.52. So sät er in seiner trübseligen Angst die Perlen, aber der Teufel verdeckt es ihm, daß er sie nicht erkennt, und er kennt sich auch selber nicht: Er sät ins Reich Gottes, aber kennt seinen Samen nicht, sondern nur den Samen der Sünde und des Treibers.

21.53. So willigt er zwar nicht in die Sünde ein, die er doch selber noch tut, aber der Teufel mit seiner Rotte überschüttet ihn, so daß der adamische Mensch im Zorn tut, was der neugeborene im heiligen Element nicht will. Doch dann handelt nicht der neue Mensch in der Bildung, sondern der alte im Zorn.

21.54. Darum ist ein stetiger Streit in ihm, und er läuft immerfort zur Buße, weil doch der (äußerliche) Mensch im Zorn die Lilien nicht erreichen kann, sondern nur der (innerliche) Verborgene.

21.55. Darum steht er oft in Zweifel und Ungeduld, und ein großer Streit ist in einem solchen Menschen, denn er kennt sich nicht: Er kennt und sieht nur seine (äußerliche) Bosheit, aber ist doch in Gott geboren, denn sein Geist zersprengt stets die Tore der Finsternis. So hält ihn dann der Zorn in ihm, so daß er nicht eingehen kann, und ohne bisweilen einen Blick zu erreichen, von dem die Seele fröhlich wird, würde die edle Perle ganz in einem finsteren Tal gesät.

21.56. Wenn er sich dann aber des süßesten Vorgeschmacks der Perle erinnert, den er je gekostet hat, dann will die Seele hindurch und sucht die Perle. Da kommt der schwarze Geist und verdeckt es ihr, und so beginnt ein Sturm und Streit um die Perle, denn ein jeder fordert sein Recht: Die Seele will sie gern haben, aber der Teufel verdeckt sie und wirft ihr den Grimm und die Sünde dafür hin, um sich darin zu beschauen. Da fällt dann oft Schwachheit und Nachlässigkeit ein, so daß die arme Seele matt, schwach und furchtsam wird, und so in der Stille sitzt und immerfort an andere Wege der Entsagung denkt, um die Perle zu bekommen.

21.57. Aber der Treiber ist ein Künstler und kommt sogleich mit der Region dieser Welt, mit weltlicher Fleischeslust, zeitlichen Ehren und Reichtum, und hält es der armen Seele vor, damit sie in seine sauren Äpfel beißen soll. So führt er manchen eine lange Zeit an seiner Kette in Gottes Zorn gefangen.

21.58. Wenn aber das edle Senfkorn einmal gesät ist, dann hütet es die edle Jungfrau Gottes und erinnert die arme Seele immerfort, sie soll zur Entsagung gehen und gegen den Teufel in den Kampf ziehen. Oh, es ist doch ein wunderlicher Weg mit den Kindern Gottes in diesem elenden Haus aus Fleisch, den der Verstand der Scheinheiligen weder fassen noch glauben kann! Nur wer es selbst erfährt, der kennt es.

21.59. Denn diese teure Erkenntnis ist nicht da, es sei denn, daß er einmal im Sturm gesiegt und den Teufel niedergeschlagen hat, so daß die Seele die Himmelspforten einmal ergriffen hat und das Ritter-Kränzlein bekommt, das ihr die holdselige Jungfrau der Zucht zu einem Zeichen des Sieges aufsetzt, daß sie in ihrem teuren Ritter Christus gesiegt hat. Da geht die Wunder-Erkenntnis auf, aber noch ohne Vollkommenheit.

21.60. Denn der alte Feind ist listig und stark. Er probiert die Seele immer wieder, wie er sie betrüben und betrügen kann. Kann er sie nicht mit Sünden überhäufen, so sät er einen äußerlichen Krieg gegen sie und erregt die Kinder der Bosheit gegen sie, um sie zu verachten, zu verspotten und zu verhöhnen und ihr alle Übel anzutun, so daß man ihr nach Leib und Gut trachtet, sie foppt, schmäht und verleumdet und für ein Fegopfer (für den letzten Dreck) der Welt hält (1.Kor. 4.13). Man wirft ihr ihre Unvollkommenheit vor, straft sie ihrer Laster und Ungerechtigkeit, und so muß sie ein Heuchler sein.

21.61. Solches tun ihr nicht allein die Kinder der Bosheit, sondern der Teufel führt sogar die armen Seelen der Kinder Gottes an seiner Kette so gegen sie, daß sie aus Blindheit rasend und toll werden, wie Saulus zu Jerusalem über Stephanus (Apg. 8.1). So muß die arme Seele in Dornen und Disteln baden und immer gewärtig sein, daß ihr der Sturm der bösen Welt den Leib dahinrafft.

Die ritterliche Pforte der armen Seele

21.62. Nun fragt der Verstand: „Was ist denn der armen Seele zu raten, was sie in diesem Dornen- und Distelbad tun soll?“ Siehe, wir wollen dir den Rat der Jungfrau (der Weisheit) zeigen, wie er auch uns zu einem ritterlichen Trost gegeben worden ist, und wollen uns solches selbst zu einer starken Erinnerung aufschreiben. Denn wir selber bedurften solches sehr mächtig, weil wir schon eine ziemliche Weile in diesem Dornen- und Distelbad geschwitzt haben, darin wir auch dieses Kränzlein erlangten. Darum sollten wir nun nicht stumm sein, sondern die Geschenke der Jungfrau gegen alle Pforten des Teufels darstellen.

21.63. Siehe, du arme Seele in deinem Dornenbad, wo bist du daheim? Bist du in dieser Welt daheim? Warum suchst du nicht der Welt Gunst und Freundschaft? Warum trachtest du nicht nach zeitlichen Ehren, Wollust und Reichtum, damit es dir in dieser Welt wohlergeht? Warum machst du dich zum Narren der Welt und bist jedermanns Eule und Fußabtreter? Warum läßt du dich von diesen verachten, welche weniger sind und wissen als du? Möchtest du nicht auch mit dem Scheinheiligen dahertraben? Dann wärst du lieb, und es geschähe dir kein Leid. Dein Leib und dein Gut wären dir viel sicherer, als auf diesem Weg, auf dem du nur der Welt Eule und Narr bist. (Eulen werden gewöhnlich von anderen Vögeln gehaßt, weil sie als Freßfeind gelten.)

21.64. Aber meine liebe Jungfrau spricht: „Oh mein lieber Buhle, den ich erwählt habe, gehe mit mir, denn ich bin nicht von dieser Welt, sondern will dich aus dieser Welt in mein Reich führen, wo nur sanfte Ruhe und Wohltun sind. Denn in meinem Reich sind nur Freude, Ehre und Herrlichkeit, und es gibt keinen Treiber darin. Ich will dich mit Gottes Herrlichkeit schmücken und dir meinen schönen Schmuck anziehen. Ich will dich zum Herrn im Himmel und zum Richter über diese Welt machen. Du sollst helfen, den Treiber in seiner Bosheit zu verurteilen. Er soll zum Schemel deiner Füße liegen und seinen Rachen nicht mehr gegen dich auftun, sondern soll in seinen grimmigen Toren ewig verriegelt sein. Dann sollst du von meinem Tisch essen, und es soll keinerlei Mißgunst oder Mangel sein, denn meine Frucht ist süßer und lieblicher als die Früchte dieser Welt, und dir wird davon niemals übel. Deine Gebärde soll in freundlichem Lachen und holdseligem Gespräch stehen. Die reine Demut in großer Liebe wird vor dir erscheinen: So schön werden deine Gespielen sein, und du sollst an allen Freude haben. Warum trachtest du nach dem zerbrechlichen Leben? Du sollst doch in ein unzerbrechliches Leben eingeben, das ewig währt.“

21.65. „Aber ich habe auch etwas Kleines gegen dich! Ich hätte dich aus dem Dornenbad herausgezogen, wo du ein wildes Tier warst, und dich so zu meiner Bildung gebildet. Doch nun steht dein wildes Tier immer noch im Dornenbad. Aber das nehme ich nicht in meinen Schoß, solange du noch in deinem wilden Tier stehst. Wenn nun die Welt dein wildes Tier nimmt, das ihr gehört, dann will ich dich nehmen. Und so nimmt ein jedes das Seine.“

21.66. „Warum hast du das wilde Tier so lieb, das dich nur betrübt? Du kannst es auch nicht mit dir nehmen, denn es ist nicht dein, sondern der Welt. Laß doch die Welt damit machen, was sie will, und bleib du an mir! Es geht nur noch um dieses Kleine: Zerbricht dein Tier, dann bist du frei und bleibst bei mir.“

21.67. „Ich habe aber auch ein Gesetz in meiner Liebe und begehre nicht allein dich, sondern auch deine Brüder und Schwestern in der Welt, die zum Teil noch nicht wiedergeboren sind und vom Treiber gefangengehalten werden. Deshalb sollst du deine Perle nicht verstecken und vergraben, sondern ihnen zeigen, auf daß sie in meine Arme kommen. Dein Mund soll nicht verschlossen sein. Du sollst in meinem Gesetz gehen und die Wahrheit sagen.“

21.68. „Und wenn dich auch der Treiber umfängt und mit dir fortwill, so ist doch deinem Tier ein Ziel gesteckt, wie weit es gehen soll. Und der Treiber kann es nicht eher zerbrechen als an seinem Ziel: Und wenn er es auch zerbricht, dann geschieht es doch nur zu Gottes Wundertat und dir zum Besten. Alle deine Striemen und Wunden aus dem Dornenbad sollen dir zu einem schönen Zeichen deiner Ritterschaft in meinem Reich werden. Du sollst dessen große Freude vor Gottes Engeln haben, daß du den Treiber verachtet hast und aus einer wilden Geburt in eine englische eingegangen bist. Wie wirst du dich freuen, wenn du an dein wildes Tier denkst, das dich Tag und Nacht kränkte, aber nun davon erledigt bist!“

21.69. „Wenn dir dann so große Ehre für deine Schmach begegnet, warum trauerst du? Steig aus deinem wilden Tier auf, wie eine Blume aus der Erde! Oder meinst du, wildes Tier, mein Geist sei verwirrt, wenn er dich verkleinert und geringachtet? Du sprichst: „Ich bin ja dein Tier, und in mir bist du geboren. Wäre ich nicht gewachsen, dann wärst auch du nicht.“ Höre, mein Tier, ich bin größer als du. Als du werden solltest, war ich dein Werkmeister. Meine Essenzen sind aus der Wurzel der Ewigkeit, aber du bist von dieser Welt und zerbrichst. Ich aber lebe in meiner Qualität ewiglich, und darum bin ich viel edler als du. Du lebst in grimmiger Qual-Qualität. Aber ich will meine grimmige Qual-Qualität in das (göttliche) Licht und die ewige Freude setzen. Meine Werke stehen in der Kraft, aber die deinen bleiben in der Bildung. Wenn ich dich einst loswerde, dann nehme ich dich nie wieder zu meinem Tier an, sondern nur meinen neuen Leib, den ich in dir in deiner tiefsten Wurzel des heiligen Elements gebäre. Ich will deine rauhen Ausgänge der vier Elemente nicht mehr haben, denn der Tod verschlingt dich. Aber ich grüne mit meinem neuen Leib aus dir wie eine Blume aus seiner Wurzel. So will ich dich (Tierwesen) vergessen, denn Gottes Herrlichkeit, der dich mit der Erde verfluchte, hat meine Wurzel in seinem Sohn wieder aufgepfropft, und mein Leib wächst nun im heiligen Element vor Gott. Darum bist du nur mein wildes Tier, das mich hier kränkt und plagt, und auf dem der Teufel reitet, wie auf einem verfluchten Pferd. Und wenn dich auch die Welt verspottet, das beachte ich nicht, denn sie tut es um meinetwillen (um mich, die jungfräuliche Weisheit, zu töten), obwohl sie mich nicht sehen kann und mich nicht kennt. Warum sonst ist sie so tollwütig? Aber sie kann mich niemals töten, denn ich bin nicht in ihr.“

21.70. Aber was soll der Geist sagen? „Du tolle Welt, du bist doch mein Bruder, und meines Geistes Essenzen bewegen dich. Gehe aus deinem Tier heraus, dann will ich mit meinem Gespielen (der männlichen bzw. geistigen Seele) in den Rosengarten zur Lilie Gottes gehen. Warum bleibst du zurück und läßt dich vom Teufel aufhalten? Er ist doch dein Feind und trachtet nur nach deiner Perle. Bekommt er diese, dann wird dein Geist ein Wurm und Tierwesen. Warum läßt du dir die englische Bildung wegen kurzzeitiger Wollust nehmen? Denn deine Wollust ist doch nur im vergänglichen Tier. Was hilft sie deiner Seele? Diese wird ewige Reue dafür ernten, wenn du aus ihm nicht herausgehst.“

21.71. Oder was soll der edle Ritter Christus dazu sagen? „Habe ich nicht dein wildes Tier zerbrochen? Bin ich nicht in den Tod gegangen und habe die vier Elemente sowie die Bosheit des Teufels von deiner Seele abgeschnitten und deine Seele in meiner Kraft aufgepfropft, damit dein Leib aus meinem Leib wieder grünen soll, nämlich aus dem heiligen Element vor Gott? Habe ich mich nicht durch meinen Geist mit dir verbunden? Habe ich nicht einen Bund mit dir geschlossen, so daß du mein sein solltest? Habe ich dir nicht meinen Leib zur Speise und mein Blut zum Trank gegeben? Habe ich dir nicht meinen Geist zum Geleitsmann gegeben und mein Reich zum Eigentum beschieden? Warum verachtest du mich und gehst von mir weg? Du läufst den Wölfen und Hunden nach, heulst mit ihnen, suchst nur bissigen Zorn und frißt nur Grimmigkeit. Was soll ich sagen? Ich habe in meinem Leiden und Tod durch meine Wiedergeburt kein solches Tier geboren. Darum will ich es auch nicht haben, wenn es in mir nicht wieder neugeboren wird, nämlich zu einer englischen Bildung. Dann soll es ewig bei mir sein.“


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