Die drei Prinzipien Göttlichen Wesens

(Text von Jacob Böhme von 1619, deutsche Überarbeitung 2021)

19. Kapitel - Vom Weg der Seele im Sterben

Vom Eingang der heiligen Seele zu Gott, und vom Eingang der gottlosen Seele ins Verderben. - Die Pforte des Abbrechens des Leibes von der Seele.

19.1. Wenn wir uns nun so im Licht der Natur an das Bild Gottes entsinnen, nämlich dem Menschen, an seinen Ursprung und auch sein ewigwährendes Wesen, und dann an das Zerbrechen seines Leibes denken, wie sich Leib und Seele scheiden und wo die Seele hinfahre, wenn der Geist seines Odems in ihm zerbricht und das Quellen der Qualitäten in der Tinktur dieser Welt aufhört, dann finden wir den Grund von der Seele Unruhe, weil sie dann vom Leib geschieden ist und unwiedergeboren vom Leib abscheidet. Daraus entstehen Klagen und Begehren, und daraus entstand auch das Babel der Verwirrung, so daß man gar viele Dinge erdichtet hat, um die Seele freizukaufen.

19.2. Welches größtenteils keinen Grund im Licht der Natur hat und nicht gefunden werden kann, und vielmehr zum Geiz und zur Bauchfülle der Illusion erdichtet wurde, damit das antichristliche Reich auf diesem Grund stehe. Daraus ist ein wirkliches Babel der Verwirrung geworden. Und daraus entstand dann auch der Grimm, der das Babel in sich selber zerbricht. Denn er wurde aus dem Babel geboren und ist der grimmige Zorn Gottes, der zum Zerbrechen des Babels erscheint, weil es ja in der Illusion geboren wurde (und Illusion immer wieder zerbrechen muß).

19.3. Wenn nun der Grimm alles auffrißt, die Mysterien ganz verdunkelt und aus der Qual-Qualität der ewigen Geburt eine Finsternis macht, nur um seinen Grimm weiter zu erhöhen, und nicht in die Geburt der Ewigkeit sieht, sondern aus dem Sein, das da ist, überall ein Nichts macht, das bewirkt noch ein viel größeres Babel. Denn es frißt sich nicht nur selber auf, sondern macht sich auch im Licht der Natur stockblind, und macht aus dem Menschen-Bild nur bösartige und wölfische Tiere, die vermeinen, sie sind dem Babel entkommen, aber wurden doch aus dem Babel geboren und leben im Leib des grausamen und gefräßigen Tieres. So fressen sie das Haus ihrer eigenen Mutter und stellen es als eine unreine Schandgrube dar, aber wollen doch selbst nicht davon abgehen. Und das ist alles zusammen ein Reich, das sich in eigener Wollust und überheblichem Stolz immer wieder gebiert, auch seine eigene Schande immer wieder darstellt und sich im Grimm seiner Sünde selber frißt. Und das heißt wohl zurecht „Babel“.

19.4. Wenn wir aber von Babel in die neue Wiedergeburt ausgehen und unser Verderben betrachten, darin die arme Seele gefangenliegt, und dann unsere Wiedergeburt in Jesus Christus, wie wir aus Gott wiedergeboren worden sind, und auch wie der Mensch in diese neue Wiedergeburt eingehen müsse, um in der Geburt Christi wiedergeboren zu werden, dann werden wir wohl finden, was die Unruhe der Seele nach dem Zerbrechen des Leibes ist.

19.5. Denn die Seele wurde aus dem ersten Prinzip, aus dem Band der Ewigkeit in das Element des Leibes, dem Bild Gottes, aus der starken Macht Gottes eingeblasen und vom Licht Gottes erleuchtet, so daß sie die Qualität der Engel empfangen hat.

19.6. Als sie aber aus dem Licht Gottes in den Geist dieser Welt ausging, da quoll in ihr die Qual-Qualität des ersten Prinzips, und sie sah und fühlte das Reich Gottes nicht mehr, bis sich das Herz Gottes wieder in die Mitte stellte, in das die Seele wieder eingehen und neugeboren werden sollte.

19.7. Und damit sie dies tun konnte, wurde das Herz Gottes selbst eine menschliche Seele, würgte mit seinem Eingang in den Tod den Geist dieser Welt ab und brachte die Fülle der Gottheit in seine menschliche Seele zurück, so daß wir allesamt in seiner anstatt unserer eigenen menschlichen Seele durch ihn ins heilige Element vor Gott eindringen können. So hindert uns nun nichts mehr, als unsere faule und schläfrige Gestalt, so daß wir unseren Geist dieser Welt so ganz und gar mit überheblich stolzer, eigennütziger und geiziger Bauchfülle anfüllen lassen und nicht hindurchsehen und erkennen können, daß wir Wandersleute sind. Denn sobald uns der Geist dieser Welt im Mutterleib gefangen hat, sind wir Wandersleute und müssen mit unserer Seele in ein anderes Land wandern, wo der irdische Leib nicht daheim ist.

19.8. Denn wie diese Welt zerbricht und vergeht, so muß auch alles Fleisch, das aus dem Geist dieser Welt geboren wurde, zerbrechen und vergehen. Wenn dann nun die arme Seele aus dem Leib wandern muß, in dem sie doch geboren wurde, und nicht das neue Kleid der Wiedergeburt des Heiligen Geistes an sich hat, also nicht mit dem Kleid des reinen Elements bekleidet ist und der Decke Christi mit seiner Menschwerdung, Leiden, Tod und Auferstehung in ihm, dann entsteht große Unruhe und Gräuel. So ist bei denen, die während des Zerbrechens ihres Leibes noch in der Pforte stehen, also zwischen Himmel und Hölle schweben, ein großes Ringen und Kämpfen nötig, wie bei manchem wohl zu sehen ist, wenn er sterben soll.

19.9. Darin schwebt dann die arme Seele im ersten Prinzip in den Toren der Tiefe und ist mit der Sternenregion so hart bekleidet, daß vom weltlichen Wesen nur Unruhe kommt, weil sich dann die arme Seele ängstigt und durch die Kraft der Sternenregion in entsprechender Gestalt ihres liebgehabten Leibes erscheint, um oft dieses oder jenes zu begehren, was ihr letzter Wille war, in der Hoffnung, damit Befreiung und Ruhe zu erlangen. Das zeigt sich entsprechend dem siderischen (astralen) Geist oft auch in ganz unruhiger Weise bei Nacht mit Poltern und Umgehen des Leibes, welches unsere Gelehrten von der Schule dieser Welt dem Teufel zuschreiben, aber darin keine (wahre) Erkenntnis haben.

19.10. Weil dies nun das schwerste Thema ist und auf eine solche Weise nicht begriffen werden kann, so wollen wir (im Folgenden) das Sterben des Menschen und das Abscheiden der Seele vom Leib beschreiben, damit es zur Erkenntnis führen möge und der Leser den Sinn begreifen kann.

19.11. Das Menschenbild, das vom Weib geboren wurde, besteht hier in diesem Leben in dreifacher Gestalt in drei Prinzipien. Denn die Seele hat ihren Ursprung aus dem ersten Prinzip, aus der starken und strengen Macht der Ewigkeit, und schwebt zwischen zwei Prinzipien, vom dritten umgeben. Sie reicht mit ihrer ursprünglichen Wurzel in die Tiefe der Ewigkeit, in den Qual-Quell, wo Gott der Vater seit Ewigkeit durch die Tore der Durchbrechung und Zersprengung in sich selbst in das Licht der Wonne eingeht. Und sie hängt am Band, nach welchem sich Gott einen eifrigen, zornigen und strengen Gott nennt. Und sie ist ein Funke aus der Allmacht, der sich in den großen Wundern der Weisheit Gottes durch die teure Jungfrau der Zucht erblickt und durch das starke Schöpfungswort Gottes aus dem ewigen Willen erschaffen wird. Und sie steht mit dem wiedergefaßten Wort Gottes in Jesus Christus mit der Gestalt der neuen Wiedergeburt im Tor des Paradieses. Und mit der Gestalt des ersten Prinzips steht sie im Tor des Grimms der Ewigkeit, mit der Region der Sonne und Sterne inqualierend (wechselwirkend) und von den vier Elementen umgeben. Das heilige Element als die Wurzel der vier Elemente ist der Leib der Seele im zweiten Prinzip in den Toren zu Gott. Und die Sternenregion ist der Leib der Seele nach dem Geist dieser Welt. Und der Ausgang der vier Elemente ist das Qual-Haus im Geist dieser Welt, welches die Sternenregion zum Qual-Quellen entzündet.

19.12. So lebt die Seele in einer solchen dreifachen Qual-Qualität, wird mit drei Zügeln gebunden und von allen drein gezogen. Denn der erste Zügel ist das Band der Ewigkeit, geboren im Aufgang der Ängstlichkeit, und reicht aus dem Abgrund der Hölle. Der zweite Zügel ist das Himmelreich, geboren durch die Tore der Tiefe im Vater und aus der Sündengeburt wiedergeboren durch die Menschheit Christi. Daran ist die Seele in der Menschwerdung von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, auch angeknüpft und wird von der teuren Jungfrau im Wort Gottes gezogen. Der dritte Zügel ist das Sternenreich, das mit der Seele inqualiert, und dieser wird in den vier Elementen hart gezogen und gehalten, auch geführt und geleitet.

19.13. Nun besteht aber das dritte Reich nicht wie die anderen beiden in der Ewigkeit, sondern es ist in der Zeit aus dem Element durch die Anzündung des Schöpfungsworts geboren. Deshalb ist es nun vergänglich und hat eine gewisse Zeitdauer und Ende. So hat auch diese Region in der Seele, nachdem sich das Lebenslicht angezündet hat, eine gewisse Lebenszeit bis es wieder vergeht. Und dieses Reich läßt den Menschen aufwachsen, gibt ihm die Qual-Qualitäten seiner Sitten mit dem Willen und Begehren zum Bösen und Guten, setzt ihn in Schönheit, Herrlichkeit, Reichtum und Ehren, macht aus ihm einen irdischen Gott, eröffnet ihm die großen Wunder in sich und läuft mit ihm ohne Bedacht bis an sein Ende der Lebenszeit. Dann scheidet es sich von ihm, und wie es dem Menschen zu seinem Leben geholfen hat, so hilft es ihm auch in den Tod und bricht sich von der Seele ab.

19.14. Zuerst brechen die vier Elemente vom Element ab, und so hört das Quellen im dritten Prinzip auf. Und das Schrecklichste ist, daß die vier Elemente in sich selber zerbrechen (bzw. zusammenbrechen), und das ist der Tod, wenn der Schwefelgeist, der von der Galle kommt und des Herzens Tinktur anzündet, erstickt, so daß dann die Tinktur mit dem wesentlichen Schatten des Menschen in den Äther geht und mit dem Schatten in der Wurzel des Elements stehenbleibt, von dem die vier Elemente geboren wurden und ausgingen. Und allein darin steht das Wehtun im Zerbrechen, weil von der Seele ein Haus der Qual-Qualitäten abgebrochen wird.

19.15. Wenn aber nun die Essenzen der Seele des ersten Prinzips so fest der Region dieser Welt zugeneigt waren, daß sie nur die Wollust dieser Welt mit zeitlicher Ehre, Macht und Pracht gesucht haben, dann hält die Seele mit den Essenzen aus dem ersten Prinzip die Sternenregion noch fest an sich, wie ihr liebstes Kleinod, und will darin leben. Weil sie aber nicht mehr die Mutter als die vier Elemente hat, so verzehrt sie sich mit der Zeit selbst in den Essenzen aus dem ersten Prinzip, und so bleiben die Essenzen des ersten Prinzips roh (bzw. ungestaltet).

19.16. Und darin steht nun das Fegefeuer! Oh du blinde Welt, kannst du nun etwas, dann hilf deiner Seele durch die strenge Pforte! Wenn sie hier nicht den Schlangentreter am Zügel hat, dann wird sie wohl im ersten Prinzip bleiben. Das war nun das große Leben und auch der große Tod, so daß die Seele in das eine (erste Prinzip) eingehen muß, das danach ihr ewiges Vaterland ist. Denn das dritte Prinzip fällt hinweg und verläßt die Seele, so daß sie es in Ewigkeit nicht mehr gebrauchen kann.

Vom Ausfahren der Seele

19.17. Wenn dann der Mensch sehr irdisch ist, dann hat er auch fast nur irdische Erkenntnis, weil er in den Toren der Tiefe nicht wiedergeboren wurde. So vermeint er immer, die Seele fahre im Absterben des Leibes nur zum Mund aus, und versteht nichts von ihren tiefen Essenzen über den Elementen (bzw. jenseits der vier äußerlichen Elemente). Wenn er einen blauen Strahl aus dem Mund des Menschen in seinem Sterben ausgehen sieht, von dem ein starker Geruch im ganzen Gemach entsteht, dann vermeint er, es sei die Seele.

19.18. Nein, lieber Verstand, sie ist es nicht. Denn sie wird nicht in den äußerlichen Elementen gesehen oder ergriffen, sondern es ist der Schwefelgeist, der Geist des dritten Prinzips. Gleich als würdest du eine Kerze auslöschen, davon ein Rauch und Gestank ausgeht, der vorher nicht war, als die Kerze brannte, so ist es auch hier: Wenn das Licht des Leibes zerbricht, dann erstickt der Schwefelgeist, und davon geht sein Dunst und tödlicher Gestank mit seinem quellenden Gift aus.

19.19. Versteh es recht! Es ist der Qual-Geist aus der Galle, der das Herz anzündet, davon das Leben rege wird, der erstickt, wenn die Tinktur im Herzblut erlischt. Die wahre Seele bedarf keiner solchen Ausfahrt, denn sie ist vielmal subtiler als der Schwefelgeist, obwohl sie während der Zeit des Leibes in einem Lebewesen sind.

19.20. Aber wenn sich der Geist von den vier Elementen abscheidet, dann bleibt die wahre Seele, die dem Adam eingeblasen wurde, in seinem Prinzip bestehen. Denn sie ist so subtil, daß sie durch nichts faßbar ist. Sie geht durch Fleisch und Knochen wie durch Holz und Steine und zerbricht keines von ihnen.

19.21. So kann sie nur gefaßt werden, wenn sie sich in der Zeit des Leibes mit Etwas verlobt (bzw. verbunden) hat, und wenn das nicht widerrufen wird, dann erfaßt sie dieses Wort und die ernste Zusage, davon hier billig geschwiegen wird (was uns hier gewöhnlich nicht bewußt wird). Ansonsten erfaßt sie nichts als ihr eigenes Prinzip, darin sie steht, sei es das Reich der Hölle oder des Himmels.

19.22. Sie fährt also nicht zum Mund aus, wie ein körperliches Wesen, denn sie ist roh (ungestaltet) ohne Leib und tritt alsbald mit dem Abscheiden der vier Elemente in das Zentrum in die Tore der Tiefe, und womit sie bekleidet wurde, das erfaßt sie und hält sie fest. Das ist ihr Schatz, wie Wollust, Macht, Ehre, Reichtum, Bosheit, Zorn, Lügen oder Falschheit dieser Welt, und diese Dinge erfaßt die strenge Macht der Essenzen aus dem ersten Prinzip durch den siderischen (astralen) Geist und hält sie fest. Dann inqualiert sie nach der Sternenregion damit, aber in seine eigene Gestalt kann es der Seelengeist nicht mehr bringen, sondern verbringt sein Gaukelspiel damit. Und weil in seinem Wurm keine Ruhe ist, so hängt sein Seelenwurm an seinem Schatz, wie Christus sagt: »Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.«

19.23. Darum ergibt es sich oft, daß man den Geist verstorbener Menschen umgehen sieht, auch reiten, oft in ganzer Feuers-Gestalt oder in anderer Unruhe, alles je nachdem, wie die Seele während der Zeit ihres Leibes bekleidet worden ist. Entsprechend ist auch danach ihre Qual-Qualität (bzw. „Eigenschaft“), und eine solche Gestalt nach ihrer Qual hat sie in ihrer Bildung auch nach dem Abscheiden des Leibes an sich und reitet also in solcher Gestalt in der Qual der Sterne, bis sich auch diese Qual verzehrt. Dann ist sie ganz roh (ungestaltet) und wird von keinem Menschen mehr gesehen. Sondern der tiefe Abgrund ohne Ende und Zahl ist ihr ewiges Wohnhaus, und ihre Werke, die sie hier getan hat, stehen in der Bildung ihrer Tinktur und folgen ihr nach.

19.24. Wie sie es hier gebacken hat, so muß sie es dort essen, denn alle Sünden stehen vor ihr in ihrer Tinktur. Wenn sie sich an das Himmelreich erinnern würde, das sie doch nicht erkennt und sieht, dann würde sie ihre Ursachen sehen, warum sie in solcher Qual ist, denn sie hat sich diese selber gemacht. Das sind die Tränen aller Beleidigten in ihrer Tinktur, und diese sind feurig, stechend und feindlich brennend, in sich selbst nagend, und bewirken in den Essenzen eine ewige Verzweiflung und einen feindlichen Willen gegen Gott. Und je mehr sie an Abstinenz (bzw. Abwehr) denkt, je mehr wächst der Nagewurm in sich selber.

19.25. Denn da ist kein Licht, weder von dieser Welt noch von Gott, sondern die Anzündung ihres eigenen Feuers in sich selber ist ihr Licht, das im schrecklichen Blitz des Grimms steht und in sich selber eine Anfeindung ist. Jedoch ist die Qual gar ungleich, je nachdem, wie sich die Seele hier beladen hat. Doch für eine solche Seele gibt es keinen Rat mehr, denn sie kann nicht in Gottes Licht kommen, auch wenn St. Petrus viele tausend Schlüssel auf Erden gelassen hätte, so schließt keiner mehr den Himmel für sie auf, denn sie ist vom Band Christus abgetrennt. So ist eine ganze Geburt zwischen ihr und der Gottheit, und es heißt wie beim reichen Mann: »Die von dort hinaufwollen, können es nicht. (Luk. 16.26)« Dies mag nun bezüglich einer unbußfertigen Seele verstanden sein, die so in Gleisnerei ohne (göttliche) Wiedergeburt vom Leib scheidet.

19.26. Entsprechend gibt es große Unterschiede zwischen den Seelen, und darum ist auch das Dahinscheiden sehr ungleich. Etliche werden durch wahre Buße und Reue ihrer Übeltaten durch ihren Glauben in das Herz Gottes gesetzt, die während ihres Leibes durch die Geburt Jesus Christus neugeboren wurden. Sie verlassen alsbald mit dem Zerbrechen des Leibes alles Irdische, legen auch die Sternenregion ab und fassen die Barmherzigkeit Gottes des Vaters in der freundlichen Liebe von Jesus Christus in ihre Essenzen des ersten Prinzips. Sie stehen bereits während ihres Leibes nach der Seele Essenzen, die sie vom Leiden und Tod Christi bekommen, in den Toren des Himmels, und ihr Abschied vom Leib ist ein freundlicher Eingang in das (heilige) Element vor Gott, in eine stille Ruhe, wo sie ohne Verlangen auf ihren (vollkommenen) Leib warten, wenn das Paradies wieder grünen wird, das der Seele gar wohl schmeckt, aber keine Qual hervorbringt, und bis der ursprüngliche Adam vor dem Fall wieder an ihr steht (bzw. verkörpert ist).

19.27. Diesen heiligen Seelen folgen auch ihre Werke nach, nämlich in ihrer Tinktur des Seelengeistes im heiligen Element, so daß sie sehen und erkennen, wieviel Gutes (bzw. Heilsames) sie hier gewirkt haben. Und es ist ihre höchste Lust und Begierde in ihrer Liebe, noch immer mehr Gutes zu wirken, obwohl sie ohne den paradiesischen Leib nichts bewirken können, den sie erst in der Wiederkunft bekommen werden, sondern ihre Qual-Qualität ist reine Lust und ein sanftes Wohlwollen.

19.28. Jedoch sollst du wissen, daß die Seelen der Heiligen nicht so ganz ohne Vermögen sind, denn ihre Essenzen sind aus der starken Macht Gottes, aus dem ersten Prinzip, auch wenn sie diese nun nicht gebrauchen, wegen ihrer großen Demut vor Gott. Während sie noch immer in stiller Ruhe mit großer Demut auf ihren Leib warten, so ist ihre Liebe und Lust doch so groß, daß sie zu manchen Zeiten bei den Gläubigen, die ihre Liebe und Begierde so fest in sie gesetzt hatten, auf Erden Wunder gewirkt haben. Damit hatte eine heilige Tinktur die andere gefangen, so daß durch den Glauben der Lebendigen solche Wunder geschehen sind, denn dem Glauben ist nichts unmöglich.

19.29. Und so ist es der Seele der Heiligen, die vom Leib geschieden ist, nicht schwer, dem starken Glauben eines Lebendigen zu erscheinen, denn der feste Glaube des Lebendigen, wenn er aus Gott geboren ist, erreicht auch das Himmelreich im heiligen Element, wo die abgeschiedenen Seelen ihre Ruhe haben.

19.30. Wenn nun die verstorbene oder abgeschiedene Seele hier in dieser Wett eine Leuchte und ein Verkündiger Gottes gewesen war und viele zur Gerechtigkeit bekehrt hat, dann erscheint sie auch für den lebendigen Heiligen, weil sie ihr Glaube so fest verbindet. Und es war nichts Schweres, wenn damals zur Zeit der Heiligen große Wunder geschahen, denn der Glaube der Lebendigen und die Liebe der Abgeschiedenen zu den lebendigen Heiligen haben diese in der starken Macht Gottes bewirkt. Und Gott hat es geschehen lassen, um die Völker zu belehren, damit sie die große Macht der Verstorbenen in Gott sehen können. Und auch, wie sie in einem anderen Reich lebendig sind, damit sie der Auferstehung der Toten gewisser sein können. Das alles geschah durch die großen Wundertaten der abgeschiedenen Seelen, die gewöhnlich alle wegen des Zeugnisses von Jesus entleibt worden waren, damit die Heiden und alle Völker doch sähen, was für eine Belohnung der Heilige hatte, wenn er sein Leben um des Zeugnisses Christi willen darbrachte. Und durch ihr Vorbild wurden dann auch viele Völker bekehrt.

19.31. Daß aber nun ein Babel der Verwirrung entstand und es schon so weit gekommen ist, daß man die verschiedenen Heiligen als Fürbitter für Gott anruft und ihnen göttliche Ehre antut, das ist nicht die Schuld der abgeschiedenen Heiligen Seelen, daß sie solches begehrten oder des Menschen Not vor Gott trügen, sondern des erdichteten Aberglaubens des falschen Antichristen, der darauf seinen Stuhl des überheblichen Stolzes aufgebaut hat. Und das nicht wie ein lebendiger Heiliger, der sich mit den Heiligen zu Gott neigt, sondern wie ein irdischer Gott. Er nimmt sich damit göttliche Allmacht, aber hat doch keine, sondern ist der geizige und überheblich stolze Widerchrist, der auf dem starken Tier dieser Welt reitet.

19.32. Denn die abgeschiedenen Seelen tragen unsere Not nicht vor Gott, denn Gott selbst ist uns näher als die abgeschiedenen Seelen. Wenn sie das tun sollten, dann müßten sie einen Leib haben und paradiesische Qualität im Aufsteigen und Wirken. Doch sie sind in stiller, demütiger und sanfter Ruhe und lassen unsere rauhe Not nicht in sich, sondern eine heilige Tinktur fängt wohl die andere zur Liebe und Lust. Denn sie machen aus ihrem Großfürsten Christus keinen verstockten Hörer, der nicht selber hören, sehen und fühlen kann, obwohl er doch seine Arme ausgebreitet und mit seinem Heiligen Geist unablässig ruft, um alle Menschenkinder zur Hochzeit einzuladen. Denn er will sie gern annehmen, sie sollen nur kommen.

19.33. Warum sollte dann eine Seele vor Christus treten und für einen lebendigen Anrufenden bitten? Christus selbst sieht und lädt doch die Menschen, und er selbst ist die Versöhnung des Zorns im Vater. Denn der Vater hat die Menschen dem Sohn gegeben, wie er selbst bezeugt: »Vater, die Menschen waren dein, und du hast sie mir gegeben. Und ich will, daß sie bei mir sind und meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. (Joh. 17.24)«

19.34. Oh du verirrte Babel, gehe weg vom Antichristen, und tritt mit bußfertigem Herzen und Gemüt vor deinen barmherzigen Bruder und Heiland aller Menschen! Er wird dich viel lieber erhören, als du zu ihm kommst. Tritt nur aus diesem bösen Babel in die neue Geburt, und laß dir das Reich dieser Welt nicht zu lieb sein, denn du bist doch nur ein Gast darin. Was hilft dir deine zerbrechliche Ehre von Menschen, die kaum einen Augenblick währt? Wirst du doch in der neuen Geburt viel größere Freude und Ehre bekommen, wenn sich die heiligen Seelen im Himmel und alle Engel mit dir erfreuen. Bedenke, was du für Freude im Herzen von Jesus Christus damit erweckst, so daß dir dann bald das teure Pfand des Heiligen Geistes gegeben wird. Damit bekommst du den Schlüssel zum Himmelreich, so daß du selbst aufschließen kannst. Oder meinst du, es sei nicht wahr? Versuche es nur mit ernstem Gemüt, dann wirst du die Wunder erfahren. Du wirst es selbst erkennen und gewiß ohne jeden Zweifel in deinem Gemüt sehen, aus welcher Schule dies geschrieben ist.

19.35. Nun denkt der Verstand: „Wenn der Seele alle ihre Werke, die sie hier gewirkt hat, in der Bildung nachfolgen, wie wird es dann sein, wenn eine Seele hier eine Zeitlang große Laster und Sünden gewirkt hat? Wird sie große Schande davon haben, weil es in der Bildung vor dem Augenschein steht?“

19.36. Das ist eine große Peitsche des Teufels, mit der er die Seele in den Zweifel zu treiben pflegt, so daß sie sich immer ihre große Sünde vor Augen stellt und an Gottes Gnade zweifelt.

19.37. Nun siehe, du liebe Seele, die vom Heiland Christus mit seinem Eingang in die Menschheit und mit seinem Eingang in den Abgrund der Hölle teuer erlöst und vom Reich des Teufels mit der Macht des Vaters abgerissen wurde sowie mit seinem Blut und Tod versiegelt und mit seinem Triumphfähnlein bedeckt: Alle die bösen oder guten Werke, die du gewirkt hast, folgen dir im Schatten nach, aber nicht im (gestalteten) Wesen und in der Quelle. Deshalb werden sie die heiligen Seelen im Himmel nicht verkleinern, die sich in die Wiedergeburt in Christus umgewandt haben, sondern sie werden ihr höchstes Glück darin sehen, daß sie in solcher großen Sündennot steckten und von ihrem Heiland Christus herausgezogen wurden. Es wird ein reines Sich-Freuen sein, daß sie vom Treiber der Sünden aus der großen Not erlöst sind und daß der Treiber gefangen ist, der sie Tag und Nacht in solchen Sünden gequält hatte.

19.38. Da werden sich alle heiligen Seelen und Engel in einer Liebe hoch erfreuen, daß die arme Seele aus solchen großen Nöten erlöst worden ist, und die große Freude wird beginnen, von der Christus sagt: »Über einen Sünder, der Buße tut, wird mehr Freude sein, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. (Luk. 15.7)« Und die Seele wird Gott loben, daß er sie aus diesen großen Sünden erlöst hat.

19.39. Damit geht das Lob Christi, seines Verdienstes, Leidens und Sterbens für die armen Seelen in Ewigkeit auf und ist wahrlich der Erlösten Braut-Gesang, der im Vater aufsteigt, wo sich die Seelen so hoch erfreuen, weil der Treiber mit seinem Anhang gefangen ist.

19.40. Und hier wird erfüllt, was König David singt: »Du wirst es sehen und dich freuen, wie es den Gottlosen vergolten wird. (Psalm 37.34)« Das heißt, wie der gottlose Treiber und Anzünder der Bosheit in seinem Gefängnis dafür gequält wird. Denn die abgewaschenen Sünden werden nicht im Himmel in Feuersgestalt erscheinen, wie im Abgrund der Hölle, sondern wie Jesaias sagt: »Wenn eure Sünden auch blutrot waren, wenn ihr umkehrt, sollen sie schneeweiß wie Wolle werden. (Jes. 1.18)« So werden sie in himmlischer Bildung stehen, dem Menschen zu einem Lobgesang und Dankpsalm für die Erlösung vom Treiber.

19.41. Wie nun das Abscheiden der Seele so unterschiedlich ist, so ist auch die Qual nach dem Abschied unterschiedlich, so daß freilich manche Seele eine geraume Zeit ein Fegefeuer hat, die mit großen Sünden befleckt und nie wahrhaft in die ernste Wiedergeburt getreten war, aber doch etwas davon hängenblieb. So ergeht es gewöhnlich denen, die hier mit zeitlicher Ehre und Macht beladen sind, wo manchmal eigene Gewalt für eigenen Nutzen als Recht gilt und die Bosheit als Richter wirkt und nicht die Weisheit. Hier lädt man viel auf die arme Seele, doch auch diese arme Seele wollte gern selig sein.

19.42. Da kommt der Mensch und betet vor Gott um Vergebung der Sünden, aber der Fuchs hängt hinten an seinem Mantel: Er will gerechtfertigt sein, doch seine Ungerechtigkeit steckt tief im Abgrund, und die läßt ihn nicht in die neue Wiedergeburt, denn sein Geiz hat ihn zu sehr besessen. Sein falsches Babel durch die Meinung des Antichristen läßt ihn nicht zu wahrer und ernster Bekehrung kommen. Sie schließt die Pforten der Liebe zu, und der Geist dieser Welt in der körperlichen Sucht bleibt zu allen Zeiten bestimmend.

19.43. Auch wenn das Sterbestündlein kommt, das Gewissen aufwacht und die arme Seele in großer Furcht vor der Höllenqual zittert, dann wollte man gern selig sein, doch es ist wenig Glauben da, sondern viel Ungerechtigkeit, Falschheit und Wollust des irdischen Lebens, und der Armen Seufzer und Tränen stehen hart davor, und der Teufel liest dem Gemüt das Buch seines Gewissens vor. So steht dann auch die wollüstige Welt davor und wollte gern länger leben. Man sagt zwar zu, seinen Weg in die Abstinenz zu führen, denn sein Gemüt neigt sich ja etwas zu Gott, aber seine Sünden schlagen das wieder nieder, und so erheben sich große Zweifel und Unruhe. Jedoch ergreifen manche den Heiland noch an einem Faden.

19.44. Und wenn nun der Tod kommt und Leib und Seele voneinander scheidet, dann hängt die arme Seele am Faden und will nicht nachlassen. Aber ihre Essenzen stecken noch fest in Gottes Zorn, die Qual der großen Sünden quälen sie, und der Faden des Glaubens in der neuen Geburt ist gar schwach. Man soll nun durch die Tore der Tiefe, durch das Leiden und den Tod Christi und durch das Reich der Hölle zu Gott eindringen, aber die Hölle hat noch ein mächtiges Band an der Seele, denn die Falschheit ist noch nicht abgewaschen.

19.45. Da spricht der Bräutigam: „Komm!“ Aber die arme Seele antwortet: „Ich kann noch nicht, denn meine Lampe ist noch nicht geschmückt.“ Jedoch hält sie den Heiland am Faden und stellt ihre Imagination durch den Faden des Glaubens und der Zuversicht in das Herz Gottes, wo sie doch schließlich aus der Verwesung durch das Leiden Christi freigekauft wird.

19.46. Doch was ihre Verwesung ist, das begehrt meine Seele nicht mit ihnen zu teilen, denn es sind ihre grauenhaften Sünden, die im Zorn Gottes entzündet sind. Darin muß die arme Seele baden, bis sie durch ihren kleinen Glauben in die Ruhe kommt. Doch ihre Verklärung (bzw. Erleuchtung) wird den wahrhaft geborenen Heiligen in Ewigkeit nicht gleich. Wenn sie auch aus der Hölle erlöst werden und die himmlische Freude genießen, so steht doch die größere Freude in der ernsten Wiedergeburt, darin Paradies, Kraft und Wunder aufgehen.

19.47. Und so werden dich deine weltliche Pracht und Herrlichkeit sowie Schönheit und Reichtum nicht vor Gott erheben, wie du hoffst, auch dein hier gehabtes Amt nicht, seist du auch König oder Priester. Denn du mußt durch den Heiland neugeboren werden, willst du im Himmel schön sein. Du mußt zur Gerechtigkeit führen, dann wirst du mit deinem Amt vor Gott leuchten wie des Himmels Glanz, und deine Werke werden dir nachfolgen. Oh Mensch, bedenke dich hierin!

19.48. Was soll ich nun von dir schreiben, du irdische Babel? Ich muß dir gleichwohl den Grund zeigen, damit deine Heuchelei zum Licht gebracht werde und der Teufel nicht so in Engelsgestalt stehe und im wollüstigen Reich dieser Welt ein Gott im Menschen sei, wie es sein höchstes Trachten ist.

19.49. Siehe, du nennst dich einen Christen und rühmst dich, ein Kind Gottes zu sein. Das bekennest du zwar mit deinem Mund, aber dein Herz ist ein Mörder und Dieb. Du trachtest nur nach weltlicher Ehre und Reichtum, aber wie du diese an dich bringst, danach fragt dein Gewissen nicht. Du hegst wohl einen Willen, irgendwann einmal in ernste Buße zu gehen, aber der Teufel hält dich, so daß du es niemals tust. Du sagst „Morgen!“, und das währt immerfort, und du denkst: „Hätte ich meinen Kasten voll, dann wöllte ich ein frommer Mensch werden, wenn ich nur zuvor genug hätte, so daß ich danach keinen Mangel leiden müßte!“ Das treibst du bis an dein Lebensende, das dir der Teufel noch weit in die Zukunft malt.

19.50. Indes verzehrst du dem Elenden seinen Schweiß und sein Blut und sammelst alle seine Not und Klagen in deiner Seele an. Du nimmst ihm seinen Schweiß und treibst damit deinen überheblichen Stolz, aber dein Tun soll man für heilig halten. Du ärgerst den Elenden, daß er an dir und deinem Tun auch leichtfertig wird, und tut, was vor Gott ungerecht ist. Er verflucht dich und verdirbt sich auch selbst damit. So wird Gräuel aus Gräuel geboren, und du bist die erste Ursache dafür. Und wenn du dich auch noch so ehrlich und weise darstellst, so ist doch der Treiber immer vor dir und du bist die Wurzel aller Sünden.

19.51. Auch wenn du betest hast du dein finsteres Kleid an, das nur mit Lastern, Wucher, Geiz, Hochmuth, Unzucht, Hurerei, Zorn, Neid und Diebstahl besudelt ist, also mörderisch, neidisch und boshaft. Du rufst zu Gott, daß er dich erhören soll, aber du willst doch diesen (tierischen) Pelz nicht ausziehen. Meinst du, daß ein solcher Teufel in Gott eingeht, daß Gott einen so rauhen Teufel in sich läßt? Dein Gemüt steht in der Bildung einer Schlange oder eines Wolfes, Löwens, Drachens oder einer Kröte. Was du zierlich darstellst, ist schlimmer als ein listiger Fuchs. Wie deines Herzens Wille und Qual ist, so steht auch deine Bildung, und eine solche Gestalt hat deine Seele. Meinst du, du kannst ein solches Tierwesen in das Reich Gottes einführen?

19.52. Wo ist deine Bildung nach Gott? Hast du sie nicht zu einem scheußlichen Wurm und Tier gemacht? Oh, du gehörst nicht in das Reich Gottes, du werdest denn neugeboren, so daß deine Seele in der Bildung Gottes erscheint. Denn dann ist Gottes Barmherzigkeit über dir, und das Leiden Christi deckt alle deine Sünden zu.

19.53. Wenn du aber in deiner Tiergestalt bis ans Lebensende beharrst, und dann vor Gott stehst und ihm gute Worte gibst, damit er dein Tier in den Himmel aufnehmen soll, obwohl doch kein Glaube in dir ist, sondern dein Glaube ist nur eine historische Wissenschaft von Gott, wie der Teufel das auch wohl weiß, dann bist du nicht am Band von Jesus Christus angeknüpft, und so bleibt deine Seele im Wurm und Tier und trägt keine göttliche Bildung. Und wenn sie vom Leib scheidet, dann bleibt sie im ewigen Fegefeuer und erreicht nimmermehr die Tore der Durchbrechung.

Die ernste Pforte vom Fegefeuer

19.54. Da spricht der Verstand: „Kann denn eine Seele aus dem Fegefeuer durch menschliche Fürbitte nicht freigekauft werden?“ Nun, damit hat der Antichrist viel Gaukelspiel getrieben und sein Reich darauf gebaut. Aber ich werde dir den Sinn und Zweck weisen, im Licht der Natur hocherkannt.

19.55. Die menschliche Fürbitte haftet nur so weit, sofern die Seele am Faden der Wiedergeburt hängt und nicht ganz ein Wurm oder Tier geworden ist. Dann kann sie mit Begierde zu Gott eindringen. Und wenn es wahre Christen sind, die da ernstlich in der neuen Geburt stehen und ihr Seelengeist am Faden des Bandes mit der armen Seele verbunden ist, und er in seiner inbrünstigen Liebe mit der armen Seele und für die arme Seele zu Gott eindringt, dann hilft er ja der armen und gefangenen Seele, zu ringen und die Ketten des Teufels zu zersprengen.

19.56. Vor allem, wenn dies vor dem Abscheiden der armen Seele vom Leib geschieht, besonders zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern und Blutsfreunden, denn in ihnen inqualieren ihre Tinkturen (besonders stark), weil sie von einem Geblüt geboren wurden. Und so geht ihr Geist viel williger in diesen großen Kampf, siegt auch eher und mächtiger als mit Fremden, sofern sie nur in der neuen Geburt stehen. Denn ohne diese wird nichts gewonnen, denn kein Teufel zerbricht den anderen.

19.57. Wenn aber die Seele des Sterbenden vom Band Jesus Christi völlig getrennt ist und den Faden nicht durch sich selbst mit ihrem eigenen Einbringen erreicht, dann hilft auch das Gebet der Umstehenden nichts. Sondern es geht ihnen, wie Christus zu seinen siebzig Jüngern sagte, die er aussandte: »Wenn ihr in ein Haus geht, dann grüßt sie. Ist nun ein Kind des Friedens in diesem Haus, dann wird euer Friedensgruß auf ihm ruhen. Wenn nicht, dann wird euer Friedensgruß wieder zu euch zurückkommen. (Matth. 10.12)« Und so bleibt ihr herzlicher Liebewunsch, um zu Gott ernstlich einzudringen, wieder bei den Gläubigen, die sich ihres Freundes Seele so herzlich annehmen.

19.58. Was aber das Pfaffen-Gedicht von der Seelenmesse anbelangt, die sie ohne Andacht und ohne herzliches Eindringen zu Gott, um des Geldes willen tun, das ist alles falsch und steht in Babel. Es hilft der Seele wenig oder nichts. Denn es muß reiner Ernst sein, um mit dem Teufel zu kämpfen. Dazu mußt du gut gewappnet sein, denn du ziehst gegen einen Fürsten in den Kampf. Und so siehe zu, daß du in deinem rauhen Körper-Kleid nicht selber niedergeschlagen wirst.

19.59. Ich sage nicht, daß ein wahrhaft Gläubiger in der neuen Geburt einer Seele, die in den Toren der Tiefe zwischen Himmel und Hölle schwebt, mit seiner ernsten Ritterschaft nicht zu Hilfe kommen könne. Er muß aber scharf gewappnet sein, denn er hat mit Fürsten und Gewaltigen zu tun, sonst werden sie seiner spotten. Wie dann gewiß geschieht, wenn der Pfaffe mit seinem weißen und strahlenden Kleid voller Brunst zwischen Himmel und Hölle tritt und mit dem Teufel fechten will.

19.60. Oh höre, Pfaffe! Es gehört kein Geld oder Gut dazu, auch keine selbsterwählte Heiligkeit. Es ist ein gar teurer Ritter, welcher der armen Seele beisteht. Wenn sie in dem nicht siegen kann, hilft ihr auch deine ganze Heuchelei nichts! Du nimmst Geld und hältst für alle Messe, ob sie im Himmel oder der Hölle sind. Du fragst nicht einmal danach, und bist dir dessen auch ganz ungewiß, ohne daß du dir wie ein steter Lügner vor Gott erscheinst.

19.61. Daß man aber der Seele bisher eine solche scharfe Erkenntnis nach des Leibes Abscheiden zugetraut hat, das kommt ganz darauf an, wie sie gewappnet ist. Ist sie hier in diesem Leib in die neue Geburt eingetreten und mit ihrem edlen Ritter durch die Tore der Tiefe selbst zu Gott eingedrungen, so daß sie die Krone der hohen Weisheit von der edlen Weisheit der schönen Jungfrau erlangt hat, dann hat sie wohl große Weisheit und Erkenntnis, auch über die Himmel, denn sie ist im Schoß der Jungfrau, durch welche die ewigen Wunder Gottes eröffnet werden. Sie hat auch große Freude und Klarheit über die Himmel des Elements, denn der Glanz der heiligen Dreifaltigkeit leuchtet aus ihr und verklärt (bzw. erleuchtet) sie.

19.62. Aber daß man einer Seele so große Erkenntnis zumessen will, die kaum und schließlich nur mit großer Not vom Band des Teufels loskommt, die sich in dieser Welt wenig um göttliche Weisheit gekümmert hat, sondern nur nach Wollust getrachtet, und die in dieser Welt vom Heiligen Geist niemals gekrönt worden ist, das ist nichtig. Doch Christus spricht auch: »Die Kinder dieser Welt sind in ihrem Geschlecht klüger als die Kinder des Lichts. (Luk. 16.8)«

19.63. Denn wenn die Seele vom Band des Teufels loskommt, dann lebt sie in Sanftmut und großer Demut in der Stille des Elements, ohne Aufsteigen des Wirkens. Sie wird keine Wunderzeichen tun, sondern sie demütigt sich vor Gott. Nur bei den hochteuren ritterlichen Seelen ist es möglich, Wunder zu tun, denn sie haben große Erkenntnis und Kraft, obwohl sie alle in demütiger Liebe vor Gottes Angesicht erscheinen und keine Mißgunst unter ihnen ist.

Die rechte Pforte des Eingangs in Himmel oder Hölle

19.64. Der Verstand sucht immer das Paradies, das er verlassen hat, und fragt: „Wo ist denn die Stätte der Ruhe der armen Seele? Wo kommt sie hin, wenn sie vom Leib scheidet? Fährt sie weit weg, oder bleibt sie hier?“

19.65. Es ist wohl so, daß wir in unserer hohen Erkenntnis nur schwer verstanden werden können. Denn wenn eine Seele solches schauen will, dann muß sie in die neue Geburt eingehen, sonst steht sie hinter der Decke und fragt immer: „Wo ist der Ort?“

19.66. Wir wollen es trotzdem darstellen, für die Blüte der Lilie, weil dann der Heilige Geist im Wunder manche Pforte eröffnen wird, was man jetzt für unmöglich hält, da in der Welt niemand (wahrhaft) daheim ist, sondern alle in Babel leben.

19.67. Wenn wir nun so von unserem lieben Vaterland reden wollen, aus dem wir mit Adam ausgewandert sind, und vom Ruhe-Häuslein der Seele sprechen, dann müssen wir unser Gemüt nicht weit in die Ferne schwingen, denn Weit und Nah ist in Gott alles Eins. Denn überall ist die Stätte der heiligen Dreifaltigkeit, überall in dieser Welt ist Himmel und Hölle, und auch überall wohnt der Mensch Christus. Denn er hat das Zerbrechliche abgelegt, den Tod und das Zeitliche verschlungen und lebt allein in Gott. Sein Leib ist das Wesen des (heiligen bzw. ganzheitlichen) Elements, das aus dem Wort der Barmherzigkeit seit Ewigkeit aus den Toren der Tiefe geboren wird. Es (das heilige Element) ist die Wonne, wo die Schärfe Gottes die Finsternis zersprengt und die ewige Kraft im Wunder erscheint, und es ist die Tinktur der Gottheit, die vor Gott ist und aus der die Kräfte der Himmel geboren werden. Sein Name ist wunderbar, und die irdische Zunge nennt ihn nicht.

19.68. Daraus war auch Adams Leib erschaffen, und dafür ist die ganze Welt durch das Element aus dessen Ausgang gemacht. So ist nun diese Pforte überall, denn das Allerinnerste ist auch das Alleräußerste, und das Mittelste ist das Reich Gottes. Die äußere Welt hängt am Alleräußersten und ist doch nicht das Äußerste, sondern der Grund der Hölle ist das Äußerste. Und keines begreift das andere, obwohl sie doch ineinander sind, und keines wird im anderen gesehen, aber die Qual (bzw. Qualität) wird gespürt.

19.69. Denn wie wir in dieser Welt sehr wohl die Kraft des Himmelreichs in allen Dingen spüren, so spüren wir auch die Kraft der Hölle in allen Dingen. Und doch wird das Ding von keinem verletzt (es gibt keine Wechselwirkung zwischen ihnen), die nicht aus einem Einigen (Ganzheitlichem) geboren wurden.

19.70. So wurde auch die Seele des Menschen in den Pforten der Durchbrechung aus dem Äußeren in das Innere geboren, aber ist aus dem Inneren in die Ausgeburt des Inneren in das Äußere ausgegangen, und sie muß wieder in das Innere eingeben. Wenn sie im Äußeren bleibt, dann ist sie in der Hölle, in der tiefen großen Weite ohne Ende, wo sich entsprechend dem Inneren die Qual gebiert und in sich selbst im Äußeren ausgeht.

19.71. Die Qual in der Zersprengung aus dem Äußeren in das Innere ist die Schärfe und Allmacht des Himmelreichs über das Äußere. Das Äußere ist das ewige Band, und das Innere ist die ewige Kraft und das Licht (des Bewußtseins), das nicht vergehen kann. Also ist Gott Alles in Allem, und es hält oder erfaßt ihn doch nichts, und er ist in nichts eingesperrt.

19.72. Darum braucht die Seele keine weite Fahrt, wenn sie vom Leib scheidet. Denn dort, wo der Leib stirbt, sind Himmel und Hölle, auch Gott und Teufel, aber ein jedes in seinem Reich. Das Paradies ist auch da, und die Seele muß nur durch die tiefen Tore ins Zentrum eingehen. Ist sie heilig, dann steht sie in der Pforte des Himmels, und wenn sie nur der irdische Leib vom Himmel abgehalten hat, der nun zerbricht, dann ist sie schon im Himmel und bedarf keiner Aus- oder Einfahrt, denn Christus hat sie im Arm. Denn wenn die vier Elemente zerbrechen, da bleibt die Wurzel derselben, und das ist das heilige Element. In diesem steht der Leib Christi und auch das Paradies in der aufsteigenden Freuden-Qual, und das Element ist die sanfte und stille Wonne.

19.73. Entsprechend geht es dem Verdammten. Wenn der Leib zerbricht, dann bedarf die Seele keiner Ausfahrt oder weiten Entweichung. Sie bleibt am Äußersten ohne die vier Elemente in der Finsternis und der Angst-Qual. Ihre Qual ist nach dem Licht, und ihr Aufsteigen ist ihre Selbst-Anfeindung. Und so steigt sie immerfort über die Throne der Gottheit auf, aber findet sie ewig nicht, sondern reitet in ihrem überheblichen Stolz über die Throne in ihrem eigenen Spiel mit der starken Macht des Grimms, darüber du in der Beschreibung des Jüngsten Gerichts Ausführliches finden wirst.


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