Die drei Prinzipien

(Text von Jacob Böhme von 1619, deutsche Überarbeitung 2021)

13. Kapitel - Die Erschaffung des Weibes

Von Erschaffung des Weibes aus Adam. - Die fleischliche, elende und finstere Pforte.

13.1. Vor Unmut mag ich es kaum schreiben. Weil es aber nicht anders sein kann, so wollen wir derweil der Weiber Kleid tragen, aber in der Jungfrau leben. Und wenn wir auch viel Trübsal in der Weiblichkeit empfangen, so wird uns doch die Jungfrau wohl ergötzen. Wir müssen uns also mit der weltlichen Weiblichkeit abschleppen, bis wir sie ins Grab schicken. Dann soll sie nur noch ein Schatten und Bild sein, und die Jungfrau soll unsere Braut und werte Krone sein. Sie wird uns ihre Perle und schöne Krone geben und uns mit ihrem Schmuck kleiden. Dazu wollen wir es wagen (darüber zu schreiben), um der Lilie willen, auch wenn wir damit großen Sturm erwecken werden. Denn wenn uns der Antichrist auch das (weltliche) Weib entreißen kann, so muß uns doch die (göttliche) Jungfrau bleiben, denn wir sind mit ihr vermählt. Ein jedes nehme nur das seine, so bleibt mir das meine.

13.2. Als nun Adam im Garten Eden ging und die drei Prinzipien in Adam solchen Streit führten, wurde seine Tinktur ganz müde und die Jungfrau entwich, denn der Lustgeist dieser Welt hatte Adam überwältigt, und darum sank er in einen tiefen Schlaf nieder. Zu dieser Stunde wurde sein himmlischer Leib zu Fleisch und Blut und seine starke Kraft zu Knochen. Da ging die Jungfrau in ihren Äther und Schatten, aber in den himmlischen Äther in das Prinzip der Kraft, und wartet dort auf alle Adamskinder, ob sie jemand durch seine neue Geburt wieder zur Braut annehmen will.

13.3. Was sollte nun Gott tun? Er hatte Adam aus seinem ewigen Willen geschaffen. Doch weil es nun nicht sein konnte, daß Adam die Jungfrau auf paradiesische Art aus sich selbst geboren hatte, so machte Gott das Schöpfungswort der großen Welt zu einem Mittel. Denn Adam war nun dem Schöpfungswort wieder anheimgefallen, als eine halbzerbrochene (halbvergängliche) Person, weil er durch seine Lust und Imagination halb getötet war. Sollte er nun leben, so mußte ihm Gott wieder raten. Sollte er ein Reich gebären, so mußte nun ein Weib zur Fortpflanzung dienen, wie bei allen anderen Tieren. Denn das englische Reich in Adam war weg, und so mußte es nun ein Reich dieser Welt werden.

13.4. Was tat nun Gott mit Adam? Moses spricht: »Als Adam einschlief, nahm er eine seiner Rippen und baute ein Weib daraus (aus der Rippe, die er von dem Mann nahm) und schloß die Stätte mit Fleisch zu. (1.Mose 2.21)« Nun hat Moses gar recht geschrieben, aber wer könnte ihn hier verstehen? Wenn ich nicht den ersten Adam in seiner Jungfrauen-Gestalt im Paradies kennen würde, dann blieb ich dabei und wüßte nichts anderes, als daß Adam aus einem Erdklumpen zu Fleisch und Blut gemacht worden wäre und sein Weib Eva aus seiner Rippe und harten Knochen. Doch das kam mir früher schon sehr wunderlich vor, als ich die Glossen über Moses gelesen hatte, was Hochgelehrte so geschrieben haben. Manche wollen immer noch von einer Erdengrube im Morgenland sprechen, aus der Adam herausgenommen und gemacht worden sei, wie der Töpfer einen Topf oder Hasen macht.

13.5. Doch gut, daß ich die Schrift betrachtet hatte, die da sagt: »Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch. (Joh. 3.6)« Oder: »Das Fleisch und Blut soll das Himmelreich nicht erben. (1.Kor. 15.50)« Oder: »Niemand fährt gen Himmel als des Menschen Sohn, der vom Himmel (als die reine Jungfrau) gekommen ist und der im Himmel ist. (Joh. 3.13)« Dazu half mir wohl, daß das Kind der Jungfrau der Engel der Wiederbringung von dem war, was in Adam verloren wurde. Denn Gott brachte im jungfräulichen Leib der Frau das Kind der Jungfrau wieder hervor, das eigentlich Adam gebären sollte. Und hätte ich nun den Text von Moses nicht betrachtet, da Gott sprach »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Wir wollen ihm einen Gehilfen machen.«, dann steckte ich wohl immer noch im Willen des Weibes.

13.6. Denn dieser Text besagt: »Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war alles sehr gut.« Ist es nun in der Schöpfung gut gewesen, so muß es doch böse geworden sein, so daß Gott dann sprach: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.« Hätte sie Gott mit tierischer Fortpflanzung wie bei allen Tieren haben wollen, er hätte wohl gleich Mann und Frau geschaffen. Daß aber Gott einen Ekel daran hatte, zeigt wohl auch das erste Kind des Weibes, nämlich Kain der Brudermörder, auch zeigt es der Fluch über die Erde. Ach, was soll ich Raum und Zeit mit diesem Zeugnis vertun! Wird doch der Beweis klar und deutlich folgen, denn es ist nicht allein aus der Schrift zu beweisen, selbst wenn eine Decke darüber liegt, sondern auch an allen Dingen, wenn wir uns genug Raum und Zeit nehmen wollten, was aber eine vergebliche (und endlose) Arbeit wäre.

13.7. Da fragt nun der Verstand: „Was bedeuten denn Moses Worte vom Weib?“ Dazu sagen wir: Moses hat wahrhaft geschrieben, aber ich verstand es nicht wahrhaft als ich in der Weiblichkeit lebte. Moses hatte wohl ein verklärtes (klares und erleuchtetes) Angesicht, aber er mußte eine Decke davorhängen, so daß man ihm nicht ins Angesicht sehen konnte. Als aber der Sohn der Jungfrau als Jungfrau kam, der nahm die Decke weg und sah ihm ins Angesicht. So fragt auch der Verstand: „Was war die Rippe aus Adam, die zum Weibe wurde?“

13.8. Die Pforte der Tiefe: Siehe! Uns zeigt die Jungfrau: Als Adam überwältigt war und die Jungfrau in ihren Äther einging, da wurde die Tinktur, darin die schöne Jungfrau wohnte, irdisch, müde, matt und schwach. Denn die kräftige Wurzel der Tinktur, davon sie ihre Mächtigkeit ohne jeden Schlaf oder Ruhe als die himmlische Matrix hatte, die Paradies und Himmelreich hält, entwich in Adam und ging in ihren Äther (ihren Raum bzw. ihre Quintessenz).

13.9. Lieber Leser, verstehe es recht: Mit der schönen Jungfrau ist nicht die Gottheit zerbrochen und zu Nichts geworden, denn das kann nicht sein. Sie ist nur im göttlichen Prinzip geblieben, und der Geist oder die Seele Adams ist mit seinem eigentümlichen Wurm im dritten Prinzip dieser Welt geblieben. Aber die Jungfrau als die göttliche Kraft (der ganzheitlichen Weisheit) steht im Himmel und Paradies und spiegelt sich in der irdischen Qualität der Seele, wie in der Sonne und nicht im Mond, das heißt, im höchsten Prinzip des Geistes dieser Welt, wo die Tinktur am edelsten und hellsten ist, und wo des Menschen Gemüt entsteht.

13.10. Und sie wollte gern wieder in ihr Reich zu ihrem Bräutigam, wenn nur nicht das irdische Fleisch mit dem irdischen Gemüt und den Sinnen im Weg wären. Denn in diese geht die Jungfrau nicht, denn sie läßt sich nicht im irdischen Zentrum binden. In ihrer Spiegelung verbringt sie die ganze Zeit mit Verlangen und viel Rufen, Ermahnen und inbrünstigem Sehnen, solange das Weib an ihrer Statt lebt. Aber dem Wiedergeborenen erscheint sie in höchst triumphierender Gestalt im Zentrum des Gemüts und vertiefet sich auch oft bis in die Tinktur des Herzens, dem Geblüt, davon der Leib mit Gemüt und Sinnen so höchst erregt und triumphierend wird, als wäre er im Paradies, und er bekommt auch alsbald einen paradiesischen Willen.

13.11. Hier wird nun das edle Senfkörnlein gesät, davon Christus sagt, daß es zuerst klein ist und danach wie ein Baum wächst, sofern das Gemüt im (göttlichen) Willen beharrt. Aber die edle Jungfrau verharrt hier nicht beständig, denn ihre Geburt ist viel höher, und darum wohnt sie nicht in irdischen Gefäßen (bzw. Körpern), sondern sie besucht ihren Bräutigam ab und zu, wenn er auch nach ihr begehrt. Obwohl sie ihm mit Ehrerbietung immer zuvorkommt und ihn mehr ruft, als er sie, welches allein in der Lilie verstanden wird, sagt der hochteure Geist ohne Scherz. Darum merkt auf, ihr Kinder Gottes, denn der Engel des großen Rats kommt in Joschafats Tal mit einer goldenen Bulle (Urkunde), und die verkauft er für Öl (frommes und achtsames Bewußtsein) ohne Geld. Wer dazu kommt, den trifft es.

13.12. Als nun die Tinktur durch die Überwältigung vom Geist der großen Welt fast irdisch und ohnmächtig geworden war, konnte sie nicht mehr himmlisch gebären, und war so von Ohnmacht besessen, daß nun der Rat Gottes hier entstand, der sprach: »Weil er irdisch geworden ist und es nicht vermag, so wollen wir ihm einen Gehilfen machen!« Und das Schöpfungswort stand im Zentrum und schied die Matrix vom Limbo (den Mutterleib vom Samen), und das Schöpfungswort erfaßte eine Rippe in der Mitte von Adam aus seiner rechten Seite und schuf das Weib daraus.

13.13. Nun mußt du aber klar verstehen: Als dieses Schöpfungswort zur Schöpfung in Adam kam und er schlief, da war sein Leib noch nicht so zu harten Knochen und Gebeinen geworden, wie jetzt. Oh nein, das geschah erst, als Mutter Eva in den Apfel biß und auch Adam davon gab. Allein die Infizierung und der irdische Tod steckten schon mit der Sucht und der tödlichen Krankheit darin, aber die Knochen und Rippen waren noch Stärke und Kraft. Und so wurde Eva aus der Stärke oder Kraft geschaffen, daraus die knöcherne Rippe werden sollte.

13.14. Du mußt aber wohl verstehen, daß sie nicht wie ein eigener Geist herausgezogen wurde, sondern im ganzheitlichen Wesen. Man kann auch sagen, daß Adam einen Riß bekommen hat (bzw. zerrissen wurde), und das Weib trägt Adams Geist, Fleisch und Gebein, aber innerhalb des Geistes ist etwas unterschieden worden. Denn das Weib trägt die Matrix und Adam den Limbus oder Mann. Aber die zwei sind ein Fleisch und in der Natur ungetrennt, denn beide können nur vereint einen Menschen gebären, was zuvor einer allein konnte.

13.15. Eine liebliche Pforte: Wenn wir hier von der Zertrennung Adams schreiben, erinnert uns der Geist auch an ein geheimes Mysterium von Adams Rippe, die ihm das Schöpfungswort genommen und ein Weib daraus gemacht hatte, und welche Adam danach entbehren mußte. Denn der Text im Buch Moses sagt zu Recht: »Gott habe die Stätte mit Fleisch verschlossen. (1.Mose 2.21)«

13.16. Der Grimm der Schlange hat dies nun zuwege gebracht, daß Adam in die Lust gefallen war. Doch gleichwohl muß der Vorsatz Gottes bestehenbleiben, und Adam muß am Jüngsten Tag ganz unzerbrochen (ganzheitlich) im ersten Bild wieder auferstehen, wie er war geschaffen wurde. Aber nun haben es Schlange und Teufel zuwege gebracht, daß ein solcher Riß in ihm entstanden war. So zeigt uns der Geist, wie wenig dem Wurm oder Seelengeist geraten werden konnte, daß die Jungfrau käme und dann in den Tod, in den Wurm und in den Abgrund des Seelengeistes ginge (der dann in seinem Abgrund der Hölle und grimmigen Zorn die Pforte Gottes erreicht) und ihn (Adam) zu einer neuen Kreatur im ersten Bildnis neu gebäre, was erst in Christus als Sohn der Jungfrau geschehen ist.

13.17. So wenig konnte auch Adams Rippe und die geöffnete Seite an dieser Stelle zu seiner Vollkommenheit geraten, bis sich dann der neue Adam aus der Jungfrau an dieser Stelle verwunden ließ, so daß sein teures Blut dem ersten Adam wieder zur Hilfe käme und seine aufgebrochene Seite wieder geschlossen werden sollte. So sprechen auch wir, und geben unsere teure Erkenntnis, welche wir, wenn wir vom Leiden und Sterben Christi, dem Sohn der Jungfrau, schreiben werden, dermaßen erklären wollen, daß die durstige Seele einen Quellbrunnen finden soll, welches dem Teufel wenig Nutzen sein wird.

Vom Weibe

13.18. Der Verstand spricht: „Wenn Eva nur aus einer Rippe aus Adam erschaffen wurde, so muß sie doch viel geringer sein als Adam.“ Nein, lieber Verstand, so ist es nicht. Das Schöpfungswort, als ein scharfes Anziehen, hat aus allen Essenzen und Eigenschaften von Adam genommen, aus jeder Kraft. Aber mehr wesentliche Glieder hat es ihm nicht genommen, denn das Bild sollte im Limbus ein Mensch auf männliche Art sein, aber nicht mit dieser Ungestalt (wie heute). Verstehe es recht im Grunde: Er sollte sein und war auch ein Mann, aber hatte ein jungfräuliches Herz, ganz züchtig in der Matrix.

13.19. Daß aber Eva gewiß aus allen Essenzen Adams erschaffen worden ist und Adam dabei einen großen Riß bekommen hat, und gleichwohl auch das Weib zu ihrer ganzen Vollkommenheit zum Bilde Gottes entstand, bestätigt mir abermals das große Mysterium. Denn die Jungfrau (der Weisheit) bezeugt ganz treulich, daß sich der Sohn der Jungfrau in der Wiedergeburt nicht nur in seine Seite stechen ließ und sein Blut aus der geöffneten Seite vergossen hat, sondern er ließ auch seine Hände und Füße durchbohren, sich auf sein Haupt eine dornige Krone drücken und sich an seinem Leib auspeitschen, so daß überall Blut floß. So hoch hat sich der Sohn der Jungfrau vertieft, um dem kranken und zerbrochenen Adam und seiner schwachen und unvollkommenen Eva zu helfen, sie zu erbauen und in die ursprüngliche Herrlichkeit zurückzubringen.

13.20. Daran kannst du gewiß erkennen, daß Eva aus allen Essenzen Adams geschaffen worden ist, aber es wurden keine weiteren Rippen oder andere Glieder aus Adam herausgebrochen. Das deutet die Unvernunft und Schwachheit der Weiber an und auch das Gebot Gottes, der da sprach: »Dein Wille soll deinem Mann unterworfen sein, und er soll dein Herr sein. (1.Mose 3.16)« Weil nun der Mann bis auf eine Rippe ganz und vollkommen ist, so ist das Weib seine Gehilfin (auch symbolisch für die weltliche Natur), die um ihn ist und ihm helfen soll, sein Geschäft in Demut und Untertänigkeit zu treiben. Und der Mann soll erkennen, daß sie schwächer ist, aber aus seinen Essenzen besteht, und soll ihr in ihrer Schwachheit zu Hilfe kommen und sie lieben wie seine eigene Essenz. Dazu soll das Weib ihre Essenzen und ihren Willen dem Mann unterstellen und freundlich zu ihrem Mann sein, so daß der Mann eine Lust an seiner Essenz im Weibe habe, also daß die zwei eines Willens sind. Denn sie sind Ein Fleisch, Ein Bein und Ein Herz und gebären Kinder in Einem Willen, die weder dem Mann noch dem Weib gehören, sondern beiden zugleich, als wären sie aus Einem Leib. Und darum steht auch das strenge Gebot Gottes für die Kinder bei zeitlicher und ewiger Strafe, daß sie Vater und Mutter mit Ernst und Untertänigkeit ehren sollen. (2.Mose 20.12) Doch davon will ich im Kapitle zur Tafel von Moses noch mehr schreiben.

Von der Fortpflanzung der Seele, die edle Pforte

13.21. Das Gemüt hat also von der Welt her viel mit dieser Pforte zu tun und darin immer zu suchen gehabt, was ich in der Unlust zum Vielschreiben nicht alles erzählen will. Aber in der Lilie wird diese Pforte grünen wie ein Lorbeerbaum, denn ihre Zweige werden von der Jungfrau (der Weisheit) mit Saft ernährt, und darum sind sie grüner als der Klee und weißer als die Rosen, und den schönen Duft trägt die Jungfrau auf ihrem Perlenkranz, und dieser reicht bis ins Paradies Gottes.

13.22. Weil uns nun das Mysterium begegnet ist, so wollen wir die Blüte des Gewächses auch öffnen. Wir wollen aber unsere Arbeit nicht den Hunden, Wölfen und Schweinen geben, die in unserem Lustgarten wie Säue wühlen, sondern den Suchenden, auf daß der kranke Adam getröstet und die Perle gefunden werde.

13.23. Wenn wir nun die Tinktur erkunden, was sie in ihrem höchsten Grad sei, dann finden wir den Geist. Denn wir können nicht sagen, daß das Feuer die Tinktur sei, auch nicht die Luft. Denn das Feuer ist der Tinktur ganz zuwider, und so wird sie auch von der Luft erstickt. Sie ist gar eine liebliche Wonne. Ihre Wurzel, daraus sie geboren wird, ist ja das Feuer. Wenn ich aber ihren rechten Sitz nennen soll, wo sie sitzt, dann kann ich nichts anderes sagen, als daß sie zwischen den drei Prinzipien ist, nämlich zwischen dem Reich Gottes, der Hölle und dieser Welt, aber keines zum Eigentum hat. Sie wird auch durch alle drei geboren und besitzt scheinbar ein eigenes Prinzip, obwohl es doch kein Prinzip ist, sondern eine helle und liebliche Wonne. Sie ist auch nicht der Geist selbst, sondern der Geist wohnt in ihr, und sie renoviert (erneuert) den Geist, so daß er hell und sehend wird. Ihr wahrer Name ist wunderlich und niemand kann ihn nennen, als nur der, dem er gegeben ist. Aber der nennt ihn nur in sich selbst und nicht außerhalb von sich. Denn sie hat keine Stätte ihrer Ruhe in der Substanz, denn sie ruht immer in sich selbst, aber gibt allen Dingen Kraft und Schönheit, gleichwie der Sonnenglanz allen Dingen in dieser Welt Licht, Kraft und Schönheit gibt. Sie ist nicht das Ding selbst, aber wirkt in jedem Ding und läßt es wachsen und blühen. Und so wird sie auch wahrhaftig in allen Dingen gefunden und ist das Leben und Herz aller Dinge, aber sie ist nicht der Geist (der Gestaltung), der aus den Essenzen geboren wird.

13.24. In einem wohlriechenden Kraut ist die Tinktur die liebliche Süßigkeit und Güte der Blüte. Doch dessen Geist (der Gestaltung) ist bitter und herb, und wenn die Tinktur nicht wäre, dann würde das Kraut weder Blüte noch Geruch bekommen. So gibt sie auch allen Essenzen Kraft, damit sie wachsen. Also ist sie auch in Metallen und Steinen, läßt das Silber und Gold wachsen, und ohne sie wüchse nichts in dieser Welt. Sie ist eine Jungfrau unter allen Kindern in der Natur, denn sie hat noch niemals selbst etwas geboren. Sie kann auch nicht gebären, aber bewirkt, daß alles schwanger wird. Sie ist am allerheimlichsten und doch auch am alleroffensichtlichsten. Sie ist eine Freundin Gottes und eine Gespielin der Tugend. Sie läßt sich von nichts halten und ist doch in allen Dingen. Aber wo ihr gegen das Naturrecht geschieht, da flieht sie, und das mit Leichtigkeit. Sie steht nicht fest und ist doch unbeweglich. Denn sie vergeht nicht wie irgendwelche Dinge, die in der Wurzel der Natur stehen, so daß sie sich selbst nicht verändert oder verdirbt, und so bleibt sie. Sie legt keinem Ding eine Last auf, sondern erleichtert (und trägt) die Last in allen Dingen. Sie macht, daß sich alles freut, und gebiert doch kein Jauchzen, sondern die Stimme kommt aus den Essenzen und wird im Geist (der Gestaltung) hörbar.

13.25. Der Weg zu ihr ist gar nahe, aber wer ihn findet, darf ihn nicht offenbaren. Er kann auch nicht, denn es gibt keine Sprache, um sie zu benennen. Und wenn sie einer auch lange sucht, wenn sie nicht will, findet er sie auch nicht. Jedoch begegnet sie den Suchenden, die sie wahrhaft auf solche Weise suchen, wie sie selbst ist, nämlich mit einem jungfräulichen Gemüt, das nicht zum Geiz und zur Wollust neigt. Dann läßt sie sich durch den Glauben, wenn er in jungfräulicher Art wahrhaftig ist, in ein Ding einbilden, das sie eigentlich nicht ist (aber darin kann man sie erkennen). Sie ist mächtig und tut doch auch nichts. Wenn sie von einem Ding ausfährt, dann kommt sie nicht wieder hinein, sondern bleibt in ihrem Äther (der Quintessenz). Dort zerbricht und vergeht sie niemals, damit sie wieder hervorwächst.

13.26. So wirst du nun sagen: „Das muß Gott sein!“ Nein, es ist nicht Gott, sondern Gottes Freundin. Denn Christus spricht: »Mein Vater wirkt, und ich wirke auch. (Joh. 5.17)« Sie aber wirkt nicht und ist in einem Ding unempfindlich. Doch man kann sie vergewaltigen und gebrauchen, besonders in Metallen, denn hier kann sie aus Eisen und Kupfer reines Gold machen, wenn sie rein und lauter ist. Sie kann aus wenig viel machen, und treibt doch auch nichts. Ihr Weg ist so subtil wie die Gedanken des Menschen, und auch die Gedanken (des Körperbewußtseins) entstehen daraus.

13.27. Darum, wenn der Mensch schläft, so daß sie ruht, dann sind keine Gedanken (des Körperbewußtseins) im Geist, sondern das Gestirn poltert in den Elementen und bläut dem Gehirn ein, was ihm künftig durch sein Wirken begegnen soll, welches doch oft wieder durch andere Konjunktionen zerbrochen wird, so daß es nicht zum Werk kommt. Deshalb kann es nichts Ganzes vorhersagen, es geschehe denn durch eine Konjunktion der Planeten und Fixsterne. Das läuft für sich, aber wird alles irdisch nach dem Geist dieser Welt vorgebildet. Wenn dann der siderische (astrale) Geist von Menschen reden will, dann redet er oft von Tieren und treibt immer das Widerspiel (der weltlichen Gegensätze), und wie sich der irdische Geist am Sternen-Geist vergafft, so träumt er auch.

13.28. Wenn wir nun von der Tinktur geredet haben, wie vom Haus der Seele, so wollen wir auch von der Seele reden, was sie sei und wie sie fortgepflanzt werden kann, damit wir die Tinktur besser an den Tag bringen können. Die Seele ist nicht so subtil wie die Tinktur, aber sie ist mächtiger und hat große Gewalt. Sie kann durch die Tinktur Berge umstürzen, wenn sie auf dem jungfräulichen Brautwagen in der Tinktur fahren würde, wie Christus davon spricht. So etwas geschieht nur im reinen Glauben dort, wo die Tinktur zum Meister wird, der dann wirkt, und die Seele gibt nur den Anstoß. Denn eine andere Macht ist nicht spürbar, gleichwie die Erde auf der himmlischen Tinktur schwebt, obwohl doch nur eine Tinktur im Himmel und in dieser Welt ist, aber in mancherlei Art nach den jeweiligen Essenzen, im Tier anders wie im Menschen, auch in Fischen anders wie in anderen Tieren oder in Steinen und Kristallen, und auch in Engeln anders als im Geist dieser Welt.

13.29. Aber in Gott, Engeln und jungfräulichen Seelen (also reinen Seelen) ist sie gleich (bzw. ganzheitlich), weil sie doch nur vor Gott ist. Der Teufel hat auch eine Tinktur, aber eine falsche (illusorische). Sie steht auch nicht im Feuer, aber damit kann er dem Menschen, der ihn hereinläßt, das Herz ergreifen, wie ein Schmeichler und falscher Dieb, der schmeichelnd kommt und stehlen will, und vor dem uns Christus warnt, so daß wir uns vorsehen sollen.

13.30. Wenn wir nun von der Seele Wesen und ihren Essenzen reden wollen, dann müssen wir eigentlich sagen, daß die Seele das Allerrauheste im Menschen ist, denn sie ist der Ursprung aller anderen Wesen. Sie ist feurig, herb, bitter und streng und gleicht einer großen Macht, denn ihre Essenz gleicht dem Schwefel. Ihre Pforte oder Sitz aus dem ewigen Ursprung ist zwischen der vierten und fünften Gestaltungsqualität (Wasser und Liebe-Feuer) in der ewigen Geburt und im unauflöslichen Band der starken Macht Gottes des Vaters, wo sich das ewige Licht seines Herzens gebiert, welches das zweite Prinzip ist. Doch wenn sie gänzlich die zugegebene Jungfrau der göttlichen Kraft verliert, die der Seele zur Perle gegeben wurde und aus der sich das Licht Gottes gebiert, wie oben erklärt, dann wird und ist sie ein Teufel und allen anderen (z.B. Tieren) an Essenzen und Gestalt sowie auch Qual gleich.

13.31. Wenn sie aber ihren inneren Willen in die Sanftmütigkeit setzt, als in den Gehorsam Gottes (und die Stimme Gottes hört), dann ist sie ein Quell des Herzens Gottes und empfängt die göttliche Kraft. So werden alle ihre rauhen Essenzen englisch und freudenreich. Dann dienen ihr die rauhen Essenzen wohl und sind ihr nützlicher und besser (bzw. heilsamer), als wenn sie im Ursprung alle süß gewesen wären, denn darin wäre viel weniger Stärke und Macht als in den herben, bitteren und feurigen.

13.32. Denn das Feuer wird in der Essenz zu einem sanften Licht und ist nur ein brünstiges Anzünden der Tinktur. Und die herbe Essenz macht, daß sie die göttliche Kraft an sich ziehen und schmecken kann, denn in dieser Essenz liegt der Geschmack in der Natur. Und die bittere Essenz dient ihr zur beweglichen und aufsteigenden Freude und auch zum guten Geruch und Gewächs. Aus diesen Gestaltungsqualitäten geht die Tinktur aus und wird zum Haus der Seele. Gleichwie der Heilige Geist vom Vater und Sohn, so geht auch die Tinktur vom Licht der feurigen Seele und danach von ihren kräftigen Essenzen aus. Das gleicht dem Heiligen Geist, aber der Heilige Geist Gottes ist noch einen Grad höher, denn er geht aus dem Lichtzentrum in der fünften Gestalt ganzheitlich aus dem Herzen Gottes bis zum Ende (und Ziel) der Natur aus.

13.33. Darum gibt es einen Unterschied zwischen der Tinktur im Menschen und dem Heiligen Geist. Und die zugegebene Jungfrau der göttlichen Kraft wohnt in der Tinktur der Seele, wenn sie treu ist. Wenn nicht, dann entweicht sie in ihr Zentrum, das nicht völlig verschlossen ist, denn es liegt nur eine halbe Geburt dazwischen. Es sei denn, daß die Seele in den Stock (bzw. die Wurzel) der Herbigkeit und Bosheit trete, dann liegt eine ganze Geburt dazwischen. Denn die Herbigkeit steht in der vierten Gestaltungsqualität in der Finsternis, und die Bitterkeit steht im Feuer zwischen der vierten und fünften Gestaltungsqualität, wie bereits erklärt wurde.

13.34. Nun fragt es sich: Wie hat Eva die Seele von Adam empfangen? Siehe, als das herbe Schöpfungswort Gottes die Rippe in Adam nahm, da zog es aus allen Essenzen an sich, und so bildete sich das Schöpfungswort mit ein, um immer und ewig hierzubleiben. Nun war die Tinktur in Adam noch nicht verloschen, sondern Adams Seele saß ganz kräftig und mächtig in der Tinktur. Nur die Jungfrau war gewichen, und so empfing das Schöpfungswort nun diese Tinktur und die herbe Essenz inqualierte mit dem herben Schöpfungswort, denn sie sind ein Wesen, das Schöpfungswort und die Herbigkeit in der Essenz.

13.35. Also neigte sich nun das Schöpfungswort (durch Adams Tinktur) zum Herzen Gottes, und so empfingen die Essenzen die göttliche Kraft. Da ging die Blüte im Feuer auf, und aus der Blüte wieder die eigene Tinktur, und so wurde Eva eine lebendige Seele. Und die Tinktur füllte sich im Gewächs, wie sie auch eine Ursache für alles Wachstum ist, so daß in der geschwinden Wirkung in der Tinktur ein ganzer Leib entstand. Denn das war möglich, weil sie noch nicht in die Sünde gefallen und die Knochen und Gebeine noch nicht verhärtet waren.

13.36. Du mußt es aber recht verstehen! Eva hat nicht Adams Seele bekommen, auch nicht Adams Leib, sondern nur eine Rippe. Aber aus den Essenzen wurde sie ausgezogen, und so bekam sie ihre Seele in ihren gegebenen Essenzen aus der Tinktur, und der Leib wuchs ihr in ihrer eigenen aufgegangenen Tinktur in eigener Kraft, denn das Schöpfungswort hatte sie schon zu einer Frau formiert (bzw. „informiert“), wohl nicht ungeschaffen (plump), sondern ganz lieblich, denn sie war noch in himmlischer Art im Paradies. Aber die Zeichen (ihres Geschlechts) waren durch das Schöpfungswort der großen Welt schon mit angehängt, und anders konnte es nun nicht sein, denn sie sollte die Frau Adams werden. Doch noch waren sie im Paradies, und hätten sie nicht vom Baum gegessen, sondern sich mit ihrer Imagination zu Gott gewandt, dann wären sie im Paradies geblieben. Aber die Fortpflanzung hätte nun auf weibliche Art geschehen müssen, und sie wären doch nicht beständig geblieben, denn der Satan hatte es schon zu weit gebracht, obwohl er sich noch gar nicht sehen lassen hatte. Nur im Geist der großen Welt hatte er Zucker ausgestreut, bis sich das liebliche Tierlein danach am Baum anschmiegte und als Schmeichler und Lügner erschien.

Die Pforte unserer Fortpflanzung im Fleisch

13.37. Wie ich oben erklärt habe, wird aus der Seele die edle Tinktur nunmehr in männlichem und weiblichem Geschlecht geboren. So subtil und mächtig ist sie, daß sie einem anderen ins Herz geht, in seine Tinktur, was die Zauberhuren des Teufels wohl wissen, aber die edle Kunst nicht verstehen, sondern sie gebrauchen des Teufels Tinktur und infizieren manchen in Mark und Bein durch ihre Verkörperung. Dafür werden sie ihren Lohn wie Luzifer bekommen, der seine Tinktur über Gott erheben wollte.

13.38. Also wisset, daß die Tinktur in Männern schon etwas anders als in Frauen ist. Denn die Tinktur der Männer kommt aus dem Limbus oder Manne, und die Tinktur der Frauen kommt aus der Matrix. Denn es bildet sich in die Tinktur nicht allein die Kraft der Seele ein, sondern des ganzen Leibes, denn der Leib wächst in der Tinktur.

13.39. So erscheint nun die Tinktur in der Art einer großen Sehnsucht nach der Jungfrau, die in die Tinktur gehört, denn diese ist subtil und ohne Verstand. Sie ist die göttliche Aneignung und sucht immer die Jungfrau als ihre Gespielin. Das Männliche sucht sie im Weiblichen, und das Weibliche im Männlichen, besonders in der zarten (jugendlichen) Komplexion, wo die Tinktur ganz edel, hell und brünstig ist. Davon kommt das große Begehren des männlichen und weiblichen Geschlechts, so daß sich eines mit dem anderen zu vereinigen begehrt, und auch die große feurige Liebe, daß sich die Tinkturen miteinander vermischen und ihren lieblichen Geschmack kosten, weil jedes meint, das andere habe die Jungfrau (die wahrhaft glücklich macht).

13.40. Und der Geist der großen Welt meint, er habe die Jungfrau nun gefunden, greift mit seinen groben Händen zu und will sich mit der Jungfrau infizieren. Er denkt, er habe den Braten und werde ihn nun nicht mehr verlieren, so daß er auch die Perle noch finden wird. Aber es geht ihm wie einem Dieb, der aus einem schönen Lustgarten vertrieben wurde, wo er wohlschmeckende Früchte gegessen hat, und nun kommt und um den verschlossenen Garten schleicht, weil er gern mehr von den guten Früchten essen würde. Er kann aber nicht hinein, sondern versucht, mit einer Hand hineinzulangen, aber kann die Frucht nicht ergreifen. Denn der Gärtner kommt und nimmt ihm die Frucht aus der Hand. So muß er ohne abziehen, und seine Lust wird zur Unlust. So geht es auch dem Mann, er sät in seiner inbrünstigen Lust den Samen in die Matrix, und die Tinktur empfängt es mit großen Freuden und vermeint, es sei die Jungfrau. Dann kommt das herbe Schöpfungswort daher und zieht es an sich, weil es der Tinktur so wohlgefällt.

13.41. Nun kommt ihm auch die weibliche Tinktur zur Hilfe und reißt sich um das liebe Kind, und denkt, sie habe die Jungfrau. So reißen sich die zwei Tinkturen um die Jungfrau, doch keine von beiden hat sie, und welche siegt, nach dieser bekommt die Frucht ihr Zeichen (das Kind sein Geschlecht). Weil aber die weibliche schwächer ist, so trägt sie das Geblüt in der Matrix aus, und damit meint sie, die Jungfrau zu behalten.

Die heimliche Pforte der Frauen

13.42. Hier muß ich dem Suchenden den Grund weisen, denn das kann der Doktor mit seiner Anatomie nicht, auch wenn er tausend Menschen sezieren würde, so findet er ihn doch nicht. Nur der dabeigewesen ist, der kennt ihn.

13.43. Darum will ich aus der Jungfrau heraus schreiben, denn die weiß wohl, was in der Frau ist. Sie ist so subtil wie die Tinktur, hat aber ein Leben, und die Tinktur hat keins, sondern ist nur ein aufsteigender freudenreicher und mächtiger Wille und ein Gehäuse der Seele, und ein liebliches Paradies der Seele, das der Seele Eigentum ist, solange die Seele mit ihrer Imagination und ihrem Willen an Gott hängt.

13.44. Wenn sie aber falsch (illusorisch) wird, so daß ihre Essenzen mit dem Geist der großen Welt heucheln und der Welt Fülle begehren, nämlich in der Herbigkeit viel Reichtum, viel Fressen und Saufen und sich immerfort füllen, und in der Bitterkeit große Macht, um hoch aufzusteigen und gewaltig zu herrschen, sich über alles zu erheben und sehen zu lassen, wie eine stolze Braut, und im Feuerquell in grimmiger Macht durch die Entzündung des Feuers zu glauben, in diesem Glanz schön zu sein und einen Wohlgefallen an sich selbst zu haben: Dann kommt der Schmeichler und Lügner, der Teufel, und bildet sich im Geist der großen Welt mit ein, wie im Garten Eden, und führt die Seele in Geiz und Gier nach Fressen und Saufen und spricht immerfort: „Du kannst nicht genug haben! Reiß an dich, wo du es bekommst, bis du für immer genug hast.“ Und in der bitteren Gestalt spricht er: „Du bist reich und hast viel! Nun steige auf, erhebe dich, denn du bist größer als andere Leute. Der Niedrige ist dir nicht gleich.“ Und in der Feuersmacht spricht er: „Zünde dein Gemüt an, mach es hartnäckig und beuge dich vor niemandem. Erschrecke den Dummen, dann wirst du gefürchtet und bleibst an der Macht. Dann kannst du tun, was du willst, und dir wird alles zu teil, was du begehrst. Wird dir das nicht eine Herrlichkeit sein? Du bist ja ein Herr auf Erden!“

13.45. Und wenn dies nun geschieht, dann wird die Tinktur ganz falsch (illusorisch), denn wie der Geist in einem Ding ist, so ist auch die Tinktur, denn die Tinktur geht vom Geist aus und ist seine Wonne. Darum, oh Mensch, was du hier säst, das wirst du ernten, denn deine Seele bleibt ewig in der Tinktur, und alle deine Früchte stehen in der Tinktur im hellen Licht offenbar und folgen dir nach. So sagt die Jungfrau voller Treue mit großem Sehnen nach der Lilie.

13.46. Wenn wir uns nun der Tinktur entsinnen, wie diese so mancherlei und oft auch falsch ist, dann können wir mit Grund die Falschheit mancherlei Geister darlegen und wie diese geboren werden. Darum wollen wir eine kurze Einführung von der Fortpflanzung der Seele geben, die wir am Fall Adams und der Geburt Kains ausführen wollen. Denn wie oben erklärt, wird der Samen durch die Lust der Tinktur gesät, wo ihn das herbe Schöpfungswort empfängt und meint, es habe die Jungfrau empfangen, so daß sich dann beide Tinkturen, die männliche und weibliche, darum reißen. Hier bildet sich der Geist der großen Welt, wie die Sterne und Elemente, mit ein und füllt die Tinkturen mit seinen Elementen, welches die Tinkturen im Schöpfungswort mit großer Freude annehmen und meinen, sie haben die Jungfrau.

13.47. Weil aber das Schöpfungswort das mächtigste unter allem ist (denn es ist wie ein Geist, und wenn es auch kein wahrer Geist ist, so ist es doch die scharfe Essenz, die an sich zieht und den Limbus (Samen) Gottes im Paradies begehrt, daraus Adams Leib durch das Schöpfungswort geschaffen war, und die einen Adam aus dem himmlischen Limbus schaffen will), so eignet es sich der Geist der großen Welt an und denkt „Mein ist das Kind, und ich will herrschen in der Jungfrau!“ und füllt immerfort die Elemente hinein, davon die Tinktur voll und ganz dick wird. So bekommt dann die Tinktur einen Ekel vor der Fülle, denn sie ist hell, aber das Schöpfungswort mit den Elementen ist dick geschwollen, davon die Frauen wohl zu sagen wissen, wenn sie schwanger werden, oder wie sich mancher vor Essen und Trinken ekelt und immer etwas anderes haben will. So bekommt auch die Tinktur einen Ekel vor der Einfüllung des Geistes dieser Welt mit seinen Elementen und will etwas anderes haben, denn diese Jungfrau schmeckt ihm (dem wahren Geist) nicht, Greul kommt auf ihn zu und er mag dies nicht, geht in seinen Äther und kommt nicht wieder.

13.48. So denkt dann der Geist der Sonne, Sterne und Elemente dieser Welt: „Nun hast du recht, dein ist das Kind, der Grund ist gelegt und du willst es pflegen. Die Jungfrau muß dein sein, du willst darin leben und deine Freude in ihr haben. Ihr Schmuck muß dir gehören!“ Und so zieht er in seiner großen Lust durch das Schöpfungswort, das in Ewigkeit nicht weicht, immer mehr an sich und vermeint, er habe die Jungfrau.

13.49. Da wird der Mutter Geblüt, in dem der Mutter Tinktur ist, in den Samen gezogen. Und wenn nun das herbe Schöpfungswort schmeckt, daß es süßer ist als seine Essenz, dann bildet es sich mit großem Sehnen ein, wird in der Tinktur stark, will Adam schaffen und unterscheidet die Materie. So wird der Geist der Sterne und Elemente zum Mittel und herrscht mächtig im Schöpfungswort.

13.50. Und so wird die Materie nach dem Rad der Sterne unterschieden, wie sie gerade in ihrer Ordnung stehen, das heißt, die Planeten, und welcher bestimmend ist, der gestaltet durch das Schöpfungswort die Materie am meisten, und so bekommt das Kind nach seiner Art eine Gestaltung.

13.51. So wird nun die Materie durch das Schöpfungswort in Körperglieder geschieden. Und wenn dann das Schöpfungswort der Mutter Geblüt solcherart in die (irdische) Materie zieht, dann erstickt es förmlich, und so wird die Tinktur des Geblüts falsch und ganz ängstlich. Daraufhin erschrickt die herbe Essenz, als das Schöpfungswort, und so weicht alle Freude, die das herbe Schöpfungswort in der Tinktur des Geblüts bekommt, und das Schöpfungswort beginnt, in der herben Essenz im Schreck zu zittern, und der Schreck weicht wie ein Blitz und will aus der Essenz entweichen und wegfliehen, wird aber vom Schöpfungswort gehalten. Dieser ist nun hart und von der Essenz zäh (irdisch), denn die Essenz macht ihn in ihrer Herbigkeit zäh, und dieser umschließt nun das Kind, was dann die Haut des Kindes wird. Und die Tinktur fährt plötzlich im Schreck über sich und will entweichen, aber kann es nicht, denn sie steht in der Essenzen Ausgeburt. Sondern sie dehnt sich geschwind im Schreck über sich und nimmt aller Essenzen Kraft mit sich. So bildet sich der Geist der Sterne und Elemente mit hinein, füllt sich im Flug mit ein und denkt, er habe die Jungfrau und könne mitfahren. Und das Schöpfungswort ergreift alles, hält es und denkt, es sei überall im Auslauf das Wort des Herrn und soll Adam erschaffen. Es stärkt sich in der starken Macht des Schrecks und schafft wieder den höheren Leib als den Kopf, und vom harten Schreck, welcher immer am Entweichen ist, aber doch nicht kann, entsteht die Hirnschale, die das oberste Zentrum umschließt, und vom Entweichen (aus den Essenzen der Tinktur mit dem Schreck in das oberste Zentrum) entstehen Hals und Adern, die aus dem Leib zum Kopf ins oberste Zentrum führen.

13.52. So entstehen nun vom Schreck der Erstickung alle Adern (Essenz- bzw. Energiekanäle) im ganzen Leib, weil der Schreck aus allen Essenzen gehen und weichen will, aber das Schöpfungswort hält alles mit seiner starken Macht. Darum hat jede Ader immer eine andere Essenz als die andere, wegen der ersten Entweichung, darin sich die Essenz der Sterne und Elemente mit einbildet. Und das Schöpfungswort schafft und hält alles und vermeint, das Wort des Herrn wirke mit der starken Macht Gottes, durch die das Schöpfungswort auch Himmel und Erde schaffen mußte.

Die Pforte der großen Mühseligkeit und des Elends

13.53. So zeigt uns der Geist der Jungfrau abermals das Mysterium und große Geheimnis. Denn die Erstickung des Geblüts in der Matrix, besonders in der Frucht, ist der Essenzen erstes Sterben, weil sie vom Himmel abgetrennt werden, so daß hier die Jungfrau nicht mehr geboren werden kann, die in Adam ohne Weib und ohne Zertrennung seines (ganzheitlichen) Leibes der himmlischen Kraft geboren werden sollte. Und hier beginnt im Menschen das Reich der Sterne und Elemente, da sie den Menschen empfangen und mit ihm inqualieren (wechselwirken), auch machen und zubereiten sowie nähren und pflegen, darüber bei Kain zu lesen ist.

13.54. Weiter in der Menschwerdung: Und wenn das Schöpfungswort den Schreck solcherart in sich hält, daß ihn die Elemente füllen, dann wird diese Füllung zu harten Knochen. So gestaltet das Schöpfungswort den ganzen Menschen mit seiner leiblichen Gestalt, alles nach dem ersten Ringen der zwei Tinkturen, als sie miteinander im Liebesspiel rangen und der Samen gesät wurde. Und welche Tinktur dabei die Überhand bekam, die männliche oder weibliche, nach diesem Geschlecht wird der Mensch gestaltet, und die Gestaltung geschieht ganz geschwind im Sturm des ängstlichen Schrecks, weil das Geblüt erstickt. Hier geht nun der Sternen- und Elemente-Mensch auf, und der himmlische geht unter. Denn im Schreck wird der bittere Stachel geboren, und der wütet und tobt in der harten und erschrockenen Herbigkeit durch die große Ängstlichkeit des erstickten Geblüts.

13.55. Dies werden die Frauen im dritten Monat (wenn dies in der Frucht geschieht) wohl gewahr, wie ein Wüten und Stechen in Zähnen, Rücken und dergleichen erscheint. Das kommt ihnen von der erstickten Tinktur in der Frucht und ihres erstickten Geblütes in der Matrix, weil die böse Tinktur mit der guten ihres Leibes inqualiert. Darum, auf welche Art die Tinktur in der Matrix (im Mutterleib) Not leidet, in derselben Art leidet auch die gute in der Mutter Glieder Not, nämlich in den harten Knochen, Zähnen und Rippen, wie ihnen wohl bewußt ist.

13.56. Wenn nun der bittere Stachel, der im ängstlichen Schreck in der Erstickung und im Eingang des Todes geboren wird, so in der Herbigkeit wütet und tobt und sich so erschreckt zeigt und über sich sticht und fährt, dann wird er von der Herbigkeit gefangen und gehalten, daß er nicht über sich kann. Denn die Herbigkeit zieht ihm wegen seiner Wüterei immer mehr an sich und kann es nicht erdulden, dadurch der Stachel oftmals noch schrecklicher wird. Und das ist hier keine andere Erfahrung, als würden Leib und Seele des Menschen im Sterben zerbrechen. Denn der bittere Tod ist auch überall im erstickten Geblüt. Und wenn nun der bittere Stachel wegen der Herbigkeit nicht über sich kann, dann wird er wie ein unsinnig drehendes Rad oder ein geschwinder und schrecklicher Gedanke, der sich würgt und ängstigt. Und das ist hier ein wirklicher Schwefelgeist, ein giftiges und schrecklich ängstliches Wesen im Tod, denn es ist der Wurm (des Ichbewußtseins) zum Aufgang des Lebens.

13.57. Weil sich aber nun der Geist der Sterne und Elemente in der Menschwerdung mit eingebildet hat, so wird die Kraft der Sterne und Elemente in dieser Wüterei auch mit gedreht, weil dann der Sternen-Geist in dieser Angst der Sonne Kraft an sich zieht und sich in der Sonne Kraft erblickt, davon in dieser Wüterei ein schielender Blitz entsteht, so daß die harte und herbe Ängstlichkeit erschrickt und unter sich sinkt. Da geht die schreckliche Tinktur in ihren Äther, denn die Essenz der Herbigkeit im Schöpfungswort erschrickt so sehr vor dem Blitz, daß sie ohnmächtig wird und zurücksinkt, sich ausdehnt und dünn wird.

13.58. Und der Schreck oder Feuerblitz geschieht im bitteren Stachel. Und wenn sich dieser wiederum in der finsteren herben Ängstlichkeit in der Mutter erblickt und sich so überwunden und sanft findet, dann erschrickt er noch viel mehr als die Mutter. Weil aber dieser Schreck in der sanften Mutter geschieht, so wird er augenblicklich weiß und hell, und dieser (Licht-) Blitz bleibt dann in der Ängstlichkeit die Wurzel des Feuers. So ist das nun ein Schreck großer Freude, als gösse man Wasser ins Feuer, weil dann die herbe Quelle erlöscht. Und die Herbigkeit wird von dem Licht so sehr erfreut und das Licht wiederum von der Herbigkeit der Mutter, in der es geboren wird, daß diese Freude mit nichts vergleichbar ist, denn das ist die Geburt und der Anfang des Lebens.

13.59. Und sobald sich des Lebens Licht in der Herbigkeit und sanften Mutter erblickt, so daß die Herbigkeit das Licht kostet, wie es so sanft, lieblich und freudenreich ist, dann erhebt sie sich mit so großer Lust nach dem Licht, um sich daran zu infizieren und es zu ergreifen, daß ihre Lust und Kraft nach dem Licht von ihr ausgeht. Diese Lust ist die Kraft des Lichtes, und diese ausgehende Lust der Liebe ist die edle Tinktur, die da dem Kind zum Eigentum neugeboren wird. Und der Geist, der nun aus der Ängstlichkeit im Feuerblitz geboren wird, ist die wahrhaftige Seele, die im Menschen geboren wird.

13.60. Hierin ist nun das Edelste zu erkennen, nämlich wo sie wohnt und wovon Herz, Lunge und Leber herrühren, besonders auch Blase und Gedärme, das Hirn im Kopf und der Verstand und die Sinne. Dieses will ich hier nacheinander darlegen. Aber man kann es mit Menschenzungen nur schwer ausdrücken. Schon um die Ordnung zu beschreiben, die in einem einzigen Augenblick in der Natur geschieht, bedürfte wohl der Schreiber ein riesiges Buch. Auch wenn uns die Welt dafür nur wenig achten wird, so sagen wir, daß wir uns noch viel weniger achten, denn es geht uns wie Jesaias sagt: »Ich werde gefunden von denen, die mich nicht gesucht haben, und erkannt von denen, die mich nicht erkannt und nicht nach mir gefragt haben. (Jes. 65.1)«

13.61. Ich sagte, daß dies nicht gesucht worden ist, denn wir suchten das Herz Gottes, um uns darin vor dem Unwetter des Teufels zu verbergen. Als wir aber dahin gelangten, begegnete uns die holdselige Jungfrau aus dem Paradies und bot uns ihre Liebe an. Sie wollte uns freundlich sein und sich mit uns zu einer Gespielin vermählen, um uns den Weg zum Paradies zu weisen, wo wir vor dem Unwetter sicher sein sollten. Und Sie trug einen Zweig in ihrer Hand und sprach: „Diesen wollen wir einpflanzen, dann wird eine Lilie wachsen und dann will ich wieder zu dir kommen.“ Davon haben wir eine solche Lust bekommen, von der holdseligen Jungfrau zu schreiben, die uns den Weg ins Paradies wies. Denn dazu mußten wir durch diese Welt und auch das Höllenreich gehen, und uns geschah kein Leid, und danach schreiben wir.


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