Die drei Prinzipien

(Text von Jacob Böhme von 1619, deutsche Überarbeitung 2021)

11. Kapitel - Die Versuchung

Von allen Umständen der Versuchung.

11.1. Nun steht die höchste Frage: Was hat denn des Teufels Gemüt dazu gebracht, sich so hoch (und überheblich) zu erheben, daß so viele von ihnen in Hochmut gefallen sind? Siehe, als Gott das Schöpfungswort in den Willen setzte und die Engel schaffen wollte, da hat der Geist zuerst alle Qualitäten auf ähnliche Weise unterschieden, wie du jetzt die mancherlei Arten der Sterne (und Planeten) siehst, und das Schöpfungswort schuf es so. Damit wurden die Fürsten und Thronengel nach jeder Qualität in der Essenz geschaffen, nämlich als harte, herbe, bittere, kalte, rauhe, sanfte und so fort bis an das Ende der Natur zum Quell des Feuers, wie du auch ein Gleichnis an den Sternen hast, wie unterschiedlich sie sind.

11.2. So war nun ein jeder der Thron- und Fürsten-Engel ein großer Quellbrunnen gewesen, wie du an der Sonne im Vergleich zu den Sternen bedenken kannst und es auch an der blühenden Erde siehst. Der große Brunnen des Quells wurde der Fürst oder Thronengel in der Stunde des Schöpfungsworts im finsteren Gemüt, und dann ist aus jedem Brunnen das Zentrum wieder vieltausendmal ausgegangen. Denn der Geist im Schöpfungswort erblickte sich nach der ewigen Weisheit Art in der Natur der Finsternis, und so kamen aus einem Brunnen die vielerlei Eigenschaften, die in der ganzen Natur waren, vermöge der ewigen Weisheit Gottes, oder wie ich es zum bessern Verständnis in ein Gleichnis setzen möchte: Als hätte ein Fürsten-Engel in einem Moment viele Engel aus sich selbst geboren. Obwohl sie doch nicht der Fürst gebar, sondern die Essenzen und Gestaltungsqualitäten mit dem Zentrum in jeder Essenz gingen vom Fürsten-Engel aus, und der Geist erschuf es mit dem Schöpfungswort, was dann wesentlich stehenblieb. Darum bekam ein jedes Heer, welches aus einem Brunnen gekommen war, einen Willen im Brunnen, der ihr Fürst war, wie du auch siehst, daß die Sterne ihren Willen alle in die Kraft der Sonne geben, und die Sonne herrscht in allen und so haben sie auch ihren Anfang. Davon Meister Hansen (der gedankliche Verstand) nicht viel zu sagen hat, denn er hält es für unmöglich zu erkennen, obwohl doch in Gott alles möglich ist und vor ihm tausend Jahre wie ein Tag sind.

11.3. So ist nun unter diesen Fürsten-Engeln einer gefallen, denn er stand in der vierten Gestaltungsqualität der Matrix der Gebärerin im finsteren Gemüt, und im Gemüt im Reich, wo der Feuer-Blitz entspringt, und ist mit seinem ganzen Heer von ihm ausgegangen. So hat ihn die feurige Art bewogen, über der Natur Ende (bzw. Ziel), nämlich über das Herz Gottes zu fahren, welche Art nun hart in ihm entzündet stand.

11.4. Denn als Gott zur Matrix der Erde sprach »Es gehen hervor allerlei Tiere!«, da schuf das Schöpfungswort aus allen Essenzen Tiere und zerteilte zuerst die Matrix, dann die Essenzen und Qualitäten, und danach erschuf es aus der zerteilten Matrix je ein Männlein und sein Weiblein. Weil aber die Kreaturen materialistisch waren, mußte sich nun auch jede Gattung einer jeden Essenz selber fortpflanzen. Aber mit den Engeln war es nicht so, sondern so geschwind wie die Gedanken Gottes sind sie geworden.

11.5. Das ist der Grund, warum eine jede Qualität oder Essenz im Quell kreatürlich sein wollte, und so hat sich die feurige zu mächtig erhoben, darin Luzifer seinen Willer geschöpft hat. So ist es auch mit Adam und dem Baum der Versuchung zugegangen, wie geschrieben steht: »Und Gott ließ allerlei Bäume im Garten Eden aufgehen, und den Baum des Lebens und der Erkenntnis des Guten und Bösen mittendrinn.«

11.6. Moses sagt aber auch: »Gott ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen. (1.Mose 2.9)« Nun, hier ist wieder die Decke im (Buch) Moses, und doch ist es im Wort hell, klar und offenbar, daß es Frucht gewesen ist, lustig im Ansehen und gut zu essen, in der weder Tod, Zorn noch Zerbrechlichkeit war, sondern paradiesische Frucht, davon Adam in Klarheit, Gottes Willen und seiner Liebe in Vollkommenheit ewig leben konnte. Denn allein im Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen ist der Tod versteckt, der den Menschen in ein anderes Bildnis führen konnte.

11.7. Daran könne wir nun klar erkennen, daß die paradiesische Frucht, die gut gewesen war, nicht so ganz irdisch gewesen sein konnte, zumal auch, wie Moses selbst sagt, zweierlei Frucht gewesen war: Eine war gut zu essen und lustig anzusehen, und in der anderen waren Tod und Zerbrechlichkeit. In der paradiesischen Frucht war kein Tod gewesen und auch keine Zerbrechlichkeit. Wäre darin ein Tod gewesen, dann hätte Adam an jeder Frucht den Tod gegessen. Weil aber nun kein Tod darin war, so konnte die Frucht auch nicht ganz irdisch sein. Auch wenn sie wohl aus der Erde wuchs, so war doch die Kraft Gottes des zweiten Prinzips dahinein gebildet, und war doch wahrhaftig im dritten Prinzip aus der Erde gewachsen, die Gott nach dem irdischen Essen verfluchte, so daß keine Paradiesfrucht mehr aus der Erde wuchs.

11.8. Hätte nun Adam wirklich irdische Frucht essen sollen, so müßte er auch in den Leib gegessen und Gedärme gehabt haben. Wäre dann auch solcher Gestank (der Verwesung), wie wir jetzt im Leib tragen, im Paradies in Gottes Herrlichkeit gewesen? Dazu hätte er im irdischen Essen auch von der Frucht der Sterne und Elemente gegessen, die alsbald in ihm inqualiert (gewirkt) hätten, wie dann erst im Fall geschehen ist. Auch wäre seine Furcht wie bei allen Tieren gewesen, und das tierische Wesen wäre dem menschlichen an Kraft gleichgeworden, und die Stärkeren hätten über ihn geherrscht.

11.9. Darum hatte Adam wohl eine andere Gestaltung gehabt. Er ist ein himmlischer und paradiesischer Mensch gewesen, sollte auch von himmlischer und paradiesischer Frucht essen und in dieser Kraft über alle Tiere und auch Sterne und Elemente herrschen. Es sollte ihn keine Kälte noch Hitze berühren, sonst hätte ihm Gott auch eine rauhe (pelzige) Haut wie den Tieren geschaffen und nicht so nackt.

11.10. Nun fragt es sich: Warum wuchs denn der irdische Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen? Wäre er nicht dagewesen, dann hätte Adam nicht davon gegessen. Oder warum mußte Adam versucht werden? Höre, hierzu frage dein Gemüt, warum sich darin so schnell ein Gedanke zum Zorn oder auch zur Liebe (bzw. Begierde) faßt und gebiert? Da sprichst du: Das kommt vom Hören oder Anschauen. Ja, recht so! Das wußte wohl auch Gott, und darum mußte Adam versucht werden. Denn das Zentrum des Gemüts ist frei und gebiert den Willen vom Hören und Anschauen, daraus die Imagination und die Lust entstehen.

11.11. Doch weil Adam als ein Bild und ganzheitliches Gleichnis Gottes erschaffen war und alle drei Prinzipien an sich hatte, wie Gott selbst, deshalb sollte sein Gemüt mit der Imagination auch bloß ins Herz Gottes sehen und seine Lust und seinen Willen dahinein setzen. Und wie er ein Herr über alles war und sein Gemüt ein dreifacher Geist in den drei Prinzipien in einem Wesen, so sollte auch sein Geist und der Wille im Geist in einem (ganzheitlichen) Wesen offenbar stehen, nämlich im paradiesischen und himmlischen, und sein Gemüt und seine Seele sollten vom Herzen Gottes essen, und der Leib von der Kraft des himmlischen Limbus (Samen).

11.12. Weil aber der himmlische Limbus durch den irdischen offenbar geworden war und als Frucht in einem Wesen stand, und auch Adam solcherart war, so gebührte Adam (weil er die lebendige Seele aus dem ersten Prinzip empfangen hatte, vom Heiligen Geist eingeblasen und vom Licht Gottes erleuchtet, und im zweiten Prinzip stand), nicht nach der irdischen Matrix zu greifen.

11.13. Darum gab ihm hier auch Gott das Gebot, sich nicht nach der irdischen Matrix und ihrer Frucht gelüsten zu lassen, die in der Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit bestand, aber des Menschen Geist nicht. Er sollte von der Frucht essen, aber davon nur die paradiesische Art und Eigenschaft, nicht von den irdischen Essenzen. Denn die paradiesischen Essenzen hatten sich in alle Früchte so eingebildet, daß sie auf englische Art sehr gut zu essen waren und auch lieblich anzusehen, wie Moses sagt.

11.14. Nun fragt es sich: Was ist denn eigentlich die Versuchung in Adam gewesen?

Die Pforte des Guten und Bösen

Dessen haben wir ein wirklich mächtiges Zeugnis, das man in der Natur und allen ihren Kindern erkennen kann, in den Sternen und Elementen, in Erden, Steinen und Metallen, besonders aber an den lebendigen Kreaturen, wenn du siehst, wie sie bösartig oder gutartig sind, und wie es liebliche oder giftige und bösartige Tiere gibt, ähnlich den Kröten, Nattern und Würmern. So gibt es Gift und Bosheit in allen Lebewesen des dritten Prinzips. Und diese Grimmigkeit muß in der Natur sein, sonst wäre alles ein Tod und ein Nichts.

11.15. Die Tiefe im Zentrum: Wie bereits erklärt, so steht das ewige Gemüt in der Finsternis, und es ängstigt und sehnt sich nach dem Licht, um es zu gebären. Und die Ängstlichkeit ist die Quelle, und die Quelle hat viele Gestaltungsqualitäten in sich, bis sie in ihrer Substanz das Feuer erreicht, nämlich Bitter, Herb, Hart, Kalt, Grimmig, Schielend oder Gift, in deren Wurzel Freude und Leid zugleich stecken. Wenn es an die Feuer-Wurzel kommt und das (göttliche) Licht erreichen kann, dann wird aus dem Grimm die große Freude, denn das Licht setzt die grimmige Gestalt in große Sanftmut. Dagegen bleibt die Gestaltung, die nur an die Feuer-Wurzel kommt, im Grimm.

11.16. So sollten wir wissen: Als Gott das ewige Gemüt aus der Finsternis im dritten Prinzip mit dieser Welt offenbaren wollte, da wurden zuerst alle Gestaltungsqualitäten bis zum Feuer im ersten Prinzip offenbar, und welche Gestaltung nun das Licht ergriffen hat, die ist englisch und paradiesisch geworden. Welche aber nicht, die ist grimmig, mörderisch, herb und bösartig geworden, eine jede in ihrer Essenz oder eigenen Gestalt, denn eine jede Gestaltung wollte auch offenbar sein. Denn das war der Wille des ewigen Wesens, sich zu offenbaren. Nun aber kann sich eine Gestaltung in der ewigen Geburt nicht allein offenbaren, denn eine ist des anderen (Ketten-) Glied, und so wäre eine ohne die andere nicht.

11.17. Darum hat das ewige Wort oder Herz Gottes in der finsteren und geistigen Matrix gewirkt (die in sich selber ohne das Licht im Ursprung stumm wäre) und hat ein körperliches und begreifbares Gleichnis seines Wesens geboren, darin alle Gestaltungen aus der ewigen Gestalt herausgebracht worden sind und ins Wesen kommen. Denn aus der geistigen Gestalt ist das Körperliche geboren und wurde vom ewigen Wort durch das Schöpfungswort geschaffen, daß es solcherart bestehe.

11.18. So sind nun in diesen Gestaltungen aus der Erden-Matrix durch das Schöpfungswort alle Kreaturen dieser Welt herausgegangen, wie Bäume, Kraut und Gras, jedes nach seiner Gestalt, auch Würmer, böse und gute, je nachdem, wie sich jede Gestalt in der Matrix der Gebärerin ausgebildet hat. Also ist es auch mit den Früchten im Paradies dieser Welt im Garten Eden gewesen. Als das Wort sprach »Es gehen hervor allerlei Bäume und Kraut!«, da sind aus allen Gestaltungsqualitäten Bäume und Kraut hervorgegangen und gewachsen, welche alle gut und lieblich gewesen sind, denn das (göttliche) Wort hatte sich durch das Schöpfungswort in alle Gestaltungen eingebildet.

11.19. Nun war aber die Finsternis und Qual mitten im Zentrum, weil darin auch Tod, Grimmigkeit, Hinfallen und Zerbrechen steckten. Wenn das nicht gewesen wäre, dann bestünde diese Welt ewig und Adam wäre nie versucht worden. Und das hat auch zugleich wie ein Mors (die römische Personifikation des Todes) oder ein vergänglicher Wurm der Qual mitgewirkt und den Baum des Guten und Bösen in Mitten aus seiner Wurzel geboren, weil der Mors mitten im Zentrum steckt, durch den diese Welt am Ende der Tage im Feuer angezündet werden (und verbrennen) wird. Und diese Qual ist eben der Zorn Gottes, den das Herz oder Licht Gottes im ewigen Vater immer wieder in die Sanftmut setzt, und darum heißt das Wort oder Herz Gottes die ewige Barmherzigkeit des Vaters.

11.20. Weil nun alle Gestaltungen aus der ewigen Natur hervorgehen sollten, so mußte die Gestalt des Zorns und Grimms auch hervorgehen, wie du es auch an Kröten, Nattern, bösartigen Würmern und Tieren siehst. Denn es ist eine Gestaltungsqualität, die inmitten der Geburt in allen Kreaturen steckt, nämlich das Gift oder der Schwefelgeist. Wie du auch siehst, daß alle Kreaturen Gift und Galle haben und das Leben der Kreatur in dieser Macht steckt. Und wie du solches auch vorn in diesem Buch in allen Kapiteln vom Ursprung, Wirken und Wesen der ewigen Natur findest.

11.21. So ist nun der Baum des Grimms, der inmitten der Natur ist, auch mitten im Garten Eden gewachsen und der allergrößte und mächtigste gewesen, vermöge seiner eigenen Gestalt, die er im Ursprung in der ewigen Qualität hat. Und so sieht man hier klar, daß Gott den Menschen im Paradies erhalten und haben wollte, denn er hat ihm diesen Baum verboten und genug andere Bäume und Früchte jeglicher Gestalt und Essenz aufgehen lassen.

Die Pforte der Versuchung

11.22. St. Paulus spricht: »Gott hat die Menschen in Jesus Christus vorgesehen, noch bevor der Welt Grund gelegt worden war. (Eph. 1.4)« Hier finden wir den Grund so schön, daß uns gelüstet, fortzuschreiben und die Perle zu suchen. Denn siehe, der Fall des Teufels und auch des Menschen ist in der ewigen Weisheit Gottes vor der Schöpfung der Welt in der ewigen Matrix erblickt und gesehen worden, weil das ewige Wort im ewigen Licht wohl erkannte, daß jegliche Gestalten hervorbrechen würden, wenn es den Brunnen der ewigen Geburt offenbaren würde. Es ist aber nicht der Wille der Liebe im Wort des Lichtes gewesen, daß sich die Gestalt der Grimmigkeit über die Sanftmut (bzw. Güte) erheben sollte. Weil sie aber eine solche mächtige Gestalt hatte, ist es trotzdem geschehen.

11.23. Darum wird auch der Teufel ein Fürst dieser Welt in der Grimmigkeit genannt, wegen der Grimmigkeit, Macht usw., darüber du (im Kapitel) zum Fall mehr findest. Und darum schuf Gott nur einen Menschen, denn die Liebe Gottes wollte, daß der Mensch im Paradies bleiben und ewig leben sollte. Deshalb wollte die Grimmigkeit ihn versuchen, ob er auch seine Imagination und seinen Willen ganz ins Herz Gottes und das Paradies setzen würde, in dem er war.

11.24. Denn weil Adam auch aus der grimmigen Essenz ausgezogen (bzw. entstanden) war, so mußte er versucht werden, ob seine Essenz, daraus seine Imagination der Lust kommt, in himmlischer Qualität bestehen konnte, und ob er vom Wort des Herrn essen würde, und welche Essenz in Adam siegen würde, die paradiesische oder die grimmige.

11.25. Und das war der Vorsatz im Herzens Gottes, nur darum einen Menschen zu schaffen, daß dieser versucht werden sollte, wie er bestünde, damit ihm nach dem Fall solcherart zu helfen wäre. So hat das Herz Gottes vor der Welt Gründung in seiner Liebe bereits bedacht, ihm zu Hilfe zu kommen. Und weil es dann nicht anders sein konnte, wollte das Herz Gottes lieber selbst Mensch werden, um den Menschen wieder zu gebären.

11.26. Denn Adam ist nicht aus grimmiger Überheblichkeit gefallen, wie der Teufel, sondern das Wesen der Irdischkeit hat sein paradiesisches Wesen überwältigt und in die Lust der Irdischkeit gebracht. Darum ist ihm auch Gnade widerfahren.

Die höchste, stärkste und mächtigste Pforte der Versuchung in Adam

11.27. Hier will ich den Leser treulich erinnern, daß er über Moses scharf nachsinne, denn nur so kann er unter die Decke von Moses in das Angesicht von Moses sehen. Das heißt, er kann den anderen Adam im Leib der Jungfrau sehen. Oder er kann ihn in seiner Versuchung, am Kreuz, wie auch im Tod und schließlich in der Kraft der Auferstehung und zur Rechten Gottes sehen. Oder du siehst Moses auf dem Berg Sinai und schließlich die Verklärung von Christus, Moses und Elia auf dem Berg Tabor. Oder du erkennst hierin die ganze Schrift des alten und neuen Testaments und findest hierin alle Propheten der Welt, auch alle Macht und Gewalt aller Tyrannen, warum alles so gekommen ist und wie es weitergehen muß. Schließlich findest du die goldene Pforte der Allmächtigkeit und ganzheitlichen Gewalt in der Liebe und Demut, warum doch die Kinder Gottes versucht werden müssen, warum doch das edle Senfkörnlein im Sturm, Kreuz und Elend wachsen muß, und warum es ja nicht anders sein kann. Also findest du hierin das Wesen aller Wesen.

11.28. Es ist die Pforte der Lilie, von welcher der Geist zeugt und die nahe am grimmigen Baum wachsen soll. Wenn sie wächst, dann bringt sie uns durch ihren schönen und starken Duft wahre Erkenntnis in der heiligen Dreifaltigkeit. Von ihrem Duft erstickt der Antichrist, und der Baum des Grimms zerberstet, so daß das große Tier ergrimmt, das vom Baum seine Stärke und Macht eine Zeitlang hatte, bis es ganz dürre und feurig wird, weil es keinen Saft mehr vom grimmigen Baum erlangen kann, der nun zerborsten ist. Dann erhebt es sich im Grimm gegen den Baum und die Lilie, bis der Baum, von dem das Tier aß und stark wurde, das Tier zerbricht, und seine Macht im Feuer des Ursprungs bleibt. Dann stehen im großen Baum der Natur alle Türen offen, und der Priester Aaron gibt sein Kleid und schönen Schmuck dem Lamm, das erwürgt wurde und wiederkam.

11.29. Gottliebender Leser, dir wird hiermit angedeutet, wie uns die großen Mysterien der Geheimnisse begegnen, die in Adam vor seinem Fall waren und noch viel größer nach seinem Fall, als er wie tot war und doch auch lebendig. Uns wird die Geburt des ewigen Wesens gezeigt und warum es nicht anders sein konnte, als daß Adam versucht werden mußte, und warum es nie anders sein wird. Obwohl doch der Verstand immer dagegen spricht und Gottes Allmächtigkeit anführt und was Gott zu tun und zu lassen gehabt hätte.

11.30. Lieber Verstand, laß nur von deinem Dünkel ab, denn du erkennst mit diesem Denken und Sinnen weder Gott noch das ewige Wesen! Wie willst du denn mit solchem Sinn das Gleichnis erkennen, das Gott aus dem ewigen Gemüt geboren hat? Dir wurde des öfteren hier erklärt, wie das Gemüt, das im Menschen doch das größte Wesen ist, nicht in einer Qual stehe (sondern heil und frei sein kann).

11.31. Wenn wir nun über die Aneignung nachsinnen, was sich Adam angeeignet und entgegen des Verbots angezogen hat, weil es ihn gegen Gottes Gebot gelüstete, obwohl er doch in großer Vollkommenheit war, so finden wir das ewige Gemüt, aus dem auch Adam geschaffen wurde. Weil er ein Auszug aus dem ewigen Gemüt und aus allen Essenzen aller drei Prinzipien war, deshalb mußte er versucht werden, ob er im Paradies bestehen könnte. Denn das Herz Gottes wollte, daß er im Paradies bleiben sollte. Doch nun konnte er im Paradies nicht bleiben, ohne von der paradiesischen Frucht zu essen, und damit sollte sein Herz nun ganz in Gott geneigt sein, dann hätte er im göttlichen Zentrum gelebt und Gott hätte in ihm gewirkt.

11.32. Doch wer war nun gegen ihn? Oder wer zog ihn vom Paradies in Ungehorsam, so daß er in ein anderes Bildnis trat? Siehe, du Menschenkind, es war ein dreifacher Streit in Adam, außerhalb von Adam und in allem, was Adam ansah. Fragst du: Was war es gewesen? Es sind die drei Prinzipien gewesen: Zum Ersten das Reich der Hölle als die Macht der Grimmigkeit, zum Zweiten das Reich dieser Welt als die Sterne und Elemente, und zum Dritten das Reich des Paradieses, das ihn auch haben wollte.

11.33. So waren nun diese drei Reiche in Adam und auch außerhalb von Adam, und in den Essenzen war ein mächtiger Streit. Alles zog innerhalb und außerhalb von Adam und wollte Adam haben, denn er war ein großer Herr, aus allen Kräften der Natur genommen. Das Herz Gottes wollte ihn im Paradies haben und in ihm wohnen, denn es sprach: „Er ist mein Bild und Gleichnis.“ Aber das Reich der Grimmigkeit wollte ihn auch haben, denn es sprach: „Er ist mein, und aus meinem Brunnen, aus dem ewigen Gemüt der Finsternis gekommen. Ich will in ihm sein, und er soll in meiner Macht leben, denn aus mir wurde er geboren. So will ich starke und große Macht durch ihn zeigen.“ Und das Reich dieser Welt sprach: „Er ist mein, denn er trägt mein Bildnis und lebt in mir und ich in ihm. Mir muß er gehorsam sein. Ich will ihn bändigen und zähmen, denn ich habe alle meine Glieder in ihm und er in mir. Ich bin größer als er, und er soll mein Haushälter sein. So will ich meine Schönheit, Wunder und Kraft in ihm zeigen, und er soll meine Kraft und Wunder offenbaren. Er soll meine Herde hüten und pflegen, und ich will ihn mit meiner schönen Herrlichkeit ankleiden.“ Wie es uns nun deutlich vor Augen steht.

11.34. Als aber das Reich der Grimmigkeit, des Zorns, des Todes und der Hölle sah, was es verloren hatte und den Menschen nicht behalten konnte, da sprach es: „Ich bin Mors (der Tod) und ein Wurm (die Schlange des Ichbewußtseins), und meine Kraft ist in ihm und will ihn zerbrechen und zermalmen, und sein Geist muß in mir leben. Auch wenn du meinst, oh Welt, er sei dein, weil er dein Bildnis trägt, so ist doch sein Geist mein und aus meinem Reich geboren. Darum nimm hin von ihm, was dein ist, und ich behalte das Meine.“

11.35. Nun, was sagte die Kraft in Adam zu diesem Streit? Sie heuchelte mit allen dreien. Zum Herzen Gottes sprach sie: „Ich will im Paradies bleiben, und du sollst in mir wohnen. Ich will dein sein, denn du bist mein Schöpfer und hast mich solcherart aus allen drei Prinzipien herausgezogen und geschaffen. Deine Wonne ist lieblich, und du bist mein Bräutigam. Von deiner Fülle habe ich empfangen, und darum bin ich davon schwanger und will mir eine Jungfrau (der Weisheit) gebären, so daß mein Reich groß werde und du reine Freude an mir haben kannst. Ich will essen von deinem Gewächs, und mein Geist soll essen von deiner Kraft, und dein Name soll in mir heißen Immanuel, Gott sei mit uns.“

11.36. Und als der Geist dieser Welt solches vernahm, sprach er: „Was willst du denn essen von dem, was du nicht begreifst, und trinken von dem, was du nicht fühlst? Du bist doch nicht bloß ein Geist, denn du hast alle Arten der (körperlichen) Begreifbarkeit von mir an dir. Siehe, die begreifbare Frucht ist süß und gut, und der begreifbare Trank ist mächtig und stark. So iß und trink von mir, dann erlangst du alle meine Kraft und Schönheit und kannst in mir über alle Kreaturen mächtig sein. Das Reich dieser Welt wird dir zum Eigentum, und du wirst ein Herr auf Erden.“

11.37. Und die Kraft in Adam sprach: „Ich bin auf Erden und wohne in der Welt, und die Welt ist mein, ich will sie nach meiner Lust gebrauchen.“ Da kam das Gebot Gottes, das im Zentrum Gottes aus dem ewigen Lebenszirkel gefaßt wurde, und sprach: »Welches Tages du von der irdischen Frucht ißt, sollst du des Todes sterben!« Dieses Gebot wurde gefaßt und entspringt im ewigen Vater, im Zentrum, wo der ewige Vater sein Herz oder seinen Sohn seit Ewigkeit immerfort gebiert.

11.38. Als nun der Wurm („Ich-Wurm“) der Finsternis das Gebot Gottes hörte, dachte er: „Hier wirst du nichts erlangen, denn du bist Geist und kein Leib, wie Adam leiblich ist. So hast du nur ein Drittel Anteil an ihm, und dazu steht noch das Gebot im Weg. So will ich in die Essenzen schlüpfen und mit dem Geist dieser Welt heucheln. Ich will die Gestalt einer Kreatur annehmen und darin einen Boten aus meinem Reich als Schlange verkleiden. In dieser Gestalt will ich ihn überreden, damit er von der irdischen Frucht esse, so daß das Gebot seinen Leib zerbricht (sterblich macht), aber der Geist bleibt mein. Zu diesem war nun der Bote, nämlich der Teufel, ganz willig, vor allem, weil Adam an seiner Stelle im Paradies war, wo eigentlich er sein sollte, und er dachte: „Nun kannst du dich rächen. Ich will Lüge und Wahrheit ineinander vermischen, so daß es Adam nicht erkennt, und damit will ich ihn versuchen.“

Vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen

11.39. Ich habe dir bereits gesagt, aus was für einer Macht der Baum gewachsen war, so daß er aus der Erde wuchs und gänzlich die Natur der Erde an sich hatte, wie noch heute alle irdischen Bäume sind, und nicht anders, weder besser noch schlechter. Denn die Vergänglichkeit steht darin, wie auch die Erde vergänglich ist und am Ende vergeht, wenn alles wieder in seinen Äther (Raum oder Quintessenz) eingeht und nur die Bilder davon bleiben. Das ist nun der Baum gewesen, der inmitten des Gartens in Eden stand. Daran mußte Adam in allen Essenzen versucht werden, denn sein Geist sollte über alle Essenzen mächtig herrschen, wie die heiligen Engel und Gott selbst.

11.40. Denn dazu war Adam vom Wort oder Herzen Gottes geschaffen, damit er sein Bild oder Gleichnis sein sollte, ganz mächtig in allen drei Prinzipien, so groß wie ein Fürst- oder Thron-Engel. Als aber dieser Baum, der unter allen Bäumen allein irdische Frucht trug, so im Garten Eden stand, vergaffte sich Adam oft daran, weil er wußte, daß es der Baum des Guten und Bösen war. Dazu bedrängte ihn die Kraft des Baumes sehr, die auch in ihm war, so daß eine Lust die andere infizierte, und der Geist der großen Welt bedrängte Adam so hart, daß er infiziert und seine Kraft überwältigt wurde. Da war es um den paradiesischen Menschen geschehen. Und da sprach das Herz Gottes: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, wir wollen ihm einen Gehilfen machen, der um ihn sei. (1.Mose 2.18)«

11.41. Hier hat Gott seinen Fall gesehen, daß er nicht bestehen konnte (weil Adams Imagination und Lust so hartnäckig auf das Reich dieser Welt und der irdischen Frucht gerichtet war) und daß Adam keinen vollkommenen Paradies-Menschen aus sich gebären würde, sondern einen Infizierten von der Lust, und in die Vergänglichkeit fallen müsse. Und der Text in Moses lautet dann zu Recht: »Und Gott ließ einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, und er schlief ein. (1.Mose 2.21)«


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